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Jörn Janssen

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Jörn Janssen (* 1935 in Düsseldorf)[1] ist ein deutscher Architekt, Hochschullehrer, Stadtforscher und Architekturwissenschaftler. Er war eine prägende Figur der politisierten Architektur- und Stadtplanungsdebatten in der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz während der 1960er bis 1990er Jahre. Janssens Werk verbindet marxistisch inspirierte Gesellschaftskritik mit praktischen Ansätzen zur Überwindung kapitalistischer Stadtstrukturen. Neben seiner Arbeit zu Stadtentwicklung und Wohnungsbau forschte er zur historischen Entwicklung von Lohnarbeit und Arbeitsteilung, insbesondere im Kontext der industriellen Revolution und ihrer Auswirkungen auf urbane Räume.

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Leben und Wirken

Janssen legte 1952 das Abitur ab und studierte von 1954 bis 1957 er Architektur in München. 1973 wurde er an der Universität Bremen zum Dr. rer. pol. in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit der Arbeit Bauwissenschaft unter dem Widerspruch von Markt und Planung mit magna cum laude promoviert.[2]

Von 1964 bis 1965 war er in der Redaktion der avantgardistischen Kunstzeitschrift Die Sonde tätig,[3] die viermal jährlich erschien und Beiträge zur konkreten Poesie, bildenden Kunst und Musik veröffentlichte. Sein Interesse galt in den 1960er Jahren der Fluxus-Bewegung sowie der elektronischen Musik. Ihn verbanden enge Freundschaften mit den Komponisten Mauricio Kagel und Gottfried Michael Koenig, dem Medienkünstler Nam June Paik, dem Experimentalfilmer Lutz Mommartz, dem Bildhauer und Konzeptkünstler Reiner Ruthenbeck, dem Soziologen Lucius Burckhardt und dem Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski.

Als selbständiger Architekt war Janssen von 1957 bis 1969 Partner des Planungsbüros Fuhrmann in Düsseldorf-Oberkassel, wo er vorwiegend Projekte im Wohnungsbau realisierte. Sein bedeutendstes Projekt dieser Phase war die Planung, statische Berechnung (insbesondere des Dachs) und Bauleitung der Gewerbeschule Centre de Formation Féminine Artisanale de Haute-Volta in Ouagadougou im heutigen Burkina Faso (1964–1969). Das Gebäude wurde im Auftrag der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) für die Ordensgemeinschaft Soeurs Blanches errichtet. Ein besonderer Fokus lag auf der Anpassung an die lokalen klimatischen Bedingungen, wobei traditionelle Bauverfahren und nachhaltige, lokale Materialien eingesetzt wurden. Das Gebäude ist bis heute in Nutzung und intakt.[4]

Janssen hatte Lehraufträge und Professuren[5] an der Technische Universität Berlin (1968/69 am Lehrstuhl von Oswald Mathias Ungers) und an der ETH Zürich (1970/71) inne. Von 1971 bis 1997 lehrte er als Professor für Bauökonomie an der Fachhochschule Dortmund. 2014 hielt Janssen eine der Keynotes beim 1. Forum Architekturwissenschaften an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin, das unter dem Titel Produktionsbedingungen der Architektur – Zwischen Autonomie und Heteronomie stand.[6]

Von 1982 bis 1985 verbrachte Janssen Forschungssemester in London, von 1981 bis 1996 nahm er an der Bartlett International Summer School on the Production of the Built Environment (Bartlett School of Architecture) teil.[7]

Seit 1997 lebt er in London, wo er seine Forschung zu den Ursprüngen der Lohnarbeit und der Eigentumsverhältnisse in England ab dem 14. Jahrhundert fortsetzt.

Beiträge und Einfluss

Janssen in den 1960er und 1970er Jahren war maßgeblich an der Politisierung der Architekturtheorie in der Bundesrepublik beteiligt. Er kritisierte reformistische Ansätze und forderte eine revolutionäre Perspektive, die soziale und politische Veränderungen in den Mittelpunkt stellt. So erklärte er die Entwicklung der architektonischen Gestaltung in unmittelbarer Abhängigkeit von der Entwicklung der Bauproduktion.[8] Son nahm er zum Beispiel 1967 am Symposium „Architekturtheorie" an der TU Berlin unter Oswald Mathias Ungers teil wo er als kritischer Diskutant gängige Positionen der damaligen Architekturtheorie hinterfragte. 1968 unterstützte er die Ausstellung „Caution Architectural Theory", die als Manifest gegen die Verquickung von Architektur und Kapitalismus konzipiert war.

