Kastus Kalinouski
Adliger, politischer Aktivist, Journalist, Aufständischer im Januar
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Wincenty Konstanty Kalinowski (* 21. Januarjul. / 2. Februar 1838greg. in Mostowlany bei Grodno; † 10. Märzjul. / 22. März 1864greg. in Wilna), auch bekannt in Belarus als Kastuś Kalinoŭski oder in Litauen als Konstantinas Kalinauskas, war ein polnisch-belarusischer Dichter, Publizist und polnisch-belarusich-litauischer Freiheitskämpfer. Er gilt als wichtigste Persönlichkeit der belarussisch-litauischen Befreiungsbewegung im 19. Jahrhundert und war einer der Anführer des Januaraufstandes von 1863/64 gegen die Teilungsmacht Russland. Mit zahlreichen Publikationen, die er vorwiegend unter den Pseudonymen Jaśko haspadar s pad Wilni, Ignat Witażenc und Wasyl Switka schrieb, förderte er die belarussische Sprache maßgeblich.[1]

| Kyrillisch (Belarussisch) | |
|---|---|
| Вінцэ́нт Канстанці́н „Кастусь“ Каліно́ўскі | |
| Łacinka: | Wincent Kanstancin „Kastuś“ Kalinoŭski |
| Transl.: | Vincent Kanstancin „Kastus'“ Kalinoŭski |
| Transkr.: | Wincent Kanstancin „Kastus“ Kalinouski |
| Kyrillisch (Russisch) | |
| Вике́нтий Константи́н Семёнович Калино́вский | |
| Transl.: | Vikentiï Konstantin Semënovič Kalinovskij |
| Transkr.: | Wikenti Konstantin Semjonowitsch Kalinowski |
Leben
Kalinowski entstammte einer ursprünglich aus Masowien nach Podlachien eingewanderten polnischen Kleinadelsfamilie. Sein Vater, Andrzej Kalinowski, hatte den familiären Grundbesitz veräußert und 1836 in Mostowlany eine Weberei gegründet, mit deren Erträgen er in Świsłocz einen neuen Gutshof erwerben konnte. Auf diesem verbrachte Kalinowski gemeinsam mit seinem älteren Bruder, Wiktor Kalinowski, seine Jugend. Die Familie sprach neben Polnisch, der familiären Haussprache, und Russisch, der öffentlichen Amtssprache, auch das unter der sie umgebenden Landbevölkerung dominierende Belarussisch.
Nach dem Besuch des Gymnasiums in Świsłocz schrieb sich Kalinowski ab 1855 zunächst an der Universität Moskau ein, wechselte jedoch später an die Universität Sankt Petersburg, an der er 1860 ein Doktorandenstudium der Rechtswissenschaft abschloss. Hier engagierte er sich in konspirativen Kreisen russischer und polnischer Dissidenten, die in Opposition zum Zarismus standen. 1861 kehrte er nach Podlachien zurück, konnte aber keine Anstellung finden, da er als „politisch unzuverlässig“ galt. Geprägt von den Ideen der Polnischen Aufklärung, setzte Kalinowski seine Aktivitäten im demokratisch-revolutionären Umfeld fort. Insbesondere im Gouvernement Grodno rief er öffentlich zum Kampf gegen Autokratie und Leibeigenschaft auf oder machte Stimmung gegen die Ausbeutung und Unterdrückung der Bevölkerung durch die zaristischen Behörden.[2]
Ab 1862 begann er mit seinem Freund Walery Wróblewski, der später zu einem der führenden Verteidiger der Pariser Kommune werden sollte, und dem Dichter Feliks Raszański die belarussischsprachige Zeitschrift Mużyckaja Prauda (dt. für Bauernwahrheit) heraus. Sie war in der Łacinka verfasst und wurde wegen der darin präsentierten Ansichten 1863 nach nur sieben Ausgaben von den zaristischen Behörden verboten. Dennoch hatte die Zeitschrift entscheidenden Einfluss auf die Herausbildung einer nationalen Befreiungsbewegung und damit auch für den Januaraufstand. Kalinowski war nicht nur Redakteur der Zeitschrift, sondern auch Autor der meisten Artikel.
Nach Ausbruch des Januaraufstandes wurde Kalinowski ins Provinzialkomitee in Wilna berufen, wo er zudem im Nationalrat der Aufständischen für das Gouvernement Grodno vertrat. Im Laufe des Jahres erlangte er eine Reihe militärischer Befugnisse und hatte schließlich die Kontrolle über sämtliche Einheiten auf dem Gebiet des ehemaligen Großfürstentums Litauen. Zugleich betätigte er sich als Chefredakteur der polnischsprachigen Zeitschrift Chorągiew Swobody (dt. für Banner der Freiheit). Verraten von einem seiner Gefolgsleute, wurde er 1864 von den zaristischen Behörden gefangen und nach kurzer Haft öffentlich auf dem Lukiškės-Platz in Wilna hingerichtet.
