Kaspar (Peter Handke)

Drama von Peter Handke (1967) From Wikipedia, the free encyclopedia

Kaspar ist der Titel eines 1967 publizierten Theaterstücks von Peter Handke. Inspiriert durch die historische Figur des Kaspar Hauser, des „Findlings auf der Suche nach seiner Identität“, entwickelt der Autor ein „Modell für den noch ungeprägten Menschen, der von seiner Umwelt vereinnahmt wird“.[1]

Peter Handke (1983)

Inhalt

Überblick

In seinem Vorwort erläutert der Autor seine Intention. Sein Stück zeige nicht, wie „ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem. Es zeigt, wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden kann. Das Stück könnte auch ›Sprechfolterung‹ heißen“.[2] Diese Entwicklung zur Konformität wird in 65 Szenen „als theatralische[r] Vorgang“ auf der Bühne demonstriert, mit Gegenständen, die „sofort als Requisiten erkennbar“ sind.

Nach Kaspars Auftritt auf der Bühne und seinen Orientierungsproblemen in der neuen Welt zerstören die unsichtbaren „Einsager“ seinen Ur-Satz und beginnen mit seiner Sozialisierung. Mit dem Aufbau des konventionellen Sprachsystems verbunden, trainieren sie ihm die Regeln der gesellschaftlichen Ordnung. Am Ende des ersten Teils ist Kaspar, neben weiteren Kaspars, ein konformes Mitglied der Gesellschaft. Diese Doppelgänger bringen im zweiten Teil lärmend seinen Vortrag über seine erfolgreiche Sozialisation und seine Erfahrungen mit der Sprache durcheinander. Kaspar erkennt am Schluss, in eine Falle geraten zu sein. Der zweite Teil des Spiels ist die „verdichtete Rekapitulation“ des ersten,[3] aber auch, „als gegenläufiges Analogon, dessen paradoxe Aufhebung: Dem Aufbau von Relationen wird deren Destruktion gerade durch das Fortwirken des Ordnungsmechanismus gegenübergestellt“.[4]

Theatralischer Vorgang

Motto: 16 jahr, Gedicht von Ernst Jandl

1. Teil, Szene 1: „Hinter dem Vorhang an der Rückseite des Bühnenraums entsteht eine Bewegung […] der Versuch durchzukommen“.

2: Kaspar erscheint durch einen Spalt im Vorhang in theatralischer Aufmachung mit einem „Ausdruck der Verwunderung und Verwirrung“: sein Gesicht ist eine Maske, er hat keine Ähnlichkeit mit einem Spaßmacher. „Er ist die verkörperte Verwunderung“. 3–7: „Er setzt sich in Bewegung […] Seine Art zu gehen ist eine sehr mechanische, künstliche, eine, die es nicht gibt“ […] Er fängt an zu sprechen „Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist“ und wiederholt immer wieder diesen Satz.

8–16: Mit der 8. Szene beginnt die destruktive Phase: „[V]on allen Seiten setzen jetzt [unsichtbare] Einsager ein, die Kaspar durch Sprechen zum Sprechen bringen“: „Du hast einen Satz, mit dem du selber schon alles sagen kannst, was du anderen nicht sagen kannst. […] mit dem du jede Unordnung im Vergleich zu einer anderen Unordnung als verhältnismäßige Ordnung bezeichnen kannst. […] Du kannst dir nichts mehr vorstellen ohne den Satz […] Du wirst aufmerksam auf dich […] und mit dem Satz lernst du zu sprechen und mit dem Satz lernst du, dass du sprichst […] und zu lernen lernst […] und du lernst mit dem Satz, Ordnung zu lernen“. Während dieser Instruktionen wird Kaspar immer unsicherer, sein Satz gerät ins Stocken, er erprobt das Mobiliar und die Requisiten und bringt dadurch die Bühne in Unordnung, bis er still sitzen bleibt. 17: Nach dieser Vorbereitung „treiben“ die Einsager Kaspar nach und nach durch das Sprechen anderer Sätze „seinen Satz aus“. Anfangs wehrt er sich dagegen, aber sein Satz zerfällt immer mehr in einzelne Laute: „Du kannst dich gegen keinen Satz wehren […] Weil du von nichts den Namen weißt, tut dir alles weh, wenn du auch nicht weißt, dass es dir weh tut, weil du nicht weißt, was das Wort Wehtun bedeutet […] Du gewöhnst dich schon an andere Sätze, so dass du ohne sie nicht mehr auskommst. Du kannst dir deinen Satz für sich allein schon nicht mehr vorstellen“. Parallel zu Kaspars Zerlegung seines Satzes reden die Einsager auf ihn ein: „Ordnen, Stellen, Legen, Setzen.“

