Israelitische Erziehungsanstalt Beelitz
Erziehungsanstalt im brandenburgischen Beelitz
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Die Israelitische Erziehungsanstalt Wilhelm-Auguste-Viktoria-Stiftung (auch Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder)[1] im brandenburgischen Beelitz war von ihrer Gründung 1907 bis 1933 die einzige jüdische Einrichtung in Deutschland, die geistig und körperlich behinderte jüdische Kinder aufnahm, ihnen eine schulische und handwerkliche Ausbildung vermittelte und sie durch heilpädagogische Förderung auf ein Berufsleben vorbereitete. Sie bestand bis zu den Deportationen der Kinder und Lehrer in der Zeit vom 14. April bis 2. Juni 1942.
Gründung und Schulbetrieb

Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund in der Steglitzer Straße in Berlin gründete 1907 zusammen mit der Großloge für Deutschland des jüdischen Ordens B’nai B’rith mit dem Heim für „schwachsinnige, aber bildungsfähige Kinder“ die einzige Schule, die geistig oder mehrfach behinderte jüdische Kinder aufnahm. Dafür wurde eine neue Stiftung gegründet, für die aus Anlass der Silberhochzeit des Kaiserpaares der Name „Wilhelm-Auguste-Victoria-Stiftung“ gewählt wurde.[2][3] Die jüdische Gemeinde folgte damit einerseits dem Aufruf des Kaisers zur Gründung wohltätiger Stiftungen, entsprach aber darüber hinaus auch dem Wunsch jüdischer Eltern nach einer eigenen Schule, die ihren Kindern jüdische Werte und Kultur vermittelte und sie in einem geschützten Umfeld vor Antisemitismus bewahrte.[4]
Die Stadt Beelitz schenkte das vier Morgen große Grundstück,[5] das in den Besitz des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und der Großloge für Deutschland überging.[4][6][7] Im Grundbuch eingetragen wurde die Großloge B’nai B’rith als Miteigentümerin.[8] Die Kosten für den Neubau beliefen sich auf 120.000 ℳ (entspricht heute etwa 900.000 EUR[9]), die von verschiedenen jüdischen Gemeinden, der Loge und von privaten Spendern aufgebracht wurden.[4][6]
Der Heim- und Schulbetrieb für je 20 Mädchen und Jungen[8] in Beelitz (ab 1933: Schlageterstraße 5, heute: Karl-Liebknecht-Straße 5) wurde am 5. September 1908 durch die Potsdamer Abteilung für Kirch- und Schulwesen genehmigt.[3][5][10] Am 20. Oktober 1908 wurden die ersten Kinder aufgenommen, auch wenn der 25. Oktober als der offizielle Gründungstag der Schule galt. Im November 1908 begann der Unterricht[10] mit zwanzig Jungen und vierzehn Mädchen.[5][7]
Bei der offiziellen Einweihung der Israelitischen Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder Anfang November 1908 erklärte Wolf Feilchenfeld als Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde, „er sei im allgemeinen ein ‚Gegner gesonderter konfessioneller Erziehungsanstalten‘; er stellte es daher auch als selbstverständlich hin, daß die Anstalt auch Kinder anderer Konfessionen aufnehme“.[1]
Schulbau

1908 wurde der Schulbau inmitten des Beelitzer Stadtforstes unweit des Beelitzer Bahnhofs fertiggestellt.[11] Die Zimmer waren groß, hell und mit Linoleum ausgelegt. Im Souterrainbereich waren Warmwasseranlage und der Kohlenkeller zur Befeuerung der Zentralheizung, die Jungen- und Mädchenbäder, Werkstätten für den Unterricht, ein großer Turnsaal, die Küche und verschiedene Vorratsräume. Die Küche war zum Transport der Speisen nach oben mit dem Speisesaal in der Mitte des Erdgeschosses verbunden. Auf dieser Ebene befanden sich auch die Schul- und Spielzimmer sowie die Wohnung der Familie Bein.[5][7]
In der ersten Etage lagen die getrennten Wohnbereiche der Kinder. Bei den Mädchen waren zwei Schlafsäle, ein Baderaum und ein Spielzimmer vorhanden, bei den Jungen drei Schlafsäle, ein Bad und ein Spielzimmer. Es gab außerdem mehrere Zimmer, in denen Pfleger, Lehrer und Erzieher wohnten.[5][7] In der ausgebauten Dachetage waren Wohnzimmer für das Personal, Isolierzimmer und Wirtschaftsräume zum Waschen, Trocknen und Plätten der Wäsche untergebracht.[5]