An der ETH Zürich leitete Janssen 1970/71 ein Seminar, das die sozioökonomischen Ursachen von Wohnungsnot und Stadtentwicklung in Zürich analysierte. Er zeigte, dass die Wohnungsfrage als politisches Problem verstanden und gelöst werden müsse, und forderte strukturelle Veränderungen in Planung und Wohnungsbau.[9][10]

Gemeinsam mit Hans G. Helms gab Janssen 1970 den Band Kapitalistischer Städtebau heraus, der als bedeutender Text der kritischen Architektur- und Stadtplanungstheorie gilt.[11] Mit zwei eigenen Beiträgen – „Sozialismus, Sozialpolitik und Wohnungsnot" (S. 49–94) sowie „Der Mythos des 20. Jahrhunderts in der Architekturtheorie der BRD" (S. 177–200) – verbindet er marxistische Theorie mit Forderungen nach sozialem Wohnungsbau.

Janssen forschte intensiv zur Entwicklung der Lohnarbeit und Arbeitsteilung in England im Kontext der industriellen Revolution. Seine Arbeiten analysieren, wie sich diese Prozesse auf die soziale Struktur, die Urbanisierung und die Stadtplanung auswirkten. Dieser Forschungsschwerpunkt verbindet seine architektonische Theorie mit historisch-materialistischen Ansätzen und zeigt die Verflechtung von Ökonomie, Arbeit und urbanem Raum auf.[12] 1993 gründete Janssen zusammen mit Jan Cremers, Generalsekretär der Europäischen Föderation der Bau- und Holzarbeiter (EFBH), und der Hochschulprofessorin Linda Clarke von der University of Westminster in London das Europäische Institut für Bauarbeitsforschung Construction Labour Research (CLR).[13] Das Netzwerk gab die Buchreihe CLR Studies heraus und koordinierte Workshops, Forschungsprojekte und jährliche Treffen auf europäischer Ebene.

Rezeption

Der 2024 im Fachjournal Fabrications (Taylor & Francis) erschienene Artikel „The politicisation of architectural education in 1960s West Germany" analysiert Janssens Rolle als Vermittler zwischen reformistischen und revolutionären Ansätzen in der westdeutschen Architekturausbildung und betont seine Bedeutung für die politisierte Architekturtheorie.[8]

Die ETH-Tagung „Wertewandel und Großwohnungsbau" (2024) würdigte Janssens Zürcher Seminar als wichtigen Impuls für kritische Auseinandersetzungen mit Wohnungsbau und Stadtentwicklung.[14]

Schriften (Auswahl)

Bücher

  • The Transformation of Wage Labour under Statutory Regulation in England (1349–1563). Brill Verlag, Brüssel 2026.
  • als Hrsg. mit Jan Cremers: Shifting Employment: undeclared labour in construction. CLR-Studies 5, CLR/International Books 2006.
  • als Hrsg mit Linda Clarke, Jan Cremers: EU Enlargement, Construction Labour Relations as a Pilot. CLR-Studies 1, Reed Business Information, Den Haag 2003.
  • als Hrsg. mit Linda Clarke, Peter de Gijsel: The Dynamics of Wage Relations in the New Europe. Kluwer Publishers, Dordrecht 2000.
  • Architektur der Arbeiterbewegung. Veröffentlichung des Lehrstuhls für Gebäudelehre und Entwerfen, Professor Paul Schütz, Universität Karlsruhe 1987.
  • mit Wolfgang Richter et al.: Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter – Veränderungstendenzen unter dem Einfluß bautechnischer Entwicklungen. Campus, Frankfurt a. M./New York 1983.
  • als Hrsg. mit Christa Cremer: Zum Verhältnis von Wissenschaft, Wissenschaftsdidaktik und Region – Hochschulen in Dortmund für Dortmunder? Hochschuldidaktische Materialien 73, Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik, Hamburg 1979.
  • mit Michael Ratz: Bodenpolitik und Bodenrechtsreform in der BRD. Pahl Rugenstein Verlag, Köln 1973.
  • mit Joachim Krausse, Joachim Schlandt: Stadtplaner & Reformgeister. Voltaire Flugschrift, Berlin 1970.
  • als Hrsg. mit Hans G. Helms: Kapitalistischer Städtebau. Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin 1970.