Seine sterblichen Überreste wurden am 22. November 2019 im Rahmen eines Staatsbegräbnisses auf den Friedhof Rasos in Wilna überführt.[3]
Werk
Noch während seiner Haft schrieb Kalinowski sein politisch-ideologisches Vermächtnis nieder. Diese Texte konnten herausgeschmuggelt werden und gingen unter dem Titel Лісты з-пад шыбеніцы (dt. Briefe von unter dem Galgen) in die belarussische Kulturgeschichte ein.
In seinen Arbeiten schilderte Kalinowski die ausgesprochen schwierige soziale Lage der belarussischen Bauern und machte auf das Unrecht der Leibeigenschaft aufmerksam. Er setzte sich für den Aufbau einer völlig neuen staatlichen Ordnung ein, und zwar in Unabhängigkeit vom Russischen Zarenreich; dabei ging er von dem Grundsatz aus, dass allein durch die vollständige Befreiung des Volkes Gerechtigkeit und Wohlstand hergestellt werden könnten. Kalinowski unterstrich zudem die Bedeutung, die einer Schulbildung, aber auch einer höheren Bildung in der Muttersprache (hier also in dem zu dieser Zeit im Zarenreich verbotenen Belarussischen) für die Neugestaltung der Gesellschaft zukam, so wie er sie sich wünschte.
Kalinowski unterstrich in seinen literarischen Arbeit die Notwendigkeit, alle Völker der ehemaligen Republik Polen-Litauen von der russischen Besatzung zu befreien und die belarussische Sprache zu bewahren und zu fördern. Er verwies auch auf die Traditionen der Demokratie, Toleranz und Freiheit, von welcher aus seiner Sicht die Republik Polen-Litauen beeinflusst gewesen sein soll:
„Während der polnische Rat allen brüderlichen Völkern Selbsthilfe leistet, tut der Moskauer dies nicht nur nicht, sondern auch dort, wo Polen, Litauer und Belarussen lebten, gründet er moskowitsche Schulen, und in diesen Schulen unterrichten sie in moskowitscher Sprache, wo sie nie auch nur ein Wort hören werden auf Polnisch, auf Litauisch oder auf Belarussisch [...]“
„Vom Galgen aus schreibe ich Euch, dem Volk, dass Ihr nur glücklich werdet, wenn über Euch nicht mehr Moskau sein wird.“
Name
Kalinowski nutzte in allen seinen persönlichen Dokumenten die polnischsprachige Schreibweise seines Namens. Den Rufnamen Kastuś bzw. Kastus, ein Diminutiv seines zweiten Vornamens Konstanty, nutzte erstmals 1920 der belarussische Historiker und kommunistische Aktivist Usiewaład Ihnatoŭski. Kalinowskis Vorname Wincenty klang für Ihnatoŭski, der antipolnische Ansichten pflegte, zu sehr nach polnischem Bürgertum. Zudem versuchte er in seinen Schriften die Kampfhandlungen des Januaraufstandes in Belarus als bäuerliche Revolution umzudeuten, zu der Kalinowskis zweiter Vorname in der verniedlichten Schreibweise besser passte.[7]
Nachwirkung
Auf Grund der gemeinsamen Geschichte seit dem Großfürstentum Litauen (ca. 1263–1569) und danach der Rzeczpospolita Polen-Litauen (ab 1569 bis 1795) beanspruchen gleich mehrere Länder sein Erbe, was sich auch in der Schreibweise seines Namens niederschlägt. Während die Litauer von „Konstantinas Kalinauskas“ und die Polen von „Konstanty Kalinowski“ sprechen, nannte sich der im heutigen Belarus geborene Revolutionär selbst auf Belarusisch „Kastuś Kalinoŭski“.
Es ist hierbei zu beachten, dass beide Völker – sowohl die ostslawischen Belarusen als auch die baltischen Litauer – sich selber aufgrund ihrer jahrhundertelangen gemeinsamen staatlichen Zugehörigkeit in ihren Sprachen als „Litauer“ bezeichneten. Die baltischen Litauer stellten zwar den politisch-dominanten Adel und bezeichneten sich auf Litauisch Lietuvis, die Kanzlei- und Schriftsprache (somit Amtssprache) des Großfürstentums Litauen und bis ca. 1700 von Polen-Litauen war jedoch die ostslawische Ruthenische Sprache (ein Vorläufer des Belarusichen, Ukrainischen und Russinischen – jedoch nicht der russischen Sprache), die Belarusen identifizierten sich sowohl ethnisch als auch sprachlich als Litvini, während sie die baltischen Litauer oft als Žemaičiai (Žemaiten (Niederlitauer)) bezeichneten.
