KZ-Außenlager Lenzing
Außenlager des KZ Mauthausen (1944-1945)
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Das KZ-Außenlager Lenzing war ein Außenlager des KZ Mauthausen in Lenzing-Pettighofen und bestand vom 3. November 1944 bis zum 4. Mai 1945. Knapp 600 weibliche Inhaftierte mussten in einer ehemaligen Papierfabrik in Zwangsarbeit Zellwolle für die Lenzinger Zellwolle- und Papierfabrik AG herstellen.
Entstehung
In Lenzing wurde bereits seit den frühen 1930er Jahren Papier und Zellulose produziert. Nach dem „Anschluss Österreichs“ 1938 „arisierte“ die Thüringische Zellwolle AG die Lenzinger Papierfabrik AG, die heutige Lenzing AG. Das Werk war ursprünglich im Besitz des jüdischen Bunzl & Biach-Konzerns, deren Besitzer nach Großbritannien emigriert waren. Die Kapazität der bestehenden Anlage wurde verdoppelt und zur Weiterverarbeitung des Zellstoffes das Zellwollewerk neu errichtet.
Am 30. Oktober 1944 kam ein erster Häftlingstransport mit etwa 500 Frauen aus dem KZ Auschwitz an, die Häftlinge dieses Transports wurden aber erst am 3. November in die Verwaltung von Mauthausen übernommen. Insgesamt waren mindestens 577 weibliche Häftlinge interniert. Weitere 54 bzw. 23 Frauen kamen vom KZ Mauthausen und erreichten Lenzing am 27. und 31. Jänner 1945. Obwohl die Produktion wegen Rohstoffmangels im Jänner 1945 bereits eingestellt war, wurde wahrscheinlich mit einer Fortführung der Zelluloseproduktion gerechnet. Im Gegensatz zu anderen KZ-Außenlagern wurden aus Lenzing kaum Häftlinge ins Hauptlager Mauthausen rücküberstellt.
Die große Mehrheit der Frauen stammte aus Ungarn, weitere stammten aus Polen, aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, aus dem deutschen Reichsgebiet, aus Österreich und der Slowakei. 528 Häftlinge waren Jüdinnen und 49 sogenannte „Schutzhäftlinge“. Der Altersdurchschnitt lag bei 25,6 Jahren, die jüngste war zwölf Jahre alt, die älteste Gefangene war eine 49‐jährige Krankenschwester.[1]
Lebens- und Arbeitsbedingungen
Das Lager befand sich in einer stillgelegten Papierfabrik im Lenzinger Ortsteil Pettighofen direkt an der Ager. Die Fabrik bestand aus mehreren kleineren Werkshallen und einem ummauerten und mit Stacheldraht umzäunten Hinterhof Richtung Ager, in dem auch die Appelle stattfanden, zu denen die Häftlinge regelmäßig antreten mussten. In der Maschinenhalle waren etwa 300 Frauen untergebracht, die übrigen etwa 200 Frauen in Nebenräumen. Die zweistöckigen Holzbetten für ihre Unterkunft mussten die Frauen selbst zimmern. Es gab außerdem ein Krankenrevier; die Aborte befanden sich in einem Holzschuppen.[2] Der tägliche Arbeitsweg zu den Produktionsstätten betrug etwa fünf Kilometer und dauerte etwa 45 Minuten. Auf der Strecke mussten die Frauen einen Bahnübergang überqueren. Im Jänner 1945 ereignete sich ein schwerer Unfall, als die SS-Bewacher die Frauen bei dichtem Schneetreiben über den Bahnübergang trieben und ein Zug in die Kolonne fuhr, wobei fünf Frauen ums Leben kamen.[3]
Die meisten Frauen waren in der Produktion beschäftigt und arbeiteten in drei Schichten zu je zwölf Frauen in der Viskose-Abteilung, wo die Arbeits- und Umweltbedingungen am schlechtesten waren. Ihnen wurden sämtliche Sicherheitsmaßnahmen wie Gesichts- und Mundschutz verweigert, außerdem bekamen sie keine Milch zur Entgiftung nach dem Einatmen der gefährlichen Dämpfe. Als Essensrationen für die Schwerstarbeit erhielten sie lediglich etwa 1.000 Kalorien pro Tag. Neun Todesfälle wurden verzeichnet: Vier Häftlinge verstarben im Krankenrevier. Als Todesursachen wurde Tuberkulose, Darmverschluss und Kreislaufversagen vermerkt, was üblicherweise auf die Ermordung schließen lässt.
