Karin Hartmann (Architektin)
deutsche Architektin und Autorin
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Karin Hartmann (* 1972) ist eine deutsche Architektin und Autorin, die zu Baukultur, Architektur und Stadtplanung aus intersektional-feministischer Sicht schreibt, spricht und forscht.[1] Mit ihrem Buch Schwarzer Rolli, Hornbrille. Plädoyer für einen Wandel in der Planungskultur (2022) gelang ihr in der Architekturszene ein Bestseller.[2]
Leben
Nach einer Ausbildung zur Werbekauffrau studierte Hartmann in den 1990er Jahren[3] Architektur an der TU Dresden.[2] Sie arbeitete anschließend als selbstständige Architektin in Dresden und Paderborn.[4] Hartmann war am Modellprojekt Zwischen Hightech und Historie – Eine neue Baukultur in Paderborn (2011–2014) im Bereich Wettbewerbe und Verfahren sowie beim Atlas für Baukultur beteiligt.[5][6] Ab dem Jahr 2013 initiierte sie sogenannte „Interventionen“, künstlerisch-architektonische Aktionen im Paderborner Stadtraum.[7] Danach war sie von 2016 bis 2021[8] als Referentin am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung tätig und arbeitete später als Projektleiterin[3] in der Baukulturvermittlung bei Baukultur NRW.[4] Sie ist Mitglied im Bund Deutscher Architektinnen und Architekten[9] und seit 2022 erste Vorsitzende der architektinnen initiative Nordrhein-Westfalen.[10] Karin Hartmann hielt 2022 die Laudatio, als die Bremer Auszeichnung für Baukultur an die FOPA Bremen verliehen wurde.[11] Sie war Mitglied im Fachbeirat[12] des bundesweiten WIA Women in Architecture Festival 2025.[13]
Wirken
In ihrem Buch Schwarzer Rolli, Hornbrille befasst sich Hartmann mit den strukturellen Ursachen, die Frauen und andere marginalisierte Gruppen aus der Architekturbranche verdrängen, und fragt nach den Folgen dieser Ausgrenzung für Planungskultur und gebaute Umwelt.[14] Sie beschreibt in ihrer Kolumne #überarbeit in der Fachzeitschrift Die Architekt kulturelle Eigenheiten der Architekturbranche.[13] Im Jahr 2024 veröffentlichte sie im Sammelband Unlearn Patriarchy 2 den Essay unlearn architektur, in dem sie eine feministische Stadtplanung einfordert und die alltäglichen Folgen einseitiger Planungsperspektiven beschreibt.[15]
Im Wintersemester 2023/24 war sie an der TU Wien als Gastprofessorin[16][17] am Seminar Whose Time(s)? Gekommen, um zu bleiben. beteiligt, das sich mit der Arbeitskultur in Lehre und Praxis der Architektur befasste.[18] Im Zusammenhang mit der 2025 erschienenen Anthologie Haus Marlene Poelzig, Berlin. Abriss und Aufbruch betonte sie, emanzipatorische Architektur müsse intersektional denken und Privilegien benennen.[19] Im Jahr 2025 erläuterte sie, welche Probleme in Stadtbild insbesondere für Frauen bestehen.[20] 2026 veröffentlichte sie in der Zeit einen Gastbeitrag zum Pritzker-Preis und brachte sich in die Debatte um die Auszeichnung mit einer Kritik an männerdominierten Strukturen der Bauwelt ein.[1]
Rezensionen
Da Literaturmagazin Bremen sieht in Schwarzer Rolli, Hornbrille eine Art Nachschlagewerk zu den unterschiedlichen Aspekten der Gleichberechtigung und Gleichstellung in der Architektur. Hartmann beschreibe verständlich das überholte Berufsethos des „Architekten“ und die problematische Heroisierung der „Star-Architekten“. Besonders hervorgehoben wird ein Interview am Schluss des Buches mit der Architektin und Forscherin Afaina de Jong, deren Ziel es ist, eine intersektionale feministische Handlungspraxis in ihren Projekten umzusetzen.[21]