18–26: Nach der Destruktion des Satzes beginnt die konstruktive Phase: „Kaspar wird zum Sprechen gebracht“, zugleich wird sein Denken ordnungsgemäß strukturiert. Die Einsager bringen ihm Wörter und Sätze bei, die Kaspar mühsam nachspricht. „Damals als ich noch weg war, habe ich niemals so viele Schmerzen im Kopf gehabt, und man hat mich nicht so gequält wie jetzt seit ich hier bin. […] Ich sah weder etwas noch hörte ich etwas, und es ging mir gut.“ Aber er erkennt („wie ich jetzt erst sehe“), was er bisher alles getan hat. Er entdeckt die Ordnung als Prinzip („Seit ich sprechen kann, kann ich ordnungsgemäß aufstehen.“) und die Einsager erklären ihm: „Du bist in Ordnung, wenn du von dir selber keine Geschichte mehr zu erzählen brauchst: du bist in Ordnung, wenn sich deine Geschichte von keiner andern Geschichte mehr unterscheidet“ (20). Kaspar lernt die Ordnung: das Binden des Schuhbands (21), den Sitz der Hose (22), das ordentliche Zuknöpfen der Jacke (23). Er räumt die Bühne auf, begleitet von Klischeesätzen der Einsager (25): „Jeder ist für seinen Fortschritt verantwortlich […] Jeder sagt ja zu sich selbst […] Nur wer gesund ist, kann viel leisten […] Die Zeit richtig einteilen […] Mit einem freundliche Lächeln andeuten, dass du die Arbeit gerne tust [...] Du musst selbständig handeln können […] Es kommt darauf an, dabei zu sein. […] Die Ordnung der Gegenstände schafft alle Voraussetzungen für das Glück […] Du bist nicht zum Vergnügen auf der Welt“. Kaspar übernimmt diese Gedanken (26): „Alles, was ich beim Namen nennen kann, ist nicht mehr unheimlich […] alles, was ordentlich ist, ist schön […] alles, was in Ordnung ist, ist in Ordnung, weil ich mir sage, dass es in Ordnung ist“. 27–32: Die Einsager lehren Kaspar Satzmodelle und damit verbundene Denkweisen: „Du sprichst zuende, du denkst zuende“, „Das Urteil ist hart, aber gerecht“, „Der Arme ist arm, aber glücklich“, „Je lieber der Tisch gedeckt ist, desto liebevoller kommst du nach Hause“ „Je weiter nach Süden, desto fauler die Leute“, „Jeder Mensch verdient Achtung, auch eine Putzfrau“. Die Einsager schließen ihr Sprach- und Denkschulungsprogramm mit einem Resümee ab: „Du weißt, was du sagst. Du sagst, was du denkst“, „Du willst nur, was alle wollen“, „Du kannst nichts sagen, was du nicht auch denkst“, „…weil du nichts anderes denken darfst als das, was du sagst. Denk, was du sagst“, „Du bist aufgeknackt“.

33–58: Kaspar ist nun ein austauschbares Modell. Nacheinander treten weitere Kaspars auf. Kaspar spricht über seine Entwicklung („Ich bin stolz auf das Erreichte“, „Mein Kopf ist heiter geworden“), seine Eigenschaften („ich bin bei allen beliebt“, „Ich bin für alle da“, „Ich habe keine besonderen Kennzeichen“) und seine Wünsche, die seine Anpassung an die Gesellschaft ausdrücken: „Ich möchte mitwirken“, „Es ist schon immer mein Wunsch gewesen, dabeizusein“, „ich möchte jetzt kein andrer mehr sein“, „Ich weiß jetzt, was ich will: Ich will still sein“.

59: Während der Pause hören die Zuschauer über Lautsprecher die „Pausentexte“, zusammengesetzt aus dem Programm der Einsager, Redewendungen und Originalaufnahmen öffentlicher Sprecher jeder Art.

