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Johanneskirche (Crailsheim)

Kirchengebäude in Crailsheim From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Johanneskirche in Crailsheim, einer Stadt im baden-württembergischen Landkreis Schwäbisch Hall ist eine von 1398 bis 1440 errichtete und Johannes dem Täufer gewidmete dreischiffige Kirche, die heute von einer evangelischen Gemeinde genutzt wird. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Crailsheim-Blaufelden der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Die Johanneskirche aus nordöstlicher Richtung

Geschichte

Baugeschichte

Bei Ausgrabungen im Jahre 1965 wurden die Fundamente von zwei Vorgängerkirchen der heutigen Kirche freigelegt. Sie entstanden Ende des 10. Jahrhunderts und im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts. Urkundlich wurde die Kirche 1289 zum ersten Mal genannt. Der Bau der heutigen Kirche wurde am 22. Februar 1398 begonnen und bis 1440 beendet. Der romanische Vorgängerbau wurde nicht etwa zuvor abgerissen, vielmehr „umbaute“ man ihn, bis die Mauern des neuen Kirchenschiff etwa 2 m hoch standen. Der so lange weiterbenutzte Altbau wurde erst danach abgerissen; einen Teil der Steine verwendete man für den Bau des gotischen Nachfolgers.

Im ersten Bauabschnitt wurden Turm, Chor mit 5/8-Schluss und Sakristei errichtet. Im zweiten wurden das Fundament für das Kirchenschiff gelegt, dieses bis in etwa 2 m Höhe aufgemauert und anschließend der Vorgängerbau abgetragen. Die zweimal fünf Rundsäulen sind auf dem Fundament der Vorgängerkirche errichtet. Im dritten Bauabschnitt schließlich schloss man die für den Abbruch des Altbaus freigehaltene Lücke an der Nordseite und vollendete das gotische Kirchenschiff. Außen bilden die nördliche Seitenkapelle mit der anschließenden Vorhalle des Hauptportals eine Einheit. Die nördliche Vorhalle trägt außen einen vorgeblendeten Kielbogen mit Kreuzblume und zwei Blendfialen. Zwei nach den Originalen gefertigte Engel über dem Portal halten Wappenschilde. Der eine zeigt den Brandenburgischen Adler, der andere trug wahrscheinlich einst (gemalt) das Crailsheimer Wappen. Ein Bildrelief an der Nordseite des Langhauses in der Portalvorhalle über dem Eingang von 1434 gibt Johannes den Täufer als Kirchenheiligen und den Baubeginn des neuen Langhauses an.

Taufstein und Altar

Weil der Dachstuhl noch ganz fehlte, konnte die Kirchenweihe an acht Altären im Jahre 1440 nur unter Notdächern über Schiff und Chor stattfinden. Dendrochronologische Altersbestimmungen ergaben, dass die heutigen Dachstühle in den Jahren 1454 (Chor) und 1457 (Kirchenschiff) erbaut wurden. Die Kirche wurde als fünfjochige Basilika in reduzierter Form errichtet: das Mittelschiff sollte kein Licht durch Fenster oberhalb der Seitenschiffe, sondern ein Gewölbe erhalten. Es wurde stattdessen aber doch eine Flachdecke eingezogen. Das hölzerne Gewölbe im Chor ist eine neugotische Ergänzung, die von der umfassenden Kirchenrenovierung 1852 durch Carl Beisbarth sen. stammt. Nach dem Kirchturmbrand 1643 erhielt der Turm seine welsche Haube mit Laterne.

Kriegsschäden 1945

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Johanneskirche im Gegensatz zu den meisten anderen Gebäuden Crailsheims nur leichtere Beschädigungen. Am schmerzhaftesten war der Verlust der gemalten Chorfenster, die wie alle anderen Kirchenfenster der Schlacht um Crailsheim zum Opfer fielen. Außerdem wurden viele Türen beschädigt; die meisten ließen sich nach dem Krieg nicht mehr schließen. Das Dach wurde zur Hälfte abgedeckt und Regen konnte in die Kirche eindringen. Das Wasser zerstörte die Gipsdecken von Chor und Seitenschiffen. Da sich einige Gemeindemitglieder auf das Dach wagten und es notdürftig reparierten, gab es glücklicherweise keine nennenswerten weiteren Beschädigungen.

