Johann Michael Wansleben
deutscher Orientalist
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Johann Michael Wansleben (in Druckwerken Vansleb bzw. Wanslebius; * 1. November 1635 in Sömmerda, Erfurter Staat;[1][2] † 12. Juni 1679 in Bourron, Königreich Frankreich) war ein Orientalist, Reisender und Spion. Er zählt zu den Mitbegründern der deutschen Äthiopistik.
Leben
Johann Michael Wansleben war ein Sohn des Magisters und Pfarrers Johann Wanschleb (auch Wansleben), der 1638 Oberpfarrer von St. Bonifatius in Sömmerda wurde und von 1640 bis 1683 Pfarrer an der Andreaskirche in Erfurt war.[3] Sein Bruder Johann Volkmar Wansleben wurde Pfarrer in Bechtolsheim.[4]
Wansleben besuchte die Lateinschule in Erfurt. An der Universität Königsberg studierte er Theologie und alte Sprachen. Danach erhielt er eine Anstellung als Hauslehrer eines jungen Adligen[5] und diente später als Söldner in der schwedischen Armee.[1]
In Gotha lernte Wansleben den Orientalisten Hiob Ludolf kennen, dem er bei dessen umfangreichen grammatischen und lexikografischen Werken half. Da Ludolf für sein äthiopisches Wörterbuch keinen deutschen Verleger fand, schickte er Wansleben 1660 mit dem Manuskript nach London, um es dort drucken zu lassen. Dieser überarbeitete es und gab es im folgenden Jahr mit vielen Fehlern heraus, weshalb Ludolf 1699 eine neue Ausgabe in Frankfurt drucken ließ. In London unterstützte Wansleben den Philologen Edmund Castle bei der Bearbeitung und Herausgabe seines Lexicon heptaglotton.[5]
In Gotha suchte Herzog Ernst der Fromme von Sachsen-Gotha einen Gelehrten für eine wissenschaftliche Reise nach Äthiopien. Der Herzog war an einer anti-osmanischen Allianz interessiert.[1] Wansleben sollte zudem junge Einheimische anwerben, die in Thüringen zu evangelischen Missionaren ausgebildet werden sollten. Wansleben reiste im Juni 1663 ab und traf im Januar 1664 in Ägypten ein. Er reiste allerdings nicht weiter, sondern hielt sich längere Zeit in Alexandria und Kairo auf. Dort erwarb er koptische Bücher und schrieb weitere ab, die er nicht käuflich erwerben konnte. Als er sich zur Weiterreise entschlossen hatte, überzeugte ihn der koptische Patriarch Matheos IV., wieder nach Europa zurückzukehren.[5]
Die Forschungsbibliothek Gotha verwahrt den handschriftlichen Bericht Wanslebens an Herzog Ernst über seine erste Reise (Chart. A 101). Beigefügt (fol. 91r) ist ein 2,30 Meter langer Brief des koptischen Hegumen Yuhanna über die missglückten Reiseversuche „Yuhanna Mihayils“ (Wansleben). Extreme Hitze habe alle Karawanen gestoppt und die Weiterreise von Oberägypten aus verhindert. Der Patriarch habe ihn angeblich vor einem weiteren Versuch gewarnt, da Jesuiten dort für Unruhe und antieuropäische Stimmung gesorgt hätten. Zudem seien Tributzahlungen zu entrichten. Für eine erneute Reise müsse der Gothaer „Sultan“ mit Ausgaben in Höhe von 2000 Piastern rechnen.[1]
Wansleben schiffte sich in Alexandria ein und landete am Mitte Februar 1665 in Livorno. Anstatt nach Gotha zurückzukehren, reiste er nach Rom, wo er zur katholischen Kirche übertrat und 1666 Dominikaner wurde. Dort setzte er seine äthiopischen Studien fort und verkehrte oft mit dem Jesuiten Athanasius Kircher. Erst 1668 sandte Wansleben seinen Reisebericht an Herzog Ernst. Ludolf beschuldigte ihn wiederholt der Veruntreuung des Reisegeldes und die Konversion führte in Gotha zum Entsetzen.[5][1]
Da Wansleben in Rom keine Förderung erhielt, begab er sich 1670 nach Paris, wo er im folgenden Jahr das Conspectus operum aethiopicorum herausgab. Daraufhin erhielt er vom Minister Colbert den Auftrag, in Ägypten orientalische Handschriften für die königliche Bibliothek zu erwerben. Wansleben brach im Mai 1671 von Marseille nach Syrien auf und hielt sich mehrere Wochen in Tripoli, Aleppo, Damaskus und Sidon auf. Danach segelte er nach Damiette und begab sich nach Kairo. Er besuchte Kirchen und Klöster und erforschte besonders die Religion der Kopten, deren Sprache er erlernte. In der Umgebung der Stadt sowie in der nitrischen Wüste untersuchte Wansleben altchristliche Gräberfelder und Einsiedeleien. Er schrieb Inschriften ab und sammelte Manuskripte.[5]
