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Julie Wassermann-Speyer

österreichische Schriftstellerin und Übersetzerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Julie Wassermann-Speyer, geborene Julie Else Speyer, (geb. 5. Dezember 1876 in Wien; gest. April 1963 in Zürich) war eine österreichische Schriftstellerin.

Leben

Julie Speyer wurde in die wohlhabende, großbürgerliche Wiener Familie von Nanette, geb. Wallach, und Albert Speyer geboren. Der Vater war Textilfabrikant, kaiserlicher Rat[1.1] und erster jüdischer Laienrichter in Wien. Im Elternhaus gingen Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler ein und aus, wie Wassermann-Speyer selbst berichtet.[2.1] Sie hatte einen Bruder und fünf Schwestern[1.1], eine war die Malerin, Graphikerin und Bildhauerin Agnes Speyer, verheiratete Ulmann[3].

1899 lernte Julie Speyer den aus Fürth stammenden deutsch-jüdischen Schriftsteller Jakob Wassermann kennen, den sie im Januar 1901 heiratete. Beide reisten anschließend für mehrere Monate nach Italien und in die Schweiz, wo sie Schnitzler und den Verleger Samuel Fischer trafen.[4.1] Das Paar hatte vier Kinder, die zwischen 1901 und 1915 geboren wurden. Die nicht unerhebliche Mitgift, die Julie Speyer mit in die Ehe brachte, ermöglichte der Familie ein angenehmes Leben.[2.2]

Anfangs wohnte die Familie mit Hausangestellten zur Miete im Wiener Bezirk Hietzing.[1.2] 1915 bezog sie ein neues Haus in Grinzing bei Wien, das von Verehrern Wassermanns finanziert wurde.[4.2] Das L-förmige Haus mit Terrassenhof wurde von den Wiener Architekten Oskar Strnad und Oskar Wlach entworfen.[5]

Bereits 1910 gründete Julie Wassermann-Speyer ein Landerziehungsheim für Jungen in Grinzing.[6] In ihrer Schrift Verteidigung gegen die Anklagen der Ganna-Legende beschreibt Wassermann-Speyer, dass es ihr bei der Schule darum ging, eine moderne Erziehung nach englischem und deutschen Vorbild zu ermöglichen, aber auch um die Vermehrung des Vermögens. Letzteres misslang allerdings.[2.3]

1919 trennte sich Wassermann von seiner Frau und zog mit seiner neuen Partnerin Marta Karlweis in das österreichische Altaussee, das er mit seiner Familie seit Jahren im Sommer besuchte und das Treffpunkt der Jung-Wiener Literaten war.[1.1]

Wie aus Briefen hervorgeht, hatte Julie Wassermann-Speyer ab 1926 für drei Jahre eine Stelle als Redakteurin inne.[7] Schnitzler erwähnt, dass Julie Wassermann-Speyer Essays schreibt und Übersetzungen anfertigt.[1.3]

Julie Wassermann-Speyer wollte ihre Ehe aufrecht erhalten und zögerte die von ihrem Mann gewünschte Scheidung durch zahlreiche Prozesse, bei denen es überwiegend um Unterhaltsfragen ging, hinaus. Nach der Scheidung 1926 wohnte Wassermann-Speyer mit ihren vier Kindern weiter in der Villa in Grinzing, die sie allerdings teilweise vermieten musste.[2.4]

Bereits 1932 im Versuch meiner Entmündigung und 1937 in Verteidigung gegen die Anklagen der Ganna-Legende rechtfertigte Julie Wassermann-Speyer ihre juristischen Schritte gegen Jakob Wassermann und widmete den Umständen der Scheidung, ihrer Vorschichte und der finanziellen Situation viele Kapitel.

In dem Roman Joseph Kerkhovens dritte Existenz, posthum 1934 erschienen, verarbeitete Jakob Wassermann seine Ehe und rechnete mit Julie und deren Scheidungsstreitigkeiten ab.[8] Nach Wassermanns Tod im Januar 1934 zerstritten sich seine Erben, zu denen auch Julie Wassermann-Speyer und ihre vier Kinder gehörten, so dass sowohl die Häuser in Wien als auch in Altaussee 1935 zwangsversteigert wurden.[9]

1937 emigrierte Wassermann-Speyer in die Schweiz. Dort arbeitete sie für die Basler Nachrichten, die National-Zeitung in Basel und für das St. Galler Tagblatt.[10]

Werk

1909 veröffentlichte Julie Wassermann-Speyer die biografische Studie Flaubert. Ein Selbstporträt nach seinen Briefen. 1910 folgte Die Antwortenden. Briefe der Unbekannten an den Landsturmleutnant. Zum 50. Geburtstag von Jakob Wassermann folgte 1923 Jakob Wassermann und sein Werk, eine kritisch-biographische Würdigung.

1927 erschien ihr erster Roman Das lebendige Herz. Roman einer Ehe, in dem sie stark autobiografisch das Auseinanderleben eines Ehepaares bis zur Trennung beschreibt, aber durch einen versöhnliches Ende der Hoffnung der Schriftstellerin auf ein Fortbestehen ihrer Ehe Ausdruck verleiht.[11][12] Mit Der Untergang einer Bürgerin folgte 1932 geschriebene zweite Roman, erneut ein Bekenntnis zur Institution der Ehe. Er ist vollständig im ersten und einzigen Band des Manto-Magazins erschienen, das die Schriftstellerin zusammen mit Maria Stona herausgegeben hat. Ebenfalls 1932 veröffentlichte Julie Speyer-Wassermann Versuch meiner Entmündigung. Eine Verteidigungsschrift nach Dokumenten im Selbstverlag in Wien.

Briefe von Wassermann an seine Frau konnten nach 1933 nicht mehr bei deutschen Verlagen erscheinen. Sie wurden 1935 in London von Victor Grubwieser mit biografischen Notizen von Julie Wassermann-Speyer publiziert. 1940 dann gab sie mit Unterstützung ihres Sohnes Georg Wassermanns Briefe an sich unter dem Titel Briefe an seine Braut und Gattin Julie. 1900–1929 in Basel heraus.

Werke

  • Flaubert. Ein Selbstporträt nach seinen Briefen, Oesterheld, Berlin 1907.
  • Kaspar Hauser. Verlag der Zukunft, Berlin 1907.
  • Die Antwortenden. Briefe der Unbekannten an den Landsturmleutnant, 1910
  • Jakob Wassermann und sein Werk, Deutsch-Österreichischer Verlag, Wien, Leipzig 1923.
  • Das lebendige Herz. Roman einer Ehe. Bücherlese-Verlag, Leipzig 1927.
  • Der Untergang einer Bürgerin. Roman. Grünfeld, Wien 1932. (als Hauptteil im Manto-Magazin. Mit Beiträgen zur Chiromantik, Astrologie u. Graphologie. Jahoda & Siegel, Wien 1932.)
  • Versuch meiner Entmündigung. Eine Verteidigungsschrift nach Dokumenten. Selbstverlag, Wien 1932.
  • Verteidigung gegen die Anklagen der Ganna-Legende, H. Roth, Zürich 1937. (ein Kapitel zur Scheidung; Buch nur in Marbach)

Briefeditionen

  • Victor Grubwieser (Hrsg.): The letters of Jakob Wassermann to Frau Julie Wassermann. With biographical notes by Frau Julie Wassermann. Übersetzt von Phyllis and Trevor Blewitt. G. Allen & Unwin, London 1935.
  • Briefe an seine Braut und Gattin Julie. 1900–1929, Verlag "Bücherfreunde", Basel 1940.

Einzelnachweise

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