Jacques Bidermann
schweizerisch-französischer Kaufmann, Bankier und Politiker
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Jacques Bidermann (* 30. November 1751 in Winterthur; † 16. Juli 1817 in Paris) war ein Schweizer und seit 1790 französischer Kaufmann, Bankier und Finanzpolitiker, der während der Französischen Revolution als Handelsunternehmer und Staatsbankier tätig war.

Leben
Familie
Jacques Bidermann stammte aus der protestantischen Kaufmannsfamilie Biedermann[1] aus der Zürcher Landstadt Winterthur. Seine Eltern waren Jakob Bidermann (1715–1799) und Ursula (1719–1799, geb. Steiner). Die Familienchroniken verzeichnen eine gewisse Namensvarianz: während ältere Quellen seinen Vater als „Johann Jacob“ bezeichnen, führen neuere Quellen ihn als „Jacques André Bidermann“ auf, was auf die französische Orientierung der Familie hindeutet.
Bidermann hatte einen Bruder, Andreas Bidermann (* 1745; 12. April 1829)[2], der als Großkaufmann und Industrieller tätig war und die Verbindungen der Winterthurer Handelshäuser nach Indien etablierte.
Jacques Bidermann heiratete am 16. Dezember 1781 Gabrielle Aimée (* 1761 in Genf; † 1842)[3], die Tochter des Genfer Politikers Jacques Antoine Odier (1738–1815)[4], der als Auditor und Mitglied des Genfer Rats der Zweihundert fungierte; die Hugenottenfamilie stammte ursprünglich aus Pont-en-Royans (Dauphiné)[5]. Mit ihr hatte er sechs Kinder, darunter seinen Sohn, den Kaufmann und Gutsbesitzer Jacques Antoine Bidermann (* 17. April 1790 in Paris; † 8. Juni 1865 ebenda), der sich später in den USA in Winterthur im Bundesstaat Delaware ansiedelte.
Handelskarriere: Von Genf nach Brüssel
Ab 1762 trat Bidermann in die Baumwollhandlung seines Onkels, Jakob Bidermann, in Genf ein. Diese frühe Ausbildung in einem der dynamischsten Handelszweige des 18. Jahrhunderts prägte seine Geschäftstätigkeit dauerhaft. In Brüssel gründete er mit dem Genfer Flüchtling Franz Senn (1754–1801) die Handelsgesellschaft Senn, Bidermann & Co., die sich auf den Orienthandel mit Baumwollgeweben und Rohbaumwolle konzentrierte.
1782 spielte Bidermann eine führende Rolle beim Aufstand der Représentants[6] in Genf, einer Bewegung, die eine demokratischere Verfassungsstruktur gegen die herrschende patrizische Oligarchie anstrebte. Der Aufstand scheiterte, was Bidermann zur Verlegung seiner Geschäftstätigkeiten nach Brüssel und anschließend nach Paris zwang.
1783 erweiterte Bidermann sein Geschäftsimperium durch die Gründung einer Indiennefabrik in Wesserlingen im Elsass – eine Investition in die textile Veredelungsindustrie.
Das Projekt der Société Maritime Suisse (1789–1806)
Bidermanns ambitioniertestes Unternehmen war die Gründung der Ostindischen Handelsgesellschaft 1789, die mit dem Ziel entstand, das Handelsmonopol Hollands und Englands im Orienthandel zu brechen und Belgien, das seit 1722 eine eigene Ostindische Kompanie besaß (die sich 1784 als insolvent erklären musste), zu seiner früheren wirtschaftlichen Bedeutung zu verhelfen.
Das Unternehmen war Ausdruck eines merkantilistischen Programms. Mit einem ausschließlich von Schweizern aufgebrachten Grundkapital von 4,5 Millionen Schweizer Franken war die spätere Société Maritime Suisse[7] eine Fusion von sieben Firmen mit Sitzen in Genf, Paris, Bordeaux, Wesserlingen[8], Ostende, Kalkutta und Pondichéry. Das Unternehmen beschäftigte eine umfangreiche Flotte von eigenen Segelschiffen und arbeitete äußerst profitabel.
Trotz vielversprechender Anfänge kollabierten Bidermanns Unternehmungen während der 1790er Jahre. Er vernachlässigte die Geschäftsführung, um sich im politischen Kampf und in lukrativen, aber riskanten Heereslieferungen zu engagieren. Während er sein Privatvermögen sicherte, schützte er das Kapital seiner Gesellschaften nicht vor der massiven Inflation der Assignaten. Dazu lähmte eine lange Haftstrafe im Jahr 1794 seine Handlungsfähigkeit in dieser kritischen Phase.
Ab 1794 drängten die Schweizer Aktionäre (insbesondere aus Winterthur und Basel) auf eine Liquidation der Gesellschaften. Die Abwicklung der Société maritime suisse zog sich jedoch bis 1806 hin und endete mit einem Kapitalverlust von 78 %. Die Liquidation von Senn, Bidermann & Cie verlief noch verlustreicher.[9]
Paris und die Französische Revolution
Nach der Verlegung seines Wohnsitzes nach Paris 1789 übernahm Bidermann die Oberleitung der Gesellschaft. Nach der politischen Umwälzung in Belgien 1791 zog das Unternehmen von Ostende nach Lorient um und benannte sich in Société Maritime Suisse um.
In dieser Zeit pflegte er auch eine Freundschaft zum französischen Justizminister Georges Danton.[10]
1790 naturalisierte sich Bidermann als Franzose und stieg schnell in der Hierarchie der revolutionären Behörden auf. Er wurde Pariser Stadtrat, erhielt den Titel eines Officier municipal (wobei ihm und dem Administrator Jacques Antoine Joseph Cousin (1839–1800)[11][12] die Verpflegung der Hauptstadt oblag), wurde Bankier des Außenministeriums, Leiter des Wohltätigkeitsinstituts Maison de secours de Guillaume und Mitglied des Direktoriums de subsistance générale de la République. Er gehörte dem Jakobinerklub an und stand unter dem Einfluss liberaler Reformer wie Honoré Mirabeau und Pierre-Samuel Dupont de Nemours.