In den Jahren 1965 bis 1967 erfolgte eine gründliche Innenrenovierung der Johanneskirche.

Ausstattung

Sakramentshaus: Von 1498 bis 1499 entstand das spätgotische, zwölf Meter hohe turmförmige Sakramentshaus am nördlichen Vierungspfeiler, ausgeführt vom Crailsheimer Bildhauer Endris (Andreas) Embhardt.

Wandmalerei: 1967 wurden bei Restaurierungsarbeiten über dem Nordportal Wandfresken der Legende der drei Lebenden und drei Toten, einer Totentanzvariante, aus dem 15. Jahrhundert entdeckt. Ein Teil der sieben Figuren umfassenden Fresken ist durch eine später eingezogene Empore verdeckt. Eine etwas jüngere Wandmalerei noch aus dem 15. Jahrhundert wurde 1966 aufgedeckt: der Hl. Sebastian an der inneren Ostwand der Völkerskapelle. Auch die Ornamentbemalung von Türen, Fenstern und dem Chorbogen aus dem Jahre 1658 ist erwähnenswert.[1][2]

Hochaltar: Der Flügelaltar entstand in der Spätgotik um 1490. Das Altarretabel stellt das Leben Johannes des Täufers sowie die Passion Christi dar und wird der Werkstatt des Nürnberger Malers Michael Wolgemut zugeschrieben.[3] Mehrere Experten halten es für sehr wahrscheinlich, dass Teile eines der Tafelbilder auf der Außenseite, vor allem die Figur des Scharfrichters, von Albrecht Dürer gemalt wurden, der bei Wolgemut von 1486 bis 1489 eine Art Lehre absolviert hat.[4][5][6]

Glasgemälde: Das Chorscheitelfenster wurde 1972 von Adolf Valentin Saile mit den Motiven des Weltgerichts und des himmlischen Jerusalems gestaltet. Ada Isensee schuf die Farbverglasung von sechs Fenstern:[7] 2018 das Südfenster in der Ritterkapelle nahe der Kanzel („Gesetz und Gnade“, eine Visualisierung der Geschichte vom verlorenen Sohn: links ein Engel und rechts ein Mensch, der in das Licht kommen will, das von den zwei sich umarmenden Menschen in der Mitte ausgeht); 2020 das Fenster „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“; und 2024 vier Rundfenster mit den Bildthemen „Schöpfungsgeschichte“, „Brennender Dornbusch“, „Jona und der Wal“, das „Gleichnis vom Samenkorn“.

Orgel

Orgel von Johann Georg Allgeyer d. Ä.
Totalaufnahme der Orgel
Detailansicht der Orgel

Der 1702 verstorbene Crailsheimer Dekan Michael Theodosius Seld hinterließ ein großherziges Legat zum Bau einer Orgel. Erste Verhandlungen wurden 1705 mit dem Augsburger Orgelbauer Johann Christoph Leo geführt. Dieser Akkord wurde jedoch aus nicht weiter überlieferten, mutmaßlich finanziellen Gründen wieder aufgehoben.

