Jenny Gertz

sozialistische deutsche Tanzpädagogin From Wikipedia, the free encyclopedia

Jenny Gertz (* 11. Dezember 1891 in Charlottenburg[1]; † 13. September 1966 in Halle/Saale[2]) war eine deutsche Tanzpädagogin, „Visionärin des freien Kinder- und Jugendtanzes“ mit Wirkungsstätten in Hamburg und Halle (Saale). Das von ihr gegründete „Haus der Tänzer“ in Halle war weit über ihren Wirkungskreis hinaus bekannt.

Jenny Gertz (Postkarte, um 1995)

Leben

Halle Barbarastraße 11 – Haus der Tänzer von 1932 bis 1933
Stolpersteinm für Jenny Gertz Schwanenwik 38 Literaturhaus (Hamburg-Uhlenhorst)

Jenny Gertz wurde als Tochter eines wohlhabenden Buchdruckereibesitzers geboren, der ihr einen gehobenen Lebensstil mit Hauslehrer, Sommerhaus auf Rügen, Segeljacht und dem Besuch eines Mädcheninternats in England bieten konnte. Sie wandte sich aber früh von diesem privilegierten Leben ab. Nach einer Ausbildung zur Volksschullehrerin ging sie nach Hamburg und wurde Pazifistin, nahm Kontakt zur KPD, zu Freidenkern und zur Frauenliga für Frieden und Freiheit auf. Nachweisbar sind erste Tanz- und Bewegungskurse für Hamburger Arbeiterkinder ab 1919, die auf die proletarische Jugendweihe vorbereitet wurden. Später gab sie in Hamburger Volksheimen[3] Kurse für Arbeiterkinder mit von ihr entworfenen Tanz- und Bewegungsspielen, um (so ihr Kredo) "die Kinder zu selbständig denkenden und handelnden Menschen zu erziehen". Die Lektüre sowjetischer Literatur, u. a. von Makarenko, und der Kontakt zu Rudolf von Laban, dem bekannten Tanztheoretiker, gaben ihrer Suche nach neuen pädagogischen Methoden die entscheidende Richtung. Laban hatte 1922 in Hamburg die „Tanzbühne Laban“ und im Jahr darauf die „Tanzschule Laban“ am Schwanenwik gegründet, die sich in den Räumen des heutigen Literaturhauses befand. Jenny Gertz schloss sich 1923 mit ihrer Kindergruppe der Labanschule an, erwarb dort ein Diplom und leitete dort die "Hamburger Bewegungschöre". Da sie aber mit Kindern und Jugendlichen aus armen und proletarischen Familien arbeiten wollte, gab sie die gutbezahlte Tätigkeit in Hamburg auf, ging 1927 nach Halle/Saale und rief dort Laienbewegungschöre für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ins Leben. Sie gründete 1932 in der Barbarastraße das europaweit einzigartige „Haus der Tänzer“, entwickelte für Jugendliche und Erwachsenen aus Arbeiterfamilien neue Tanzspiele und führte mit ihren Schülerinnen und Schülern deutschlandweit Tanzstücke auf, die als moderne Arbeiterkultur und neue proletarische Festkultur gefeiert wurden.[4] Auch nach ihrem Weggang nach Halle gab sie weiterhin Kurse in Hamburg.

