Kinder ihrer Zeit
Buch von Knut Hamsun
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Kinder ihrer Zeit (Originaltitel: Børn av Tiden) ist ein Roman des norwegischen Schriftstellers und späteren Nobelpreisträgers Knut Hamsun aus dem Jahr 1913. Die deutsche Übersetzung von Niels Hoyer erschien 1914.
Kurzbeschreibung
Das Gut Segelfoß ist über Generationen mit den Namen Willatz Holmsen verbunden; der erste häuft Reichtum an, der dritte erbt Schulden, kann den Verfall des Guts nicht aufhalten und führt eine emotional verarmte Ehe mit seiner Gattin Adelheid. Der wohlhabende Tobias Holmengraa ändert dann alles: Er kauft Land und den Fluss, bringt wirtschaftlichen Aufschwung. Dorfleben und Machtverhältnisse wandeln sich, Holmengraa wird faktisch Herr über Segelfoß. Trotz technischer Fortschritte und Dampferverkehr bleiben die finanziellen Nöte der Holmsens bestehen; Holmengraa löst zwar die Bankverbindlichkeiten, stürzt nach Adelheids Tod aber in Trauer, Exzesse und verlustreiche Spekulationen. Bei Renovierungsarbeiten findet das gealterte Familienoberhaupt der Holmsens einen vergrabenen Schatz, erkrankt jedoch bald tödlich; sein Sohn kehrt zu spät heim, um diese zufällige Grundlage des Wohlstands als solche zu erkennen.
Inhalt
Das Gut Segelfoß wird von Männern beherrscht, die alle Willatz Holmsen heißen. Willatz Holmsen I. hat großen Wohlstand angehäuft und, so das Gerücht, aufgrund seiner Kriegsfurcht Geld vergraben; „denn, ihr Lieben, noch lange Zeit nach seinem Tode ging sein Geist um und spukte unten bei der Ziegelei.“[1.1] Willatz Holmsen II. hat zwar nicht den Wohlstand, aber den Lebensstandard gehalten und seinem Erben Willatz Holmsen III. daher „eine durable Bankschuld hinterlassen“.[1.2] Willatz III., aufgrund seiner Ausbildung an der Kadettenschule „Leutnant“ genannt, kann den Verfall nicht wirklich aufhalten: „Der Leutnant mochte noch so genau sein – es ging langsam abwärts mit ihm und dem Gut; […] die Zeiten änderten sich, es lohnte sich nicht mehr.“[1.3] Ein weiteres Problem von Willatz III. ist seine eheliche Situation. Seine deutsche Gemahlin Adelheid „kam aus einem großen Hause und war nicht dazu erzogen“, sich „immer für jemand bereitzuhalten“,[1.4] so dass das Ehepaar eigentlich „nur während der Mahlzeiten zusammen“ ist[1.5] und Willatz III. sich fühlt, als habe Adelheid ihn „mitten in der Ehe zum Junggesellen gemacht“.[1.6] Dennoch kommt es zur Geburt eines Sohnes, Willatz IV., und zu Eifersüchteleien, denn Adelheid „hatte nun einmal sein Herz und seine Sinne alleinherrschend in Besitz.“[1.7] Beispielsweise verdächtigt Willatz III. seine Frau offenbar, dass der junge Distriktsarzt Ole Riis ihr zu nahe träte, der nach der Geburt des Stammhalters Adelheid wieder auf die Beine brachte und „seit zehn Jahren“ Arzt der Familie war: „Aber jetzt nicht mehr“,[1.8] beschließt Willatz III., ist jedoch später auch mit Riis‘ Nachfolger Dr. Muus nicht einverstanden, so wie er grundsätzlich Vorbehalte gegen sämtliche Staatsdiener hat. Adelheids Ehe mit Willatz III. ist „nicht besser gewesen als viele andere Ehen, irgendein Unglück hatte sie nicht heimgesucht, aber ein ständiges Sichunglücklichfühlen hatte darüber gebrütet. So war es. Ein Unglück – Bagetelle! Ein Unglück hat ein Ende, das geschieht einmal und ist dann vorbei; schlimmer ist es, tagaus tagein, Jahr um Jahr Glück entbehren zu müssen.