Im Frühjahr 1673 trat Wansleben eine Reise nach Oberägypten an. Er besichtigte Theben, Karnak, Luxor und Medinet Habu. In der thebaischen Wüste suchte er Einsiedlergrotten und Höhlengräber auf. Von Rosette schickte er eine Sendung mit 334 arabischen, türkischen und persischen Handschriften an die königliche Bibliothek nach Paris. Nach Hantzsch hinderten ihn die Behörden bei seinen weiteren Unternehmungen, da sie ihn für einen französischen Kundschafter hielten. Aroles wies nach, dass Colberts Auftrag tatsächlich Spionage einschloss. Wansleben brach im Frühjahr 1674 nach Konstantinopel auf, um durch Vermittlung des französischen Gesandten einen Pass des Sultans zur Fortsetzung seiner Reise nach Äthiopien zu erhalten. Ende 1675 war er dort mit seinen Reisevorbereitungen fertig, erhielt jedoch keinen Pass, sondern einen Rückruf nach Frankreich, da er aufgrund seines Lebenswandels, den bereits Ludolf kritisiert hatte, bei Colbert in Ungnade gefallen war.[5]
Zurück in Frankreich erhielt er keine Gelder zur Veröffentlichung seiner Werke. Er lebte in Armut, bis er Ende 1678 eine Anstellung als Vikar in Bourron bei Fontainebleau bekam, wo er im Juni 1679 im Alter von 43 Jahren starb.[5]
Schriften
Wanslebens bedeutendstes Werk ist die Nouvelle relation. Die Schilderung Ägyptens, der Bewohner sowie der Flora und Fauna beruht meist auf eigenen Beobachtungen. Zudem beschreibt er christliche Zeugnisse des Landes. Die Schrift über die alexandrinische Kirche galt für Hantzsch als „eine Frucht eingehender gewissenhafter Studien“. Sie enthält Angaben über die Glaubenslehren und Zeremonien der koptischen Kirche sowie eine Liste gelehrter Kopten und ihrer Werke.[5]
- Jobi Ludolfi Lexicon aethiopico-latinum, nunc primum in lucem editum studio et cura J. M. Wanslebii. London 1661.
- Relazione dello stato presente deill Egitto. Paris 1671.
- Conspectus operum aethiopicorum, quae ad excudendum parata habet J. M. Wanslebius. Paris 1671.
- Nouvelle Relation. En forme de Journal, D’un Voyage Fait en Egypte. Par le P. Vansleb, R.D., en 1672 & 1673. Estienne Michallet, Paris 1677, 1698.
- The Present State of Egypt. Or A New Relation of a Late Voyage into That Kingdom Performed in the Years 1672 and 1673. (Übersetzung in englischer Sprache) London 1678.
- Histoire de l’église d’Alexandrie, fondée par S. Marc, que nous appellons celle des Jacobites-Coptes d’Egypte, écrite au Caire même en 1672 et 1673. Paris 1677.
Posthum erschienen, aber vermutlich nicht von Wansleben verfasst:[5]
- A brief account of the rebellions and bloudshed occasioned by the anti-Christian practices of the Jesuits and other popish emissaries in the empire of Ethiopia collected out of a manuscript history written in Latin by Jo. Michael Wansleben, a learned papist. London 1679.
Literatur
- Vockeradt: De J. M. Wanslebio. Gotha 1708.
- Jean-Pierre Nicéron: Mémoires pour servir à l’histoire des hommes illustres dans la république des lettres. Avec un catalogue raisonné de leurs ouvrages. Band 26. Paris 1734. S. 7–17.
- Viktor Hantzsch: Wansleben, Johann Michael. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 41 (1896). S. 159–162 (Online).
- Serge Aroles: Johann Michael Vansleb. Archives inédites sur Vansleb. Espion de Colbert vers l’Éthiopie. In: Jacques Charles-Gaffiot, Alain Desreumaux (Hrsg.): Grandes Heures des Manuscrits Irakiens. Éd. du Net, Paris 2015, ISBN 978-2-312-03367-9. S. 96–99, 312.
- Alastair Hamilton (Hrsg.): Johann Michael Wansleben’s Travels in the Levant, 1671–1674. Brill, Leiden 2018.
- Alastair Hamilton, Maurits H. van den Boogert (Hrsg.): Johann Michael Wansleben’s Travels in Turkey, 1673–1676. Brill, Leiden 2023.
- Asaph Ben-Tov, Jan Loop, Martin Mulsow (Hrsg.): Hiob Ludolf and Johann Michael Wansleben. Brill, Leiden 2023.
- Simon Mills: Von Sömmerda (fast) bis nach Äthopien? Johann Michael Wansleben. In: Feras Krimsti: Der Orient in Gotha. Katalog zur Ausstellung der Forschungsbibliothek Gotha auf Schloss Friedenstein vom 8. September bis 3. November 2024. Gotha 2024, ISBN 978-3-910027-43-5. S. 49.