Beiträge in Sammelbänden

  • Architekten im Arbeitsprozess der Bauproduktion. In: Tilo Amhoff, Henrik Hilbig, Gernot Weckherlin (Hrsg.): Produktionsbedingungen der Architektur, Zwischen Autonomie und Heteronomie. Thelem Universitätsverlag, Dresden 2017.
  • Building Design: a component of the building labour process. In: Katie Lloyd Thomas, Tilo Amhoff, Nick Beech (Hrsg.): Industries of Architecture. Routledge, London/New York 2016, S. 183–198.
  • mit Linda Clarke: Wage labour relations in Britain and the Germanies (FRG/GDR) during the 1970s inflation. In: Michel-Pierre Chélini, Laurent Warlouzet (Hrsg.): Calmer les prix, l'inflation en Europe dans les années 1970. Presses de la Fondation nationale des sciences politiques, 2016, S. 391–408.
  • „Eine Kulturschande" – Female Labour in the German Construction Trades at the Beginning of the Cold War. In: Linda Clarke et al. (Hrsg.): Women in Construction. CLR-Studies, Reed Business Information, Den Haag 2004.
  • The Form of Wages or the Composition of the Wage Package. In: György Széll (Hrsg.): European Labour Relations, vol. I. Gower, Aldershot 2001, S. 45–67.
  • The transformation of wage labour and the state. In: Linda Clarke, Peter de Gijsel, Jörn Janssen (Hrsg.): The Dynamics of Wage Relations in the New Europe. Kluwer, Dordrecht 2000, S. 12–18.
  • Lohn für ein Arbeitsleben, tarifpolitische Weichenstellungen im Baugewerbe. In: Arno Klönne et al.: Hand in Hand: Bauarbeit und Gewerkschaften, eine Sozialgeschichte. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt a. M. 1989, S. 374–385.
  • Das schlechteste System aller Arbeitsformen – der Kampf gegen die Akkordarbeit im Deutschen Kaiserreich. In: ebd., S. 52–63.
  • L'organizzazione del capitale nella produzione edilizia e lo sviluppo dell'edilizia residenziale. In: Marino Folin (Hrsg.): Esiti della politica socialdemocratica della casa in Europa. Franco Angelico, Milano 1982, S. 155–168.
  • Das Baugewerbe – ein rückständiger Wirtschaftszweig? In: Wolfgang Richter (Hrsg.): Bauarbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Pahl Rugenstein Verlag, Köln 1981, S. 27–68.
  • Zur Integration der Kunst und der Künstler in Stadt und Stadtplanung. In: Ullrich Kuhirt (Hg.): Colloquium „Stadtbild – Stadtgestaltung und die Funktion der bildenden Kunst". Association Internationale des Critiques d'Art, Ostberlin 1979, S. 121–129.
  • Regionale Dezentralisierung. In: Robert Jungk et al. (Hrsg.): Enzyklopädie der Zukunft. Verlag Bernd Polke, Tübingen 1978, S. 204–212.
  • Was heißt da Nachbarschaft? In: Reimer Gronemeyer, Hans Ekkehard Bahr (Hrsg.): Nachbarschaft im Neubaublock. Beltz Verlag, Weinheim/Basel 1977, S. 73–93.
  • Arbeitsbedingungen am Bau als Bestandteil des Architekturstudiums. In: Die Stadt, Mitteilungen des Instituts für Gesellschaftspolitik in Wien, H. 21, Wien 1976, S. 87–102.
  • Bauwirtschaft und Wohnungspolitik. In: Jörg Goldberg, Heinz Jung (Red.): Wirtschaftskrise und Wirtschaftspolitik. IMSF, Frankfurt a. M. 1976, S. 177–187.
  • Jean Jaurès des Städtebaus – wider die Baugeschichte der Jäger und Sammler. In: Joachim Petsch (Hrsg.): Architektur und Städtebau des 20. Jahrhunderts, Bd. 1. VSA, Berlin 1974, S. 85–100.
  • Das Auto im Spiegel der Gesellschaftskritik. In: Klaus Honnef (Hrsg.): Verkehrskultur. Verlag Aurel Bongers, Recklinghausen 1972, S. 147–153.
  • Lernen im Konflikt. In: Autorenkollektiv an der Architekturabteilung der ETH Zürich: Göhnerswil – Wohnungsbau im Kapitalismus. Verlagsgenossenschaft, Zürich 1971, S. 225–242.
  • mit Joachim Schulte: Kritik der kybernetischen Bildungsplanungs- und -erziehungsideologie. In: Hochschuldidaktik und politische Realität. ETH Zürich, 1971, S. 30–47.
  • Der Mythos des 20. Jahrhunderts in der Architekturtheorie der BRD. In: Hans G. Helms, Jörn Janssen (Hrsg.): Kapitalistischer Städtebau. Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin 1970, S. 177–200.
  • Sozialismus, Sozialpolitik und Wohnungsnot. In: Hans G. Helms, Jörn Janssen (Hrsg.): Kapitalistischer Städtebau. Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin 1970, S. 49–94.

Einzelnachweise

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