Junger König aus einer Anbetung der Heiligen Drei Könige

Statuette im Museum Schnütgen, Köln From Wikipedia, the free encyclopedia

Der junge König aus einer Anbetung der Heiligen Drei Könige ist eine kleine, farbige Holzstatuette im Kölner Museum Schnütgen, deren Herstellung um das Jahr 1500 datiert wird. Er gehört zu einer Gruppe von „puppenhaft kleinen“ Figuren, die einer gemeinsamen Kölner Werkstatt zugeordnet werden.

Die im Text beschriebene Figur, frontal fotografiert, so dass sie Betrachtenden direkt in die Augen schaut
Der junge König im Museum Schnütgen (A1114, 2026)

Beschreibung und Ikonographie

Die Figur stellt einen Knaben oder einen jungen Mann in höfischer Kleidung dar: Er trägt eine knielange goldene Tunika, einen goldgesäumten blauen Mantelumhang, dessen Unterkante hinten länger und abgeschrägt verläuft, dazu rote Beinlinge und schwarzes Schuhwerk. In der rechten Hand hält er einen goldenen Deckelpokal, mutmaßlich seine Gabe für das Jesuskind. Die Lindenholzfigur ist 15,4 × 4,6 × 3,7 Zentimeter groß und in alter Farbfassung erhalten.

Der junge König trägt sein helles Haar schulterlang und unten gebauscht, und sein „porzellanartiges“ Gesicht hat eine hohe Stirn. Zentral auf der Brust befindet sich ein kleines Loch, in dem sich einmal ein winziges Schmuckstück befunden haben könnte. Seine Körperhaltung ist „kerzengerade“, die beiden Hände sind fast auf derselben Höhe vor dem Körper, die Finger der  leeren  linken Hand sind eingebogen, als ob sie einmal einen Stab oder Zepter gehalten hätten. Der rechte Fuß ist zurückgesetzt und steht quer zum nach vorne gesetzten linken.

Die Heiligen Drei Könige werden oft als Repräsentanten dreier Lebensalter und Kontinente dargestellt. Dass der junge König hier keine Krone trägt, passt zur Datierung um 1500 – ab etwa Mitte des 15. Jahrhunderts stellte man die Gruppe eher nicht mehr bekrönt dar. Dass er weiß ist, gleicht einer Darstellung am Altar der Stadtpatrone von Stefan Lochner aus den 1440er Jahren: In der Regel war der junge König in zeitgenössischen Darstellungen dunkelhäutig, um ihn als Vertreter Afrikas zu kennzeichnen. Dass es sich generell um einen König und nicht etwa um einen Diener in einer Anbetung handelt, ist eine kunsthistorische Interpretation, die aufgrund der Größe der Statuette von einer eher kleiner angelegten Szene  ohne Diener  ausgeht.

Werkstatt der Muttergottes mit der Koralle und Datierung der Gruppe

Gemäldedetail mit mindestens 7 Frauen, eine bekrönte Heilige rechts, links davon mehrere junge Frauen, die in verschiedene Richtung schauen und unterschiedliche Kleidung tragen. eine davon trägt einen goldgesäumten grünen überwurf
Detail aus Stefan Lochners Altar der Stadtpatrone (Dombild)

Das namensgebende Objekt aus der Werkstatt, zu dem der König gehört, ist die Muttergottes mit der Koralle, die noch aus der Sammlung Alexander Schnütgens an das Kölner Museum kam. Bei ihr finden sich die gleiche hohe Stirn, „puppenhafte“ Gesichtszüge sowie eine Korallenperle als Schmuckstück mitten auf der Brust. Ähnliches gilt auch für die 1965 erworbene Muttergottes im Strahlenkranz. Charakteristisch für diese Figuren ist weniger ihre körperliche Ausprägung als die reichhaltige Bemalung, die auch die Gesichtszüge formt, sowie zusätzliche Applikationen. Ihre Gesichtszüge ähneln denen in Gemälden von Stefan Lochner; im Typus sind die Statuetten mit seriell gefertigten Figürchen vergleichbar, die in der gleichen Zeit in Mechelen für den Export hergestellt wurden, den sogenannten Poupées de Malines (Mechelner Puppen).[1]

In verschiedenen Publikationen seit 1910 werden immer wieder einzelne Plastiken als verwandt oder derselben Werkstatt entstammend beschrieben. Eine von Wilhelm von Bode in seiner Geschichte der deutschen Plastik 1885 beschriebene Madonna mit Kind bildet dabei den Ausgangspunkt. In seinem Katalog ist die im Zweiten Weltkrieg verbrannte Figur eine der wenigen, die als Farbtafel reproduziert wurden.[2] Wilhelm Vöge (1910) und Ernst Friedrich Bange (1930) brachten diese Figur in Zusammenhang mit der Korallen-Muttergottes im Museum Schnütgen sowie einer bereits damals nur fragmentarisch als Büste erhaltenen Heiligenfigur aus der Sammlung von Albert Figdor.[3][4][5]

Peter Bloch, Leiter der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, ordnete der kleinen Gruppe 1963 eine weitere Berliner Marienstatuette (SKG 8074) hinzu und brachte sie auch mit einer Anna-selbdritt-Gruppe – dem Annenaltärchen  im Suermondt-Ludwig-Museum in Verbindung.