“[1.9] Ein kleines Quentchen Glück holt Willatz III. sich bei seinem jeweiligen sogenannten Stubenmädchen. „Wohl ist er über das Alter hinaus, wo er um seiner selbst willen weibliche Liebenswürdigkeit erwarten könnte; aber da diese ihm sonst im Hause nicht zuteil wird und er sie andererseits nicht ganz entbehren kann, so erkauft er sie sich jeden zweiten Abend“,[1.10] zu Beginn der Handlung bei einer Bediensteten namens Marcilie: Es gibt Lesestunden, andeutungsweise auch mehr, denn „Marcilie weiß von selber, was es hier zu tun gibt, sie geht zum Herrn hin und bleibt vor ihm stehen. Und das macht sie auch gut. Ein junges Mädchen ist ein junges Mädchen, sie faßt etwas an und macht es hübsch und weich, sie sieht einen an, und sie sieht einen nicht vergeblich an“.[1.11] Adelheid sieht das nicht gerne, so dass Marcilie gehen muss und Willatz III. neue Phasen des ehelichen Kleinkriegs aushalten darf. „Wieviel Nadelstiche zwischen den beiden, allzu viele! Solche Auftritte konnten nett werden – jeder Satz stand und stach mit Nadeln.“[1.12]
Marcilie findet als Angestellte bald ein Auskommen bei einem Neuankömmling:[1.13] Der in der Region geborene, charismatische und tatkräftige Tobias Holmengraa kommt nach dem Deutschen Krieg 1866 nach Segelfoß,[1.14] angeblich aus Gesundheitsgründen, hat „eine eigene, unwiderstehliche Art, etwas durchzusetzen“[1.15] und kauft dem notorisch finanziell klammen Willatz III. in der Folgezeit nach und nach Ländereien und einen Fluss ab. Während oder nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71[1.16] ist es soweit, dass Holmengraa seinen Sohn und seine Tochter Mariane nach Norwegen holen lässt, aus Mexiko, wo er zu Reichtum gekommen und seine Frau verstorben war.[1.17] „Das tägliche Leben auf Segelfoß – einsam und einförmig? Jetzt nicht mehr, das war einmal gewesen, Holmengraa hatte darin Wandel geschaffen.“[1.18] Willatz IV. nimmt derweil nicht ganz die Entwicklung, die Willatz III. sich wünscht: „Er treibt sich ja den ganzen Tag in den Häuslerhütten herum, und kommt er wirklich nach Hause, so spielt er Klavier.“[1.19] Zu den unstandesgemäßen Freunden von Willatz IV. gehört der Fischersohn Julius, dessen Bruder Lars Lassen der Leutnant Seminarunterricht in Tromsø ermöglicht[1.20] und dessen Schwester Daverdana sein neues Stubenmädchen ist. Allerdings kommt es zu Eifersüchteleien zwischen Julius und Gottfred, einem zweiten unstandesgemäßen Freund des jungen Willatz. Willatz III. lässt seinen Sohn auf eine Schule ins englische Harrow bringen, wo Adelheid ihn besucht, begleitet von Holmengraa, der nach Mexiko weiterreist, um dort „vieles abzuwickeln und zu ordnen.“[1.21] Willatz III. genießt Adelheids Abwesenheit: „In all der Zeit, die Frau Adelheid fort war, schien der Leutnant sie nicht zu entbehren, im Gegenteil, er schien innerlich und äußerlich frischer zu werden und wurde auch tätiger als früher.“[1.22] Außerdem ermöglicht ihn der Mangel an ehelicher Aufsicht, „Pascha auf einem Sofa“ zu sein, und er „ließ Daverdana kleine Erhitzungen in sein Herz hineinmogeln“.[1.22]
