Kimpa Vita
kongolesische Guérisseuse und Gründerin der Antonier-Bewegung
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Kimpa Vita, mit dem Taufnamen Ndona Beatrice und in portugiesischer Form auch Dona Beatriz genannt (* um 1684 im Königreich Kongo; † 2. Juli 1706 bei Evululu im östlichen Königreich Kongo), war eine kongolesische Prophetin und religiös-politische Führungsfigur.[1] Sie begründete den Antonianismus bzw. die Bewegung der Antonier, eine christliche Erneuerungsbewegung, die katholische Formen mit religiösen Vorstellungen des Kongo zusammenführte und auf die Wiederherstellung eines geeinten Königreichs Kongo zielte.[2] Sie wird auch als afrikanische Jeanne d’Arc bezeichnet und wurde zu einer Leitfigur kongolesischer und panafrikanischer Einheits- und Befreiungsdeutungen.[3]

Leben
Kimpa Vita stammte aus einer Aristokratenfamilie der Bakongo und erhielt eine traditionelle Kimpassi-Initiation.[3] Sie wurde als Dona Beatriz getauft und erhielt eine religiöse Ausbildung, die katholische Vorstellungen mit der Rolle einer nganga marinda zusammenführte.[4] Als Nganga bezeichnete man allgemein ein Medium, das über religiöses Wissen verfügte und von dem erwartet wurde, im Auftrag der Gemeinschaft Kontakt zur jenseitigen Welt aufzunehmen. Nganga sollten Krankheiten heilen, deren Ursache in der jenseitigen Welt vermutet wurde, und erfüllten eine soziale Funktion.
Während ihrer Jugend verlor das Königreich nach der Schlacht von Mbwila (1665) seine politische Einheit, die Hauptstadt M’banza Kongo (= São Salvador) wurde aufgegeben und rivalisierende Gruppen kämpften um die Herrschaft.[2] Um 1704 trat sie nach einer schweren Krankheit mit der Botschaft hervor, der heilige Antonius von Padua habe von ihr Besitz ergriffen und sie beauftragt, dem zerrissenen Kongo den Weg zur Erneuerung zu weisen.[5] Der Heilige forderte durch die Prophetin eine gesellschaftliche Erneuerung in einer krisenhaften Situation. Kimpa Vita wandte sich gegen den portugiesischen Sklavenhandel, der soziale Spannungen zwischen der von Krieg und Sklavenhandel profitierenden Aristokratie und der verarmenden ländlichen Bevölkerung verschärfte.[5] Sie rief zur Rückkehr nach São Salvador auf, das sie als Zentrum eines erneuerten Kongo verstand, und gewann Unterstützung in der von Krieg und Sklavenhandel geprägten Gesellschaft.[5]
Angestrebt war die Wiederbelebung des früheren glorreichen Königreiches und die Wiederherstellung der zerstörten Hauptstadt M’banza Kongo, wo Kimpa Vita unter großem Zulauf des Volkes predigte.[6] Ihre Bewegung brachte sie in Konflikt mit Teilen der kongolesischen Aristokratie, mit europäischen Kapuzinern und schließlich mit König Pedro IV., der sie als politische Gefahr betrachtete.[7] Nach der Geburt eines Kindes wurde ihre religiöse Autorität von ihren Gegnern angegriffen; sie wurde mit ihrem Begleiter und dem Kind festgenommen und im Juli 1706 wegen Häresie zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.[3] Kimpa Vita wurde somit auf Betreiben der Kapuziner als Häretikerin und Hexe verbrannt.[5][6] Am 2. Juli 1706 wurde sie unter der Herrschaft Pedros IV. hingerichtet; über das weitere Schicksal ihres Kindes bestehen unterschiedliche Überlieferungen.[1]
Lehre und Bewegung
Kimpa Vitas Antonianismus war keine einfache Abkehr vom Christentum, sondern eine afrikanisierte Form des Katholizismus, in der die Heilige Familie und zentrale Orte der Heilsgeschichte in den Kongo verlegt wurden.[2] Sie verschmolz Bestandteile der afrikanischen Religion mit Elementen des Christentums.[4]
Sie lehrte, Jesus sei schwarz und im Kongo bzw. in M’banza Kongo geboren worden, und stellte damit eine religiöse Gegenerzählung zu europäischen Missionaren und zu einer von ihnen beanspruchten Deutungshoheit über das Christentum auf.[4] Für Kimpa Vita war überdies Marias Mutter eine Sklavin.[2] Ihre Predigt stellte die Absicht der Gläubigen über äußere Sakramente und verband die Verehrung des heiligen Antonius mit der Forderung nach politischer Einigung.[3] Mit Abgesandten und eigenen religiösen Strukturen verbreitete sie ihre Lehre über São Salvador hinaus und machte die Wiederbesiedlung der alten Hauptstadt zu einem Programm der Erneuerung.[2]