Sein politischer Einfluss steigerte sich erheblich. Während der französischen Wirtschaftskrise stützte Bidermann die Währung durch massive Millionenkredite in gutem Geld aus der Schweiz und stellte Frankreich Millionen an Devisen zur Verfügung.
Ab 1792 wirkte Bidermann als Finanzberater des französischen Außenministeriums. Danach übernahm er administrative und leitende Funktionen in der städtischen, später republikanischen Lebensmittelversorgung, ein kritischer Posten während der Knappheits- und Hungerkrisen der Revolution. Seine Rolle brachte ihn mehrfach ins Gefängnis.
Niedergang und Liquidation (1795–1806)
Verschiedene Faktoren führten ab 1795 zum Niedergang des Unternehmens. Der Krieg mit England (siehe Erster Koalitionskrieg) legte das Export- und Importgeschäft lahm, die Engländer erbeuteten die Segelschiffe und Faktoreien, die französische Revolutionsregierung konfiszierte die Waren, und die Assignaten verloren ihren Wert. 1806 endete mit der Liquidation der Société Maritime Suisse ein Kapitel der ambitionierten internationalen Handelspolitik.
Die traditionelle Firma Senn, Bidermann & Co. überstand den Zusammenbruch, da Bidermann geschickt die Kriegskonjunktur nutzte. 1804 konnte er Napoleon ein Darlehen von vier Millionen Francs gewähren.
1795 zwangen wirtschaftliche Turbulenzen Bidermann zur Liquidation seiner Unternehmungen. Er erholte sich jedoch finanziell und wurde Hauptinvestor der Pulverfabrik, die der französische Chemiker Eleuthère Irénée du Pont in den Vereinigten Staaten gründete – eine Investition, die sich als bedeutsam für den transatlantischen Industrietransfer erwies.
Von 1800 bis 1803 fungierte Bidermann als Generalrat des Départements Seine, ab 1802 auch des Pariser Konsistoriums. Nach einem erneuten Konkurs wurde er 1811 nicht wiedergewählt.
Späte Karriere und Konkurs
Unter der Überschätzung seiner Möglichkeiten begann Bidermann jedoch ein Spekulationsgeschäft mit Branntwein und Farbholz. Während der Krise 1810 kam er zum Fall; der Konkurs in Höhe von 3,5 Millionen Francs an Warenschulden riss eine Reihe anderer Firmen mit.
Nach 1811 wurde Bidermann nicht erneut in städtische Ämter gewählt. Seine letzten Lebensjahre waren finanziell angespannt, obwohl einige seiner Nachkommen beträchtliche Vermögen aufbauten. Jacques Bidermann starb 1817 in Paris vermögenslos.
Vermächtnis: Die Familie Bidermann-du Pont
Während Jacques Bidermann selbst in Vergessenheit geriet, hatte seine Familie eine nachhaltige Wirkung auf zwei Kontinenten. Sein Sohn Jacques Antoine Bidermann sollte eine bedeutendere Rolle spielen als sein Vater. Jacques Antoine war Geschäftspartner und später Schwiegersohn von Eleuthère Irénée Dupont de Nemours, dem französischen Industriellen, der die Pulverfabrik E. I. du Pont de Nemours and Company in den Vereinigten Staaten gründete.
Nach seiner Ankunft in Wilmington 1805 half Jacques Antoine, die finanziellen Probleme der du Pont-Unternehmungen zu klären. 1807 heiratete er Evelina Gabrielle du Pont und wurde zum zentralen Geschäftspartner Éleuthères. Nach dessen Tod 1834 führte Jacques Antoine die Geschäfte bis zur Übergabe an die nächste Generation.
Mit seinem Rückzug aus der Industrie gründete Jacques Antoine in Delaware den Landgüter-Komplex Winterthur, benannt nach seiner Schweizer Heimatstadt – eine Hommage an die Winterthurer Tradition seiner Familie. Das Anwesen entwickelte sich unter seinem Sohn und später unter Henry Francis du Pont zum berühmten Winterthur Museum, Garden and Library[13], einer der bedeutendsten kunsthistorischen Institutionen der Vereinigten Staaten.[14][15]
Literatur
- Charles Poisson: Les Fournisseurs aux armées sous la Révolution française. Le Directoire des achats (1792–1793), J. Bidermann, Cousin, Marx-Berr. Paris, 1932 (Digitalisat).
- Jacques Bidermann. In: Ein Museum im amerikanischen „Winterthur“. In: Neue Zürcher Zeitung vom 1. Juli 1952. S. 1–2 (Digitalisat).
- Jacques Bidermann. In: Die Biedermann und „New-Winterthur“. In: Neue Zürcher Zeitung vom 6. August 1952. S. 1–2 (Digitalisat).
- Hans Rudolf Schmid: Biedermann, Jacques (Hans Jakob). In: Neue Deutsche Biographie 2. 1955. S. 221 f. (Digitalisat).
- Financier Jacques Bidermann (1751–1817). In: Wir Brückenbauer vom 16. Mai 1980. S. 18 (Digitalisat).
- Jacques Bidermann. In: Jean-Marie Schmitt: Les entrepreneurs suisses dans les débuts de l'industrialisation de la Haute-Alsace (2e moitié du XVIIIe siècle). In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 102. 2002. S. 43–46 (Digitalisat).
- Martin Lassner: Jacques Bidermann. In: Historisches Lexikon der Schweiz.