Nach Adelheids und Holmengraas Rückkehr geht es weiter wie gehabt: Die Gemeinde Segelfoß blüht nachhaltig auf, wird sogar Anlegestelle für die zwischen Vadsø und Hamburg regelmäßig verkehrenden Küstendampfer. Doch des Leutnants „Geld verpuffte leider nur so“,[1.23] schuld ist „sein großes Haus, seines Vaters Bankschuld, die immer noch nicht bezahlt war, seine vornehme Lebensweise, seine teuren Gewohnheiten, der teure Sohn in England – alles hielt ja den Herrn auf Segelfoß in ewiger Klemme. Er begriff nicht, wo eigentlich das Geld hinkam, ein unbarmherziges Schicksal sog es aus seinen Händen.“[1.24] Holmengraa hat derweil „seine Finger überall im Spiel“,[1.25] ist in Segelfoß „der Gott. Er war so viel wert wie alle andern zusammen, aber trotzdem ruhig und bedächtig und rücksichtsvoll in seinem Wandel.“[1.26] Seine ehemalige Reisebegleiterin Adelheid „konnte einige Male, wenn er kam, Freude zeigen, und es sah so aus, als hätte das einige Bedeutung für Herrn Holmengraa.“[1.27] Außer Adelheid zieht Holmengraa auch den von Willatz III. geförderten Lars Lassen in seinen Wirkungskreis: Lars Lassen wechselt in Holmengraas Dienst, wird vorübergehend Lehrer der Holmengraa-Kinder,[1.28] später Pastor in Segelfoß. Willatz IV. kehrt zu Pubertätsbeginn[2] vorübergehend nach Segelfoß zurück, geht dann wieder nach England. In den Jahren nach Einführung der Norwegischen Krone 1875[1.29] hält der technische Fortschritt in Form einer Telegraphenstation Einzug in Segelfoß,[1.30] während die finanzielle Situation von Willatz III. keine Fortschritte macht und ihn „die Bank […] ihrer eignen Sicherheit wegen und nach Rücksprache mit den Bürgen in Bergen […] ersucht, weitere Veräußerungen an Gerechtsamen und Ländereien von Segelfoß bis auf weiteres einzustellen.“[1.31] Tobias Holmengraa, der Willatz III. mal wieder etwas abkaufen will, erklärt daraufhin hinsichtlich der Schulden: „Ich werde sie von der Bank auslösen“, und Willatz III. hat „die Bank los und wieder Geld in den Händen, eine schöne Summe, genug für lange Zeit.“[1.32] Damit ist nun faktisch Holmengraa „Herr über Segelfoß geworden, über den Fluß, den Wald und alle Äcker“.[1.33] Rund zwei Jahre nach der Ablösung[1.33] kehrt Willatz IV. abermals zurück, hat inzwischen einen Schnurrbart[1.34] und ist „englisch genug geworden, um […] stundenlang hartnäckig und blödsinnig dazustehen und im Fluß Forellen zu angeln.“[1.35] Außerdem verliebt er sich in Mariane Holmengraa, „dies dreizehnjährige Kind“,[1.36] und nutzt Gottfred als Briefboten. „Gottfred war ihm in dieser Zeit ein treuer Gesellschafter; der hatte ein geduldiges Ohr und konnte Anteil nehmen“ am Leiden des Frischverliebten.[1.37] Die Kompositionsversuche von Willatz IV. lösen Begeisterung bei dessen Mutter Adelheid aus: „Oh, der Junge – nichts als Melodie, ich versichere Ihnen, ich singe seine Lieder mit der größten Freude.“[1.38] Willatz III. hat, da „die Schule in Harrow die reinste Ausbeuterei“ ist,[1.39] keine Einwände, Willatz IV. zum Musikstudium nach Deutschland zu schicken. „Adelheid wünschte ihren Sohn nach Berlin zu begleiten“,[1.40] bleibt dort „mehrere Monate“,[1.41] will dann „den ganzen Herbst noch“[1.41] bleiben, dann „den Winter über“,[1.42] während in Willatz III. ein innerer Wandel stattfindet: „Er ging auf verpfändeten Grund und wohnte in einem verpfändeten Hause – er wollte ausziehen. Es war gut, daß Adelheid und Willatz im Ausland waren, er sollte sie auffordern, dort zu bleiben […]. Wohin er ziehen sollte? Da stand ja die alte Ziegelei, die hatte er nicht verkauft“.[1.43] Zwanzig Jahre nach Auflösung der Familie durch den Tod von Willatz Holmsen II.[1.44] beginnt Willatz III. mit dem Ziegelei-Umbau, wird allerdings durch einen Trauerfall unterbrochen: „Frau Adelheid war beim Baden umgekommen. Ein paar Tage darauf reist der Leutnant mit dem Postdampfer nach Süden, seinem Sohn entgegen, der bereits mit der Leiche seiner Mutter nach Norwegen unterwegs war.“[1.45]