Jedoch verlegte Bloch die Entstehungszeit der ganzen Gruppe mit großer Überzeugungskraft und aufgrund von „bedenklichen Beobachtungen“ – falscher Formensprache, vermeintlich fehlenden älteren Fassungen und fehlendem Wurmfraß –  in das 19. Jahrhundert. Die Figuren seien zwar insofern „falsch“, als sie lange Zeit als Werke einer anderen Epoche gegolten hätten, seien aber keine Fälschungen, sondern „einfühlsame Wiederbelebungen gotischer Formen im Sinne einer »romantischen Bildnerei«“, die sich an Arbeiten von Stefan Lochner orientiert hätten.[2] Als spätestmöglichen Entstehungszeitpunkt definiert er den Erwerb der Berliner Madonna (SKG 420) für die Königliche Kunstkammer im Jahr 1853. Diese Datierung galt damit bis ans Ende des 20. Jahrhunderts als gesetzt. Ernst Günther Grimme ordnete 1977 mit einem St. Quirinus (SK 178) im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum den ersten männlichen Heiligen der Gruppe zu und schloss sich ebenfalls der Datierung ins 19. Jahrhundert an.[6]

Erst ab 1997 konnten Reinhard Karrenbrock und die Restauratorin Patricia Langen mit stilistischen und technologischen Untersuchungen nachweisen, dass die ursprüngliche Datierung der Gruppe um 1500 doch korrekt ist. Karrenbrock ordnete neben einem bis dahin nach Mechelen verorteten Marienfigürchen im Maastrichter Bonnefantenmuseum auch einige größere Skulpturen der Kölner Werkstatt zu, unter anderem eine Anna-selbdritt-Gruppe aus einer Kölner Kirche sowie eine Hl. Barbara im Germanischen Nationalmuseum. Die Ähnlichkeiten vor allem der Köpfe in diesem erweiterten Kontext ließen auf einen „gemeinsamen Werkstatthintergrund“ schließen, so dass die kleineren Figuren ebenfalls in dieser Zeit entstanden sein müssten.[10][11] Eine Radiokarbonuntersuchung 2001 bei den beiden Schnütgen-Madonnen stützte diese Neubewertung auch naturwissenschaftlich.[12]

Der junge König wiederum wurde erst 2017 in einem Gutachten von Serenella Castri der Gruppe stilistisch zugeordnet, als er im italienischen Kunsthandel angeboten wurde.[1]

Provenienz

Die Herkunft des Königs ist etwa seit den späten 1930er Jahren dokumentiert. Als Provenienz wurde bei seinem letzten Eigentümerwechsel für die Zeit von vor 1938 bis 1950 „Kunsthandel Ruth und Leopold Blumka, Wien-New York“ angegeben.[13] Leopold Blumka (1897–1973) hatte in der Wiener Innenstadt eine Kunst- und Antiquitätenhandlung betrieben und nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland seine Heimat verlassen müssen. Blumka kam zunächst in der Schweiz unter und emigrierte 1941 in die Vereinigten Staaten, wo er seine Kunsthandlung in New York neu eröffnete. Ruth Blumka (geb. Zickel, 1920–1994) war die Tochter des Galeristen Fritz Zickel und emigrierte 1939 aus München. Sie arbeitete zunächst in Blumka Gallery und heiratete später Leopold Blumka.[14][15]

Von der Blumka Gallery erwarb das in Los Angeles lebende Sammlerpaar Varya und Hans Cohn die Statuette im Jahr 1950; in einem Katalog der Privatsammlung erschien sie 1991 als „Magus“.[16] Die Cohns starben 1994/1995 und vermachten einen Teil ihrer Sammlung verschiedenen Museen in Los Angeles.[17] Der junge König geriet allerdings zu einem unbekannten Zeitpunkt nach 1991 in eine Privatsammlung in Mailand[13] und wurde am 28. Oktober 2016 beim Auktionshaus Farsettiarte in Prato (Italien) als „Heiliger König mit Weihrauchschale, Rheinische Schule, ca. 1440“ mit einem Schätzpreis von rund 4000 Euro zur Versteigerung gebracht.[18]

Drei kleine Skulpturen vor einer Steinwand, zwei Madonnen, und rechts der deutlich kleinere, knabenhafte König
Die Dreiergruppe im Museum Schnütgen (2026)

Im Handbuch zur Sammlung des Museums Schnütgen erwähnte dessen Direktor Moritz Woelk ihn 2018 wie folgt:

„Sicherlich ebenfalls zu der Gruppe [der oben beschriebenen Skulpturen] gehört laut Gutachten von Serenella Castri 2017 eine im Kunsthandel Cesati, Mailand, 2018 angebotene Statuette eines der Hl. Drei Könige, eine interessante Erweiterung des Themenspektrums dieser Werkstatt.“

Im Jahr darauf konnte das Kölner Museum die Statuette in der Kunsthandlung Descheemaeker in Antwerpen als Koning (König) Balthasar erwerben, womit seitdem drei der Figuren aus der Gruppe aus der Werkstatt der Muttergottes mit der Koralle gemeinsam gezeigt werden können (Stand 2026).

Literatur

  • Moritz Woelk: Jahresbericht Museum Schnütgen 2016–2022. Mit einem Katalog der Neuerwerbungen. Hrsg.: Museum Schnütgen. 2024, S. 108109.
  • By judgement of the eye: the Varya and Hans Cohn collection. Hans Cohn, Los Angeles 1991, ISBN 0-9629891-0-X, S. 216–217.

Einzelnachweise

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