Iomnium
antike Stadt in Algerien
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Iomnium ist der antike Name der heutigen Stadt Tigzirt an der algerischen Mittelmeerküste.[1] Tigzirt liegt in der Kabylei in Algerien, etwa 120 km östlich von Algier und rund 30 km nördlich von Tizi Ouzou.
Die Ruinen von Iomnium befinden sich unmittelbar am Meer auf einer Landzunge gegenüber einer kleinen Insel. In der Forschung wird diskutiert, ob diese Insellage bereits in vorrömischer Zeit für eine frühe Niederlassung genutzt worden sein könnte; gesichert ist vor allem die römische und spätantike Bebauung des Ortes.
Lage und Toponymie
Iomnium wird in der Regel mit dem heutigen Tigzirt identifiziert. Der moderne Ortsname wird häufig mit der Nähe zu einem kleinen vorgelagerten Inselchen in Verbindung gebracht und teils mit einem phönizisch-punischen Hintergrund diskutiert.
Als wahrscheinlich gilt, dass Iomnium in der Mauretania Caesariensis als einer von mehreren phönizischen oder punischen Küstenplätzen entstanden sein könnte; als Indiz wird unter anderem der Anfangsbuchstabe I im Namen (ʾj = „Insel“ im Punischen) angeführt.[2] Der Name Iomnium wird als Latinisierung eines punischen Namens gedeutet, der möglicherweise die Elemente ʾy (𐤀𐤉) und ʾmn (𐤀𐤌𐤍) kombinierte („starke Insel“ bzw. sinngemäß eine befestigte Insellage); in der Literatur werden auch alternative etymologische Deutungen genannt.[3]
Antike Quellen und Identifizierung
Auf der Küstenroute von Rusguniae nach Saldae (Bougie, Bejaia) nennen antike Itinerare mehrere Stationen. Das Itinerarium Antonini führt u. a. Cissi, Rusueuirru, Iomnium und Rusasis auf; die Tabula Peutingeriana nennt Cissi, Rusuccuru, Iomnium, Rusippisir und Rusazu. Die Zuordnung dieser Namen zu modernen Orten (u. a. Dellys, Tigzirt, Taksebt, Azeffoun) wurde in der Forschung wiederholt diskutiert und führte teils zu widersprüchlichen Vorschlägen.[4] Eine Zusammenfassung älterer Diskussionen findet sich bei Stéphane Gsell.[5]
Als Ursache für Identifikationsprobleme wird insbesondere eine fehlerhafte Distanzangabe der Tabula Peutingeriana genannt: Dort wird Iomnium in größerem Abstand westlich von Rusippisir verortet, als es die tatsächliche Entfernung nahelegt.[6][7]
In der Literatur wird außerdem erörtert, ob Iomnium (und nicht Iol) mit dem in der Überlieferung des Pseudo-Skylax genannten „Ioulíou“ (Ἰουλίου) in Verbindung zu bringen sei; dabei wird teils ein Abschreibfehler in der Texttradition angenommen.
Geschichte
Phönizisch-punische Ursprünge und maritimes Netz
Iomnium wird als Teil eines punischen Küstennetzes an der Seeroute zwischen Phönizien und der Straße von Gibraltar diskutiert. Nach Lipiński gehörte der Ort zum karthagischen Machtbereich und fungierte als Hafen für Rusippisir (heute Taksebt) in geringer Entfernung östlich.[8] Serge Lancel beschreibt die Küstenplätze dieses Systems als relativ regelmäßig verteilte Anlaufstellen entlang der algerischen Küste.[9] Für die römische Zeit wird Iomnium als Knotenpunkt für Küstenschifffahrt und regionale Konnektivität angeführt.[10]
Römische Zeit
Nach den Punischen Kriegen geriet der Ort unter römischen Einfluss. In der römischen Provinzialordnung wird Iomnium als Civitas geführt. Archäologische Befunde belegen eine städtische Infrastruktur, darunter Hinweise auf einen Hafen mittlerer Größe sowie monumentale Bauten (u. a. Forum- und Tempelbereich, öffentliche Gebäude, Straßenanlagen und Thermen); außerdem sind Mosaikfunde, Inschriften und Skulpturen überliefert.