Marie Bruun Yde von der Bauwelt stellt fest, dass das Buch Schwarzer Rolli, Hornbrille auf einer fundierten Recherche beruht und die unterschiedlichen Benachteiligungen aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit oder des Geschlechts umfassend in der Arbeitskultur, der Care-Arbeit, der Gestaltung und Planung sowie dem Fachdiskurs darstellt. Ebenso würden die Initiativen zur Überwindung der bestehenden Benachteiligungen vorgestellt. Es gelinge Hartmann dabei „an wichtigen Stellen, ein neues Vokabular zu finden und so der ermüdenden pseudo-Gleichstellungsrhetorik entgegenzuwirken“.[22]
Die Zeitschrift Garten + Landschaft stellte im Jahr 2022 das Buch Schwarzer Rolli, Hornbrille und seine Autorin vor. Sie sieht in dem Werk eher einen Klassiker als einen Trend und Hartmann gelinge „eine ausgewogene Mischung aus statistischen Fakten und persönlichen Werdegängen“. Die Autorin schreibe „manchmal pointiert, manchmal nüchtern – stets verständlich“. Sie würde „die Leser*innen mit Leichtigkeit durch die Texte“ tragen und schaffe es „auch komplexere oder „anstrengende“ Zusammenhänge eingängig zu vermitteln“.[4]
Ramona Kraxner vom Baumeister bezeichnet das Buch Schwarzer Rolli, Hornbrille als „page-turner des Grauens, gespeist aus Geschichten so surreal, dass sie nur der Realität entspringen konnten und man wünschte sich, es wäre alles nicht wahr.“ Es sei kurzweilig und auf eine zynische Art unterhaltsam, würde jedoch langanhaltend beeindrucken. Das Werk sei ein „fundiertes Kompendium jener Dinge, an denen es krankt in unserem zeitgenössischen Verständnis darüber, was Architektur ist, wer sie macht und wer darüber redet.“ Die zahlreichen Praxisbeispiele sorgten dafür, dass es nicht bei der Analyse des Bestandes verharre, sondern vielmehr konkrete Lösungen biete und zu einer Veränderung der Debatten- und Baukultur führe.[23]
Die Soziologin und Radiojournalistin Michaela Gericke besprach am 9. März 2024 in der Sendung Lesart des Senders Deutschlandfunk Kultur den Sammelband Unlearn Patriarchy 2. Als erstes stellte sie den Aufsatz unlearn architektur von Karin Hartmann und Hartmanns feministische Sicht auf die Stadtplanung mit Lösungsansätzen detailliert vor. Gericke stellt fest, kein Essay im Band sei bitter. Die „kompakte, mitunter fulminant geschriebene Lektüre“ lohne sich. Es sei „kein erhobener Zeigefinger, … sondern selbstbewusste Reflexionen und Fakten aus neuen Perspektiven.“[15][24]
Werke
- Karin Hartmann: Schwarzer Rolli, Hornbrille: Plädoyer für einen Wandel in der Planungskultur. Jovis, Berlin 2022, ISBN 978-3-86859-698-4.
- Karin Hartmann: Black Turtleneck, Round Glasses: Expanding Planning Culture Perspectives. Jovis, Berlin 2022, ISBN 978-3-86859-730-1 (englisch).
- Karin Hartmann: unlearn architektur, in: Emilia Roig, Alexandra Zykunov, Silvie Horch (Hrsg.): Unlearn Patriarchy 2, Ullstein Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-55020-277-3
Weblinks
- Website Schwarzer Rolli, Hornbrille
- Stadtplanung: Wie werden Städte gerechter für Frauen? In: Frau tv (WDR). Karin Hartmann erläutert Ansätze am Beispiel Bonn.
- Architektin Karin Hartmann: Bauen für Klima und Vielfalt In: Heinrich Böll Stiftung (Podcast Pod der guten Hoffnung, 5. Juni 2024, 38:15)