Josef Wiget
Schweizer Historiker, Archivar und Präsident des Historischen Vereins des Kantons Schwyz
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Josef Wiget (* 1. Juni 1942 in Schwyz; † 9. Januar 2011 ebenda) war ein Schweizer Historiker, Archivar und Präsident des Historischen Vereins des Kantons Schwyz.
Leben
Herkunft und familiäre Verhältnisse
Josef Wiget wurde in Schwyz geboren, dem Hauptort des gleichnamigen Kantons in der Zentralschweiz. Er war der Sohn des Polizeikommandanten Josef Wiget-Schmidig (* 22. April 1916; † 13. Oktober 1999) und von dessen Ehefrau Maria Wiget-Schmidig (1919–2007); er hatte noch einen Bruder.
Er heiratete Anita (geb. Wassmer), mit der er zwei Töchter hatte.
Ausbildung und wissenschaftliche Laufbahn
Nach seiner Schulzeit in Schwyz wandte sich Josef Wiget dem Studium der Geschichte zu, das er an der Universität Freiburg im Üechtland absolvierte. Dort arbeitete er als Assistent am Lehrstuhl für Schweizer Geschichte unter der Leitung von Gottfried Boesch. Diese Tätigkeit ermöglichte Wiget nicht nur einen tiefen Einblick in die wissenschaftliche Methodik der Geschichtsforschung, sondern auch wertvolle Kontakte zu anderen Historikern und den Zugang zu wichtigen Quellen und Archiven.
Im Jahr 1976 promovierte Josef Wiget an der Universität Freiburg mit einer Dissertation über den Luzerner Schultheissen und Unternehmer Heinrich Fleckenstein (1484–1558)[1]. Diese Arbeit widmete sich einer zentralen Figur der Luzerner Stadtgeschichte im 16. Jahrhundert und beleuchtete die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verflechtungen eines führenden Mitglieds der städtischen Elite in der Zeit der Reformation und der konfessionellen Spaltung der Eidgenossenschaft. Fleckenstein war nicht nur als Schultheiss, also als oberster Magistrat der Stadt Luzern, tätig, sondern auch als Kaufmann und Unternehmer, der in verschiedenen Handelszweigen aktiv war.
Staatsarchivar des Kantons Schwyz
Unmittelbar nach Abschluss seiner Promotion, im Jahr 1976, übernahm Josef Wiget die Position des Staatsarchivars des Kantons Schwyz, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002 innehatte. In dieser Funktion war er für die Verwaltung, Erschliessung und Zugänglichmachung des historischen Archivguts des Kantons verantwortlich. Das Staatsarchiv Schwyz verwahrt Dokumente von ausserordentlicher Bedeutung für die schweizerische Geschichte, darunter mittelalterliche Urkunden, Bündnisbriefe und Akten aus der Zeit der Alten Eidgenossenschaft. Wiget modernisierte das Archivwesen des Kantons grundlegend, verbesserte die Erschliessung der Bestände durch moderne Findmittel[2] und machte das Archiv zu einer wichtigen Anlaufstelle für Historiker aus dem In- und Ausland.
Seine Tätigkeit als Staatsarchivar beschränkte sich nicht auf die reine Archivverwaltung. Wiget arbeitete an der Vermittlung historischer Inhalte für die Öffentlichkeit. Er organisierte Ausstellungen, hielt Vorträge und führte zahlreiche Interessierte durch das Archiv und zu historischen Stätten des Kantons.
Amt für Kulturpflege und weitere kulturelle Funktionen
Im Jahr 1980 wurde Josef Wiget zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Staatsarchivar zum Vorsteher des neu formierten Amtes für Kulturpflege des Kantons Schwyz ernannt. Diese Position erweiterte sein Tätigkeitsfeld erheblich und machte ihn zu einer Schlüsselfigur in der kantonalen Kulturpolitik. Als Leiter des Amtes für Kulturpflege war er für die Koordination und Förderung verschiedenster kultureller Aktivitäten zuständig, von der Denkmalpflege über das Museumswesen bis hin zur Unterstützung kultureller Veranstaltungen und Projekte.