2. Teil, Szenen 60–61: Während die Kaspars auftreten und Pakete auspacken, rezitieren die Einsager Sätze über das „Dreinschlagen“ und „In-Ordnung-Bringen“, bei dem man „nicht so still und ordentlich [ist] wie später, wenn man - selber durch die an andere verteilte Tracht Prügel in Ordnung gebracht - mit ruhigem Gewissen die in Ordnung gebrachte Welt genießen will und kann“, „Die in Ordnung Gebrachten […] sollen jetzt danach trachten ohne Zwang und Schläge aus eigener Kraft neue Wege zu zeigen, indem sie für alle gültigen Sätze suchen […] auch die anderen sollen endlich wollen können was sie selber jetzt wollen sollen können“. 62–65: Der Original-Kaspar erzählt nun mit einer den Einsagern ähnlichen Stimme die Geschichte seiner sprachlichen Sozialisation und seine Reflexionen darüber: „ich war ohne Bewusstsein“, „ich selber verstellte mir die Sicht“, „Ich lernte alles was leer war mit Wörtern zu füllen“, „für jeden Riss in der Mauer habe ich Sätze als Listen, die mir helfen die Lage nicht zu verschlimmern“. Er trägt Redewendungen und Klischees vor, die mit „jeder“ oder „keiner“ beginnen: „Jeder muss frei sein jeder muss dabei sein“, „kein Jugendlicher darf herumlungern“. Er resümiert: „Schon mit meinem ersten Satz bin ich in die Falle gegangen […] Ich bin zum Sprechen gebracht. Ich bin in die Wirklichkeit überführt“. 65: Kaspar schließt mit der Erkenntnis: „ich habe mich selber noch erlebt“, „ich komme nicht mit dem Schrecken davon“, „Ich bin nur zufällig ich“. Während seiner Rede erzeugen die anderen Kaspars einen immer höllischeren Lärm, kichern, werden still, zappeln immer weniger und werden vom sich schließenden Vorhang umgeworfen.

Interpretation

Kaspar wird von der Literaturkritik als thematische Fortführung der Publikumsbeschimpfung (1966) und als weiteres Beispiel für Handkes Poetik angesehen, nach der das Theater „den Mechanismus eines entstehenden Normenzwanges, der für den einzelnen das Bild von Wirklichkeit prägt, im Spiel vorführen und erklären“ soll. „Verursacher und Vermittler dieser Normen“ sei die Sprache selbst, durch sie werde „der einzelne sozialisiert, in das herrschende System eingegliedert – auf Kosten seiner Individualität“ in einem „Prozess individualitätszerstörender Anpassung.“[5] Dementsprechend ist für Strauß das Thema des Spiels Kaspar die „Manipulierbarkeit des einzelnen durch die öffentlich verordnete Sprache“[6] im Zusammenhang mit dem Aufbau und die Zerstörung sprachlicher Beziehungen. In Handkes Titelvorschlag „Sprachfolterung“ komme dies deutlich zum Ausdruck: „der Mensch als Produkt dessen, was ihm eingesagt und vorgesagt wird. […] Kaspar Hauser, der Findling auf der Suche nach seiner Identität, ist Modell für den noch ungeprägten Menschen, der von seiner Umwelt vereinnahmt wird.“[7]

Strauß interpretiert Kaspars Auftritt als einen „Urauftritt“, seine ersten Bewegungen und Worte seien „theatralische Ur-Positionen, Ur-Initiationen“. Kaspar finde sich „voraussetzungslos und unvorbereitet in einer Welt, die nicht die seine ist“. Er bekomme sein „Verhältnis zu sich und zur Umwelt nicht unter Kontrolle“. Der „Nicht-Beziehung des einzelnen zur Sprache“ entspreche eine „Nicht-Beziehung zur Umwelt und zu sich selbst“; mit der „Aneignung von Sprache“ trete Kaspar „in Beziehung zu beidem“: „Die Ordnungshierarchie der Begriffe, der Syntax, des Sinns erlauben es Kaspar, die eigene Identität zu bestimmen und in eine Umwelt einzupassen, die sich jetzt ebenfalls ordnen lässt“.[8] Mit dem Auftritt weiterer Kaspars würden sich „Sprechordnung und ontische Ordnung, in gegenseitiger Anpassung eben erst hergestellt und als eigene begriffen,“ sogleich wieder „entfremden“, „zu einem sich verselbständigenden Folterungs- und Unterwerfungsmechanismus, der ein Verharren Kaspars in der einmal erfahrenen Identität nicht zulässt“. In diesem Zusammenhang werden auch die Figurenbeziehungen in den beiden Teilen untersucht. Nach Strauß entsteht zwischen Kaspar und der Gruppe der Einsager „ein Spannungsfeld automatischer Prozesse und Reaktionen“.[9]

Ein zentraler Untersuchungsaspekt ist Kaspars Erkenntnis seiner Situation am Ende des Stücks in Verbindung mit Handkes Bewertung der Determination und des Zufalls: „Die Frage, ob die Determination des einzelnen mithin total und unwiderruflich sei, scheint jedoch nicht eindeutig entschieden.“ Der „Begriff des Zufälligen“ lasse „eine alternative Deutung zu“. Allerdings wird diese Interpretation dadurch erschwert, dass der Satz, in dem Kaspar vom Zufall spricht, in einer späteren Ausgabe des Stücks fehlt.[10] Mayer interpretiert Kaspars Aussage (Ich bin nur zufällig ich) in der ersten Textfassung als Möglichkeit der freien Entscheidung: Kaspar „hatte sich noch selbst erlebt. Deshalb allein vermochte er zu erkennen, dass dieses Ich ein zufälliges sei. Die Erkenntnis einer solchen Kontingenz ist für Kaspar nicht Kapitulation, sondern neue, zukünftige Widersetzlichkeit“.[11]

