Karl Strauß (Lehrer)

deutscher Gymnasiallehrer und Opfer des Holocaust From Wikipedia, the free encyclopedia

Karl Albert Strauß (geb. 16. Juli 1883 in Dürkheim; gest. nach dem 17. September 1942 im KZ Auschwitz-Birkenau) war ein deutscher Gymnasiallehrer, der wegen seiner jüdischen Herkunft in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurde.

Stolperstein für Karl Strauss, Landwehrstraße 22 in Neustadt a. d. Weinstraße

Familie

Karl Strauß war der Sohn des Realschullehrers Ludwig Strauß und dessen Ehefrau Klara Strauß, geborene Neumann. Er heiratete am 16. Februar 1921 in Leimersheim Florentine (Flora) Behr (geb. 16. Februar 1895 in Leimersheim), eine Tochter des Kaufmanns Aron Behr und dessen Ehefrau Elisabetha Behr, geborene Hesselberger.[1] Aus der Ehe ging die Tochter Margarethe Strauß, später nach Auswanderung in die USA und dortiger Heirat Margaret Strauss Berman (* 6. Februar 1922 in Speyer; † 12. Oktober 2025 in Manhattan) hervor.

Ausbildung und Beruf

Lehrerkollegium 1930 mit Karl Strauß (stehend rechts hinten)

Karl Strauß besuchte das Königliche Humanistische Gymnasium, heute Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium, in Neustadt an der Weinstraße, legte dort 1902 seine Abiturprüfung ab und absolvierte anschließend ein Studium der Mathematik und Physik in fünf Semestern an der Universität in München sowie in weiteren drei Semestern an der Universität in Erlangen. Nach bestandenem Lehramtsexamen im Jahr 1906 praktizierte er etwa ein Jahr am Königlichen Realgymnasium in Augsburg, weiter bis 1912 als Assistent an der Bärmannschen Realschule in Bad Dürkheim und wechselte dann in gleicher Stellung an die Königliche Realschule in Aschaffenburg. 1913 wurde er von der Universität in München mit der 55-seitigen Arbeit Algebraischer Nachweis der Plückerschen Formeln an der allgemeinen und rationalen Kurve dritter Ordnung, ein Beitrag zur Theorie der Form p der ternären kubischen Form α3x promoviert.[2] Zum 1. Januar 1914 erhielt er seine Versetzung an die Maria-Theresia-Kreisrealschule in München.[3]

Karl Strauß hatte bis zum Ersten Weltkrieg noch keinen Wehrdienst abgeleistet und gehörte somit zur Ersatzreserve. Ohne eine militärische Ausbildung wurde er daher am 2. Oktober 1914 zur bayerischen Armee einberufen und war zunächst nur als Hilfsschreiber in einem Münchner Rekrutendepot tätig. Weil er privat ein guter Skifahrer war, erhielt er zum 1. Dezember 1914 seine Versetzung zum I. Bayerischen Schneeschuh-Bataillon, das 1915 im Bayerischen 3. Jäger-Regiment aufging und damit Teil des Deutschen Alpenkorps wurde. Er nahm an Gefechten in den Vogesen, Tirol und Serbien teil. Am 22. Juni 1916 wurde er zum Oberjäger (Unteroffizier) befördert und diente in verschiedenen Ausbildungseinheiten des Alpenkorps. Am 20. März 1917 kehrte er ins 3. Jäger-Regiment zurück, erhielt am 3. Oktober 1917 seine Beförderung zum Leutnant der Reserve und nahm an Kämpfen in der Bukowina teil. Am 17. Juli 1918 wurde er durch einen Granatsplitter verletzt und erlebte das Ende des Ersten Weltkriegs in einem Reservelazarett in Bromberg. Am 22. August 1917 hatte er das Eiserne Kreuz, 2. Klasse, am 30. Juli 1917 den bayerischen Militärverdienstorden, 2. Klasse mit Schwertern, und nach dem Ersten Weltkrieg das Verwundetenabzeichen in Schwarz verliehen bekommen.[4][5]

Von 1919 bis 1924 war er am Gymnasium in Speyer tätig, wo er am Anfang Januar 1922 zum Studienprofessor ernannt wurde.[6] Anschließend unterrichtete er am Gymnasium in Neustadt an der Weinstraße[7.1] (Wohnadresse: Schillerstraße 25).

Verfolgung

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich wurde die Berufstätigkeit der jüdischen Bevölkerung weitgehend eingeschränkt. Aufgrund seines geleisteten Kriegswehrdienstes und seinen Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg blieb Strauß gemäß dem sogenannten Frontkämpferprivileg davon anfangs verschont. Zum 31. Dezember 1935 erfolgte dann jedoch seine Zwangspensionierung aus dem allgemeinen Schuldienst. Er konnte aber von etwa Sommer 1937 bis Frühjahr 1939 noch als Schulleiter der jüdischen Distriktschule in Worms arbeiten.[8.1][9] Zudem war er seit etwa Anfang 1938 im Vorstand der Synagogengemeinde in Neustadt tätig und übernahm die Leitung des dortigen jüdischen Altersheims.[7.2] In der Reichspogromnacht wurden in Neustadt sowohl die Synagoge als auch das jüdische Altersheim niedergebrannt. Karl Strauß war persönlich an der Evakuierung der Bewohner des Altersheims beteiligt.[10] Kurz darauf erfolgte seine Verhaftung, und er wurde vom 12. bis zum 28. November 1938 im KZ Dachau inhaftiert (Häftlingsnummer 23605).[11][12] Im Februar 1939 musste das Ehepaar Karl und Flora Strauß sein großes, erst vier Jahre zuvor erbautes Anwesen in der Villenstraße 8 zu einem sogenannten Einheitswert verkaufen.[13] Bei der landesweiten Volkszählung vom 17. Mai 1939 wurden sie aber noch unter dieser Adresse erfasst.[14] Wenig später erfolgte ihr Umzug nach Mannheim (Wohnadresse: L13/19, II. Stock). Etwa im Sommer 1940 reiste Karl Strauß erfolglos zum amerikanischen Konsulat in Stuttgart, um dort eine Ausreisegenehmigung für in die Vereinigten Staaten zu erhalten.[15.1]

