Jossy Halland

niederländische Sängerin und Kabarettistin From Wikipedia, the free encyclopedia

Jossy Halland (geb. 9. Juni 1914 in Lübeck als Regina Carla Luise Eichner; gest. 14. September 1986 in Argelès-sur-Mer) war eine niederländische Sängerin und Kabarettistin, die zunächst auch als Baby Harrison auftrat.

Leben und Wirken

Halland, eine Tochter des Opernsängers Wilhelm Eichner und der Sängerin Emilie Josephine Luise Voels, verbrachte einen Teil der Kindheit bei einer Tante in Straßburg, wo sie französisch lernte. Im Alter von vier Jahren stand sie zum ersten Mal auf der Bühne: Sie sang und tanzte Kinderrollen in Opern, wendete sich aber dann der Leichten Muse zu. Über eine ungarische Ballettgruppe kam sie nach Warschau, wo sie am Jüdischen Theater Warschau ausgebildet wurde und dann beim Theater Ararat, einem linkspolitischen Kabarett, tätig war. Unter dem Namen Baby Harrison spielte und sang sie dort ein jiddisches Repertoire, inspiriert von Jazz, Blues und Spirituals. Das Kabarett hatte einigen Erfolg, auch in Westeuropa, aber aufgrund interner Rivalitäten und Geldprobleme kam es etwa 1935 zu seinem Ende.[1]

Nach der Auflösung von Ararat zog sie nach Brüssel, wo sie beim Jiddischen Theater Titel wie „I Love You“ und „Happy Feet“ auf Jiddisch sang und dabei im Stil von Ginger Rogers tanzte. Mit dem Pianisten Jerôme Fraenkel, der sie dort begleitete, trat sie anschließend in anderen Orchestern, Revuen und Varietés, auch in Paris, manchmal in der Schweiz oder Skandinavien auf. 1936 heirateten sie in Ostende und nannten sich fortan Jossy und Jacques Halland. Aufgrund des zunehmenden Antisemitismus zogen sie 1938 in die Niederlande, wo sie sich in Groningen niederließen und in den Monaten der Mobilmachung als Duo durch Militärlager tourten.[1]

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande flohen Jossy und Jacques Halland im Mai 1940 auf einem Tandem und erreichten Montauban im Süden Frankreichs, wo sie unter falscher Identität lebten. Sie arbeitete gelegentlich als Kellnerin und Jacques schloss sich einer Gruppe der Resistance an, für die Jossy als Kurierin tätig war. So überstanden sie die Kriegsjahre. Nach der alliierten Befreiung Frankreichs nahmen sie 1944 in Paris ihr Leben als Künstler wieder auf. Sie traten in verschiedenen Clubs zusammen mit französischen Künstlern wie Mistinguett und Edith Piaf auf. Mit einem Chanson-Programm tourten sie durch Dänemark.[1]

Jossy und Jacques Halland wollten wieder Kabarett auf Jiddisch machen; in Paris gab es aber keine Nachfrage mehr dafür. 1950 eröffneten sie in Amsterdam Le Refrain, scheiterten aber damit. Deshalb tourten sie erneut durch Europa mit französischem und englisch-amerikanischem Repertoire. Erst 1952 erfuhr Jossy, dass ihr Vater noch lebte; ihre Mutter und ihre Schwestern waren in der Shoa gestorben. 1959 gründeten sie in Amsterdam-West an der Ecke De Clerqstraat und Agatha Dekenstraat ihr eigenes Café mit jiddischem Kabarett, das Platz für maximal fünfzig Besucher bot.[1]

Mit seinem jiddischen Kabarettprogramm wurde das LiLaLo wurden im In- und Ausland bekannt; es war das letzte jiddische Musik-Kabarett in Westeuropa. Pablo Picasso, Roberto Rossellini, Federico Fellini und Loriot gehörten zu seinen Besuchern und erlebten Jossy Halland als Diseuse und ihren Mann als Begleiter am Klavier.[2] Die Bekanntheit führte zu Einladungen aus dem Ausland ein, vor allem aus Deutschland. Ab 1970 traten sie in mehr als sechzig westdeutschen Städten auf, sie kamen ins Fernsehen; Plattenaufnahmen erschienen unter anderem bei His Master’s Voice (1967) und Trikont (1984, 1988). Die Hallands stellten auf Tourneen ihr jiddisches Repertoire auch in Dänemark, in der Schweiz und sogar in der Sowjetunion vor.[1]

1982 schlossen Jossy und Jacques Halland das Kabarett; sie wohnten jedoch weiterhin über dem Café. Gelegentlich gingen sie noch auf Tournee. Am 14. September 1986 verstarb Jossy Halland im Alter von 72 Jahren in ihrem ständigen Urlaubsdomizil Argelès-sur-Mer in Frankreich.[1]

Die Sängerin Ellen ten Damme verfolgte im Dokumentarfilm Negen Koffers (2021) die Lebensgeschichte von Jossy Halland und die Geschichte hinter dem LiLaLo-Theater.[3][4]

Einzelnachweise

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