Kim de l’Horizon

Schweizer literaturschaffende Person From Wikipedia, the free encyclopedia

Kim de l’Horizon (* 9. Mai 1992 in Ostermundigen) ist eine genderfluide nichtbinäre schweizerische Person, die unter diesem Pseudonym Lyrik, Prosa und Theaterstücke verfasst. Kim de l’Horizons Debütroman Blutbuch wurde 2022 sowohl mit dem Deutschen Buchpreis als auch dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

Kim de l’Horizon ist im Portrait auf einer Farbfotografie abgebildet. Die Person trägt einen breiten Schnurrbart, hat kurz geschorenes Haar, trägt Ohrschmuck und eine Kette mit unförmigen Objekten. Die Kleidung ist schwarz und von einem roten Streifen der in Schulterhöhe breit angesetzt, nach unten schmaler verläuft.
Kim de l’Horizon auf der Frankfurter Buchmesse 2022

Leben

Kim de l’Horizon wuchs in Ostermundigen in der Nähe von Bern auf und besuchte in Winterthur das Gymnasium. An den Universitäten Zürich und Bern studierte Kim de l’Horizon ab 2012 Germanistik, Film- und Theaterwissenschaften.[1] Es folgte ein Studium des literarischen Schreibens am Literaturinstitut in Biel mit Bachelorabschluss 2020.[2] Danach schrieb sich Kim de l’Horizon für den Masterstudiengang Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste ein.

De l’Horizon ist Mitglied der Redaktion des Literaturmagazins delirium.[3] Für das Theaterkollektiv «e0b0ff» entstand 2017 die Adaption Wie eine Barke das Meer aus Testosteron durchpflügen nach Roberto Bolaños Erzählung Mörderische Huren; Kim de l’Horizon war hier auch schauspielerisch tätig und für die Kostüme verantwortlich.[4] In der Spielzeit 2021/2022 übernahm de l’Horizon die Hausautorenschaft in dem Förderprogramm «Stück Labor» an den Bühnen Bern.[5] Von 2023 bis 2024 schrieb Kim de l’Horizon eine Kolumne für Tages-Anzeiger/Der Bund.[6]

Kim de l’Horizon gewann mehrfach Preise, darunter 2015 den Treibhaus- und den OpenNet-Wettbewerb der Solothurner Literaturtage für Prosa, den Textstreich-Wettbewerb für Lyrik, den Förderpreis Dramenprozessor 2020 des Theaters Winkelwiese sowie einen Kurzfilmwettbewerb der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.[7] Von der Ernst Göhner Stiftung erhielt de l’Horizon ein Stipendium für Kunstschaffende in Ausbildung.[8]

In einer fiktionalen Biographie gibt Kim de l’Horizon das Geburtsjahr 2666 an, was als Anspielung auf Bolaños Roman 2666 gedeutet wurde.[9]

Blutbuch (2022)

De l’Horizon wurde 2022 für das Romandebüt[10] Blutbuch mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung[11] und dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.[12] Zentrale Themen des Romans sind das Schweigen in der Familie, Scham sowie die Suche nach einer Sprache für einen Körper, der sich binären Geschlechterordnungen entzieht.[13] Ausgelöst wird die Rückkehr in Kindheit und Familiengeschichte durch die Demenzerkrankung der Großmutter; zugleich verfolgt der Text die weibliche Blutlinie und legt transgenerationale Traumata frei.[13] Die Buchpreis-Jury urteilte:

«Mit einer enormen kreativen Energie sucht die non-binäre Erzählfigur in Kim de l’Horizons Roman Blutbuch nach einer eigenen Sprache. […] Welche Narrative gibt es für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht? […] Jeder Sprachversuch, von der plastischen Szene bis zum essayartigen Memoir, entfaltet eine Dringlichkeit und literarische Innovationskraft, von der sich die Jury provozieren und begeistern ließ.»[14]

Bei der Buchpreisverleihung in Frankfurt am Main bedankte sich de l’Horizon bei der Mutter mit einer Liebeserklärung, sang a cappella das Lied Nightcall von Kavinsky und rasierte sich als Zeichen der Solidarität mit den protestierenden Frauen im Iran («Dieser Preis ist nicht nur für mich») das Haupthaar.[15] Während de l’Horizon in der literarischen Welt für den Debütroman gefeiert wurde, gab es insbesondere im Internet Angriffe auf die Person. Mit einem Essay in der Neuen Zürcher Zeitung thematisierte de l’Horizon daraufhin das Erleben gewalttätiger Übergriffe und verbaler Ausgrenzung anhand zweier konkreter Ereignisse, die sich am selben Tag ereignet hatten.[16] Der Verlag verschaffte de l’Horizon Personenschutz[17] für die Frankfurter Buchmesse, weil queer-feindliche Angriffe gegen die Person gerichtet waren.[18][19] Im April 2026 feierte an der Vagantenbühne in Berlin-Charlottenburg eine Bühnenadaption von Blutbuch in einer Fassung von Max Radestock und Daniela Guse Premiere.[13] In der Inszenierung wurde die Erzählfigur Kim von Julian Trostorf, Annemie Twardawa und Emma Zeisberger verkörpert; thematisiert wurden Briefe an die Großmutter, die Blutbuche als Schutz- und Verwandlungsort sowie die bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgte Familienlinie.[13]

Blutbuch gewann anschliessend auch den Schweizer Buchpreis.[20] Laut Linus Schöpfer in der NZZ am Sonntag ist das Werk «ein sehr gutes Buch […], ein Bildungsroman fürs 21. Jahrhundert, ein Text von stupender Stilsicherheit, souverän changierend vom artifiziellen Berndeutsch zum atemlosen Partysound».[21] Peer Teuwsen äusserte sich ähnlich: «Der Roman Blutbuch ist das Werk, das unsere Zeit in eine neue Form und Sprache kleidet. Es ist wild, brutal, schamlos und witzig. Und erstaunlich ideologiefrei.»[22] Dierk Saathoff kritisierte in der Jungle World homophobe Passagen im Buch.[23]

Werke (Auswahl)

  • Incantatem oder Schmetterling zerhauen, Kurzprosa, 2015 (Digitalisat).
  • Wie eine Barke das Meer aus Testosteron durchpflügen, Theaterstück, 2017 (Adaption von Roberto Bolaños Erzählung Mörderische Huren).[24]
  • Hänsel & Greta & The Big Bad Witch, Eine Weltrettung in 13 Übungen. Theaterstück, 2022.[25]
  • Blutbuch. Roman, DuMont Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-8321-8208-3.[26][27]
  • Fäuste und Küsse. Lokwort Buchverlag, Bern 2022, ISBN 978-3-906806-41-9.[28]

Theaterstück

  • 2024: Blutbuch, Roman von Kim de l’Horizon in einer Fassung von Jan Friedrich, Theater Magdeburg, Uraufführung: 27. Januar 2024[29][30]
  • 2024: Blutstück, nach dem Roman Blutbuch, Schauspielhaus Zürich, Uraufführung: 22. Februar 2024[31][32]
  • 2024: Mein Blutbuch, nach dem Roman Blutbuch, Schauspiel Essen, Uraufführung: 15. Juni 2024[33]
  • 2026: Blutbuch, Bühnenadaption von Max Radestock und Daniela Guse, Vagantenbühne, Berlin-Charlottenburg, Premiere im April 2026.[13]

Auszeichnungen (Auswahl)

Commons: Kim de l’Horizon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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