Jugend Rettet
Seenotrettungsorganisation
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Jugend Rettet ist eine in Berlin ansässige Nichtregierungsorganisation, deren Vereinszweck die Seenotrettung im Mittelmeer ist. Der Verein betrieb von 2016 bis 2017 das Rettungsschiff Iuventa, mit dem nach Angaben der Organisation rund 23.000 Menschen aus Seenot gerettet wurden.[2] Das Schiff wurde im August 2017 von der italienischen Justiz beschlagnahmt. Das anschließende Strafverfahren gegen ehemalige Besatzungsmitglieder wegen des Verdachts der Beihilfe zur unerlaubten Einreise endete im April 2024 mit einem Freispruch, das Schiff wurde im Juli 2024 zurückgegeben.[3]
| Jugend Rettet | |
|---|---|
| Rechtsform | eingetragener Verein |
| Gründung | 2015 |
| Sitz | Berlin[1] |
| Zweck | Flüchtlingshilfe |
| Vorsitz | Markus Schulze, Philipp Külker[1] |
| Umsatz | 21.650 Euro (2015) |
| Freiwillige | 70 (2019) |
| Website | jugendrettet.org |
Gründung
Der Verein wurde 2015 von Jakob Schoen[4] und Lena Waldhoff gegründet.[5] Weitere Mitglieder des Gründungsteams sind Sahra Fischer,[6] Alexander Hof,[5] Matthias Schnippe,[7] Pauline Schmidt,[8] Titus Molkenbur[9] und Johanna Bauernschmitt.[10]
Der Vereinszweck wird nach eigenen Angaben folgendermaßen angegeben:
- Förderung der Hilfe für Flüchtlinge und Förderung der Rettung aus Lebensgefahr
- Förderung der Internationalen Gesinnung und Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements[11]
Die Mittel zum Kauf des Schiffes in Höhe von 150.000 Euro stammten aus einer Zuwendung der Kreuzberger Kinderstiftung.[5]
Arbeit und Situation auf dem Mittelmeer
Die Organisation hatte drei Tätigkeitsfelder:
- Die aktive Seenotrettung mit dem Schiff Iuventa im Mittelmeer. Das 33 m lange Schiff war ursprünglich als Fischereifahrzeug für die rauen Bedingungen der Nordsee konzipiert. 2016 wurde das Schiff für Rettungseinsätze umgebaut. Der Name geht auf die römische Göttin Iuventas zurück, die Göttin der Jugend und des Mutes.
- Politisches Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit.
- Das „Botschafter_innen-Netzwerk“, eine Diskussionsplattform für junge Menschen zur Asylpolitik.[12]
Einsatz auf dem Mittelmeer
Die Situation auf dem zentralen Mittelmeer hatte sich ab 2016 nach der Schließung der Balkanroute und dem EU-Türkei-Abkommen verschärft. Flüchtende nutzten nun vermehrt die Route von Libyen nach Italien, die als gefährlichste Fluchtroute der Welt gilt. Im Jahr 2016 starben dort etwa 5000 Menschen.[13][14]
Forscher der University of London widersprachen 2017 dem Frontex-Vorwurf, das Rettungsangebot der NGOs sei ein „Pull-Faktor“: Die NGO-Flotte antwortete auf verändertes Schmugglerverhalten, das durch die Anti-Schmuggeloperation (der EU) ausgelöst wurde (…). […] Während das Vorgehen der SAR-NGOs unabsichtlich dazu beigetragen haben könnte, die Veränderung im Schmugglerverhalten zu verfestigen, gebe es bisher keinen Beweis für eine kriminelle Zusammenarbeit mit den Schmugglern (…)[15]
Verhaltenskodex der italienischen Regierung
Bei einer Anhörung vor dem italienischen Parlament am 10. Mai 2017 wies Jugend Rettet Vorwürfe einer Zusammenarbeit mit Schleusern zurück.[16]
Im August 2017 lehnte der Verein es – ebenso wie weitere Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Sea-Watch – ab, den Verhaltenskodex der italienischen Regierung zur Regulierung ihrer Tätigkeit auf See zu unterzeichnen.[17] Die Organisationen begründen dies mit teilweise völkerrechtswidrigen Passagen.[18] Zudem sollte der Kodex die Anwesenheit bewaffneter Beamter der italienischen Behörden an Bord der NGO-Schiffe beinhalten. Dies wurde abgelehnt, da damit die Neutralität der Nichtregierungsorganisationen nicht mehr gewährleistet wäre.[19]
Beschlagnahme der Iuventa und Strafverfahren
Anfang August 2017 wurde die Iuventa im Hafen von Lampedusa präventiv beschlagnahmt; die Staatsanwaltschaft Trapani ermittelte gegen zehn ehemalige Besatzungsmitglieder wegen des Verdachts der Beihilfe zur unerlaubten Einreise.[20] Die Aussagen eines maßgeblichen Belastungszeugen wiesen erhebliche Widersprüche auf. Im Interview gab er später zu, dass von ihm geschilderte Vorgänge so nicht stattgefunden hatten.[21] Am 23. April 2018 bestätigte die Corte Suprema di Cassazione die Rechtmäßigkeit der Beschlagnahme.[22] Ab Mai 2022 fand vor dem Gericht in Trapani die Vorverhandlung statt. Am 19. April 2024 stellte das Gericht das Strafverfahren auf Antrag der Staatsanwaltschaft ein. Die Iuventa-Crew forderte danach in einer Stellungnahme die staatliche Kriminalisierung der Seenotrettung zu beenden.[23] Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und das ECCHR bezeichneten das Verfahren als das längste und umfangreichste gegen zivile Seenotrettung in Europa.[24][25]
Forensic Architecture hat eine dreidimensionale Simulation auf der Basis veröffentlichter staatsanwaltschaftlicher Dokumente und allgemein zugänglicher Informationen geschaffen, die die Vorwürfe entkräfteten. Diese wurde 2018 auf der Manifesta 12 in Palermo als Juventa Case gezeigt, um jenseits der Fernsehbilder und Gerichtssäle eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.[26]
Siehe auch:
Auszeichnungen
- 2019 Paul-Grüninger-Preis an die Crew der Iuventa für die Rettung von etwa 14.000 Menschen im Mittelmeer[27]
Film
- Dokumentarfilm Iuventa, Regie Michele Cinque, 2018, 86 Minuten[28]
- Spielfilm "23 000 Leben", Netflix, 2026, 114 Minuten
Weblinks
- Vereinswebsite: iuventa-case.org
- Raphael Thelen: „Noch zu retten?“ Multimediale Reportage bei Zeit Online vom 26. Oktober 2016
- Europamagazin (ARD): „Italien/Libyen: 'Jugend Rettet-Schiff' auf erfolgreicher Mission ( vom 3. August 2017 im Internet Archive)“ TV-Beitrag vom 25. September 2016