In dieser Funktion amtierte Wiget auch als Kurator des Bundesbriefmuseums in Schwyz, das 1936 eröffnet worden war und den sogenannten Bundesbrief von 1291 beherbergt, jenes Dokument, das lange Zeit als Gründungsurkunde der Schweizerischen Eidgenossenschaft galt. Als Kurator war Wiget für die wissenschaftliche Konzeption der Ausstellung, die Betreuung des historischen Bestandes und die Vermittlung der Inhalte an die Besucher verantwortlich. Er trug dazu bei, das Museum zu modernisieren und die Darstellung der Schweizer Geschichte auf eine wissenschaftlich fundierte Grundlage zu stellen.
Darüber hinaus war Wiget als Kulturpfleger, Publizist, Inventarisator und Autor tätig. Er engagierte sich für die Erfassung und den Schutz historischer Bauten und Kulturgüter im Kanton Schwyz und leistete wichtige Beiträge zur Inventarisierung des kulturellen Erbes. Seine publizistische Tätigkeit umfasste über hundert Werke und Beiträge zur Schwyzer und Schweizer Geschichte, die in Fachzeitschriften, Sammelbänden und Monografien erschienen.
Präsident des Historischen Vereins des Kantons Schwyz
Von 1991 bis 2001 stand Josef Wiget, als Nachfolger von Wernerkarl Kälin, dem Historischen Verein des Kantons Schwyz als Präsident vor.
Besondere Verdienste erwarb sich Wiget um die Publikationsorgane des Vereins. Von 1986 bis 2001 unterstützte er die Redaktion der Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz, der wichtigsten Fachzeitschrift für die Geschichte des Kantons. Er veröffentlichte selbst zahlreiche Artikel in diesem Organ und animierte einen grossen Kreis von Historikern – darunter eine Reihe von Universitätsprofessoren – zum Schreiben für diese Publikation.
Wigets Engagement für den Historischen Verein beschränkte sich nicht auf organisatorische und redaktionelle Aufgaben. Er setzte sich auch inhaltlich für die Erneuerung der Geschichtsschreibung ein und verhalf einem modernen, kritischen Geschichtsbild zum Durchbruch. Er förderte eine Geschichtsforschung, die sich nicht mit der Wiederholung überlieferter Mythen (siehe Nationale Mythen der Schweiz) begnügte, sondern durch kritische Quellenarbeit und methodisch reflektierte Interpretation zu neuen Erkenntnissen gelangte.
2003 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.[3]
Präsident der Stiftung Ital-Reding-Haus
Ebenfalls zehn Jahre lang, bis 2006, war Josef Wiget Präsident der Stiftung Ital-Reding-Haus. Das Ital-Reding-Haus in Schwyz ist ein Barockpalais, das zwischen 1609 und 1642 von der Familie Reding, einer der führenden Patrizierfamilien des Kantons, erbaut wurde. Das Gebäude gilt als eines der bedeutendsten profanen Baudenkmäler der Schweiz aus dem 17. Jahrhundert und beherbergt heute ein Museum, das Einblick in die Wohn- und Lebenskultur der Schwyzer Oberschicht in der Barockzeit gibt.
Als Präsident der Stiftung war Wiget für die Erhaltung, Pflege und museale Nutzung dieses bedeutenden Kulturdenkmals verantwortlich. Er setzte sich für die Restaurierung des Gebäudes und seiner Ausstattung ein und entwickelte Konzepte für die museale Präsentation. Unter seiner Leitung wurde das Ital-Reding-Haus zu einem wichtigen kulturellen Anziehungspunkt und zu einem Ort der Vermittlung von Geschichte und Kultur.
Organisation von Grossanlässen
Wiget wirkte entscheidend an der Gestaltung zweier historischer Jubiläen mit: der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1991 und den Gedenkfeiern zum 200. Jahrestag des Untergangs der Alten Eidgenossenschaft im Jahr 1998.
