James Henry Lawrence
britischer Autor des frühen 18. Jahrhunderts
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James Henry Lawrence (* 26. Februar 1773 in London; † 17. September 1840 ebenda) war ein britischer Autor.[1]

Leben
James Lawrence wurde am 26. Februar 1773 in London (Marylebone) als ältester Sohn des jamaikanischen Plantagenbesitzers Richard James Lawrence (1745–1830) und dessen Ehefrau Mary Hall (1747–1815) geboren.[2] Seine Vorfahren väterlicherseits hatten sich um 1675 auf Jamaika niedergelassen; seine Mutter, geboren auf der Plantage Worcester im Kirchspiel Saint James auf Jamaika, entstammte der Pflanzerfamilie Hall, die ihre Herkunft auf die „Halls of Worcestershire“ zurückführte.[3]
Nach dem Studium in Eton, Göttingen und Braunschweig hielt er sich unter anderem in Weimar auf und verkehrte bis zu dessen Tod mit Goethe; er wurde während seiner Ausbildung durch seinen Hofmeister Georg Heinrich Nöhden begleitet.
Beeinflusst von Mary Wollstonecrafts 1792 erschienener A vindication of the rights of woman verfasste er den Essay Ueber die Vortheile des Systems der Galanterie und Erbfolge bey den Nayren, der 1793 von Wieland in dessen Zeitschrift Der Neue Teutsche Merkur herausgegeben wurde. Ausgehend von einer Beschreibung der mütterlichen Erbfolge bei den südindischen Nayar plädiert Lawrence darin für die gleichwertige Bildung von Frauen und die Aufhebung von restriktiven Ehegesetzen zugunsten von frei gewählten Liebesbeziehungen und eines auf weiblichen Nachkommen basierenden Erbrechts.[4] Zum Roman ausgearbeitet, erschien der Text zwischen 1793 und 1838 in rund fünfzehn Ausgaben in drei Sprachen, die der Autor selbst übersetzte: Das Paradies der Liebe (Berlin 1801, bei Johann Friedrich Unger), L’Empire des Nairs (Paris 1807, sofort von der napoleonischen Zensur beschlagnahmt) und The Empire of the Nairs, or the Rights of Women (London 1811); die deutsche Neuausgabe von 1809 (Das Reich der Nairen) wurde in Preußen ebenfalls verboten.[5]
Zudem veröffentlichte Lawrence einige Gedichte und übersetzte Werke von August von Kotzebue ins Englische. In Frankreich wurde er 1803 zusammen mit seinem Vater und anderen Engländern verhaftet und in Verdun festgehalten. Nach seiner Flucht, bei der er sich als Österreicher ausgab, veröffentlichte er 1810 zurück in England einen Bericht über diese Zeit. Ab Februar 1802 nannte er sich „Chevalier Lawrence“, später „Sir James Lawrence, Knight of Malta“ – ein Titel, den er bis in sein Testament führte, der sich jedoch in den Registern des Malteserordens nicht nachweisen lässt; sein Zeitgenosse Thomas Medwin behauptete, das Kreuz sei in Paris käuflich erworben worden.[6][7] 1828 veröffentlichte er eine Sammlung mehrerer seiner Schriften mit dem Titel The Etonian out of Bounds. Sein Buch On the Nobility of the British Gentry über die Stellung der britischen Gentlemen erschien bis 1840 in mehreren Auflagen.
Lawrence lebte zuletzt in der Londoner Regent Street und starb unverheiratet am 17. September 1840; am 21. September wurde er – wie zuvor seine Eltern – im Familiengrab an der Kirche von St John’s Wood beigesetzt.[1]
Die Abschaffung der Vaterschaft
Ziel von Lawrences System ist nicht allein die Abschaffung der Ehe, sondern der Institution, die sie trägt: der Vaterschaft, von der das gesamte Abstammungssystem abhängt. Da die Vaterschaft nie mit Gewissheit festzustellen sei, hält er es für illusorisch, die Filiation auf sie zu gründen, und verankert sie ausschließlich in der allein gewissen Mutterschaft. Damit kehrt er die Perspektive der Gesetzgeber seiner Zeit um: Nicht das Recht des Vaters auf Nachkommenschaft steht im Mittelpunkt, sondern das Recht des Kindes auf eine sichere Herkunft.[8] In seinem Entwurf sind die Mütter alleinige Trägerinnen der elterlichen Gewalt und alleinige Eigentümerinnen: Sie geben Namen, Stand und Vermögen weiter – Rechte, die keine Gesetzgebung seiner Zeit den Frauen zuerkannte –, die Familie konzentriert sich auf die Mutter und ihre Kinder, und Verbindungen bleiben frei und jederzeit lösbar.[9]
Lawrence verstand diese Abschaffung als wechselseitige Befreiung: Die Ehe war für ihn ein Gefängnis für beide Geschlechter, in dem der Ehemann lediglich der begünstigte der beiden Gefangenen sei; an die Stelle von Ehemännern und Vätern treten Söhne, Brüder und Liebhaber – ein Programm, das der Titel der letzten französischen Fassung des Romans zusammenfasst: Plus de Maris! Plus de Pères! („Keine Ehemänner mehr! Keine Väter mehr!“, 1837). Unter den Ehekritikern seiner Zeit gingen nur wenige, wie François Boissel oder William Godwin, bis zur Abschaffung der Vaterschaft; keiner aber dachte, wie Lawrence, an die ausschließliche Übertragung des Eigentums an die Frauen, die Reproduktion und Produktionsmittel in denselben Händen vereint.[10]
