Jürgen Hauskeller
deutscher evangelischer Theologe
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Jürgen Hauskeller (* 1937 in Meuselwitz)[1] ist ein deutscher evangelischer Theologe. Er war Jugendpfarrer in Zella-Mehlis und Gemeindepfarrer in Sondershausen und stand mit seiner konsequenten Tätigkeit in Opposition zu staatlichen Stellen der DDR. Einige seiner Vorgesetzten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen arbeiteten mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zusammen an der Zersetzung Hauskellers.
Leben
Hauskellers Vater war evangelischer Pfarrer bei Leipzig. Jürgen Hauskeller studierte in den 50er Jahren Evangelische Theologie, entschied sich in der DDR zu bleiben und trat ein Vikariat in der Nähe von Jena an.[2] Dort hatte er es mit dem „Strandgut des Sozialismus“ zu tun, mit zwangsenteigneten Bauern, später mit Wehrdienstverweigerern und Ausreiseantragstellern.[3]
Ab 1968 war er Jugendpfarrer in Zella-Mehlis und ab Anfang der 1970er Jahre hielt er mit Kollegen monatliche Jugendgottesdienste „in neuer Form“ ab. Sie wurden von 400 bis 500 Jugendlichen besucht. Er spielte mit Jugendlichen in einer Band und komponierte Lieder. Die gute Resonanz auf seine Gottesdienste aktivierte offizielle kirchliche und staatliche Stellen sowie das MfS. Sie alle versuchten von Beginn an, Hauskellers Versetzung aus Zella-Mehlis zu erreichen.
Der Staat ordnete die Absetzung der Gottesdienste von Jürgen Hauskeller an. Dieser weigerte sich jedoch. Zudem weigerte er sich, die daraufhin verhängten Bußgelder zwischen 50 und 300 Mark zu bezahlen. Er wurde mehrmals vorgeladen, verwies aber stets auf die Unabhängigkeit der Kirche in ihrem Tun. Die Kirchenleitung einschließlich des Bischofs Ingo Braecklein arbeitete ohne sein Wissen dem MfS zu. Sie zog die Bußgelder von seinem ehedem dürftigen Pfarrgehalt ab und stellte sich damit gegen Hauskeller auf die Seite des Staates. Sie forderten den Staat gar auf, hart gegen Hauskeller vorzugehen. Braecklein war Inoffizieller Mitarbeiter des MfS.[3]
Im Zuge der geheimpolizeilichen „Zersetzungsarbeit“ gelang es dem MfS, durch gezielte Aufdeckung einer außerehelichen Affäre Hauskellers Versetzung in den Wartestand zu erreichen. Auch seine damalige Ehefrau wurde durch gezielte Versendung von denunziatorischen Briefen durch das Ministerium eines außerehelichen Verhältnisses beschuldigt. Dieses hatte es jedoch nie gegeben. Die Ehe blieb bestehen, Jürgen Hauskeller wurde in den Wartestand versetzt, was das MfS noch Jahre später als eigenen Erfolg verbuchte.[3]
Im Wartestand begann Hauskeller 1975 in Sondershausen-Stockhausen wieder mit Jugendgottesdiensten, die in der gesamten nordthüringischen Region zu den am meisten Aufsehen erregenden sozialmissionarisch-gottesdienstlichen Projekten überhaupt gehörten. Die Gottesdienste prägten sowohl Kirche und Gesellschaft tief, selbst nach dem Ende der DDR.[3]
Das Verhältnis zwischen Hauskeller und dem Sondershausener Superintendenten Reinhold Adebahr wurde dadurch sehr schnell belastet. Adebahr besaß enge Kontakte zu verschiedenen staatlichen Stellen in Sondershausen und arbeitete als IM „Storch“ und „Papst“ für das MfS. Er wurde insbesondere von den Oberkirchenräten Walter Saft, Wolfram Johannes und Gerhard Lotz unterstützt, die alle ebenfalls Inoffizielle Mitarbeiter des MfS waren.