Die Nachricht von Adelheids Tod „machte einen merkwürdigen Eindruck auf Herrn Holmengraa, er wurde offensichtlich etwas verrückt. Zuerst versank er in große Trauer und großen Gram.“[1.45] Dann sieht man ihn „lächeln, lachen, ganz sicher trank er zu Mittag von seinem spanischen Landwein“,[1.45] ist eine Woche lang „sein eigener Hanswurst“,[1.46] wird bei seiner eigenen Hauswirtschafterin sexuell übergriffig,[1.47] versucht es auch bei Marcilie und Daverdana;[1.46] „er hatte niemand mehr, aus dem er sich etwas machte, denn die vornehme Frau Adelheid war jetzt tot.“[1.47] Erst, als sich die Rückkehr der beiden Willatz‘ anbahnt, fängt Holmengraa sich wieder: „Ob er wohl aus Respekt vor dem Leutnant mit seinen Verrücktheiten aufhörte? Oder tat er es, weil er sich vor sich selbst schämte?“[1.48] Zu den Kollateralschäden seiner „Verrücktheiten“ gehört es, dass er sich in jenen „Tagen seiner Ausschweifung“ mit Roggen verspekuliert.[1.49] „Das war ein Verlust, ein gewaltiger Verlust“.[1.50] Als Willatz III., abermals beschäftigt mit dem Umbau der Ziegelei „zu einer menschlichen Wohnung“,[1.51] dem wieder nach Deutschland zurückgekehrten Willatz IV. aus einer finanziellen Verpflichtung helfen will, kann der finanziell klamme Holmengraa dem Leutnant nicht mehr zur Seite stehen – oder will es nicht: „Es war ihm eine Befriedigung gewesen, mit dem Herrn und der Frau auf Segelfoß umgehen zu können; aber was für Staat war damit zu machen, eben dem Herrn jetzt zu helfen, diesem heruntergekommenen Gutsbesitzer – einem Mann, der in einer Ziegelei hauste?“[1.52] Willatz III., inzwischen „neunundsechzig Jahre alt und von Geldsorgen schwer bedrückt“,[1.53] kommt bei den Ziegelei-Umbauarbeiten ein Zufallsfund zur Hilfe: „Der Schatz! Hatte der erste Willatz Holmsen je eine Truhe vergraben, so war sie hier!“, und in der Truhe findet Willatz III. „altes Gold, spanische Dublonen, englische Guineen, das ist der Schatz. […] Tags darauf reiste der Leutnant nach Drontheim“, um auch das Silberzeug des Guts zu Geld zu machen.[1.54] Nach seiner Rückkehr von der Reise ist er allerdings erkältet, sogar todkrank. Willatz IV. kehrt zu spät zurück, um seinen Vater noch lebend anzutreffen, und verfällt mangels Wissen um den Schatzfund einem Irrtum über den Wohlstand der Familie: „Ja, gewiß, er würde den verpfändeten Hof auslösen, das Geld stand da, Gott sei Dank, sein Vater war ja die ganze Zeit reich gewesen!“[1.55]
Textanalyse
Bei Kinder ihrer Zeit handelt es sich um einen Gesellschaftsroman, eine Familiensaga, einen „psychologischen Roman“,[3] erzählt nicht aus neutraler Erzählperspektive, sondern aus Sicht einer „Geschichtenerzähler-Persönlichkeit“.[4] Erstmals wendet Hamsun hierbei eine Erzählweise an, die der Hamsun-Biograph Robert Ferguson (* 1948) als „dickensisch“ bezeichnet hat „und die typisch für den Rest seines Schaffens ist“.[5] Ort der Handlung ist die fiktive, an einem Fjord gelegene[1.56] Gemeinde Segelfoß im Nordland. Die Handlung um Willatz Holmsen III. und dessen Sohn Willatz IV. beginnt in den frühen 1860er Jahren und endet Mitte der 1880er Jahre.[6]
Themen
