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Jiny Lan

deutsche Performancekünstlerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Jiny Lan (chinesisch ■■, Pinyin Lan Jing; * 3. Mai 1970 in Xiuyan, Provinz Liaoning, Volksrepublik China) ist eine in Deutschland lebende chinesisch-deutsche Malerin, Performerin und Konzeptkünstlerin. Sie emigrierte 1995 nach Deutschland und pendelt seither zwischen beiden Ländern.[1] Als Gründungsmitglied der „Bald Girls“, der ersten feministischen Künstlerinnengruppe in der chinesischen Geschichte, gilt sie als Vertreterin einer politisch engagierten feministischen Kunst, die Motive und Bildsprachen aus chinesischen und westlichen Traditionen verbindet.[2] Lans Werk thematisiert unter anderem Demokratie, Menschenrechte, Geschlechterverhältnisse und die Beziehungen zwischen China und Europa; ihre oft seriell angelegten „Message Paintings“ verbinden figurative Malerei, Performance und Installationen, um politische Botschaften zu formulieren.[3] 2021 erwarb der Deutsche Bundestag ihr Gemälde Doppelbelichtung (Double Exposure) für seine Kunstsammlung; 2023 erhielt Lan für ihr Installationsprojekt Himmelsfragen (Tian wen, Question Heaven) den Kunstpreis „Löwe von Weilburg“.[4] Die 2025 erschienene Monografie der Literaturwissenschaftlerin Qinna Shen ordnet Lans feministische und politische Kunst im Kontext der chinesisch-deutschen Kultur- und Politikbeziehungen ein und analysiert ihr Werk systematisch.[5]

Leben

Lan wuchs in der Provinz Liaoning auf und besuchte von 1976 bis 1986 eine Malschule im Kulturzentrum in Xiuyan.[6] Anschließend studierte sie zunächst Wirtschaftswissenschaften an der Bohai-Universität in Jinzhou (1988–1991), bevor sie von 1991 bis 1994 an der China Academy of Fine Arts in Hangzhou Malerei studierte.[7] Während ihres Studiums in Peking nahm Lan 1989 für rund zehn Tage an der Studentenbewegung auf dem Tian’anmen-Platz teil, was sie selbst als politisches Erweckungserlebnis beschreibt.[8] Ihre späteren Arbeiten greifen wiederholt auf Erfahrungen mit der chinesischen Einparteienherrschaft, den Protesten von 1989 und auf autobiografisch gefärbte Familiengeschichten zurück.[9] Seit ihrer Emigration nach Deutschland 1995 ist Lan in der chinesischen Diaspora, insbesondere im Umfeld exilierter Pro-Demokratie-Aktivisten, verankert; diese transnationale Erfahrung prägt ihr Verständnis von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und künstlerischer Freiheit.[10] Zwischen 2006 und 2009 war Lan als Projektkoordinatorin für die Stiftung Museum Schloss Moyland tätig und wirkte 2013 als Ko-Kuratorin an der Ausstellung Social Sculpture: Beuys in China in Peking mit.[11] Lan lebt mit ihrer Familie in Bochum und arbeitet in Ateliers in Düsseldorf und Berlin; regelmäßig pendelt sie zwischen Deutschland und China.[12]

Werk

Künstlerische Methoden und „Jinyology“

Lans Malerei ist überwiegend figurativ und arbeitet mit seriellem Wiederaufgreifen und Übermalen eigener Bilder.[13] Ab den 2010er-Jahren entwickelte sie daraus das Konzept der „Jinyology“, ein genealogisch angelegtes System von „Tochterbildern“, die von einem ursprünglichen Bildpaar namens Adam und Eve abstammen.[14] Sie lässt ein Gemälde fotografieren, vergrößern und auf Leinwand drucken, um darauf eine neue Version oder „Sub-Version“ zu übermalen; im Verlauf entstehen verzweigte Bildfamilien, die sie als „Pictures Republic of Jiny“ bezeichnet.[15] Shen interpretiert dieses Verfahren als Reaktion auf konfuzianisch geprägte, patriarchale Genealogien in China, aus denen Frauen traditionell ausgeschlossen sind.[16] Zugleich betont sie die hybride Grundlage der Arbeiten: Da die Bildvorlagen und Motive häufig auf westlicher Kunst und Architektur beruhen, seien alle Jinyology-Werke „auf einem europäischen Substrat“ entstanden.[17]

