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Jakob Anton Weidmann

Schweizer Gastwirt und Gehörlosenpädagoge From Wikipedia, the free encyclopedia

Jakob Anton Weidmann (* 12. September 1784 in Einsiedeln; † 29. Januar 1853 ebenda) war ein Schweizer Gastwirt und Gehörlosenpädagoge. Er begründete eine der ersten Taubstummenschulen in der Schweiz und trug durch innovative Unterrichtsmethoden zur Verbesserung der Ausbildung gehörloser Kinder bei.

Porträt von Jakob Anton Weidmann

Leben

Familie und Ausbildung

Der Stammbaum der Weidmann-Familie lässt sich bis ins 16. Jahrhundert in Einsiedeln zurückverfolgen.

Weidmanns Vater, Jakob Joseph Weidmann, war ein Kupferstecher und bewohnte das Haus zum Engel, das er von seinem Vater Joseph Hippolyth Weidmann (1737–1763) geerbt hatte.[1] Jakob Joseph war zunächst mit Anna Catharina (geb. Eberle, 1767–1797) verheiratet und hatte mit ihr drei Kinder: Jakob Anton, Elisabeth Crescentia (1789–1844) und Meinrad Thietland (1791–1852). Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heiratete er in zweiter Ehe Maria Martha (geb. Brugg, 1761–1843).

Am 24. November 1806 heiratete der 22-jährige Jakob Anton die einjährig jüngere Anna Maria Gertrud (* 16. März 1785; † 1. Januar 1863), Tochter des Landammans Josef Meinrad Kälin. Aus dieser Ehe gingen fünf Töchter hervor; seine älteste Tochter wurde gehörlos geboren.

Über Weidmanns Jugend ist wenig bekannt. Von 1796 bis 1797 besuchte Weidmann die Stiftsschule Einsiedeln. Nach seiner schulischen Ausbildung verfolgte er zunächst eine Laufbahn im Militärdienst.

Berufliche Karriere

1805 wurde er Hauptmann einer Füsilierkompanie. Am 24. April 1811 wählte ihn die Landsgemeinde Einsiedels zum Landschreiber – ein Amt, das er bis 1826 innehatte.

Das Elternhaus zum Engel überliess Weidmann seinem jüngeren Bruder Thietland. 1817 erbte er das Gasthaus zum Steinbock seines Onkels Maurus Rochus Eberle († 1817),[2] das er seitdem als Gastwirt betrieb und das sich als ideal für seine spätere pädagogische Arbeit erweisen sollte.

Am 23. November 1807 wurde dem Ehepaar Weidmann–Kälin die erste ihrer fünf Töchter geboren. Das Kind schien äusserlich gesund und entwickelte sich zunächst normal. Doch bald stellten die Eltern fest, dass ihre Tochter Anna Catharina nicht zu sprechen begann und auf Geräusche und Lärm nicht reagierte: Das Kind war gehörlos.

Anders als die meisten Väter seiner Zeit resignierte Weidmann nicht vor diesem Schicksal. Stattdessen wurde die taubstumme Tochter zum Anstoss für sein Lebenswerk. Vom Willen beseelt, etwas für sein Kind zu tun, informierte sich Weidmann eingehend über die Ursachen, Auswirkungen und möglichen Behandlungsmethoden der Gehörlosigkeit.

Ermutigt durch ihre erfolgreiche Ausbildung in Schwäbisch Gmünd in Württemberg, beschloss Weidmann, sich selbst der Unterrichtung gehörloser Kinder zu widmen. Er informierte sich wissenschaftlich und pädagogisch über den damaligen Stand der Ausbildungsmethoden:

Der holländische Arzt und Philologe Johann Conrad Ammann beobachtete die Sprachlaute und Mundbewegungen genau. Mithilfe eines Spiegels wies er nach, dass Gehörlose Sprachlaute vom Mund des Sprechenden ablesen konnten – eine Erkenntnis, die er 1692 in seiner Schrift Surdus loquens veröffentlichte. Die Medizin zog sich daraufhin aus der Behandlung der Gehörlosigkeit zurück, und die Pädagogik übernahm das Feld.

Abbé de l’Epée errichtete in den 1760er Jahren die erste Taubstummenschule der Welt in Paris. Er betonte die Gebärden- und Schriftsprache.

Samuel Heinicke eröffnete am 14. April 1778 in Leipzig das Kursächsische Institut für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen – die erste Schule im deutschsprachigen Raum. Im Gegensatz zu de l’Epée unterrichtete Heinicke die Lautsprache, überzeugt davon, dass diese zu einer verbundenen Denkweise führe (siehe Methodenstreit (Gehörlosenpädagogik)).

Friedrich Stork (1746–1823),[3] ein Priester und Philologe, gründete 1779 eine Taubstummenschule in Wien.

Der erste Taubstummenlehrer der Schweiz war Pfarrer Heinrich Keller in Schlieren. Nach einem Besuch bei Abbé de l’Epée in Paris unterrichtete Keller ab 1777 Gehörlose und veröffentlichte 1786 das Buch Versuch über die beste Lehrart Taubstumme zu unterrichten. Von ihm inspiriert, bildete sich auch der Zürcher Johann Konrad Ulrich (1761–1828)[4] zum Taubstummenlehrer aus. Die Gründung einer Anstalt in Zürich scheiterte zunächst; erst 1826 wurden Gehörlose in die Zürcher Blindenanstalt aufgenommen. In Bern war man schneller: Der Uhrmacher Samuel Rüetschi gründete 1790 oder 1792 eine Taubstummenschule; der Kanton Bern eröffnete 1822 eine Anstalt in Bächtelen.