Sie stellte viele Projekte der Tanzkunst und Chortätigkeit in den Dienst der politischen Aufklärung und Agitation. Zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland brachte sie 1927 ein „Revolutionsspiel“ zur Aufführung. Als sie im März 1933 verhaftet und ihre Schule von der Gestapo geschlossen wurde, saß sie bis Juni 1933 in Schutzhaft. Im Oktober 1933 floh sie mit ihrer Mitarbeiterin Ilse Loesch nach Prag. In der Tschechoslowakei wurde die politische Emigrantin von der Gendarmerie beobachtet, einmal für fünf Tage inhaftiert. Eine Ausweisung aus dem Land konnte sie mit Hilfe eines Anwalts verhindern. In Nordböhmen war sie bis zur Besetzung der Sudeten für die Rote Hilfe tätig. Ein künstlerischer Höhepunkt ihrer Tätigkeit während des Exils in der Tschechoslowakei war die mit sudetendeutschen Arbeitersportlern inszenierte Aufführung ihres Revolutionsspiels im Juni 1935 beim Arbeitermusikfest auf der "Königshöhe" bei Liberec, dem 20.000 Menschen beiwohnten. 1938 emigrierte sie nach England, wo sie ab 1939 in Dartington Hall ihre Lehrtätigkeit für aus London evakuierte Kinder und Jugendliche fortsetzen konnte. 1947 kehrte sie nach Halle zurück und nahm ihre Tätigkeit als Tanzpädagogin im städtischen Kinderclub wieder auf. In den Räumen der Franckeschen Stiftungen betreute sie bis zu 400 Kinder. 1953 kündigte sie, weil die Abteilung Volksbildung beim Rat der Stadt Halle ihr zeitweise verfehlte pädagogische Methoden vorhielt.[5] Dennoch arbeitete sie bis über das 70. Lebensjahr hinaus weiter mit Kindern. 1966 starb sie nach langer Krankheit.

Der Nachlass von Jenny Gertz befindet sich in der Universitätsbibliothek (Sondersammlungen)[6] der Universität Leipzig.

Im Mai 2026 wurde vor dem Literaturhaus Hamburg ein Stolperstein für Jenny Gertz übergeben.

Werk

Jenny Gertz' Vermächtnis ist eine außergewöhnliche tanzpädagogische Unterrichtsmethode für Kinder, die jenseits von Übungsabfolgen für Erwachsene verpackt in Kindergeschichten Kinder und Jugendliche im Tanz unterrichtete – sie war eine Pionierin der Tanzpädagogik für Kinder und des Kindertanzes. Die Kinder sollten so früh als möglich lernen, ihren Körper zu beherrschen und in der Gruppe Verantwortung zu übernehmen.

Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, durch den Tanz Kinder zu selbstbestimmten, kritisch denkenden, kreativen und freien Wesen zu entwickeln. Über 100 Jahre später ist ihre Methodik und Didaktik sowohl für den Tanzunterricht als auch für die Pädagogik weiterhin aktuell.

Veröffentlichungen

  • Tanz und Kind, in: Die Schönheit. Mit Bildern geschmückte Zeitschrift für Kunst und Leben, Heft 2, 1926, S. 49–61
  • Kinderbewegungschor, in: Der Leib. Beiblatt der Urania für Körperkultur und gesundes Leben, Heft 3, 1929, S. 93–96

Literatur

  • René Senenko: Jenny Gertz - Eine revolutionäre Tanzpädagogin. Begleitheft zur Stolperstein-Übergabe am 31. Mai 2026 am Schwanenwik 38. Hg: Kulturverein Olmo e. V. Hamburg, 32 S., ill.
  • Henning Fischer: Tanz und Bewegung für proletarische Kinder. Die Tanzpädagogin Jenny Gertz. In: René Senenko (Hrsg.): „Mit revolutionären Grüßen“. Postkarten der Hamburger Arbeiterbewegung 1919–1945 für eine Welt ohne Ausbeutung, Faschismus und Krieg. VSA Verlag, Hamburg 2022, ISBN 978-3-96488-108-3, S. 192–194, mit 2 Abb.
  • Johanna Keller und Katrin Moeller: Jenny Gertz (1891–1966) und ihre tanzpädagogische, inklusive Arbeit mit Kindern mit besonderen Beeinträchtigungen in reformpädagogischen Projekten und Versuchsschulen. In: Jahrbuch für hallische Stadtgeschichte 2021. Verlag Janos Stekovics, Wettin-Löbejün 2021, ISBN 978-3-89923-429-9.
  • Yvonne Hardt: Historische Entwicklungen und Perspektiven im Bereich Tanz in der kulturellen Bildung. In: Michael Obermaier, Claudia Steinberg, Rita Molzberger, Krystyna Obermaier (Hrsg.): Tanzpädagogik – Tanzvermittlung. Grundbegriffe. Methoden. Anwendungsbereiche. UTB/Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2024, ISBN 978-3-82525-922-8, S. 41–61.

Nachweise

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