Der Roman Kinder ihrer Zeit erzählt vom allmählichen Niedergang der einst wohlhabenden Familie Holmsen und illustriert die gesellschaftliche Rolle und Selbstwahrnehmung des Familienpatriarchen Willatz Holmsen III. sowie des aufstrebenden Unternehmers Tobias Holmengraa vor dem Hintergrund eines „breiten sozialen Freskos“[7] aus Flirts, Verliebtheiten, Verlobungen, Rivalitäten und anderem. Die „reichhaltige Handlung“[8] des Romans zeigt neben der Kernhandlung um Willatz Holmsen III. und Holmengraa auch die Mentalität einer anfangs dörflichen, später städtischen Gesellschaft sowie, „wie die Ankunft der neuen Zeit in Segelfoß dazu führt, daß die alte aristokratische Welt ihre Identität zu verlieren beginnt“.[9] Nach Auffassung der Skandinavistin Denitsa Stoyanova bezieht der Roman hierbei „eindeutige Stellung gegen den Fortschritt und für die alte Ordnung, die bäuerliche Kultur Norwegens“.[10] Auffällig ist die im Text vermittelte Abneigung von Willatz III. gegen Staatsdiener wie Pfarrer oder Distriktsärzte, eine Auffassung, von der ihn sein Jugendfreund Fredrik Coldevin in einem umfangreichen Dialog abzubringen versucht: „Ich bin nicht blind dagegen, daß etwas Großes darin liegt, Gutsbesitzer […] zu sein, aber es ist etwas Totes. Groß, aber gestorben. Die Zeit ist darüber hinweggegangen“,[1.57] meint Coldevin: „Hättest du mit deiner Zeit Schritt gehalten, so würdest du wissen, daß seit unserer Kindheit sich die Verhältnisse gewandelt haben; bei uns ist die Beamtenschaft Adel geworden: Wir haben keinen anderen.“ Woraufhin Willatz III. erwidert: „Das bürgerliche Beamtentum, nein, das ist wirklich ein erbärmlicher Menschenschlag. Nach dem Vater der Sohn, Generation auf Generation Kopisten. Rekrutieren sich aus Bauernjungen, die sich ‚emporarbeiten‘, ja das tun sie, von tüchtigen Fischern und Landwirten zu Schreibern und Pfaffen. Mag es drum sein. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, daß Beamte nur Beamte gebären können – weshalb das? Sieh dich einmal unter ihnen um – nichts als notdürftige Begabung, von Energie so gut wie keine Rede, die Alltäglichkeit, der Durchschnitt blüht“,[1.58] und damit genau das Gegenteil von dem, was Willatz III. an Tobias Holmengraa offensichtlich bewundert.
Hauptfiguren
- Willatz Holmsen III.: Der o-beinige[1.59] Gutsherr von Segelfoß ist mit 40 Jahren „mager, der Körper aber untersetzt, mit gebeugtem Haupt“, hat „ein langes rasiertes Gesicht mit grauen Augen, einer Adlernase und bläulichem Bartgrund. Das graugesprenkelte Haar war auf der rechten Seite äußerst zierlich gescheitelt und über den Ohre nach vorne gekämmt. Seine Hände waren lang und dünn“,[1.60] Perfektionistenhände, denn ihr Eigentümer ist „ein Mann der Ordnung […] bis zum äußersten“.[1.61] Willatz III. entstammt einem lange bestehenden Geschlecht und kann als Patriarch alter Tradition bezeichnet werden. „Er war bei dem Volke durchaus nicht eigentlich beliebt, aber er erzwang sich einen ungeheuren Respekt“.[1.2] Obgleich von ihm „kein besonderer äußerer Glanz“[1.62] ausgeht, steht er nach Auffassung des Skandinavisten Martin Humpál (Karls-Universität) „für eine bestimmte Art von aristokratischem Individualismus im Niedergang, eine soziale Kraft, die nicht mehr produktiv ist“.[11] Dennoch ist der wortkarge[1.62] Willatz III. stolz, hochmütig,[1.63] doch „eigentlich nicht sehr mutig“.[1.64] Willatz III. ist „ein belesener und kenntnisreicher Mann“,[1.2] war „in jüngeren Jahren über die Maßen hitzig und eigensinnig“,[1.2] später immer noch „eigensinnig“ und „rechthaberisch“[1.65] sowie „kühl und verschlossen“[1.27] und bleibt letztlich „weitgehend ein Rätsel für die anderen Figuren“ des Romans, so Humpál.[12]
