Jane Haining
schottische Missionarin
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Jane Mathison Haining (* 6. Juni 1897 in Dunscore, Dumfriesshire; † 17. Juli 1944 in Auschwitz II-Birkenau[1]) war eine schottische Missionarin. Nachdem sie zwölf Jahre lang in Ungarn jüdische und christliche Schülerinnen eines Internats betreut hatte, wurde sie nach dem Einmarsch der Wehrmacht verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie zwei Monate später starb. Sie ist die erste und einzige Person (Stand 2025) aus Schottland, die von Yad Vashem geehrt und für die ein Stolperstein verlegt wurde.





Biographie
Jane Haining wurde auf einem Bauernhof nahe dem Dorf Dunscore in Dumfriesshire geboren. Sie war die dritte Tochter von Jane und Thomas John Haining; sie hatte zwei Schwestern und eine Halbschwester.[2] Ihre Familie gehörte der United Free Church of Scotland an und war sehr gläubig. Ihre Eltern starben, als sie fünf Jahre alt war. Mit einem Stipendium wurde sie als eines von wenigen Mädchen Internatsschülerin an der Dumfries Academy, war Jahrgangsbeste und gewann mehrere Schulpreise, insbesondere für ihre Leistungen in Sprachen.[2] Nach der Schule arbeitete sie zehn Jahre lang als Sekretärin bei J. & P. Coats in Paisley.[3]
Nachdem Haining eine Versammlung des Jüdischen Missionskomitees in Glasgow besucht hatte, entschied sie sich, nach Budapest zu gehen, um dort als Hausmutter im Mädcheninternat der Schottischen Mission für Juden in Budapest zu arbeiten.[3] Ihrem damaligen Chef sagte sie, dass sie nach zehn Jahren Büroarbeit den Wunsch verspüre, sich für andere zu engagieren und mit jungen Menschen zusammenzukommen.[4] Zwölf Jahre lang blieb sie in Budapest, lernte Ungarisch, betreute die Mädchen der Schule und unterrichtete auch selbst. Sie war für 400 Mädchen im Alter von sechs bis sechzehn Jahren verantwortlich und galt als beliebt bei den Schülerinnen und ihren ungarischen Kollegen,[5] aber auch als streng und auf Disziplin achtend.[6]
Ursprüngliches Ziel der Schottischen Mission im VI. Budapester Bezirk war die Bekehrung, insbesondere der jüdischen Gemeinde, was den Schwerpunkt ihrer Arbeit im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bildete. Als Jane Haining begann, an der Schule zu arbeiten, wurde die Schule von Schülerinnen verschiedener Bekenntnisse besucht und hatte aufgrund ihres hohen Niveaus einen guten Ruf.[1] Das Motto der Schule lautete auf Ungarisch: „Wie tut man Gutes?“[7] Nach den Aussagen früherer jüdischer Schülerinnen wurde kein Druck auf sie ausgeübt, zu konvertieren. Andererseits organisierten christliche Mitarbeiter Veranstaltungen, um Antisemitismus entgegenzutreten, was in der ungarischen Presse kritisiert wurde.[8]
Im Mai 1938 wurden in Ungarn weitere antijüdische Maßnahmen verabschiedet, um Juden aus dem öffentlichen Leben auszuschließen,[9] und im Herbst des Jahres kamen Pfeilkreuzler – ungarische Nationalsozialisten – in die Schule und bedrohten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, weil diese gegen die Gesetze verstoße. In der Folge wurden für die Mission arbeitende Personen überwacht und deren Telefone abgehört.[10]
Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, hielt sich Haining mit ihrer Freundin Margit Prém (1884–1944), der Leiterin der Schule, in Cornwall auf.[11][12] Die Frauen kehrten nach Budapest zurück, um bei den ihnen anvertrauten Mädchen zu sein. 1940 wurden die schottischen Missionare nach Hause zurückbeordert, aber Jane Haining blieb weiterhin in der Schule. Ihre Schülerinnen benötigten sie in „Tagen der Dunkelheit“ mehr als in „Tagen des Sonnenscheins“.[1] Ab 1940 nahm die Missionsschule auch jüdische Flüchtlinge aus den von den Deutschen besetzten Gebieten in Budapest auf. Auch half Haining ungarischen Jüdinnen, eine Anstellung als Hausangestellte zu finden, und unterstützte ungarische Juden bei ihren Bemühungen, auszuwandern.[13]