Weitere Konflikte brachte, dass Hauskeller Oskar Brüsewitz nach dessen Selbstverbrennung im August 1976 im Konvent verteidigte. Er forderte Kirche und Pfarrerschaft öffentlich zur kritischen Selbstprüfung auf und wandte sich gegen „Angsthasen“ und „Relativierer“ in der Kirche. Nach diesem Zerwürfnis erwirkte der Superintendent Adebahr die Verlängerung des Wartestands Hauskellers bis 1978. Hauskeller war nun in der Position einer unsicheren Perspektive und gekürzter Bezüge. Der Superintendent hatte ihm die Entlassung angedroht sollte er sich der kirchlichen Ordnung nicht unterwerfen.[3]
Wie aus den Akten hervorgeht, trafen der Superintendent Adebahr und der Rat des Kreises Absprachen und 1978 wurde plötzlich ein kirchliches Amtszuchtverfahren gegen Hauskeller eröffnet, mit dem Ziel, ihn ganz aus dem Dienst zu entfernen. Die Initiative ging von Adebahr aus, der mit dem MfS zusammenarbeitete. Hauskeller vermutete dies bereits und teilte das später auch Landesbischof Werner Leich mit. Hauptgegenstand des kirchlichen Disziplinarverfahrens war Hauskellers vermeintlich „häretische“ Abendmahlslehre, denn in den Jugendgottesdiensten wurde das Abendmahl auch mit Ungetauften gefeiert. Das Verfahren wendete sich nach einer zehnstündigen Verhandlung plötzlich zu seinen Gunsten. Es war von Oberkirchenrat Friedrich Vogel geführt worden. Jürgen Hauskeller wurde wieder in den aktiven Dienst als Pastor eingesetzt, aber der politische Konflikt mit dem Superintendenten setzte sich unvermindert bis 1989 fort.[3]
Die Dimension der Vorgänge wurde Hauskeller erst 1992 durch Akteneinsicht in seine Stasi-Unterlagen deutlich. Am 2. Januar 1992 war er der erste Thüringer, der seine MfS-Akte las. Aus seiner umfangreichen Akte wurde deutlich, dass er Gegenstand des Operativen Vorgang (OV) „Hai“ war und sich rund 100 IM in seinem Umfeld bewegt hatten. Die Verstrickung kirchlicher Amtsträger wurde offensichtlich.[3] Dennoch wurde Hauskeller weiter eine Unterstützung durch die Kirche verweigert; er wurde vielmehr als „Nestbeschmutzer“ behandelt.[4][5]
Jürgen Hauskeller war als Ortspfarrer mit dem Opfer und den Tätern des rechtsextremen Mordes an Sandro Beyer befasst. Er sagte später über einen der Mörder, Hendrik Möbus, einen Rechtsextremisten und Mitglied des Thüringer Heimatschutzes: „Der hat alle Gutachter getäuscht. Er hätte doch niemals auf Bewährung rauskommen dürfen. Und dann noch als hundertprozentiger Neonazi. Das muss er sich im Gefängnis angelesen haben.“ Er hatte den Rädelsführer getauft und in Religion unterrichtet und sagte 2001: „Wir haben die Signale nicht ernst genommen“.[6]
Arbeit in Ostafrika
Nach seiner vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand ging im Jahr 2000 Jürgen Hauskeller mit seiner Ehefrau in die D. R. Kongo. Für die evangelisch-lutherische Kirche arbeiteten die beiden dort vier Jahre und bauten u. a. ein Waisenhaus auf. Nach ihrer Rückkehr gründeten sie den Verein „Hilfe für Menschen im Kongo“.[7][8] Hauskeller wurde für seine Arbeit mit Kindern in Kinshasa und Maluku zur Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, ihrer Gesundheit und Bildung 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.[9]
Versöhnungsgottesdienst
In seiner letzten Gemeinde in Sondershausen hatte Hauskeller Hausverbot. Auch seine Adoptivkinder aus dem Kongo durften nach seiner Aussage dort nicht getauft werden. Erst 2017, als die Universität Halle dort ein Seminar abhielt und die damalige Landesbischöfin Ilse Junkermann auf ihn zukam, entstanden wieder Annäherungen. Im August 2024, als der nunmehrige Landesbischof Friedrich Kramer auf ihn zuging, kam es zu einer langsamen Versöhnung.[10]
Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) bekannte sich in einer Erklärung klar dazu, dass Hauskeller zu DDR-Zeiten Unrecht aus Kirchenkreisen heraus widerfahren ist. Er wurde angesichts der Verletzungen um Vergebung gebeten.[11] In der Erklärung heißt es: „Wir beklagen, dem SED-Staat nicht klarer und kompromissloser entgegengetreten zu sein“. … „Wir beklagen die Fälle, in denen Mitarbeitende in Kirche und Diakonie, die aus politischen Gründen drangsaliert und auch in ihren Kirchen disziplinarisch belangt, im Stich gelassen oder gar entlassen wurden.“[5][12]
Von kirchlichen Mitarbeitern seien „Beschwerden über die oppositionelle und staatsfeindliche Haltung des Pfarrers Hauskeller vorgetragen“ worden. Es sei befremdlich zu sehen, dass sich die kirchlichen Vertreter „nicht schützend vor ihren Pfarrer gestellt haben, sondern vielmehr ihre eigenen Ressentiments gegen diesen jungen Pfarrer ausbreiteten“.[4]
Des Weiteren wird bedauert, dass „die fehlende Klärung des in der DDR erlittenen Unrechts die Folgejahre vergiftet hat, weitere Unrechtserfahrungen nach sich zog, wie dadurch Pfarrer Hauskeller und seine Familie weiter als ,Störfaktor‘ behandelt wurde“.[11]
Im Juni 2025 fand ein Versöhnungsgottesdienst mit Hauskeller, Bischof Friedrich Kramer sowie dem Regionalbischof Tobias Schüfer statt.[13]
Familie
Jürgen Hauskeller ist mit der promovierten Theologin Christine Hauskeller (* 1963) verheiratet. Sie arbeitet als Klinikseelsorgerin am Klinikum Altenburger Land.[14] Das Paar hat drei Kinder aus dem Kongo adoptiert.
Publikationen
- Jürgen Hausmüller: Im Namen des Satans – Das verlockende Spiel mit dem Bösen. Rowohlt, 1995, ISBN 978-3-417-20519-0.
Weblinks
- Torsten Hilscher: Der lange Weg zur Entschuldigung. In: sonntag-sachsen.de. 9. Juli 2025 (Interview mit Jürgen Hauskeller).
- Henry Bernhard: DDR-Unrecht: Pfarrer Hauskeller wurde von seiner Kirche an die Stasi verraten. (mp3-Audio; 18 MB; 19:53 Minuten) In: Deutschlandfunk-Sendung „Aus Religion und Gesellschaft“. 4. Februar 2026.