Die 700-Jahr-Feier im Jahr 1991 bezog sich auf den traditionell angenommenen Gründungsmythos der Schweiz, wonach im August 1291 die Vertreter der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden auf dem Rütli einen Bund geschlossen hätten. Obwohl die historische Forschung diesen Gründungsmythos längst relativiert hatte, bot das Jubiläum Anlass zu umfangreichen Feierlichkeiten in der ganzen Schweiz. Im Kanton Schwyz spielte Josef Wiget eine zentrale Rolle bei der Konzeption und Durchführung der Veranstaltungen. Er sorgte dafür, dass die Feierlichkeiten nicht nur festlichen Charakter hatten, sondern auch der historischen Aufklärung dienten und ein differenziertes Bild der Entstehung der Eidgenossenschaft vermittelten.
Die Gedenkfeierlichkeiten 1798/1998 erinnerten an den Untergang der Alten Eidgenossenschaft durch die französische Invasion von 1798 und die Errichtung der Helvetischen Republik. Dieses Ereignis markierte einen tiefen Einschnitt in der Schweizer Geschichte. Wiget setzte sich dafür ein, dass dieses schwierige Kapitel der Schweizer Geschichte nicht verdrängt, sondern kritisch aufgearbeitet wurde. Er organisierte Ausstellungen, Vorträge und Publikationen, die die Ereignisse von 1798 und ihre Folgen aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten.
Beitrag zur Schwyzer Kantonsgeschichte
Gemeinsam mit anderen Historikern trieb Josef Wiget die Erforschung der Geschichte des Kantons wesentlich voran und verhalf einem modernen Geschichtsbild zum Durchbruch. Die traditionelle Geschichtsschreibung des Kantons Schwyz war lange Zeit stark von mythischen Erzählungen und patriotischen Verklärungen geprägt gewesen. Wiget setzte sich für eine kritische, quellengestützte Geschichtsforschung ein, die historische Entwicklungen in ihrem komplexen Zusammenhang erfasste.
Seine zahlreichen Publikationen trugen dazu bei, das Wissen über die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Geschichte des Kantons zu vertiefen. Er befasste sich mit Themen wie der mittelalterlichen Herrschaftsbildung, der Rolle Schwyz' in der Alten Eidgenossenschaft, der Sozialstruktur und den Herrschaftsverhältnissen in der Frühen Neuzeit, den konfessionellen Konflikten und der Modernisierung im 19. und 20. Jahrhundert.
Weitere Tätigkeiten und Engagement
Josef Wigets gesellschaftliches Wirken reichte über seine historischen und kulturellen Ehrenämter hinaus. In der Schweizer Armee präsidierte er 1984 als Hauptmann den Offiziersverein Innerschwyz[4] und als Oberst[5] und Mitglied der Schwyzer Verfassungskommission gestaltete er die Modernisierung der kantonalen Verfassung aktiv mit. Nach seinem Tod führte Ueli Brügger (* 1953)[6] seine Arbeit in dieser Kommission fort.
Publikationen
Die Publikationstätigkeit von Josef Wiget war sehr umfangreich. Über hundert Werke und Beiträge zur Schwyzer und Schweizer Geschichte stammen aus seiner Feder. Diese Texte reichen von kurzen Zeitungsartikeln über Aufsätze in Fachzeitschriften bis hin zu umfangreichen Monografien. Thematisch spannte sich der Bogen von biografischen Studien über einzelne Persönlichkeiten der Schwyzer Geschichte über Untersuchungen zu spezifischen historischen Ereignissen bis hin zu übergreifenden Darstellungen der Kantons- und Regionalgeschichte. Viele seiner Arbeiten erschienen in den Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz, andere in überregionalen Publikationen zur Schweizer Geschichte, unter anderem im Historischen Lexikon der Schweiz.
Wiget verstand es auch, andere Historiker für die Erforschung der Schwyzer Geschichte zu gewinnen. Er pflegte ein weites Netzwerk von Kontakten zu Universitätsprofessoren, Archivaren, Heimatforschern und Geschichtsinteressierten.
Schriften (Auswahl)
- Wirtschaft und Politik im spätmittelalterlichen Luzern: die wirtschaftlichen Unternehmungen des Luzerner Schultheissen Heinrich Fleckenstein (1484–1558). 1978.
- Die Lotterie von Lachen und Franz Joachim Schmid. In: Marchring, Heft 20. 1980. S. 25–39 (Digitalisat).
- Adriano Heitmann, Josef Wiget und Max Mittler: Rigi: Berg mit vielen Gesichtern. 1982.