Im März 1944 besetzte die deutsche Wehrmacht Ungarn, und Verfolgung und Deportationen von Juden begannen. Am 25. April 1944 kamen zwei Gestapo-Männer in die Mission, durchsuchten Jane Hainings Büro und gaben ihr 15 Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen. Sie wurde zum Verhör in das Gefängnis in der Fő utca (Hauptstraße) in Budapest gebracht, dann in das Lager Kistarcsa.[13] Acht Anklagen wurden gegen sie erhoben, darunter die Arbeit mit Juden, der Besuch britischer Kriegsgefangener und das Hören der BBC. Auch wurde ihr vorgeworfen, dass sie beim Anblick von Mädchen mit Judenstern geweint habe.[14][15]
Haining wurde nach Auschwitz deportiert, wo sie die Häftlingsnummer 79467 erhielt und Zwangsarbeit verrichten musste. Der ungarische Bischof der Reformierten Kirche László Ravasz berichtete 1946, dass er den ungarischen Regenten Miklós Horthy und weitere ungarische Politiker um Unterstützung gebeten habe, dass Haining freigelassen werde, aber keine Reaktionen erhalten habe. Ende Juli 1944 sei ein Päckchen mit persönlichen Fotos und Dokumenten von Haining in der Schottischen Mission in Budapest eingetroffen, woraus man geschlossen habe, dass sie in einem deutschen Lager ums Leben gekommen sei.[16] Das Päckchen wurde von der Pförtnerin entgegengenommen, während sich das übrige Personal der Schule auf der Beerdigung von Margit Prém befand, die sich am 14. August 1944 nach Darstellung der Church of Scotland mit einer Überdosis das Leben genommen hatte.[14][17]
Jane Hainings letzte Nachricht aus Auschwitz war eine Postkarte an Freunde, in der sie um Lebensmittel bat. Die Nachricht endete mit den Worten: „Hier auf dem Weg zum Himmel gibt es nicht viel zu berichten.“ Haining starb am 17. Juli 1944 im Alter von 47 Jahren. Am 17. August 1945 traf ihre Sterbeurkunde in Edinburgh ein; darauf wurde „Unterernährung nach Darmkatarrh“ als angebliche Todesursache angegeben.[2][13] Es wird vermutet, dass sie in den Gaskammern ermordet wurde.[18]
Am 28. September 1944 wurde in der St Georges West Church in Edinburgh ein Gedächtnisgottesdienst für Jane Haining abgehalten.[19]
Ehrungen
Am 27. Januar 1997 wurde Jane Haining von der jüdischen Gedenkstätte des Holocausts Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt, als bisher einzige Schottin.[5]
In Hainings Heimatort Dunscore wurde 2005 ein Denkmal für sie errichtet.[20]
Im Jahr 2010 wurde ein Abschnitt des Flussufers in Budapest nach Haining benannt, und sie stand im Mittelpunkt einer Ausstellung im Holocaust-Gedenkzentrum Holokauszt Emlékközpont in Budapest.[13] 2012 wurde in Loanhead, Midlothian, eine Straße nach Jane Haining benannt. Ihr Leben wurde in einer Ausstellung in der Dunscore Parish Church und der Queen’s Park Govanhill Church in Glasgow gewürdigt, der Kirche, die sie vor ihrem Umzug nach Budapest besucht hatte.[21] In der Kirche in Glasgow sind zwei Fenster mit den Titeln „Dienst und Opfer“ in Erinnerung an Haining zu sehen.[22]
Im Oktober 2014 kam das Buch From Matron to Martyr der neuseeländischen Journalistin Lynley Smith heraus sowie der Dokumentarfilm Szeretettel, Jane (Mit Liebe, Jane).[23] 2017 wurde Haining in die Liste der Heiligen und Helden des Glaubens der Scottish Episcopal Church aufgenommen; Gedenktag ist ihr Todestag, der 17. Juli.[24]
2024 wurden in Budapest Gedenktafeln für Margit Prém und Jane Haining an der St Columba’s Church enthüllt.[25] Im Budapester Bezirk Újpest wurde im selben Jahr ein Park nach Prém genannt, in dem eine Büste von ihr zu sehen ist.[26]
Am 25. November 2025 wurde in Anwesenheit von Familienmitgliedern und früheren Schülerinnen vor der ehemaligen St Stephen’s Church in Stockbridge ein Stolperstein des deutschen Künstlers Gunter Demnig verlegt, ebenfalls als einziger für eine Schottin.[21]
Literatur
- Mary Miller: Jane Haining: A Life of Love and Courage. Birlinn, Edinburgh 2022, ISBN 978-1-78027-666-3 (englisch).
- Lynley Smith: From Matron to Martyr: Jane Haining's Ultimate Sacrifice for the Jews Taschenbuch. Zaccmedia, 2017, ISBN 978-1-911211-35-8 (englisch). (fiktionales Tagebuch)
Weblinks
- Skót Misszió – Geschichte der Scottish Mission in Budapest. In: 175.scottishmission.org. Abgerufen am 8. Dezember 2025 (englisch).