Allgeyer-Orgel (1709)

Unter der gutachtlichen Leitung des Ansbacher Organisten Abdias Schneider wurde am 9. September 1706 ein Vertrag mit dem „berühmten“ Orgelmacher Johann Georg Allgeyer d. Ä. aus Hofen bei Aalen geschlossen. Dieser sah die Errichtung einer „schönen, ansehnlichen Orgel“ auf der Westempore vor. Geplant wurde ein Instrument mit 22 Registern auf zwei Manualen (Hauptwerk mit zwölf Registern und Rückpositiv mit sieben Registern) sowie ein Pedal mit drei Registern. Das Hauptwerk sollte 24 Schuh (7,20 Meter) hoch und 16 Schuh (4,80 m) breit, das Rückpositiv 11 Schuh (3,30 m) hoch und 9 Schuh (2,70 m) breit werden.[8]

Hauptwerk CDEFGA–c3
Subbaß (gedackt)16′(Holz)
Quintadena16′(Zinn)
Prinzipal8′(Zinn)
Salizional oder Viola da Gamba8′(Zinn)
Koppel8′(Zinn)
Oktave4′(Zinn)
Spitzflöte4′(Zinn)
Rohrflöte4′(Zinn)
Quinte3′(Zinn)
Superoktave2′(Zinn)
Sedezima1′(Zinn)
Mixtur IV2′(Zinn)
Rückpositiv CDEFGA–c3
Koppel8′(Holz)
Quintadena8′(Zinn)
Prinzipal4′(Zinn)
Flöte4′(Holz)
Superoktave2′(Zinn)
Quinte1 1⁄2′(Zinn)
Mixtur III(Zinn)
Pedal CDEFGA–b0
Subbaß16′(Holz)
Prinzipal oder Oktavbaß8′(Holz)
Posaune8′(Zinn)

Hinzu kamen noch Manual- und Pedalkoppeln, Tremulant und ein Zimbelstern. Die Manuale sollten vier ganze Oktaven umfassen, das Pedal 19 Tritte. Als Material für die Tasten waren Elfenbein und Ebenholz vorgesehen. Das Windwerk sollte aus sechs Blasebälgen zu je 8 Schuh (2,40 m) bestehen.

Johanneskirche Crailsheim

Der fünfachsige Prospekt wird von zwei mächtigen Außentürmen bestimmt, die über doppelgeschossige Zwischenfelder mit dem Mittelturm in Verbindung stehen. Über dieser niedrigen Mittelzone ist die Attrappe eines Oberwerks eingesetzt, um ein stimmiges Gesamtbild zu erhalten. Die Turmbedachungen werden von korinthischen Rundsäulen getragen. Als Aufsätze dienen gebrochene Segmentgiebel mit trompetenblasenden Engeln. In der Mitte kämpft Erzengel Michael mit einem Drachen. Das Akanthuswerk ist auffallend scharf gezahnt und mit zahlreichen Engeln verziert. Das Rückpositiv bildet im heutigen Zustand ein dem Untergehäuse vorgelagertes Unterpositiv. Sein dreiteiliger Prospekt ist ebenfalls durch kräftige Säulen gegliedert und mit Schnitzereien von Disteln verziert. An den stärker betonten äußeren Türmen finden sich Wappenschilder von Brandenburg und Württemberg. Eine Inschrifttafel erinnert an den Stifter.

Allgeyer war nach dem Wortlaut des Vertrags über 900 Gulden für sämtliche Arbeiten, die im Zusammenhang mit dem Orgelbau standen, selbst verantwortlich. Dies schloss die Herstellung der Blasebälge, der Windladen, des Prospektes einschließlich aller Säulen, Gesimse, Figuren, Bilder und Ornamente wie auch die Anschaffung sämtlicher Materialien ein. Ausgenommen waren lediglich das Bemalen und Vergolden des Orgelprospekts. Dieses wurde durch den Würzburger Maler Johann Mey gestaltet.

Beim Bau der Orgel half der junge Crailsheimer Organist Johann Christoph Faber. Zwischen ihm und Allgeyer bildete sich eine langwährende Bekanntschaft.

Den Orgelbau sollte er innerhalb eines Jahres „dermaßen accurate und nett verfertigen, wie es vonnöten“, außerdem „mit bestem Fleiß, dass er bei dessen hinkünftiger Besichtigung mit Ruhm bestehen möge“. Allgeyer konnte diese viel zu kurz bemessene Frist nicht halten. Die Orgel wurde schließlich am 15. August 1709 eingeweiht. Die alte Orgel verblieb noch bis 1745 in der Johanneskirche und wurde anschließend für 200 Gulden nach Mariäkappel verkauft.

