Kindslagenhandschrift

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Kindslagenhandschriften sind in Handschriften vorliegende Darstellungen und Abbildungen der möglichen Lagen eines Fötus oder mehrerer Föten in der Gebärmutter. Sie reichen in ihrer Tradition bis in die Antike zurück, sind jedoch erst seit dem Mittelalter nachweislich überliefert.

Tradition

Die Tradition der Kindslagendarstellung geht auf den griechischen Arzt Soranus von Ephesos zurück, der im 2. Jahrhundert n. Chr. in Rom lebte. In seinem Werk Über Hebammenkunst und die Krankheiten der Frauen (Gynaikeía) beschreibt er unter anderem die geburtshilfliche Verfahrensweise bei einer Fußlage. Soranus’ Werk wurde Ende des 5. oder Anfang des 6. Jahrhunderts[1] von Muscio[2] ins Lateinische übersetzt und hieß seitdem Gynaecia.[3] Aufgrund der kompilatorischen Natur mittelalterlicher medizinischer Manuskripte ist eine eindeutige Zuordnung von Kindslagenbeschreibungen und -abbildungen zu einem einzigen Autor schwierig. Kindslagenabbildungen wurden AlbucasisChirurgia oder der Trotula, seltener auch den im ausgehenden 13. Jahrhundert entstandenen Secreta mulierum[4] beigefügt.[5] Abulcasis (arabisch Abu l-Qasim az-Zahrawi) beschreibt im 75. Kapitel seiner Chirurgia die natürliche Kopflage sowie sechs weitere Lagen und weist darauf hin, dass es bei Zwillings- oder Mehrlingsgeburten zu eben jenen sieben Lagen kommen könne. Er beschreibt zu jeder Lage recht detailliert, wie die Hebamme vorgehen muss, um das Kind lebend zur Welt zu bringen.[6] Im Hochmittelalter verbreitete sich die bis in die Frühe Neuzeit haltende Meinung, dass die Gebärmutter aus sieben Kammern bestünde.[7]

Unter dem Namen Trotula werden die drei Bücher De curis mulierum, Liber de sinthonatibus mulierum und De ornatu mulierum zusammengefasst.[8] Der Name der Kompilation legt nahe, dass es sich um eine Autorin namens Trota handelt.[9] Der Abschnitt De curis mulierum befasst sich mit typischen Frauenkrankheiten sowie Menstruation und Geburt. Trota beschreibt im Gegensatz zu Albucasis nur zwei unnatürliche Kindslagen.[10]

Die Secreta mulierum sind ein Werk, das zunächst Albertus Magnus zugeschrieben worden war, jedoch schon von seinem ersten Biografen Peter von Preußen widerlegt wurde.[11] Die einzelnen Kapitel befassen sich mit den Aspekten der Empfängnis und Schwangerschaft. Als Ergänzung dazu wurden manchen Handschriften Kindslagenabbildungen beigefügt.

Darstellung

Abbildung aus dem „Rosegarten“ Eucharius Rösslins des Älteren, 1513

Es gilt zu unterscheiden zwischen rein textlicher Darstellung der Kindslagendarstellung, in der die Lagen beschrieben und Anweisungen an die Hebamme gegeben werden, wie das Kind oder die Kinder gegebenenfalls zu drehen sind, rein bildlichen Darstellungen, in denen meist die Gebärmutter stilisiert und der Fötus in seiner Lage dargestellt wird sowie der Kombination aus beiden. Bei der rein bildlichen Darstellung war eine Beschriftung sicher noch vorgesehen, wurde jedoch nie ausgeführt. Im Laufe des Mittelalters ergab es sich, dass die meisten Kindslagenabbildungen aus 16 Lagen bestehen, die meist in ähnlicher Reihenfolge abgehandelt werden. Die Ursache für die Ähnlichkeiten liegen vermutlich in der Abhängigkeit der Handschriften untereinander, dies wurde bisher jedoch noch nicht untersucht.

Die erste Abbildung zeigt die natürliche Lage, in der der Fötus mit dem Kopf zuunterst liegt und die Hände am Körper anliegen. Die zweite Lage zeigt meist die Fußlage, in der das Kind mit den Füßen zuunterst in der Gebärmutter liegt. Darauf folgen in unterschiedlicher Reihenfolge Steiß-, Querlage und weitere. Den Abschluss bilden in den letzten beiden Bildern meist Zwillingsgeburten, bei denen in einem Bild beide Föten in gleicher Weise nebeneinander und in dem anderen Bild ein Fötus mit dem Kopf und das andere mit den Füßen zuunterst liegen.