Spätantike
Für das Jahr 411 ist Iomnium als Bischofssitz belegt.[11]
Ruinen und Archäologie
Die große Basilika
Die große Basilika von Iomnium wird in der älteren Forschung als mögliche Kathedralkirche angesprochen, da ein Bau dieser Größe in einem Bischofssitz plausibel sei.[12] Sie liegt zwischen der byzantinischen und der römischen Befestigung, jedoch näher an der römischen Mauer. Gavault weist darauf hin, dass auch andere Kirchen der Stadt in ähnlicher Randlage nahe den Mauern gelegen hätten; dies wird als in nordafrikanischen Städten nicht ungewöhnlich beschrieben.[13] Als Vergleich wird u. a. Tipasa genannt.[14]


Nach der Beschreibung Gavaults öffnete sich das Portal zur Stadtseite hin auf eine Straße oder einen Platz. Der Bau bildet ein Rechteck von etwa 38 m Länge und 21 m Breite mit einer halbkreisförmigen, leicht vorspringenden Apsis; an der linken Seite schließt ein weiterer Baukörper an. Die Längsachse ist ost-westlich ausgerichtet. Zur Mauertechnik werden Kleinquadermauerwerk und regelmäßige Quaderketten genannt; in Teilbereichen (u. a. an der Südwand) wird eine abweichende Ausführung beschrieben, die Gavault als Hinweis auf eine spätere Umbauphase deutet.[15]
Das Innere war durch doppelte Säulenstellungen zwischen Mittel- und Seitenschiffen gegliedert; Gavault ordnet dies einem in Afrika seltener belegten Typus zu und vermerkt zugleich Reparaturen und Ersetzungen (u. a. Pfeiler statt Säulen) in einzelnen Zonen.[16] Bautechnische Details (dreiteiliger Zugang, Verschlüsse, Schrankenanlagen, erhöhte Apsiszone und Nebenräume) werden in der älteren Aufnahme ausführlich beschrieben.[17]

Weitere Basiliken
Gavault erwähnt die Reste eines weiteren basilikaartigen Gebäudes im südlichen Stadtgebiet an der römischen Mauer, dessen Fundamente teilweise unter einer Straße gelegen hätten; überliefert ist ein Rechteck von etwa 25 m × 13 m mit dreischiffiger Gliederung und Apsis.[18]
Eine weitere Basilika wird als „Kryptabasilika“ beschrieben, mit einem Untergeschoss aus tonnengewölbten Räumen und einem darüberliegenden, verfüllten Obergeschoss; der Befundzustand wird als beeinträchtigt geschildert.[19]
Die Basilika der Nekropole auf einem Hügel gegenüber der großen Basilika wurde in älteren Berichten zunächst anders gedeutet; spätere Arbeiten ordnen sie als funerären Kirchenbau ein. Der Grundriss wird als dreischiffiges Rechteck mit Apsis beschrieben; einzelne dekorierte Bauteile (z. B. Arkadenzwickel mit Rosetten- und Sternmotiven) sind überliefert.[20]
Verschiedene Gebäude
Mehrere weitere Bauten werden im Ruinenplan (u. a. A–F) geführt und in der Aufnahme Gavaults beschrieben. Dazu zählen ein größerer Bau neben dem Tempel (A), in dem eine Inschrift mit Bezug auf Rûsuccuru und Iomnium gefunden worden sei, sowie weitere monumentale Gebäudereste (B–D) und Säulenfunde im Bereich der byzantinischen Mauer (E).[21] Für Gebäude F wird eine basilikaartige Halle mit Pfeilerreihen sowie ein Brunnenbefund genannt; außerdem werden Spolien und Umbauten als Hinweise auf Wiederverwendung älterer Bauteile erwähnt.[22]
Befestigungen
Zwei Befestigungslinien sind erhalten: eine äußere römische Mauer, die eine deutlich größere Fläche umfasst (geschätzt 10–12 ha), sowie eine kleinere, als byzantinisch angesprochene Umwehrung.[23] Für die römische Mauer wird Kleinquadermauerwerk mit hydraulischem Mörtel beschrieben; Türme und ein stärker gesichertes Tor werden erwähnt. Vergleichend wird auf andere nordafrikanische Befestigungen verwiesen (u. a. Tipasa).[24]
