Kaskadenmodell
Geschlechterquote bei der Besetzung von neuen Stellen im Wissenschaftsbetrieb der Hochschulen
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Das Kaskadenmodell ist eine gesetzlich festgeschriebene Geschlechterquote bei der Besetzung von neuen Stellen im Wissenschaftsbetrieb der Hochschulen mit dem Ziel, Frauen den Zugang zu höheren Positionen zu erleichtern.[1] Dadurch sollen neben Gerechtigkeit bezüglich der Geschlechter hochwertigere Ergebnisse in Lehre und Forschung und eine breitere Forschungsperspektive erzielt werden.[2]
Zugrunde liegt, dass der Frauenanteil in der Wissenschaft mit zunehmender Qualifikation und Hierarchie sinkt. Als Bild wird eine Leaky Pipeline verwendet, bei der sich der Wasserverlust mit zunehmender Länge erhöht.[3][4]
Das Modell wurde ab 2011 im Bundestag verhandelt[5] und in den folgenden Jahren in den Bundesländern verankert, z. B. ab 2014 in Siegen (Nordrhein-Westfalen) gemäß dem dort geltenden neuen Hochschulgesetz (1. Oktober 2014)[6]. Da Hochschulpolitik unter die Landeshoheit fällt[7], trat das Kaskadenmodell nicht in allen Bundesländern gleichzeitig in Kraft.[6][8]
Grundlagen, Geschichte
Im Grundgesetz Artikel 3 ist seit 8. Mai 1949[9] sowohl die Gleichberechtigung der Geschlechter (Abs. 2) als auch das Diskriminierungsverbot (Abs. 3) beschlossen.[10]
Stellen bei gleicher Qualifikation mit Frauen zu besetzen gibt es gesetzlich verankert in Teilen des Landes seit den 1970er Jahren, z. B. in Sachsen-Anhalt (LSA §4, Frauenfördergesetz).[11]
Seit August 2008 gilt zusätzlich das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) im Berufsleben, unter anderem für Frauen.[12]
Die Gemeinsame Wissenskonferenz legte 2008 das sogenannte Professorinnenprogramm auf und Bund und Länder stellten und stellen dafür finanzielle Mittel bereit. Die Fortführung des Programms bis 2030 wurde 2022 beschlossen.[13]
Verhandlungen zur Anwendung des Kaskadenmodells fanden ab 2011 im Bundestag statt.[5]
Verschiedene Bundesländer führten das Kaskadenmodell ein, z. B. Siegen in Nordrhein-Westfalen 2014[6], Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern 2021[8].
Umsetzung
Im Landesprogramm Sachsen-Anhalt (Ziel bis 2029) und in der Hochschulrektorenkonferenz wird eine beispielhafte fünfstufige Umsetzungsstrategie des Kaskadenmodells dargestellt:[14][15]
- Den Kandidatinnenpool aktiv erweitern
- Berufungen auf Stellen gerecht bezüglich der Geschlechter
- Einbeziehen der Vergütung
- Gendersensibilisierung und Geschlechterkompetenz institutionell verankern
- Monitoring mit Blick auf wirksamer Gleichstellungspläne
Staatlich finanzierte Programme
Durch folgende, vom Staat finanzierte Programme, können Mädchen und Frauen einen leichteren Zugang zur wissenschaftlichen Karriere finden und frühzeitig in eine wissenschaftliche Karriere hineinwachsen.[16]:
- Professorinnenprogramm (PP): in hochschulindividuellen Gleichstellungskonzepten werden bis zu drei Professorinnen bei Erstberufung gefördert
- Innovative Frauen im Fokus (IFIF): die Vorbildfunktion von innovativen Frauen für Wissenschaftlerinnen soll gestärkt werden
- MissionMINT: zu Beginn eines Studiums in den MINT-Fächern
- Geschlechteraspekte im Blick (GiB): geschlechterdifferenzierte Betrachtungen sollen verstärkt in den Fokus genommen werden
- Girls’ Day: seit 2001 jährlich sollen Mädchen Berufe kennenlernen, um bei der späteren Studien- oder Berufswahl ihren Interessen zu folgen, nicht möglicherweise überkommenen Rollenmodellen[17]
Bewertung
- Durch die Verpflichtung zur Umsetzung des Kaskadenmodells werden zahlreiche Maßnahmen in die Wege geleitet und durchgeführt, die die Chancen für Frauen erhöhen, sich bis in die obersten Hierarchien zu platzieren.[4]
- Männer haben die Chance, statt in Berufskarrieren für das Wohl der (zukünftigen) Familie mehr in soziale Beziehungen außerhalb des Berufs zu investieren und somit unter Umständen gesünder und älter zu werden.[18]
- Quoten beheben keine gesellschaftlichen Gegebenheiten (Rollenerwartungen, Infrastruktur), heben bestehende Netzwerke nicht auf und beenden keine individuellen Problematik.[11][19]
- Das Kaskadenmodell wird als zu langsam angesehen, da es weitere 40 Jahre dauern würde, wenn die Entwicklung im gleichen Tempo wie in den Jahren 1997 bis 2016 voranschreitet.[3]
Kaskadenmodell in Österreich
In Österreich wird das Kaskadenmodell zur Gleichstellung der Geschlechter nach deutschem Vorbild diskutiert, ist aber bisher nicht als solches verankert.[20] Allerdings gibt es das allgemeinere Gesetz zur Geschlechtergleichheit seit 1867 im Staatsgrundgesetz (Artikel 7, Absatz 2). Die Förderung von Frauen wird ausdrücklich aufgeführt.[21]
Kaskadenmodell in der Schweiz mit anderer Bedeutung
Literatur
- Blome, Eva; Erfmeier, Alexandra; Gülcher, Nina; Smykalla, Sandra. Handbuch zur Gleichstellungspolitik an Hochschulen: Von der Frauenforderung zum Diversitymanagement? Wiesbaden: Springer Fachmedien, 2013, ISBN 978-3-531-17567-6
- Simon, Dagmar et al. (Hrsg.): Handbuch Wissenschaftspolitik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2016, ISBN 978-3-531-15742-9
Weblinks
- Brodesser, David, und Samjeske, Kathrin. Professorinnenanteile – Entwicklung und Szenarien für Vergangenheit und Zukunft, 1. Dezember 2016, GESIS Papers 2015/21, 2015, https://www.gesis.org/angebot/publikationen/gesis-papers
- Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards der DFG, Bonn, 2008, https://www.dfg.de/de/grundlagen-themen/grundlagen-und-prinzipien-der-foerderung/chancengleichheit
- Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK). Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung, 20. Fortschreibung des Datenmaterials (2014/2015) zu Frauen in Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen, 1. Dezember 2016, Bonn, 2016, https://www.gwk-bonn.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Papers/GWK-Heft-50-Chancengleichheit.pdf
- Jochen Wegner, Christoph Ahmed. Zeit-Podcast mit Marietta Auer, 24. Februar 2026: https://www.zeit.de/politik/2026-02/marietta-auer-rechtswissenschaft-interviewpodcast-alles-gesagt