- Tobias Holmengraa: Hinter diesem einstigen „Fischerjungen“[1.66] liegt ein abenteuerliches Leben: „Er ist schon als Kind von zu Haus fort, er war in allen fremden Ländern und kam nach Australien und kam nach Amerika, und dann verheiratete er sich und hatte ein großes Geschäft, und dann fand er Gold“,[1.67] findet in Mexiko eheliches und unternehmerisches Glück, wird jedoch Witwer, entfremdet seinen beiden Kindern.[13] „Dreißig Jahre“ ist er aus Norwegen abwesend gewesen,[1.68] „reich und amerikanisch“,[1.69] als er heimkehrt „mit einem bleichen und scharfen Gesicht, einem Vollbart, einer geraden Nase und einer Unzahl Falten um die Augen herum. Er mochte hoch in den Vierzigern sein“[1.70] und ist damit ungefähr „gleichaltrig mit dem Leutnant; etwas älter, schon grau wie er, aber mit einem viel gewöhnlicherem Gesicht. Er hatte in einem wechselvollen Leben draußen in der Welt sich ein gefälliges Auftreten angeeignet, er besaß so viel Zartgefühl und feine Zurückhaltung.“[1.69] Holmengraa, „ein magerer und sehniger Mann“,[1.71] repräsentiert laut Martin Humpál „eine fortschrittliche unternehmerische Kraft, die neue Wege der Vermögensbildung sowie einen höheren Lebensstandard für die Bevölkerung von Segelfoß einführt”.[14] Er ist nicht nur aus eigener Kraft vorangekommen, er hat sich auch aus eigenem Willen fortgebildet: „Alles, was er wußte, hatte er sich zusammengehorcht, all das Wertvolle, das zwischen gebildeten Menschen in der Luft hängt, ihre Sprache eingerechnet, hatte er sich angeeignet“,[1.47] ist nun „immer interessant, immer rücksichtsvoll“,[1.72] bleibt trotz seines Aufstiegs „ein aufrichtiger und rücksichtsvoller Mann“,[1.17] für sich einnehmend, die personifizierte „Ruhe und Freundlichkeit“,[1.72] von der auch Willatz Holmsen III. eingelullt wurde, der nach Adelheids Tod bilanziert: „Dieser Fremde hatte tief in sein Leben eingegriffen, der Leutnant sah ihn in manchem als Ebenbürtigen, in vielem als einen Meister an; aber wer war Holmengraa? […] Ein Heimatloser, ein Mann ohne Abstammung, ohne Heim, ein Abenteurer aus allen Landen – ein Symbol vielleicht, eine Macht.“[1.73]
Nebenfiguren (Auswahl)
- Adelheid Holmsen: Diese „deutsche Haustochter mit praktischen Ansichten“[1.65] hat für die Ehe mit Willatz III. „eine adelige Familie in der großen Stadt Hannover verlassen und sich hier auf Segelfoß lebendig begraben“,[1.5] so zumindest ihre Ansicht. „Sie war die Tochter eines Obersten und von recht apartem Aussehen, ihr Gesicht war eigentlich wenig hübsch, aber ihr Körper war geschmeidig und schön“[1.2] sowie „von herrlichem Wuchs“.[1.74] Gleich ihrem Mann ist Adelheid „übermäßig stolz“,[15] besitzt „einen gesunden Verstand“,[1.75] ist aber anders als ihr Mann „heftig und streitlustig“.[1.65] Adelheids Stimme ist „ungewöhnlich, so tief und voll Liebreiz“,[1.76] und sie „beherrschte viele Sprachen“.[1.3]
- Willatz Holmsen IV.: Der Sohn von Willatz III. und Adelheid ist in den Jahren vor dem Deutschen Krieg geboren,[1.14] „gerade zu Weihnachten, in der Christnacht“.[1.77] Die Geburt schwächt die zu jener Zeit 28-jährige[1.74] Adelheid so sehr, dass der Distriktsarzt Ole Riis sich einige Zeit nach der Geburt im Holmsen-Haus aufhält. Als Kind ist Willatz IV. „wild und eigensinnig“,[1.78] als Teenager hat sein Körper eine „fürchterliche Länge“.[1.35] Von seiner Mutter hat er ein Faible für Musik, von seinem Vater eigentlich nur Schulden, bis jener einen Schatz vom Urgroßvater Willatz Holmsen I. findet.
