Julia Nicol
südafrikanische LGBT+-Aktivistin und Bibliothekarin
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Julia Nicol (* 1956 in Johannesburg; † 3. April 2019) war eine südafrikanische Aktivistin. Sie unterstützte den Aufbau mehrerer Organisationen, die sich für die schwul-lesbische Gemeinschaft des Landes einsetzten. Die bekannteste war die Organisation of Lesbian and Gay Activists, kurz OLGA. Sie hatte mit dem Kampf gegen das Apartheidssystem einen weiteren Schwerpunkt. Der OLGA gelang es nach anfänglichen Schwierigkeiten, durch Nicols intersektionale Methoden zu einem respektierten Teil der Anti-Apartheid-Bewegung zu werden.
Nicols Bündnis brachte den African National Congress dazu, das Verbot von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung in seinen Entwurf für eine neue Landesverfassung aufzunehmen. Diese wurde einige Jahre später verabschiedet und enthielt eine entsprechende Bestimmung. Daher gilt Nicols Tätigkeit als wichtiger Teil der queeren Geschichte sowie frühes Beispiel von LGBT-Aktivismus in Südafrika.
Frühe Jahre
Über Nicols Jugend finden sich nur wenige öffentliche Informationen. Sie studierte an der Universität Kapstadt[1.1] BID-Wissenschaften,[2] und war dann als Bibliothekarin tätig.[3]
Karriere
LILACS
Anfang der 1980er Jahre betätigte sich Nicol erstmals aktivistisch. Sie gründete mit anderen Frauen die unter dem Akronym LILACS firmierende Lesbians in Love and Compromising Situations (deutsch etwa „Lesben in Beziehungen und kompromittierenden Lagen“), die landesweit erste Interessenvertretung für lesbische Feministinnen. Wegen interner Differenzen wurde die LILACS 1985 wieder aufgelöst, da einige Mitglieder ernsthafte Diskussionen führen wollten, während andere lockere Begegnungen mit anderen Lesben bevorzugten und – wenngleich sie die Ziele der Feministinnen begrüßten – die Bezeichnung für sich selbst ablehnten.[2]
OLGA
Nach dem Ende von LILACS entschied sich Nicol, der Westkap-Zweigstelle der Gay Assocation of South Africa (GASA), eines nationalen Homosexuellen-Bündnisses, beizutreten. Sie lernte dadurch Sheila Lapinsky kennen, eine Vorsitzende der Organisation, mit der sie eine Liebesbeziehung einging. Beide störten sich im Laufe der Jahre zunehmend am ihrer Ansicht nach ignoranten Verhalten der GASA in Bezug auf die gesellschaftlichen Herausforderungen von Lesben sowie die Apartheid. 1986 gründete Nicol daher mit Gleichgesinnten die Lesbians and Gays Against Oppression (LAGO),[4.1] als deren Anführerinnen sie und Lapinsky galten.[5] Im darauffolgenden Jahr wurde die LAGO zur thematisch identischen Organisation of Gay and Lesbian Activists (OLGA) umstrukturiert. In einem Interview erläuterte Nicol nähere Hintergründe zur Entstehung der Initiative, die als „offen homosexuelle Präsenz innerhalb des Kampfes gegen den Rassismus in und für eine Demokratisierung von Südafrika“ konzipiert worden sei. Ihre Mitglieder hätten sich nicht nur öffentlich gegen das Apartheidsystem aussprechen, sondern auch angesichts der weitverbreiteten Homophobie innerhalb der anderen politischen Bewegungen eine „Brücke zwischen den verschiedenen Gruppierungen schlagen“ wollen.[6]