Schülerschaft
Die meisten Schüler stammten aus Berlin und Umgebung, einige auch aus verschiedenen Gegenden Deutschlands und aus dem Ausland, davon zwei aus Palästina.[7] Die Einrichtung bot Kindern im Alter von sechs bis vierzehn Jahren mit sowohl intellektuellen als auch körperlichen Behinderungen eine zehnklassige Ausbildung.[2] Dazu gehörten auch Kinder, die schwerhörig oder fast gehörlos waren, mit daraus resultierenden Problemen beim Artikulieren. Viele der Kinder hatten wegen ihrer zusätzlichen Einschränkungen an einer öffentlichen Hilfsschule keine Chance auf Aufnahme. Durch die Unterstützung der jüdischen Fürsorge- und Wohltätigkeitsverbände konnten einige Kinder überhaupt erst das Beelitzer Heim besuchen.[5] Außerdem wurden auch Kinder unterrichtet, deren Eltern sie aus verschiedenen Gründen oder wegen häuslicher Probleme nicht selbst betreuen konnten. Später kamen weitere Schüler hinzu, die in anderen Einrichtungen aufgrund der begrenzten Plätze für jüdische Schüler keinen Platz fanden.[12]
Lehrplan und Unterricht

Leiter der neu gegründeten Schule wurde Samuel „Sally“ Bein (1881–1942),[10] ein deutscher studierter Volksschul- und Taubstummenlehrer jüdischer Abstammung,[2] der zuvor an der Israelitischen Taubstummenanstalt in Berlin-Weißensee unterrichtet hatte. Auch seine Frau Rebeka (geborene Löwenstein (1883–1942)), eine Lehrerin, mit der er seit dem 14. September 1908 verheiratet war, wurde angestellt,[4] sowie Pfleger, eine Köchin und ein Hausmeister. Mit wachsender Schülerzahl wurden weitere Lehrkräfte beschäftigt.[7] Von den zwei Töchtern des Ehepaares Bein Hanna Lotte (geboren 1910) und Lisa Karola (1916–1942) wurde später letztere ebenfalls Lehrerin.[13]
Die Jungen und Mädchen wurden gemeinsam unterrichtet. Der Unterricht fand stets in der Zeit von acht bis viertel nach zwölf in vierzigminütigen Unterrichtsstunden statt.[5][7] Eine vorbereitende über zwei Jahre laufende Klasse mit achtzehn Wochenstunden, in der vor allem Sally Bein lehrte, schuf die Voraussetzungen für den eigentlichen Unterrichtsbesuch, der einem eingeschränkten Hilfsschullehrplan folgte.[11] Die Kinder wurden in den Fächern Deutsch, „Anschauung“ (naturkundliche und sozialwissenschaftliche Fächer),[5] Rechnen, Zeichnen, Gesang, Turnen und Spielen unterrichtet.[7] In der Oberstufe umfasste der „Anschauungsunterricht“ je zwei Stunden Naturkunde und Geografie sowie eine Stunde Geschichte.[5] Um die Kinder auf ein späteres Berufsleben vorzubereiten, gehörte zum Unterricht auch Handarbeit, wie Tischlern, Buchbinderei, Korbflechterei, Schneidern, Nähen, Kochen und Gartenarbeit,[7][10][11] wobei jedes Kind ein eigenes Beet hatte. Die Unterweisung in den handwerklichen Fertigkeiten erfolgte meist durch Beelitzer Handwerker in den Werkräumen der Schule.[5] Nachmittags fanden Ausflüge statt oder die Kinder betätigten sich sportlich. Schüler der Oberstufe spielten außerdem in der Fußballmannschaft Macabi Berlin und nahmen an den Schachturnieren im Berliner Emanuel-Lasker-Club teil.[7][12]
Um die jüdische Identität der Schüler zu stärken, legte die Schule einen großen Wert auf religiöse Erziehung. Neben dem allgemeinen Unterricht und der Freizeitgestaltung wurden Fächer wie Biblische Geschichte und das Alte Testament, jüdische und hebräische Traditionen und die Geschichte des Judentums gelehrt.[7][10][12] Die Schüler der unteren Klassen lernten im Hebräischunterricht die Grundkenntnisse der Sprache und ab der Oberstufe wurde jüdische Religion ein zusätzliches Fach.[5] Außerdem wurde die Einrichtung nach jüdischem Ritus geführt. Dazu gehörten eine koschere Küche, die Einhaltung des Schabbats und das Begehen der jüdischen Feiertage.[7] Die wichtigsten Gebete lernten die Schüler auf Deutsch und Hebräisch. Der Samstag war unterrichtsfrei und wurde als heiliger Tag begangen. Während des Gottesdienstes am Samstag wirkten vor allem die älteren Kinder aktiv mit. So trugen sie biblische Kapitel vor und von Sally Bein eingeführte Kinderpredigten. Dabei sprachen sie auch vor fast hundert Gemeindemitgliedern, die in den Räumlichkeiten des Bildungszentrums beteten, nachdem die Synagoge der Gegend 1910 geschlossen worden war.[5][11][12]