Die Crailsheimer Orgel gilt bis heute als vermutlich größtes Orgelwerk Allgeyers.

Umbauten durch Walcker 1864 und 1936

Im Jahr 1864 wurde die bis dahin unveränderte Orgel durch das Ludwigsburger Orgelbauunternehmen E. F. Walcker & Cie. Eberhard Friedrich Walcker eingreifend umgebaut. Das Rückpositiv wurde leergeräumt und die gesamte Orgel dem Zeitgeschmack entsprechend „modernisiert“ und im romantischen Sinne umdisponiert, so dass es sich quasi um einen Neubau handelte.

1936 baute Walcker das Instrument auf elektropneumatische Trakturen um; dabei wurde die Disposition erneut geändert, diesmal im Sinne der Orgelbewegung.

Walcker-Orgel (1967)

Spieltisch der Orgel seit 2016

Unter Wiederverwendung des originalen Orgelgehäuses der Allgeyer-Orgel wurde 1967 eine neue, größere Orgel von Walcker eingebaut. Das Rückpositivgehäuse fand als schwellbares Unterpositiv Verwendung. 1992 und 2016 fanden Überholungen, Umbauten und Erweiterungen des Instruments statt. Die Orgel verfügt heute über 46 Register auf drei Manualen und Pedal; die aktuelle Disposition lautet wie folgt:[9]

I Hauptwerk C–g3
Gedecktpommer16′
Prinzipal8′
Gemshorn8′
Schwebung 8′
Oktave4′
Blockflöte4′
Waldflöte2′
Cornett V8′
Mixtur V–VI1 1⁄3′
Trompete8′
II Unterpositiv C–g3
Gedeckt8′
Quintade8′
Salicional 8′
Praestant4′
Rohrflöte4′
Schwiegel2′
Terz1 3⁄5′
Quinte1 1⁄3′
Scharf IV2′
Dulzian16′
Hautbois8′
Tremulant
III Oberwerk C–g3
Geigenprinzipal 8′
Rohrflöte8′
Prinzipal 4′
Hohlflöte4′
Nasat2 2⁄3′
Oktave 2′
Feldflöte2′
Terz1 3⁄5′
Sifflöte1′
Zimbel IV
Cromorne8′
Rohrschalmei4′
Tremulant
Pedal C–f1
Prinzipal16′
Subbaß16′
Quintbaß10 2⁄3′
Oktavbaß8′
Gedecktbaß8′
Gedacktflöte4′
Choralbaß4′+2’
Hintersatz IV
Posaune16′
Dunkeltrompete8′
Clairon4’
Sgd. Cornett2′

Literatur

  • 600 Jahre Johanneskirche Crailsheim. Geschichte und Geschichten. Eigenverlag Evangelische Johanneskirchengemeinde, Crailsheim 1998
  • Günter Fehring, Günter Stachel: Archäologische Untersuchungen in der Stadtkirche St. Johannes der Täufer zu Crailsheim. In: Hans-Joachim König (Hrsg.): Die Johanneskirche zu Crailsheim. Evangelischer Kirchengemeinderat Crailsheim, Crailsheim 1967, 28 ff.
  • Hans-Joachim König (überarbeitet von Dietrich Schubert): Die Crailsheimer Johanneskirche (Große Baudenkmäler, Heft 228). 3., völlig neu bearb. Auflage, München/Berlin 1998
  • Gertrud und Johannes Biermann: Kirchenführer des Evangelischen Kirchenbezirks Crailsheim. (Hrsg.) Evangelischer Kirchenbezirk Crailsheim, 2003.
  • Winfried Dalferth, Anja Lechner, Konrad von Streit: Kirchen im Bezirk Crailsheim. Crailsheim 2016 Seite 102–104
Commons: Johanneskirche Crailsheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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