Rezeption
Der Text zirkulierte von Beginn an in den führenden literarischen Kreisen: Wieland druckte den Aufsatz von 1793 mit einem eigenen redaktionellen Vorbehalt, Friedrich Schiller empfahl das Romanmanuskript 1800 seinem Verleger Unger, und Goethe, der die französische Ausgabe 1808 las und den Autor über drei Jahrzehnte unterstützte, nannte das Buch schließlich das „Werk eines Narren von viel Geist“. In seinen letzten Weimarer Jahren (1829/30) verkehrte Lawrence im Kreis von Ottilie von Goethe und schrieb unter seinem Pseudonym „St Ives“ für deren Zeitschrift Chaos; auf Goethes Veranlassung entstand 1829 das einzige erhaltene Porträt Lawrences, gezeichnet von Johann Joseph Schmeller (Klassik Stiftung Weimar).[11]
In England schrieb Percy Bysshe Shelley Lawrence im August 1812 einen bewundernden Brief; Aaron Burr schlug ihm nach ihrer Londoner Begegnung 1812 vor, in Amerika eine „nairische Republik“ zu gründen; Robert Owen zitierte ihn noch 1831, und der Radikale Richard Carlile druckte den Aufsatz von 1793 im Jahr 1828 in seiner Zeitschrift The Lion nach.[12] In Frankreich beriefen sich die saint-simonistischen Feministinnen auf ihn: Claire Démar verteidigte seine Thesen, und Flora Tristan zitierte ihn 1838 in ihrer Petition für die Wiedereinführung der Ehescheidung.[13]
Nachwirkung
Nach seinem Tod geriet Lawrence rasch in Vergessenheit, und die gelehrte Nachwelt schwankte lange zwischen Ignorieren und Herablassung: Die Lexika des 19. Jahrhunderts häuften Fehler und Spott – Pierre Larousse machte 1873 aus dem Titel des Romans „L’Empire des noirs“ –, die Bibliographien ordneten ihn der erotischen Literatur zu, und das Dictionary of National Biography nannte den Roman 1892 „unbestreitbar fade“ („unquestionably dull“).[14] Die erste eingehende französische Studie stammte von einem Gegner: Der antifeministische Polemiker Théodore Joran stellte Lawrence 1910/11 als Beispiel der „verdorbenen Literatur“ der Feministen dar.[15]
Wiederentdeckt wurde er zunächst an den Rändern der Goethe- und Shelley-Forschung: Das Paradies der Liebe erschien zwischen 1900 und 1923 dreimal neu bei Georg Müller in München; in den 1930er Jahren verfasste Hugo Landgraf die erste Biographie (Ritter Lawrence, ein weimarischer Engländer), die ungedruckt blieb; Walter Graham wies 1925 die Bedeutung des Romans unter den Quellen Shelleys nach, doch D. F. S. Scott beschrieb Lawrence 1949 noch als „reichen Exzentriker“.[16]
Erst ab den 1970er Jahren fand er Anerkennung, oft begleitet vom Zweifel an der Aufrichtigkeit seines Feminismus: Der feministische Zürcher Ala-Verlag von Berta Rahm brachte den Text 1971 erneut heraus, 1976 erschien ein Faksimile der englischen Ausgabe mit einer Einleitung von Janet Todd; im selben Jahr sah Lyman Tower Sargent in der Utopie nur eine „männliche Sexualphantasie“ („a male sexual fantasy“), während Gregory Claeys sie 1997 als bedeutendste feministische Schrift zwischen Wollstonecrafts Vindication und dem Appeal von Thompson und Wheeler würdigte; der Roman wurde auch mit Mary Shelleys Frankenstein in Verbindung gebracht.[17] Die erste Monographie über Lawrence erschien 2025.[5]
Werke
- Ueber die Vortheile des Systems der Galanterie und Erbfolge bey den Nayren. In: Der neue Teutsche Merkur. 1793, 2. Band S. 160–199 und 242–257
- Das Paradies der Liebe. 1801, Unger, Berlin (Roman in zwölf Büchern)
- Love. In: Irene. 1801 (Gedicht in der von Gerhard Anton von Halem 1801–1806 herausgegebenen Zeitschrift)
- A Picture of Verdun, or the English detained in France. 2 Bände, 1810
- The Etonian out of bounds; or, poetry and prose. London: Hunt. 2 Bände, 1828
- On the Nobility of the British Gentry (2. Auflage 1827, 4. Auflage 1840)
Literatur
- Literatur von und über James Henry Lawrence im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
- Richard Garnett und Nigel Leask (Hrsg.): Lawrence, James Henry, known as Chevalier Lawrence (1773–1840). In: Oxford Dictionary of National Biography. (in der Ausgabe von 1885–1900 auch bei Wikisource).
- Walter F. Schirrmer: Goethes englische Gäste. In: Neue Zürcher Zeitung. 29. August 1971, S. 51–52.
- Michael Davis, Iain McCalman, Christina Parolin: James Lawrence. In: Newgate in Revolution. Bloomsbury Publishing, 2005, S. 37–39.
- Anne Verjus; Une société sans pères peut-elle être féministe ?: L’empire des Nairs de James H. Lawrence. French Historical Studies 1. August 2019; 42 (3): 359–389. doi:10.1215/00161071-7558292.
- Anne Verjus: Abolir le patriarcat. L’utopie féministe de James Henry Lawrence (1773–1840). Presses universitaires de Saint-Étienne, Saint-Étienne 2025, ISBN 978-2-86272-793-6.