Nicol betrieb in der Tat intersektionalen Aktivismus, beispielsweise indem sie in der Zeitschrift Exit, deren Zielgruppe Homosexuelle waren, die Stimmabgabe für Parteien, die die „rassistische Repression von 24 Millionen Bürgern“ unterstützten, als „moralischen Skandal“ bezeichnete.[7] Die Anti-Apartheid-Bewegung begegnete laut Nicol der OLGA indes zunächst mit Skepsis. Manche Personen aus der politischen Linken hätten ihr vorgeworfen, den Kampf gegen die Rassentrennung für eigene politische Interessen zu „kapern“. Dennoch gelang es OLGA unter der Leitung von Nicol und Lapinsky am Ende des Jahrzehnts allmählich, sich durch verschiedene Strategien innerhalb der Bewegung zu etablieren. Eine war ihr Einsatz für den bekannten homosexuellen, schwarzen Aktivisten Simon Nkoli, der 1988 nach einer mehrjährigen Haftstrafe freikam[8] und fortan mit Nicol zusammenarbeitete.[9] Im Februar 1990 besuchte sie gemeinsam mit anderen Aktivisten in Kapstadt die Willkommensparade für Nelson Mandela.[6]
Während des politischen Vorbereitungsprozesses zur Beendigung der Apartheid setzte Nicol ihren Aktivismus fort. 1991 resümierte sie in einem für die südafrikanische Fachpublikation Agenda: Empowering Women for Gender Equity verfassten Artikel die Arbeit der OLGA. Als deren Hauptziele nannte Nicol erneut die Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung von Homosexuellen sowie das allgemeine Engagement gegen Diskriminierung. Daneben beschrieb sie die Kooperation mit der Partei African National Congress (ANC), die einen Entwurf für eine neue Verfassung ausarbeitete. Die OLGA-Aktivisten konnten den ANC überzeugen, darin ein Diskriminierungsverbot aufgrund der sexuellen Orientierung aufzunehmen. Jedoch berichtete Nicol auch über negative Aspekte der Vereinigung, hauptsächlich deren niedrigen Frauenanteil. Sie sah als Hauptursache die Präferenz vieler Aktivistinnen von rein weiblichen Gruppen. Auch sei es bei Treffen, auf denen die gegenseitige Wahrnehmung der beiden Gruppen analysiert werden sollte, wegen wechselseitiger Verallgemeinerungen zu Spannungen zwischen schwulen und lesbischen Mitgliedern gekommen.[10]
Im Dezember 1993, nachdem in Kapstadt die erste Pride parade stattgefunden hatte, deren Organisatoren Nicol mit selbstgemachten Plakaten aushalf,[4.2] arrangierte sie ein Treffen zwischen Vertretern queerer Organisationen, bei dem die Teilnehmenden eine „Charta für die Rechte Bisexueller, Lesben und Schwuler“ ausarbeiteten. Das war die letzte Zusammenkunft der OLGA, die sich im folgenden Jahr auflöste.[1.2] Eine offizielle Ankündigung oder Begründung erfolgte nicht.[6] Ebenfalls 1994 erhielt Südafrika eine Interimsverfassung, die das rechtliche Ende nicht nur des Apartheidsystems, sondern auch der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung bedeutete.[11] Nicol behauptete später, dass OLGA zwar durchaus einen Anteil an der Aufnahme letzterer Klausel hatte, sich das Ausmaß ihres Einflusses aber aufgrund der vielen daran beteiligten Akteure inner- und außerhalb Südafrikas nur schwer beurteilen lasse.[12.1]
Spätere Jahre
Mit dem ehemaligen OLGA-Mitglied Derrick Fine stellte Nicol für das 1995 von Edwin Cameron und Mark Gevisser herausgegebene Sachbuch Defiant Desire über den Alltag von südafrikanischen Schwulen und Lesben eine Chronologie ihrer Erfahrungen in der Anti-Apartheid-Bewegung zusammen.[13] Eines der dort behandelten Themen waren die widersprüchlichen Ansichten innerhalb des ANC zu Homosexualität.[14]