Da die kriegswirtschaftliche Notwendigkeit nicht mehr bestand, wurden im Jänner 1945 die Arbeiten in der Viskoseabteilung, in der die Grundstoffe gemischt wurden, beendet und die Häftlinge zu unterschiedlichsten Arbeiten mehr oder weniger planlos im gesamten Lager‐ und Werksbereich eingesetzt. Obwohl keine Notwendigkeit mehr bestand, Häftlinge im Werk einzusetzen, wurden Ende Jänner 1945 weitere Frauen in zwei Transporten vom KZ Auschwitz nach Lenzing überstellt.
Wachmannschaft
Lagerführer war SS-Oberscharführer Karl Gieseler mit 19 SS‐Männern als Wachmannschaft. Wie in allen anderen Frauen-Konzentrationslagern waren SS‐Männer für den Transport und die Lagerbewachung zuständig, für die interne Lagerorganisation waren SS‐Aufseherinnen beschäftigt, darunter einige ehemalige Angestellte der Zellwollfabrik, teils auch Zivilangestellte. Folgende SS‐Aufseherinnen sind bekannt: Die 25-jährige Oberaufseherin Margarete Freinberger[4] sowie Ursula Abeling, Elisabeth Bachner, Margarethe Berger, Hermine Kehrer, Elisabeth König, Maria Künick, Elfriede Monnig, Eleonore Pölsleitner und Antonia Rachbauer. Die Namen der Mitglieder der SS-Wachmannschaft sind nicht bekannt.[1]
Lagerräumung, Nachkriegszeit und Gedenken
Kurz vor der Räumung befahl die Oberaufseherin Freinberger laut Aussage der KZ-Überlebenden Helena Milek ein letztes Antreten zum Appell und informierte die Inhaftierten, dass ihre Aufgabe nun beendet sei. Anschließend verließ sie das Lager mit dem Fahrrad und etwas Gepäck.[5] Die übrige Wachmannschaft verließ das Lager vor den nahenden US-Truppen am 4. Mai 1945, wobei die Aufseherinnen versuchten, unbemerkt in der Zivilbevölkerung unterzutauchen. Die geschwächten Frauen verblieben zunächst im Lager und waren einige Tage sich selbst überlassen, nur 562 Frauen überlebten. Das Lager wurde am 8. Mai 1945 von der 3. US-Armee befreit, nachdem der geflüchtete KZ-Häftling Paul Le Caër die Truppen über die Existenz des Lagers informiert und versucht hatte, den weiblichen KZ-Häftlingen zu helfen.
Am 18. Juni 1945 wurde Margaretha Freinberger in Grieskirchen von der US-amerikanischen Armee verhaftet und befand sich bis 1947 in verschiedenen US-Lagern wie in Dachau und in Glasenbach bei Salzburg. Bei einem Verfahren am Volksgericht Linz wurde gegen Freinberger ermittelt, das Verfahren aber am 14. Juli 1947 eingestellt. Auch bei drei weiteren Verfahren gegen andere Aufseherinnen des KZ Lenzing kam es zu keinen Gerichtsprozessen.[5]
1992 errichtete die Gemeinde Lenzing auf Initiative des Mauthausen Komitees Vöcklabruck einen Gedenkstein beim ehemaligen Lager. Das Mauthausen Komitee Vöcklabruck organisiert jedes Jahr Gedenkfeiern für die Opfer.
Literatur
- Christian Hawle, Gerhard Kriechbaum, Margret Lehner, Mauthausen-Aktiv Vöcklabruck (Hrsg.): Täter und Opfer : nationalsozialistische Gewalt und Widerstand im Bezirk Vöcklabruck 1938–1945; eine Dokumentation. Publ. P No 1, Bibliothek der Provinz, Wien, Linz, Weitra, München 1995, ISBN 978-3-85252-076-6.