Deportation und Ermordung

Im Verlauf der Wagner-Bürckel-Aktion wurde das Ehepaare Strauß am 22. Oktober 1940 durch Gestapo und Schutzpolizei aus ihrer Wohnung heraus zum Mannheimer Bahnhof und dort in einen bereitstehenden Zug verbracht, der am 24. Oktober das Internierungslager Gurs erreichte.[16][17] Gurs befand sich im damals noch nicht vom Deutschen Reich besetzten Teils Frankreich. Im Dezember 1940 stellte Karl Strauß von dort mit Hilfe der Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS) einen Ausreiseantrag in die Vereinigten Staaten. Im Sommer 1941 befand sich das Ehepaar Strauß daher bereits im Transitlager Camp des Milles, seine Ehefrau Flora war, vermutlich aufgrund ihrer Behinderung, in einem Hotel im nahegelegenen Marseille untergebracht worden. Am 9. September 1941 teilte die HIAS mit, dass eine von der US-Regierung geforderte Kaution in Höhe von 700 US-Dollar in New York hinterlegt sei, ein in den USA bereits lebender Verwandter sich als Bürge gemeldet und das zuständige amerikanische Konsulat in Lissabon seine Zustimmung erteilt habe.[8.2][18] Warum es infolge trotzdem nicht zur Ausreise des Ehepaars Strauß kam, ist unbekannt. Denn erst am 20. Juli 1942 untersagte der französische Außenminister Pierre Laval die Gewährung von Ausreisevisa an Juden, um sie, wie zuvor in der Wannseekonferenz beschlossen worden war, aus den französischen Lagern in die Vernichtungslager im Osten zu überstellen.[19] Auch Karl und Flora Strauß wurden daher etwa Anfang September 1942 ins Internierungslager Camp de Rivesaltes und am 12. September 1942 weiter ins Sammellager Drancy bei Paris deportiert (Personentransportnummern 319–320).[20] Von dort erfolgte am 16. September 1942 mit dem Transport 33, Da 901/28 (Personentransportnummern 509–510), ihre weitere Deportation.[21][22] Am 18. September erreichte der Zug das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo die Eheleute Strauß wahrscheinlich noch am selben Tag ermordet wurden.[23][24]

1937 war ihre Tochter Margarethe als jüdische Schülerin vom Schulbetrieb des Neustadter Gymnasiums, an dem ihr Vater unterrichtet hatte, ausgeschlossen worden. Die Eltern entschieden daher, sie mittels eines sogenannten Kindertransports ins Ausland zu bringen, damit sie dort ihre Schulausbildung fortsetzen konnte. Am 4. März 1938 erreichte Margarethe über Hamburg die Vereinigten Staaten und wurde von einem Ehepaar in Newark (New Jersey) aufgenommen. Sie besuchte ein College, arbeitete später als Mikrobiologin, heiratete den Dokumentarfilmer Israel Milton Berman (1911–1989)[15.2] und verstarb am 12. Oktober 2025 in New York.[25] Ende 1998 hatte sie Neustadt und Bad Dürkheim besucht, um dort etwas über ihre Familie zu erfahren.[26]

Zitat

Auf die Frage, warum Karl Strauß nicht viel früher an Emigration dachte, antwortete seine Tochter:

„Weil er [Karl Strauß] sich nicht vorstellen konnte, dass in einer Kulturnation wie Deutschland, zu deren Entwicklung auch die Juden ihren Beitrag geleistet hatten, zu der sie sich zugehörig fühlten, das Leben der Juden gefährdet sein könnte. Außerdem hat sich unsere Familie so deutsch gefühlt wie die übrige Bevölkerung.“

Margaret Berman, geborene Strauß, etwa im Jahr 2000[7.3]

Gedenken

Stolpersteine in Neustadt an der Weinstraße zur Erinnerung an Karl Strauß und seine Frau Flora

Zum Gedenken an Karl Strauß wurde vor dem Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium, Landwehrstraße 22, am 16. Dezember 2002 der erste Neustadter Stolperstein des Kölner Künstlers Gunter Demnig verlegt sowie zwei weitere für das Ehepaar Strauß vor ihrem Wohnhaus in der Villenstraße 8.[26]

Literatur

  • Werner Kalckbrenner: Dr. Karl Strauß, ein jüdisches Lehrerschicksal. In: Staatliches Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium (Hrsg.): 100 Jahre Gymnasialgebäude Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium 1886–1986. Lambrecht 1986, S. 57–62.

Einzelnachweise

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