Die byzantinische Mauer besteht aus großen Quadern ohne sichtbaren Mörtel und ist in Teilen besonders gut erhalten; ihre Anlage mit Versprüngen und schmalen Durchgängen wird als funktional beschrieben. Einzelne christliche Dekorelemente (z. B. Rosetten, Monogramme) werden als Hinweise auf eine spätere Nutzungsphase angeführt.[25][26]
Insel
Das kleine Eiland vor der Halbinsel, das dem modernen Ortsnamen zugrunde liegt, soll nach älteren Berichten durch eine gemauerte Verbindung zur Küste erschlossen gewesen sein, die durch Erosion verloren ging; der Zugang ist wegen des flachen Kanals stellenweise weiterhin möglich.[27] In älterer Literatur wird betont, dass der eigentliche Hafen nicht auf der Insel, sondern weiter östlich im Bereich von Taksebt zu suchen sei.[28]
Nekropolen
Gavault beschreibt in den Fels gehauene Gräber an der Straße von Dellys und weist auf formale Ähnlichkeiten hin, die in der älteren Literatur mit anthropoiden Bestattungstypen verglichen wurden; eine sichere Datierung wird dabei als schwierig dargestellt.[29][30]
Ferner wird in älteren Berichten ein bei Bauarbeiten entdecktes Steingrab im südlichen Stadtgebiet beschrieben (Länge ca. 1,88 m), das mit Platten abgedeckt war, von denen eine die Buchstaben „M F L“ trug. Der Befund wird als ungewöhnlich vermerkt; weitergehende Deutungen bleiben in der Literatur unsicher.
Epigraphik
Die lateinischen Inschriften von Tigzirt sind teils in Fels eingehauen. Gsell veröffentlichte 1899 eine längere Felsinschrift, die Maßnahmen zur Sicherung von Weidewegen bzw. Herden erwähnt.[31] Weitere Inschriften (u. a. „AVGSR“, als mögliche Abkürzung gedeutet) wurden im Zusammenhang mit Besitz- und Grenzverhältnissen diskutiert; daraus wurden Rückschlüsse auf Wirtschafts- und Sozialstruktur (u. a. kaiserliche und private Güter) gezogen.[32]
In den Ruinen sind außerdem apotropäische Darstellungen (u. a. phallische Reliefs) überliefert, die in der älteren Literatur als Schutzzeichen gegen Unheil und „bösen Blick“ interpretiert werden.[33] Carcopino beschreibt zudem einzelne Funde mit obszönem Bild- und Textinhalt, darunter eine kurze lateinische Inschrift mit Imperativformeln („Bibe, manduca, succurre“).[34]
Eine weitere Dedikation (2. Jahrhundert) wird von Carcopino im Kontext eines Heiligtums mit punischen Bezügen und synkretistischen Kultformen diskutiert; erwähnt werden Baumaßnahmen an Portiken sowie die Ausstattung eines Tempelbereichs.[35]
Antike Ölmühlen und Pressen
In der Umgebung von Iomnium wurden mehrere antike Ölmühlen und Ölpressen nachgewiesen.[36] Laporte beschreibt für die Region Tigzirt–Taksebt wiederkehrende Grundrisse kleiner Pressgebäude, Pressvorrichtungen aus Holz (im Stein verankert), monolithische Pressplatten mit Abflussrinnen sowie Arbeitsflächen zur Zerkleinerung der Oliven. Daneben sind Felsanlagen mit Becken und Rinnen belegt, die in älteren europäischen Berichten teils fehlgedeutet wurden. Laporte vermerkt außerdem, dass einzelne Anlagen bis in die jüngere Zeit in lokaler Nutzung geblieben seien.[37]
Die räumliche Verteilung der Anlagen wird als relativ gleichmäßig beschrieben; Laporte weist jedoch darauf hin, dass nicht alle Pressen zeitgleich betrieben worden sein müssen und dass ein Teil der Anlagen möglicherweise älter ist als die wirtschaftlich besonders aktive Phase der Küstenorte im späten 2. und frühen 3. Jahrhundert.[38] Aus der Häufung der Anlagen wird eine insgesamt größere Siedlungsdichte im Hinterland erschlossen; als Beispiel wird ein befestigter Siedlungsplatz in größerer Höhe genannt.[39]