Ca. 50 Jahre nach der Publikation, nachdem Handkes literarische Weiterentwicklung bekannt ist, beschäftigen sich Literaturwissenschaftler erneut mit seinem Frühwerk, das sie der Strömung der Dekonstruktion zurechnen, und stellen die Frage nach Alternativen zur Destruktion. Beispielsweise weist Krstanović-Janković in ihrer Analyse des gleichzeitig mit Kaspar entstandenen Romans Der Hausierer auf verschiedene Untersuchungen hin, die auch in Handkes sprachkritische Phase, zumindest ansatzweise, eine „stets präsent gehaltene andere Möglichkeit des Existierens“ erkennen, „die der Normierung des Lebens entgegengesetzt ist“ und die „immer auf einem authentisch hergestellten Verhältnis zur Welt“ basiert, „das sich […] als ein natürliches und unverfälschtes offenbart.“ Handkes Werke ließen sich „in ihrer Summe nicht auf die Intention der Normierung zurückführen, sondern stets auf die Intention einer Alternative, da sie eine andere Lebensform alternativ bewusst und präsent halten.“[12] Auf Kaspar bezogen, stellt sich erneut die Frage, die Mayer bereits beantwortet hat, nach einer Weiterentwicklung der Figur nach ihrer Schlussfolgerung, in eine Falle geraten zu sein.

Ein weiterer Interpretations-Aspekt sind die Einsager-Texte, u. a. die aktuellen Originalaufnahmen aus dem öffentlichen Leben, die dem Publikum während der Pause vorgespielt werden, wodurch die Verbindung des Spielmodells auf der Bühne mit der Realwelt versucht wird[13] und sich der Kreis der Einsager erweitert. Hörisch erklärt die Wirkung des Stückes mit Entwicklungen in den 1960er Jahren: mit der „Produktion, Distribution, Aufzeichnung und Verwaltung von Diskursen und Symbolen“ und des als bedrohlich empfundenen „hypertrophe[n] System[s] regelgeleiteter Diskurs- und Symbolverwaltung“, das „Formblätter ausarbeitet […] Anweisungen diktiert und liest, Webesprüche kreiert, Schülern, Studenten und Erwachsenen vorspricht […] und derart Rede wie Schrift produziert und kontrolliert.[14] ›Einsager‹ […] machen in Handkes Stück die Gewalt jenes Diskurssystems deutlich, dessen frühe Form an Kaspar Hauser seine Funktionstüchtigkeit erwies.“[15]

Rezeption

Das 1967 publizierte und 1968 in Frankfurt im von Peymann geleiteten Theater am Turm und parallel dazu von den Städtischen Bühnen in Oberhausen aufgeführte Theaterstück Kaspar stieß mitten in die Zeit der deutschen Studentenbewegung auf große Resonanz und wurde in akademischen Kreisen intensiv diskutiert: Die „spezifisch österreichische Sprachkritik“ mit ihrem Ansatzpunkt „in den beiden Philosophen Mauthner und Wittgenstein“, auf die der Autor zurückgreift, fand durch das zeitgenössische Umfeld im Jahr 1968 eine tagespolitische Wirkung. „Das Publikum vermochte es gleichsam am eigenen Leib zu spüren: Sätze und Satzmodelle sind Mittel der Disziplinierung und Herrschaft.“

Kaspar-Inszenierung des iranischen Schriftstellers und Übersetzers Mohsen Moeini (2015)

Büch, ein früher Handke-Enthusiast, der zuvor schon die Uraufführungen der drei Sprechstücke Selbstbezichtigung (1966), Weissagung (1966) und Hilferufe (1967) inszeniert hatte, ging mit der Oberhausener Inszenierung auf eine ausgedehnte Tournee. „In kurzem Abstand brachten zahlreiche andere Theater das Stück, in New York feierte es in der amerikanischen Übersetzung große Erfolge. Auch von der Kritik wurde Kaspar sehr rasch als ein Klassiker des neuen Theaters wahrgenommen, thematische Parallelen zog man bis hin zum berühmten Lord-Chandos-Brief von Hofmannsthal.“[16] Als eines der wenigen experimentellen Theaterstücke aus den 1960er Jahren wird Kaspar bis heute immer wieder an großen und kleinen Bühnen inszeniert.[17]

Hörspiele (Auswahl)

Commons: Kaspar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

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