- Mariane Holmengraa: Das ältere der beiden Holmengraa-Kinder „mit der niedrigen Stirn, mit dem Indianerhaar und dieser witternden Nase“[1.79] ist „wild und frisch“[1.13] und mit „langen Beinen“[1.79] versehen, die „Marianes Gang etwas Gleitendes“[1.35] verleihen. „Sie war auffallend stark entwickelt, der aufgeworfene Mund so reif“,[1.79] ist „groß und süß […] und hatte Indianerhaar den Nacken hinunter, und braun und rot war ihr Gesicht“,[1.80] denn sie hat zu einem Achtel indianisches Blut.[1.81] Im Umgang mit Willatz IV. erweist sich dieses „wunderlich treue und unerzogene Menschenkind“[1.82] als „gedankenlos zärtlich“.[1.83]
- Lars Lassen: Dieser erstgeborene Sohn eines Fischers ist etwa im Geburtsjahr von Willatz IV. im Konfirmationsalter[1.84] und „körperlich zu faul für die Fischerei“,[1.85] obwohl er „große, kräftige Hände“ hat[1.86] und „ein starker und grober Kerl“[1.87] ist. Er „will weiter nichts als lesen“[1.86] und wird, da Willatz III. ihm das finanziell ermöglicht, „ein wahres Stück Eisen und ein Riese im Studieren von Schulbüchern! Er war in Kristiania und machte ein Examen, verkroch sich ein Jahr und stapelte noch viel mehr Kultur in sich auf, trat dann wieder hervor und macht ein neues Examen.“[1.88] Als er nach Segelfoß zurückkehrt, hat er „langes Haar“,[1.89] trägt „eine gelehrte Brille“,[1.90] ist „bleich und schmal im Gesicht“[1.91] und man sieht seinen intellektuellen Lebenswandel „seinen Händen an, die vom Blättern in Büchern und Schriften dünngewetzt worden waren“.[1.92] Nach Ansicht der deutschen Literaturwissenschaftlerin Stefanie von Schnurbein (Humboldt-Universität zu Berlin) ist Lars Lassen am Ende des Roman einer der „Gewinner des neuen Systems […], die es verstehen, das korrupte System ausnutzen“ und Teil der von Willatz III. verachteten „Beamtenschicht, die sich dadurch auszeichnet, dass sie keiner produktiven Arbeit nachgeht, sondern auf Kosten anderer lebt. […] Er zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er Essen in sich hinein stopft und sich eine Bibliothek aufbaut, indem er armen Leuten Büchern wegnimmt.“[16]
- Daverdana: „Rotes Haar, lange Hände“[1.20] hat diese Schwester von Lars Lassen, der in jenem Augenblick von Willatz III. finanziell unterstützt wird, in dem Daverdana als Nachfolger von Marcilie das neue „Stubenmädchen“[1.41] des sexuell unausgelasteten Willatz III. wird. Daverdana ist „ein geschicktes Mädchen“[1.85] sowie „wild, […] groß und jung“.[1.70]
- Julius: Mit seinen „sehr großen Hände und Füßen“[1.78] ist dieser jüngere Bruder von Lars Lassen und zeitweilige Jugendfreund von Willatz IV. „ein Pferd bei der Arbeit, wenn er wollte“,[1.93] sowie in seinen Kindertagen „sehr flink und […] der erste, wo es galt, etwas zu ersinnen oder auszuhecken; dazu kam, daß er schrecklich fluchen konnte und fürchterlich viel wußte“,[1.94] obwohl er im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Lars Lassen einen „Bücherhaß“ pflegt[1.93] und „nie Respekt vor etwas“ hat, „ausgenommen, wenn man ihm Angst machte“.[1.95]