Feministische Kunst und „Bald Girls“

Einen Schwerpunkt ihres Schaffens bildet feministische Kunst. In der Anfang der 2010er-Jahre gegründeten Künstlerinnengruppe „Bald Girls“ setzte Lan gemeinsam mit Li Xinmo und Xiao Lu Rasurperformances, Installationen und Malereien ein, um patriarchale Geschlechterrollen, Körpernormen und Zensur in China zu thematisieren.[18] Shen beschreibt Lans Position im deutschen Kunstbetrieb als die einer diasporischen Minderheitenkünstlerin, die die männlich dominierte Kanonbildung und den Kunstmarkt kritisch adressiert.[19] In diesem Kontext prägte Lan den Begriff der „Selbstverfraulichung“ – eine Wortschöpfung in Anlehnung an „verherrlichen“ –, mit der sie das notwendige Selbstlob von Künstlerinnen gegenüber einem überwiegend männlich strukturierten Kunstsystem bezeichnet.[20]

Politische Kunst und transkulturelle Motive

Lans politisch motivierte Arbeiten befassen sich mit autoritären Systemen, Demokratie und transnationalen Machtverhältnissen. In Werken wie Hongkong wird modern (Hong Kong Is Becoming Modern, 2020) kritisiert sie Autokratien wie die Volksrepublik China, Russland, Nordkorea und Iran; der doppeldeutige Titel spielt im Deutschen sowohl auf Modernisierung als auch auf „Modern“ im Sinne von Verfall an.[21] Weitere Serien richten den Blick auf die deutsche Politik. In ihren Kanzlerporträts untersucht Lan Demokratie als Wettbewerb um Macht und akzeptierte Niederlagen und setzt etwa Angela Merkel in Beziehung zur chinesischen Kaiserinwitwe Cixi.[22] Arbeiten wie Jinyology – Silk Road (2019) und Alternative Fiction (2021) greifen die „Neue Seidenstraße“ (Belt and Road Initiative) auf, indem sie chinesische und europäische Architektur, Landschaften und Bildtraditionen verschränken und den Anspruch des Projekts auf geopolitische Einflussnahme kommentieren.[23]

Ausgewählte Ausstellungen / Performances

Shen hebt in ihrer Monografie insbesondere die Serien Masterpieces (2018–2019) sowie Installationsprojekte wie Himmelsfragen (Tian wen, Question Heaven) hervor, die in Deutschland und China in Museen und Ausstellungshäusern gezeigt wurden.[24]

(Quelle:[25])

Einzelausstellungen

Gruppenausstellungen

Ausgewählte Performances und Installationen

Publikationen

  • Bald Girls, Exhibition of Xiaolu, Li Xinmo and Lan Jiny, Hrsg. Juan Xu, Iberia Center for Contemporary Art, Peking 2012, ISBN 978-986-84799-4-4.
  • Jiny Lan, The World is Sometimes Flat, Sometimes Round, Hrsg. schultz contemporary, Berlin 2018, ISBN 978-3-946879-15-2.
  • Bald Girls, Exhibition of Xiaolu, Li Xinmo and Lan Jiny, hrsg. von Juan Xu, Iberia Center for Contemporary Art, Peking 2012, ISBN 978-986-84799-4-4.
  • Jiny Lan: The World is Sometimes Flat, Sometimes Round, hrsg. von schultz contemporary, Berlin 2018, ISBN 978-3-946879-15-2.

Literatur

  • Qinna Shen: Jiny Lan and the Art of Subversion. Chinese-German Culture and Politics through a Feminist Lens. Camden House (Boydell & Brewer), Rochester (NY) u. a. 2025, ISBN 978-1-64014-222-0.

Einzelnachweise

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