Vor allem das Phänomen des „Litwinismus“, einer pseudohistorischen Idee seit Anfang des 19. Jahrhunderts, als Vertreter des polnisch-litauischen Adels aus den belarussischen Gebieten der einstigen Adelsrepublik sich als „Litwinen“ bezeichneten, um ihre Verbindung zu diesem aufgelösten Staatswesen (Litwa) und die Abgrenzung zur russischen Identität zu betonen (der slawisch-belarussische Adel identifizierte sich als „Litauer“ und hatte keine eigene belarusische Identität), hat zu Disputen geführt. Die orthodoxe Landbevölkerung, die slawisch-belarussche Dialekte sprach, bezeichnete sich selbst zu dieser Zeit vor allem als „Tuteischija“ („die Hiesigen, die lokalen Bewohner“).[8] Die radikalen Kräften des Litvinismus schüren Ängste in Litauen, dass litauische Gebiete von Belarusen als „historisch belarusisch“ identifiziert werden könnten. Laurynas Kasčiūnas, Minister des Landesschutzes des 13. Seimas der Republik Litauen, sagte Mitte 2023: „Ich möchte nicht, dass in unserem Land eine Gemeinschaft entsteht, die die sogenannte litwinistische Ideologie predigt, die sich nicht nur das Großfürstentum Litauen aneignet, sondern auch behauptet, dass die wahren Litauer die Belarusen sind.“[9]
Entwicklung einer belarusischen Identität
Kalinowskis Veröffentlichungen hatten einen großen Einfluss auf die Entwicklung der belarusischen Sprache sowie auf den belarusischen Nationalismus.[2] 1928 erschien der Stummfilm Kastus Kalinouski, der an den Revolutionär erinnert und bei dem Wladimir Gardin Regie führte.[10] Unter Josef Stalin wurde Kalinowski als bürgerlicher Nationalist verleumdet, was dazu führte, dass sämtliche Referenzen zu ihm aus den Lehrbüchern gestrichen wurden. Später wurde er in der Sowjetunion als revolutionärer Demokrat rehabilitiert. In der Folge wurden einige Straßen nach ihm benannt und Kunstwerke zu seinen Ehren erschaffen. Die Regierung von Präsident Aljaksandr Lukaschenka versucht die Bedeutung Kalinowskis für die Geschichte von Belarus herunterzuspielen und stellt ihn als antirussischen Extremisten dar. Während der Proteste im Zuge der Präsidentschaftswahl in Belarus 2006 benannten die Demonstranten den Oktoberplatz in Minsk symbolisch um in Kalinouski-Platz.[2]
Die Unterstützung Aljaksandr Lukaschenkas für Wladimir Putin und die Übernahme des russischen Narrativs von den „Brudervölkern“[11] im Ukraine-Krieg hat die Spielräume von Belarus weiter verkleinert. Die Ukraine will diese noch so kleinen Spielräume nicht aufgeben. Das hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Ansprache an das belarusische Volk wenige Tage nach Kriegsbeginn deutlich gemacht: „Seid Belarus, nicht Russland!“
Bildung des Kastus-Kalinouski-Bataillon
Im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine gründete sich 2022 das Kastus-Kalinouski-Regiment (bis zum 21. Mai 2022: Kastus-Kalinouski-Bataillon, bestehend aus dem Litwin Bataillon, Wolat Bataillon und dem (nur Ausländern vorbehaltenen) Kościuszko Bataillon) überwiegend belarussischer Freiwilliger, das als selbsternanntes Ziel die Verteidigung Kiews angab.[12] Bei einem Teil der Kämpfer handelt es sich um Dissidenten, die aus Protest gegen die Diktatur von Aljaksandr Lukaschenka aus Belarus in die Ukraine geflohen sind. Die führende Oppositionspolitikerin Swjatlana Zichanouskaja unterstützt das Kastus-Kalinouski-Regiment öffentlich.[13] Im September 2022 erkannte das Innenministerium von Belarus die Internetressourcen des Regiments als extremistische Gruppe an.[14] Im November 2022 nahm das Europäische Parlament eine Resolution an, in dem dieses seine Unterstützung für das Kastus-Kalinouski-Regiment zum Ausdruck bringt.[15]
Am 25. September 2024 deklarierte das Oberste Gericht von Belarus das Kastus-Kalinouski-Regiment zur „Terrororganisation“.[16] Im Jahr 2025 verurteilten die belarussischen Behörden fünf Mitglieder des Kalinouski-Regiments in Abwesenheit zu langen Haftstrafen und hohen Geldstrafen.[17]
An der Front gegen Russland – für die Freiheit der Ukraine sowie die politische Freiheit von Belarus – kämpfen belarusische Soldaten zudem im Pahonja-Regiment (benannt nach dem historischen Wappenmotiv von Belarus), dem „Belarussische Freiwilligenkorps“ sowie in anderen Einheiten der Internationalen Legion der ukrainischen Streitkräfte.
- Belarussische Gedenkbriefmarke (1993)
- Gedenkstelle am Ort der Hinrichtung in Wilna, Litauen
- Gedenkstelle am Ort der Hinrichtung in Wilna, Litauen
- Gedenkstelle am Geburtsort in Mostowlany, Polen
Weblinks
- Informationen zu Kalinowski von der Gesellschaft für belarussische Sprache (belarussisch)
- Kurzbiographie zu Kalinowski (belarussisch)
- Biographischer Abriss zu Kalinowski (englisch)