- Geschichte der Schwyzer Polizei. 1984.
- Die Turmkugel-Dokumente der Pfarrkirche Gersau. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 76. 1984. S. 161–175 (Digitalisat).
- Ital Reding (1573-1651), ein Bauherr. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 77. 1985. S. 31–44 (Digitalisat).
- Josef Reichmuth; Josef Wiget: Die Turmkugel-Dokumente der Pfarrkirche Gersau. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 77. 1985. S. 117–142 (Digitalisat).
- Morgarten: die Schlacht und ihre Bedeutung und vom Sinn der Morgartenfeier. 1985.
- Das Bundesbriefarchiv in Schwyz. Bern, 1986.
- Aloys von Reding 1765–1818. In: Schweizer Soldat + MFD, Heft 8, Band 62. 1987. S. 4–5 (Digitalisat).
- Blasmusik in Schwyz: Notizen aus dem fruheren Schwyzer Musikleben. 1987.
- Wasser und Wacht: Geschichte der Dorfgenossenschaft Schwyz vom Spätmittelalter bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert. Bern, 1988.
- Feste und Bräuche im Kanton Schwyz: Jubilaumsbuch 100 Jahre Kantonalbank Schwyz 1890–1990. 1989.
- Alois Suter und Josef Wiget: Schwyz. 1990.
- Bern und Schwyz. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 83. 1991. S. 25–39 (Digitalisat).
- Schwyz vom späten Mittelalter bis 1798. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 83. 1991. S. 167–174 (Digitalisat).
- Die SKA Schwyz und ihre Vorgeschichte: von aristokratischen Banquiers und wirtschaftlicher Verantwortung. 1993.
- Geschichte unserer Zeiten: Erinnerungen eines Illgauers an die Franzosenzeit 1798/99. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 86. 1994. S. 39–54 (Digitalisat).
- Die Gesellschaft der Burger zu Schwyz. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 86. 1994. S. 55–70 (Digitalisat).
- Die Suworow-Brücke oder die ehemalige Steinerne Brücke über die Muota im Schlattli, Schwyz. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 88. 1996. S. 53–58 (Digitalisat).
- Die letzten Landsgemeindeprotokolle des alten Standes Schwyz: die Landsgemeindeprotokolle vom 26. April 1795 bis 4. Mai 1798. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 89. 1997. S. 11–52 (Digitalisat).
- Der Kanton Schwyz im Sonderbund 1847. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 89. 1997. S. 95–125 (Digitalisat).
- In helvetischer Gefangenschaft in Basel: Tagebuch des Michael Gemsch vom 22. Februar bis 31. Oktober 1799. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 90. 1998. S. 179–188 (Digitalisat).
- Die Entstehung der Schweiz. Vom Bundesbrief 1291 zur nationalen Geschichtskultur des 20. Jahrhunderts. Selbstverlag, Schwyz, 1999.
- Heinrich Friedrich Fridolin Reding: ein bewegtes Soldatenleben aus dem 17. Jahrhundert. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 92. 2000. S. 33–42 (Digitalisat).
- Zürich und Schwyz im Spätmittelalter: Bündnispartner und Konkurrenten. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 93. 2001. S. 19–58 (Digitalisat).
- Zwei Beiträge zur Landsgemeinde in der Schweiz. In: Innerrhoder Geschichtsfreund, Band 42. 2001. S. 54–76 (Digitalisat).
- Der Historische Verein des Kantons Schwyz von 1978 bis 2002. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 94. 2002. S. 11–39 (Digitalisat).
- Die March und ihr altes Landrecht. In: Marchring, Heft 43. 2002. S. 4–27 (Digitalisat).
- Louis Carlen, Hermann Bischofberger, Gabriel Imboden und Josef Wiget: Festgabe zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Louis Carlen. 2005.
Literatur
- Kaspar Michel: In memoriam alt Staatsarchivar Dr. phil. Josef Wiget-Wassmer (1. Juni 1942–9. Januar 2011): Präsident des Historischen Vereins von 1991 bis 2001. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 103. 2011. S. 11–12 (Digitalisat).
Weblinks
- Josef Wiget. In: Indexeintrag: Deutsche Biographie.
- Josef Wiget. In: Portrait Archiv.