- Gottfred: Dieser Konkurrent von seinem Häusler-Nachbarn Julius um des jungen Willatz Gunst „stiehlt ebenso hurtig, wie ein Pferd rennen kann“.[1.96] Er ist „dünn, mit großen Augen“[1.96] und „wortkarg“.[1.97] Als seine Schwester Nachfolgerin Daverdanas als „Stubenmädchen“[1.41] von Willatz III. wird, wird auch Gottfred in den Haushalt aufgenommen, und Adelheid bringt ihm Französisch bei.[1.98] „Der kleine zarte Gottfred mit den Kinderhänden“[1.99] wird später Assistent im Telegraphenamt, denn „es würde wohl nie ein ordentlicher Fischer aus ihm werden, dagegen hatte Frau Adelheid ihm peinlich gute Sprachkenntnisse beigebracht.“[1.100]
- Dr. Muus: Dieser Nachfolger von Ole Riis als Segelfoß-Distriktsarzt ist im Ostland geboren,[1.101] hat vor seinem Einsatz in Segelfoß in der Finnmark gearbeitet, „wir Beamten fangen ja alle da oben an.“[1.102] Er ist „das Ergebnis von vier Generationen Schulfleiß und gewöhnlicher Begabung“[1.103] und passt daher wunderbar in das negative Beamtenklischee, das Willatz III. pflegt, der gegen Muus eine nicht minder große Abneigung wie gegen dessen Vorgänger Ole Riis verspürt. Muus ist „fein bis in die Fingerspitzen“,[1.104] besitzt „komischerweise den Glauben, daß auch er sich den Hochmut der Oberklasse leisten könnte“[1.103] und ist ein „kleiner, putziger Doktor, sicherlich gelehrt in seinem Fach, und sicherlich gelbblaß genug […] – ein überstudiertes Gesicht mit großer Nase, großen, schlecht geformten Ohren und spärlichem Bartwuchs.“[1.105]
- Ole Riis: Dieser Vorgänger von Dr. Muus als Distriktsarzt, ein Mann mit „behaarten Händen“,[1.77] wird von Willatz III. vom Hof gejagt, als Willatz eine sich anbahnende Beziehung zwischen Ole und Adelheid mutmaßt. Ansonsten bleibt der Zwischenfall ohne Folgen für die Tätigkeit des jungen Mediziners, denn er hat Beziehungen: „Seine Schwester ist in Ungarn Gräfin“.[1.106]
Fortsetzung
In seinem Buch Die Stadt Segelfoß (Originaltitel: Segelfoss by, 1915) schildert Hamsun die weitere Entwicklung der Region nach dem Tod der Romanfigur des alten Willatz Holmsen. Zusammen mit diesem Fortsetzungsroman erschien Kinder ihrer Zeit auf Deutsch auch unter dem übergeordneten Titel Kämpfende Kräfte.[17] Der Roman Nach Jahr und Tag (Originaltitel: Men Livet lever, 1933) spielt gleichfalls in Segelfoß.
Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl)
- Kinder ihrer Zeit. In: Knut Hamsun: Hunger. Kinder ihrer Zeit. Segen der Erde. (=Romane, Band 1.) Europäische Bildungsgemeinschaft, Stuttgart 1975. S. 181–419.
- Kinder ihrer Zeit. In: Kämpfende Kräfte. Eine Erzählung in zwei Romanen. Langen-Müller, München 1933. S. 7–254.
- Kinder ihrer Zeit. Langen, München 1914.
Literatur (Auswahl)
- Walter Baumgartner: Hamsun, Knut: Die Segelfoss-Romane. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon (KLL). Living edition. Metzler, Stuttgart o. J. (htm.)
- Martin Humpál: The narrator in Knut Hamsun's “Børn av Tiden”. In: Brünner Beiträge zur Germanistik und Nordistik, Jg. 12, Nr. 1, 1998, ISSN 1803-7380, S. 19–25. (pdf.)
- Atle Skaftun: Autor og helt. Bilder av personer i „Børn av Tiden“. In: Atle Skaftun: Knut Hamsuns dialogiske realisme. En studie av „Børn av tiden“, „Nabobyen“ og „På gjengrodde stier“ med særlig fokus på autorposisjon, plot og personer. Unipub Forlag, Oslo 2003. ISBN 82-7477-131-1. S. 151–222. (pdf.)