Josefa Tolrà
spanische Malerin und Medium (1880-1959)
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Josefa Tolrà i Abril (* 6. Januar 1880, Cabrils, Katalonien; † 15. Oktober 1959) war ein spanisch-katalanisches Medium und Künstlerin, bekannt für ihre Zeichnungen, Schriften und Stickereien, die sie während ihrer Trancezustände anfertigte.
Ihre Werke wurden der naiven Kunst zugeordnet und in bedeutenden spanischen Museen wie dem Museo Reina Sofía und dem Museo del Prado in Madrid, dem Museu Nacional d’Art de Catalunya (MNAC) und dem Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA) in Barcelona sowie auf der 59. Biennale di Venezia (Venedig) und im Centre Georges-Pompidou in Paris ausgestellt.
Leben
Tolrà wurde am 6. Januar 1880 in Cabrils, Katalonien, in eine Bauernfamilie geboren. Als junge Frau erhielt sie nur eine sehr begrenzte Schulbildung und arbeitete in einer Textilfabrik, wo sie Revolutionäre und Spiritisten kennenlernte.[1][2]
Nach dem Tod zweier ihrer drei Kinder, eines davon im Spanischen Bürgerkrieg, begann Tolrà in den 1940er Jahren, im Alter von über 60 Jahren, als Medium und Heilerin zu arbeiten. Auslöser waren das Hören von Stimmen und das Erscheinungen von Gesichtern infolge einer Depression.[2][3] Laut Tolrà waren ihre Zeichnungen und Schriften das Werk von Geistern und „Lichtwesen“, die sie ihr in einer medialen Trance diktierten.[4][2][5][6] Einem Kunsthistoriker zufolge erkannte sie ihre Werke nicht einmal als ihre eigenen an.[7] Sie bezeichnete ihre Zeichnungen als Dibujo fuerza fluídica („Ich zeichne flüssige Kraft“).[8][5]
Als Medium soll Tolrà mit Verstorbenen wie dem katalanischen Dichter Jacint Verdaguer, dem französischen Wissenschaftler Louis Pasteur und der spanischen Mystikerin Teresa de Jesús kommuniziert und auch die Aura von Menschen gesehen haben.[1][5]
Ihre Werke zogen katalanische Avantgarde-Künstlergruppen an wie zum Beispiel Dau al Set.[2] Eine dieser Gruppen, der Club Cobalto 49, stellte Tolràs Werke erstmals am Abend des 18. Januar 1956 im Sala Gaspar in Barcelona im Rahmen einer privaten Veranstaltung aus.[2][5] Die Werke wurden vom Psychiater Joan Obiols i Vié ausgewählt und vom Kunstkritiker Alexandre Cirici bewertet.[5] Tolrà hatte der Ausstellung zugestimmt, nahm aber nicht teil, da sie ihre Heimatstadt nur selten verließ.[3] Tolrà erlangte schnell Popularität in Künstlerkreisen, und namhafte Künstler wie Antoni Tàpies, Joan Brossa, Modest Cuixart und Moisès Villèlia i Sanmartín besuchten sie in ihrem Haus in Cabrils.[5][2]
In knapp 20 Jahren schuf Tolrà insgesamt fast hundert Zeichnungen und schrieb außerdem einen Roman. Nebenbei praktizierte sie für ihre Nachbarn als Heilerin.[5] Sie verkaufte ihre Werke nie, sondern verschenkte sie.[4][5] Ihr Hauptwerk und repräsentativstes Werk ist „La gran teòsofa“ (1953), welches zur Sammlung des Prado-Museums gehört.[3]
Darüber hinaus verfasste Tolrà Gedichte und „transkribierte“ („transcribed“) Botschaften, die sie in ihre Zeichnungen einfügte und die sie etwas oder jemandem zuschrieb, der ihre Hand „führte“.[3][4][6] Obwohl sie Analphabetin war und fast immer Katalanisch sprach, waren ihre „transkribierten“ Schriften in Spanisch verfasst, wenn auch mit Grammatik- und Rechtschreibfehlern, und behandelten Geographie, Geschichte, Philosophie, Mystik, Religion und Kunst.[3][8][6]