Weidmann las sehr wahrscheinlich die Werke von Johann Konrad Ammann und Keller. Der Einsiedler Bezirksrat sandte seinen Landschreiber Anfang November 1813 nach Zürich, um dort 3.000 Münzgulden zu beschaffen – ein Hinweis darauf, dass Weidmann die Stadt bereits kannte und möglicherweise dort weiterführende Kontakte oder Informationen suchte.

Das Gelernte setzte er bei seiner Tochter in die Praxis um – mit Erfolg. Aus späteren Aufzeichnungen ist bekannt, dass Anna Catharina Weidmann sprechen konnte und sich nützlich in der Wirtschaft ihres Vaters machen konnte. Sie lernte, Personen zu «signalisieren» (Gebärden zu verstehen), Pässe auszufertigen oder zu beglaubigen.

Dieser Erfolg sprach sich herum. Betroffene Eltern bedrängten Weidmann, auch ihre gehörlosen Kinder zu unterrichten. Dies öffnete ihm eine neue Perspektive: gegen Entgelt Gehörlose in Pension zu nehmen und zu unterrichten – eine Tätigkeit, die sich ideal mit dem Gasthaus-Betrieb verbinden liess.

Rücktritt vom Amt des Landschreibers

Weidmann trat 1826 von seinem Amt zurück – vermutlich ohne grosses Bedauern. Es gibt Hinweise, dass ihm seine neue Aufgabe wichtiger war als die administrative Arbeit. Nach seinem Rücktritt ging er daran, sich intensiv auf seine Tätigkeit als Taubstummenlehrer vorzubereiten.

Die Taubstummenschule in Einsiedeln (1828–1847)

1828 eröffnete Weidmann offiziell seinen Unterricht – mit vier Schülern. Die private Schule sollte sich schnell als Erfolg erweisen.

Weidmanns Unterrichtsmethode kombinierte mehrere Elemente:

- Gebärdensprache und Lautsprache: Anders als die strenge Dichotomie zwischen Heinicke und de l'Epée integrierte Weidmann beide Systeme.

- Schriftsprache: Grosser Wert wurde auf Lesen und Schreiben gelegt, besonders auch für die Kommunikation mit Hörenden.

- Praktische Fertigkeiten: Er vermittelte Kenntnisse in Rechnen und handwerkliche Arbeiten.

- Religiöse Bildung: Biblische Geschichte und religiöse Konzepte wurden ausführlich unterrichtet.

Die Kombination von Schule und Gasthaus erwies sich als ideal. Die Schüler konnten in einer alltäglichen Umgebung lernen und praktische Fähigkeiten entwickeln.

Anerkennung

Die Schule in Einsiedeln erlangte schnell überregionale Anerkennung. 1829 berichtete der Schweizerbote: «Es besteht in Einsiedeln eine vortreffliche Taubstummen-Anstalt unter der Leitung des kenntnissreichen und unermüdet thätigen Herrn Alt-Landschreibers Weidmann.» 1832 vermerkte Heinrich Zschokke in den Verhandlungen der helvetischen Gesellschaft, dass Weidmanns «Leistungen […] Anerkennung verdienen, der in seiner Privatanstalt, als Taubstummenlehrer, seit zwey Jahren Bewunderungswürdiges leisten soll».

1832 brachte Weidmann einige seiner Schüler nach Zürich zur Prüfung. Hier trafen sie auf Ignaz Thomas Scherr, Direktor des Schullehrerseminars und ehemaliger Oberlehrer an der Zürcher Blinden- und Taubstummenanstalt, sowie auf Heinrich von Orell (1783–1860),[5] Präsident dieser Anstalt.

Am 27. September 1832 stellte Scherr ein Attest aus, das Weidmanns Arbeit würdigte: «Der Unterzeichnete hatte Veranlassung, die taubstummen Zöglinge des Herrn Weidmann von Einsiedlen kennen zu lernen und dieselben über ihr Können und Wissen zu prüfen. Dadurch kam er zur Überzeugung, dass Herr Weidmann im Taubstummenunterrichte ausgezeichnet viel geleistet hat; und zwar insbesonders in der Schriftsprache, im Verstehen und Selbstgebrauche der Tonsprache, im Rechnen und vor allem auch in der Kenntniss der biblischen Geschichte und religiösen Erkenntnissen überhaupt. Die Zöglinge des Herrn Weidmann Martina Hotz von Baar, Kaspar Hotz von Baar und ebenso Barbara Schilter von Schwyz […] dürfen ohne Besorgniss den besten Zöglingen der berühmtesten Institute an die Seite gestellt werden.»

1833 publizierte der Schweizerbote einen ausführlichen Artikel, der Weidmanns Arbeit als «menschenfreundliche Handlung» pries und beklagte, wie wenig Weidmann in der Schweiz bekannt war, obwohl «so viele Familien, besonders der katholischen Kirche, froh wären, ihren taubstummen Kindern eine sorgfältigere Bildung und Erziehung geben lassen zu können!»[6]

Heinrich von Orell verzeichnete 1834 in seinem offiziellen Bericht Die Blinden- und Taubstummenanstalt in Zürich von deren Errichtung bis zu Ende des Jahres 1834 hob Weidmanns Wirken noch einmal besonders hervor.[7]

Weidmann leitete seine Schule bis etwa 1847. Über seine letzten Jahre ist wenig bekannt.

Mit seiner Schule und seinen pädagogischen Methoden legte er einen Grundstein für die spezialisierte Gehörlosenbildung in der Schweiz und trug zur Professionalisierung dieses Unterrichtsbereichs bei. Seine Verbindung von praktischem Alltag und systematischem Unterricht wurde von Zeitgenossen als vorbildlich wahrgenommen und beeinflusste die Entwicklung ähnlicher Schulen in den nachfolgenden Jahrzehnten.

Literatur

Einzelnachweise

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