Aufgrund nicht näher bekannter gesundheitlicher Probleme gab Nicol 1997 ihren Beruf auf.[1.1] Trotz ihres anhaltend schlechten Gesundheitszustands setzte sie sich weiterhin für die queere Gemeinde ihres Heimatlands ein, wenn auch in einem im Vergleich zur Vergangenheit stark eingeschränkten Rahmen. Nicol verfasste zu zahlreichen privaten Fotos, die ihren Aktivismus in Kapstadt dokumentierten, detaillierte Beschreibungen und tauschte sich von 1999 bis 2004 hauptsächlich per Brief mit Anthony Manion aus. Er war zum damaligen Zeitpunkt Mitarbeiter der Organisation Gay and Lesbian Memory in Action (GALA), die sich der Archivierung der queeren Geschichte des Landes widmet.[15] Auf diese Weise entstand ein ausführliches Interview über die OLGA, das in dem 2005 veröffentlichten Sachbuch Sex and Politics in South Africa abgedruckt wurde.[12.2]
Nicol überließ der GALA neben den Fotografien samt Anmerkungen weitere persönliche Gegenstände, darunter Broschüren, Flugblätter sowie organisatorische Unterlagen der LAGO und OLGA. Die Sammlung widmete sie der „isolierten lesbischen und schwulen Jugend“ des Landes. Nach der Zusammenstellung der Materialien zog sich Nicol weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Sie starb am 3. April 2019.[15]
Würdigungen
In ihrem Newsletter von März 2003 veröffentlichte die GALA Kopien einiger der von Nicol an sie gespendeten Fotos. Die Initiative benannte die Kollektion nach ihr und behauptete, dass die „akribisch“ kommentierten Bilder eine „wunderbare visuelle Aufzeichnung“ der lesbisch-schwulen Bewegung im Kapstadt der späten 1980er beziehungsweise frühen 1990er Jahre darstellten.[2]
Die South African History Online bezeichnete in einem Nachruf Nicols Rolle innerhalb der frühen LGBT-Bewegung Südafrikas als „wesentlich“. Sie und Lapinsky hätten „maßgeblich“ dazu beigetragen, dass die Belange queerer Personen sowohl von der Freiheitsbewegung beachtet als auch in die ANC-Agenda aufgenommen wurden. Des Weiteren sei Nicol am „höchst einflussreichen“ Vorschlag an die Partei, die Rechte Homosexueller anzuerkennen und per Verfassung schützen zu lassen, beteiligt gewesen. Letztlich hinterlasse sie einen lebenslangen LGBT-Aktivismus, der sich für die Verfassungsrechte der Gemeinschaft als „grundlegend“ herausgestellt habe.[16] Zudem nahm das Projekt Nicol unter anderem neben Zanele Muholi und Eudy Simelane in eine Liste bedeutender südafrikanischer Personen, die sie sich für die queere Gemeinde des Landes engagiert haben, auf.[17]
Edwin Cameron äußerte sich in einem Online-Beitrag der GALA über Nicols Wirken. Er nannte ihren Einsatz angesichts ihrer privaten Präferenz für Zurückgezogenheit „umso intensiver, ergreifender und kostbarer“. Sie sei ein „kluges, einfühlsames und respektiertes“ Mitglied der LGBT-Gruppen Kapstadts sowie im Angesicht deren häufiger Meinungsverschiedenheiten eine „versöhnliche Konstante“ gewesen. Die südafrikanische queere Aktivistin Phumi Mtetwa würdigte Nicol in einem Facebook-Beitrag als eine von vielen Mitstreiterinnen, die „weder gebührend anerkannt noch gefeiert“ worden seien. Sie habe ihr Wissen an nachfolgende Aktivisten weitergegeben, indem sie mit ihnen „stets herzlich, ermunternd und wissbegierig“ wichtige Informationen über Strategien zur Umsetzung ihrer Forderungen teilte. Nicol sei nur ein Beispiel von Aktivistinnen ihrer Generation, die einen wichtigen Weg ebneten, weswegen die Jüngeren vor der großen Aufgabe stünden, diese Beiträge nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.[15]