Pädagogisches Konzept
Die zehn Jahre umfassende Schulausbildung in kleinen Klassen erlaubte ein individuelles Eingehen auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes.[7] Die Klassen wurden jahrgangsübergreifend nach Fähigkeiten und Behinderung der Kinder zusammengestellt, nicht nach Alter.[10] 1914 wurde eine zusätzliche Klasse für Kinder mit höherem Förderbedarf gebildet, die von einer fest angestellten Kindergärtnerin aus dem Berliner Fröbelverein betreut wurde.[5] Der koedukative Unterricht fand teils in Klassenräumen statt, aber auch, angelehnt an die Freiluftschulbewegung, in einer angegliederten Waldschule. Die Schulbänke waren jeweils im Kreis aufgestellt, statt wie üblich beim Frontalunterricht in Reihen,[14] um den Kindern die Konzentration auf den Unterricht zu erleichtern.[5] Sally Bein leistete Pionierarbeit, indem er verschiedene Gruppen sowohl im Unterricht integrierte als auch bei von der Schule organisierten Freizeitaktivitäten, an denen Schüler aller Altersgruppen, Geschlechter und trotz ihrer kognitiven Unterschiede gemeinsam teilnahmen.[12]
Die zuständige Schulbehörde äußerte sich bei Überprüfungen des Lehrplans sehr lobend und bescheinigte der Israelitischen Erziehungsanstalt bereits 1911, sie erreiche eine im Durchschnitt „der Mittelstufe einer guten Volksschule entsprechende Bildung“ und leiste „eine äußerst eingehende Durcharbeitung des Unterrichtsstoffes“.[5] Sally Bein sorgte in der Erziehungsanstalt für ein so selbstständiges Leben der Kinder wie nur möglich, um sie bestmöglich auf ihr späteres Leben außerhalb der Institution vorzubereiten.[7] Einigen Schülern war es möglich, nach ihrer Entlassung eine öffentliche Gemeinde- oder Hilfsschule zu besuchen oder eine handwerkliche Ausbildung zu beginnen.[5] Auch wurde vielen Schülern mit schweren Behinderungen, für die es im öffentlichen Schulsystem keine geeigneten pädagogischen Angebote gab, ermöglicht, in einzelnen Bereichen ein teilweise selbstbestimmtes Leben zu führen. Im Laufe der Jahre wurden fast 400 (derzeit namentlich bekannte) Kinder mit Behinderungen vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter in der Einrichtung gefördert,[12] von denen die meisten eine praktische Arbeit fanden und selbstständig leben konnten.[7]
Der in ganz Deutschland einzigartige pädagogische Ansatz und Sally Beins Erfolge auf diesem Gebiet fanden auch international Beachtung und verschafften Bein einen weltweiten Ruf. Regelmäßig kamen Delegationen von Bildungsvertretern nach Beelitz.[14] Ärzte und Pädagogen aus ganz Europa, dem Völkerbundsmandat für Palästina und Japan besuchten das Bildungszentrum, um die dortigen modernen Methoden zu studieren und sich die Arbeitssysteme anzueignen.[7][12][15]
Zeit von 1914 bis 1942
| Datum | Jungen | Mädchen | Anzahl |
|---|---|---|---|
| 1908, November | 20 | 14 | 34 |
| 1911, November | 39 | ||
| 1912, Januar | 28 | 13 | 41 |
| 1918, Januar | 54 | ||
| 1920, Mai | 43 | ||
| 1922, August | 32 | 23 | 55 |
| 1923, April | 31 | 25 | 56 |
| 1927, Oktober | 56 | ||
| 1930, September | 45 | ||
| 1932, Oktober | 45 | ||
| 1933, Februar | 24 | 15 | 39 |
| 1934, Januar | 38 | ||
| 1937, Oktober | 55[15] |