Tolrà starb am 15. Oktober 1959 im Alter von 79 Jahren in ihrem Haus in ihrem Geburtsort Cabrils.[4] Ihr Werk wurde von ihrer Familie, insbesondere von ihrer Tochter Maria, bewahrt und erst 1998 öffentlich ausgestellt, als der Verein für Kultur und zeitgenössische Kunst in Mataró eine Ausstellung ihrer Arbeiten, darunter Zeichnungen aus dem Besitz von Joan Brossa, organisierte.[2][5] Auch der Stuhl, auf dem sie arbeitete, ist erhalten geblieben und wurde in Ausstellungen gezeigt.[8]
Werke
- Astro Sol, Tierra, Marte, Venus (Sonne, Erde, Mars, Venus. 1944)
- Personajes y animales (Personen und Tiere. 1945)
- Mujer con abalorios (Frau mit Perlen. 1948)
- Dibujo gracia del siglo III (Anmutzeichnung aus dem 3. Jahrhundert. 1948)
- Dibujo método fluídico representa César Augusto con su carro (Fluidico-Zeichnung repräsentierend Cäsar Augustus mit seinem Streitwagen. 1950)
- Paisaje del Congo Indio joven (Landschaft des Kongo, junger Inder. 1951)
- La gran teósofa (Der große Theosoph. 1953)
- Adán y Eva (Ada und Eva. 1953)
- Musa coreana (Koreanische Muse. 1953)
- Dibujo fuerza fluídica. Última cena (Zeichnung der Fluidkraft. Das letzte Abendmahl. 1953)
- El alma de la fantasía (Die Seele der Fantasie. 1959)
- Jardín del Eden (Der Garten Eden)[3][5]
Ausstellungen
Permanente Ausstellungen und Sammlungen
- Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA)[6]
- Centre Georges-Pompidou, Paris[1]
- Museo del Prado, Madrid[6]
- Museo Reina Sofía, Madrid[3][9]
Temporäre Ausstellungen
- 2023: Museu Nacional d’Art de Catalunya, Barcelona (mit Madge Gill)[6]
- 2022: 59. Biennale di Venezia[1][6]
- 2016: Galerie des Port de Tarragona, Tarragona[10]
- 2016: Museo Reina Sofía[11]
- 2015: Musée d’Art Naïf – Max Fourny, Paris[12]
- 2015: Museu Nacional d’Art de Catalunya[12]
- 2014: Can Palauet, Mataró[5]
- 2011: Museo Reina Sofía[5]
Rezeption
Tolràs Werk wird der Naiven Kunst zugeordnet.[2] Die Kunsthistorikerin Josefa Mora Sánchez beschreibt, dass Tolrà mit Kritzeleien begann und schließlich spirituelle Wesen malte.[3] Sie bestickte auch Mäntel.[4]
Die Kunsthistorikerin Pilar Bonet von der Universität Barcelona unterscheidet drei Thementypen im Werk von Tolrà:[5]
- Zeichnungen mit Figuren, Szenen und Landschaften, die lokale Bräuche, Beschwörungen der Welt oder ihrer Umgebung sowie Geschichten aus der Vergangenheit darstellen.
- Religiöse Themen
- Figuren und Visionen aus der okkulten Welt, wie etwa Gestalten von Seherinnen, Theosophinnen, Astralwesen oder Planetenvisionen.
Ihre Figuren werden als Gestalten mit großen, offenen Augen und einem Ausdruck der Überraschung beschrieben. Sie sollen sich dem Betrachter zuwenden und meist körperlos (Incorporeal) wirken, ohne Hände und Füße, in exotischen Gewändern.[3][8] Trotz der wahrgenommenen Schwierigkeit, Volumen, anatomische Genauigkeit und Tiefe darzustellen, werden Tolràs Linien als kontrolliert, mit Horror vacui, Detailreichtum und Farbigkeit (chromaticism) charakterisiert.[3] Die Zeichnung besteht aus kurzen Linien und kleinen Stichen, eine Technik, die der Stickerei ähnelt, die sie als Kind erlernte.[3] Sie malte auf minderwertigem Papier und in Notizbüchern mit einfachen Materialien wie Bleistiften und Filzstiften und stickte auch auf Stoff.[3] Darüber hinaus verwendete Tolrà keine Vorlagen, Skizzen oder Modelle.[13]
Siehe auch
- Miguel García Vivancos