Zwischen 1704 und 1706 wurden ihre Anhänger, von denen manche sich ebenfalls von Antonius besessen glaubten, zu einem wichtigen Machtfaktor.[6] Die Bewegung lässt sich als religiös akzentuiertes Aufbegehren gegen die portugiesische Herrschaft und die fremden Missionare, darunter portugiesische und italienische Kapuziner, verstehen.[3] Die rasche Ausbreitung der Bewegung erklärt sich auch aus der Gewalt der damaligen Kriege und der Angst vor Versklavung, die durch den atlantischen Sklavenhandel verstärkt wurde.[5]
Nachwirkung
Kirsten Rüther sieht in Kimpa Vitas Hinrichtung die „Inszenierung einer frühneuzeitlichen Hexenverbrennung“, mit welcher die Missionare den Bakongo hätten verdeutlichen wollen, dass es auch bei ihnen Dinge gebe, die man in Europa als Hexerei verfolge.[8] Da Menschenverbrennungen bis zu diesem Zeitpunkt in Afrika nicht nachweisbar seien, sei es möglich, dass ein unbekanntes Strafritual in das Königreich Kongo importiert worden sei.[8] Eigennützige ndoki, in etwa als Hexer zu übersetzen, wurden damals im Kongo nicht getötet.[8]
Nach Kimpas Tod nutzte der kongolesische König Pedro IV., der ihren Tod gemeinsam mit einem Richterrat angeordnet hatte, die Bewegung zur erneuten Einnahme der Hauptstadt. In der Wirkungsgeschichte werden Bezüge zwischen Kimpa Vitas Bewegung und späteren zentralafrikanischen prophetischen Bewegungen, darunter der Kimbanguistenkirche, hergestellt.[3] Für die Tradition der afrozentrischen Bibelinterpretation gilt Kimpa Vita als Bezugspunkt.[9][10] Ihr Einfluss blieb trotz der kurzen Dauer des Antonianismus wirksam, weil spätere kongolesische und zentralafrikanische prophetische Bewegungen auf Motive religiöser Erneuerung, nationaler Wiederherstellung und schwarzer Würde zurückgreifen konnten.[11] In der Forschung wird sie daher sowohl als religiöse Reformerin als auch als frühe Figur afrikanischer politischer Selbstbehauptung diskutiert.[7]
Auch die Gegenwartsliteratur greift ihre Biografie auf, etwa Wilfried N’Sondés Roman La Reine aux yeux de lune, der ihre Faszination aus Quellen der Missionsgeschichte und aus der Erinnerung an das alte Kongo erzählt.[12]
Quellenlage
Dank der Unterlagen in den italienischen Kapuzinerarchiven, insbesondere den Tagebüchern der Missionare, gehört die Zeit Kimpa Vitas zu den quellenmäßig am besten dokumentierten Perioden des Königreichs Kongo.[13]
Literatur
- Richard Gray: Kimpa Vita, Donna. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage, Band 4.
- Kirsten Rüther: Antonier. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Band 1, 2005, Sp. 479–483.
- John K. Thornton: The Kongolese Saint Anthony: Dona Beatriz Kimpa Vita and the Antonian Movement, 1684–1706. Cambridge University Press, Cambridge 1998, ISBN 0-521-59370-0 (Digitalisat).
- Heinrich Loth: Vom Schlangenkult zur Christuskirche. Religion und Messianismus in Afrika. Union Verlag Berlin, Berlin 1965, S. 157–164.
- B. Hendrickx: Kimpa Vita (Dona Beatriz) and “Afro-Catholicism”: re-examining controversies and unsolved problems. In: Pharos Journal of Theology. 102, Special Ed. 1, 2021, doi:10.46222/pharosjot.102.14.
Radio
- Karin Sommer: Kimpa Vita. Eine afrikanische Jeanne d’Arc im alten Königreich Kongo. Bayerischer Rundfunk, 16. Mai 1992.
Weblinks
- Kurzbiographie im Dictionary of African Biography (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2025. Suche im Internet Archive)
- Women Leaders in African History: Dona Beatriz, Kongo Prophet. metmuseum.org, 2003.
- Theosophisch beeinflusste Biographie Kimpa Vitas, in der Simon Kimbangu als Reinkarnation Kimpa Vitas reklamiert wird (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2025. Suche im Internet Archive)
- Besprechung der CD São Salvador von Ricardo Lemvo und Makina Loca; das Hauptstück „São Salvador“ ist eine Ballade auf Kimpa Vita (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2025. Suche im Internet Archive)