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges sorgten neben Sally und Rebeka Bein drei Lehrkräfte, eine Lehrkraft mit verminderter Stundenzahl und mehrere Erzieherinnen für die Kinder und ihre Ausbildung, von denen zwei Lehrer zum Kriegsdienst einberufen wurden. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund erreichte mehrfach die Zurückstellung Sally Beins, da eine Aufrechterhaltung des Schulbetriebs ohne ihn nicht möglich gewesen wäre. Neben dem Lehrermangel machte vor allem die Versorgung der Kinder mit Essen große Probleme und Sally Bein versuchte täglich, von den Bauern der umliegenden Dörfer Kartoffeln zu erwerben, die zu dieser Zeit ihr Grundnahrungsmittel darstellten. Trotzdem unternahm er mit den Kindern an den Samstagnachmittagen Wald-Exkursionen oder Ausflüge, wie etwa nach Sanssouci in Potsdam.[15]
In den folgenden Jahren der Weimarer Republik konnte der Schulbetrieb ausgebaut und die umfassende Förderung der Kinder weiter verbessert werden. Anfang der 1920er Jahre wurden durch einen internen Umbau weitere Schlafmöglichkeiten geschaffen, so dass die Schülerzahl von zwanzig Plätzen für Mädchen und zwanzig für Jungen aufgestockt werden konnte auf 35 Plätze für Jungen und 25 für Mädchen. Betreut wurden die Kinder von Sally und Rebeka Bein, ein bis drei männlichen Lehrkräften, die neben dem Unterricht als Erzieher tätig waren und zwei Erzieherinnen, die auch Handarbeiten unterrichteten. Dazu kamen eine Köchin und mehrere Hausangestellte. Die Einrichtung hatte aber immer wieder mit ihrer wirtschaftlichen Existenz zu kämpfen, bedingt durch die Auswirkungen der Hyperinflation 1914 bis 1923, der hohen Arbeitslosigkeit und der Weltwirtschaftskrise.[15]
Die Schule in der Zeit des Nationalsozialismus
Auch nach der Machtergreifung 1933 blieb die Schule bestehen und wurde nach der Ausgrenzung jüdischer Schüler und Lehrkräfte aus dem öffentlichen Schulsystem auch zunehmend Wirkungs- und Bildungsstätte für sie,[16] wenngleich die Stadt diverse Vorwände fand, um die Schließung des Hauses zu fordern.
Im April 1937 kam erschwerend die Auflösung der Großloge des jüdischen Ordens B’nai B’rith durch einen Erlass Heinrich Himmlers hinzu. Dadurch fiel die im Grundbuch auf die Großloge eingetragene Hälfte des Besitzes an den preußischen Staat. Anfang Oktober 1937 stellte die jüdische Gemeinde einen Antrag auf Überlassung des ganzen Grundstücks, den die Potsdamer Regierung abwies. Der Potsdamer Bürgermeister und NSDAP-Mitglied Hans Friedrichs inspizierte Mitte Oktober das Heim und forderte die sofortige Räumung einer Haushälfte. Unterstützt wurde er durch den Beelitzer Ortsgruppenleiter der NSDAP Heese, der gleichzeitig einen Beschwerdebericht über „das ungepflegte jüdische Heim“ und seine „lebensunwerten“ Zöglinge an die Stadtverwaltung verfasste. Auch der Leiter des benachbarten Heimatmuseums und ebenfalls NSDAP-Mitglied Bernhard Elsler bekräftigte die Störung der Museumsbesucher durch den Gesang der Heimkinder. Im Februar 1938 befürwortete das preußische Finanzministerium einen Ankauf des Grundstücks durch die Stadt Beelitz.[8]
Obwohl Sally Bein 1938/1939 die Möglichkeit hatte, mit seiner Frau und Tochter Deutschland zu verlassen und die Genehmigung zur Ausfuhr von Umzugsgütern erhielt, blieb er als Lehrer in Beelitz und emigrierte nicht.[2][8][10] Nur die ältere Tochter Hanna Lotte ging nach Britisch-Indien und später nach Australien.[14] Ab April 1940 erhob das preußische Finanzministerium von der jüdischen Gemeinde eine Miete für den dem Staat gehörenden Grundstücksteil und trieb 1941 rückwirkend von Oktober 1937 bis März 1941 eine Mietnachzahlung von rund 9.270 ℛℳ von der jüdischen Gemeinde ein.[17]
Deportationen und Auflösung der Schule
Im April 1942 wurde die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland durch Anweisung des Reichsführers SS gezwungen, ihren Teil des Grundstücks unter Wert für 37.500 ℛℳ an die Erziehungsanstalt der NSDAP zu verkaufen.[17] Danach begannen die Deportationen der bisherigen Bewohner.
Am 14. April 1942 wurde die erste Gruppe von 24 Schülern und Lehrern zum Warschauer Ghetto deportiert. Darunter waren Else Schwarz (geboren 1892), die 1908 eine der ersten Schülerinnen in Beelitz war und auch als Erwachsene dort lebte, der Lehrer Ludwig Wolf, die Kinderpflegerin Anna Friedland und die Köchin Hermine Blumenthal.[7][17] Am 2. Juni 1942 wurde die zweite Gruppe mit Sally Bein, seiner Frau Rebeka, seiner jüngeren Tochter Lisa Karola sowie den noch in der Anstalt verbliebenen 23 Kindern und Lehrkräften, darunter die Lehrerin Edith Kornblum, zusammen mit Juden aus anderen Städten Brandenburgs in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und umgebracht.[2][10][17][18] Damit hörte die Israelitische Erziehungsanstalt Beelitz faktisch auf zu existieren. Von den deportierten Schülern ist kein Kind bekannt, das den Holocaust überlebt hätte.
Gebäudenutzung ab 1942
Im Juli 1942 wurden die Besitztümer und Möbel der ehemaligen Heimbewohner öffentlich für insgesamt 1.150 ℛℳ zu Gunsten der Oberfinanzkasse Berlin-Brandenburg versteigert.[17] Das Heim wurde ab Sommer 1942 als Haushaltsschule für den Bund Deutscher Mädel genutzt[18] und im April 1943 durch die Reichsjugendführung der HJ in Potsdam für 84.000 ℛℳ vom preußischen Staat abgekauft.[17]

Am 1. Mai 1945 wurde das Gebäude kriegsbedingt stark beschädigt. Da nach Einmarsch der Roten Armee 1945 das Gebäude der Volksschule durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland für die Einrichtung der sowjetischen Militärkommandantur benutzt wurde,[10] richtete sich von Oktober bis Dezember 1945 die Volksschule in der ehemaligen Israelitischen Erziehungsanstalt ein. Danach stand das Gebäude bis 1950 leer.[6][17]
Im Januar 1950 stellte der Landesverband der jüdischen Gemeinden mit Sitz in Berlin vergeblich einen Antrag auf Umschreibung des Eigentümers für Grundstück und Haus, um das Gelände wieder nutzen zu können, der vom Amtsgericht Beelitz abgelehnt wurde. Der ehemalige Leiter des Heimatmuseums Bernhard Elsler, der sich schon 1937 um die Vertreibung der Heimbewohner bemüht hatte, wurde im April 1950 als Kandidat der CDU zum Bürgermeister von Beelitz gewählt. Er befand die Enteignung der jüdischen Gemeinde für rechtens und befürwortete als neue Besitzerin die Freie Deutsche Jugend (FDJ). In Folge wurde das Haus durch Mittel des Zentralrates der FDJ 1951 wieder instandgesetzt und bis 1955 eine „Zentralschule“ der FDJ für Jugendfunktionäre aus ländlichen Gebieten betrieben. Im Anschluss wurde das Gebäude bis 1990 als Fachschule für Landwirtschaft genutzt, die in den 1960er Jahren in Agrar-Ingenieur-Schule umbenannt wurde. Seit 1990/1991 wird das Gebäude nach einem Eigentümerwechsel als Gymnasium in Trägerschaft der Stadt Beelitz genutzt.[6][10][17][18]
Gedenken und Ehrungen
- Gedenktafel am Sally-Bein-Gymnasium
- Steinsäule am Sally-Bein-Gymnasium
- Gedenktafel im Wald der Märtyrer in Israel
Im Jahr 1988 wurde eine Gedenktafel mit einem Davidstern am Gebäude angebracht mit dem Text: „Zum Gedenken an die jüdischen Kinder und Lehrer, die vom Nazi-Regime ermordet wurden“.[17] Am 15. September 1997 wurde das Gymnasium durch Initiative des Pfarrers Wolfgang Stamnitz in „Sally-Bein-Gymnasium Beelitz“ benannt.[3][10] Vor dem Gymnasium steht eine Steinsäule mit Sally Beins Name.[6][17][18]
Im Juni 2020 wurde auf Initiative von Ronny Meir Dotán und Tatjana Matanya Ruge und unter Beteiligung des B’nai Brith World Center in Jerusalem sowie des Jüdischen Nationalfonds eine Gedenktafel im Wald der Märtyrer enthüllt, die an die Israelitische Erziehungsanstalt Beelitz, die Deportation und Ermordung der Familie Bein, der Kinder und Angestellten im April und Juni 1942 erinnert.[12][19]
Seit September 2024 erinnert eine von Gunter Demnig verlegte Stolperschwelle am Sally-Bein-Gymnasium Beelitz an die Geschichte der Israelitischen Erziehungsanstalt Beelitz und die Familie Bein.[20]

Die bisher einzigen Fotos der Israelitischen Erziehungsanstalt, die Aufnahmen des Schulablaufs sowie der Bewohner des Heims in Alltagssituationen zeigen, sind in einem Fotoalbum des Lehrers Arthur Feiner (1907–2009) enthalten, der von 1930 bis 1933 dort tätig war und dem 1940 die Flucht nach Schanghai gelang. Das Fotoalbum befand sich im Privatbesitz von Dagmar Drov, der Autorin eines Fachbuchs zur Geschichte der heilpädagogischen Praxis im deutschen Judentum,[14] die es dem Jüdischen Museum Berlin schenkte.[21] Im April 2026 veranstaltete das Museum die Podiumsdiskussion „Sally Bein und seine Kinder: Die Israelitische Erziehungsanstalt in Beelitz“ über Sally Bein, Arthur Feiner, die Israelitische Erziehungsanstalt und die jüdische Heilpädagogik in Deutschland.[2]
Medien
2022 veröffentlichten Andreas Paetz und Tatjana Matanya Ruge das Buch Die israelitische Erziehungsanstalt in Beelitz und ihr Leiter Sally Bein im Verlag Hentrich & Hentrich.[22]
Ebenfalls 2022 erschien das Buch The Educational Center for Disabled Children of Sally Bein (Das Bildungszentrum für behinderte Kinder von Sally Bein) von Ronny Meir Dotán,[23] das auf Nachforschungen von Ronny Dotán und Tatiana Matanya Ruge basiert. Im Zuge ihrer Arbeit veröffentlichten sie erstmals eine Liste von über 400 Schülern. Auf Grundlage des Buches drehte der israelische Regisseur Dan Wolman den dreißigminütigen Dokumentarfilm The Children of Sally Bein (Die Kinder von Sally Bein) mit Ronny Dotán und Tatiana Matanya Ruge. Zuvor hatten sie fünf Jahre Recherche betrieben in Archiven wie z. B. dem Centrum Judaicum und dem Kreisarchiv Potsdam-Mittelmark in Bad Belzig,[24] Geburtsurkunden der früheren Zöglinge und Unterlagen der Entschädigungsbehörde gesichtet und Gespräche mit Zeitzeugen und Nachfahren geführt.[14] In den Jahren 2020 bis 2022 wurde in verschiedenen Abschnitten in Israel und Deutschland gedreht. Am 22. Januar 2023 hatte der Film in Tel Aviv Premiere und wurde danach auch in Deutschland gezeigt.[12][25]