Textprobe

Codex germanicus monacensis 597, 5. Lage

Si ambas manus foras invenerit quid erit dūobūs
hümeris eiüs manüs süas vnasaz infigens renossum
eüm reüoret sicut süperiüs dixi manibus us positam a-
prehenso capite paülatim & leviter eum addürat

Codex 1192, Leipzig, 1. Lage

Weitere Informationen Frühneuhochdeutsch, Übersetzung ...
Frühneuhochdeutsch Übersetzung

Dit ist die irste geburtt
der naturen dye beste vor
allen ist daz ma(n) keyner
ley schaden vernyme
ader keyn vß ganck dar
vnde ist daz die hende
icht erhebit vnd da bli
be so ist gud

Dies ist die erste Geburt
auf natürliche Art; die beste von
allen ist, dass man keiner-
lei Schaden nehme
oder keinen Ausgang.
Und wenn es so ist, dass es die Hände
nicht erhebt und so bleibt,
so ist es gut.

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Manuskripte

Die älteste überlieferte Kindslagenhandschrift (mit Abbildungen) wird in Brüssel in der Bibliothèque Nationale unter der Signatur Bruxellensis 3714 aufbewahrt und stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert.

Weitere Informationen Signatur, Aufbewahrungsort ...
SignaturAufbewahrungsortEntstehungszeitSprache (Incipit)Abbildungen?
Bruxellensis 3710–15[12]Brüssel9./10. JahrhundertLateinja (13)[13]
G KS 1653 4°[14]Kopenhagen12. JahrhundertLateinja
Vaticano-Palatinus latinus 1304, 83ra–84vb[15]Vatikan1230 (ca.)Latein („Incipit prologus Muscionis“[16])ja (16)[13]
Ms. X. 118 (1412)Stockholm1230 (ca.)kein Textja
Ashmolean 399 [17], 13c–16bOxford, Bodleian Library1292 (ca.)Latein („Si in pedibus descendit…“[18])ja (10)[19]
Cod. lat. 15 Budapest, Eötvös Loránd Tudomány Egyetem Könyvtára (University Library)13./14. JahrhundertLateinja (16)
Parisinus latinus 7056[20]Paris, Bibliothèque Nationale1300 (kurz danach)Latein Katalog: „5° Summa secundùm Trotulam“ja (16)[14]
Ms. Francais 2030[21]Paris, Bibliothèque Nationale1314kein Textja
Latinus Monacensis 161[14]München, Bayerische Staatsbibliothek14. Jahrhundert (frühes)Lateinja (16)[13]
Thottske Samling 190Kopenhagen1300 (kurz nach)kein Textja (8)
Series Nova 2641Wien14. JahrhundertLateinnein
Ms. Lat. Z. 320 (1937)[22]Venedig14. JahrhundertLateinja
Bodleianus Laudanius Misc. 724[23]Oxford, Bodleian Library1400 (ca.)kein Textja (16)[24]
Hafniensis 1657Kopenhagen1420 (ca.)Mittelniederländischnein
Ms. 49/3London, Wellcome Library15. Jahrhundert (Ende)Lateinja
Ms. 1192[25]Leipzig, Universitätsbibliothek1434–1440Frühneuhochdeutschja
Ms. P 34 Nr. 78[26]Dresden, SLUB1440–1460Lateinja (16)
Sloane 2463, fols. 217r–218v [27]London, British Library1450 (ca.)Mittelenglischja (17)
Sloane 249, fols. 196v–197vLondon, British Library15. Jahrhundert (2. Hälfte)Mittelenglischja (17)
Germanicus Monacensis 597, 260r–261v[28]München, Bayerische Staatsbibliothek1485 (ca.)Lateinja (12)
Montis Pessulani 277[29]Montpellier14.–15. Jahrhundertja
Erlangensis B 33[30]Erlangen, Universitätsbibliothek15. Jahrhundert (spätes)Frühneuhochdeutschja (16)[31]
Ms. 129.a.l.5, fols. 28v–31r [32]London, Royal College of Surgeons15. JahrhundertMittelenglischja (16)
MS R.14.52 (922), fols. 124v–126r [33]Cambridge, Trinity College15. Jahrhundert (2. Hälfte)Mittelenglischnein
Parisinus graecus 2153[34]Paris, Bibliothèque Nationale15. Jahrhundert (spätes)Latein (Katalog: „Galeni […] ejusdem de morbis mulierum (218)“) nein
Parisinus latinus 6865[35]Paris, Bibliothèque Nationale14. JahrhundertLatein Katalog: „Ejusdem liber de gynæceis, sive de passionibus mulierum.“nein
Erlangensis B 200[36]Erlangen, Universitätsbibliothek1524Frühneuhochdeutsch
Barberinus I 49 (=329)[37]Rom16. JahrhundertGriechischnein
Vossianus gr 8° 18[38]Leiden16. JahrhundertGriechischnein
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Drucke

Mit der Erfindung des Buchdrucks nimmt die Überlieferung von handschriftlichen Kindslagenüberlieferungen ab und endet nach dem 16. Jahrhundert. Der erste Druck, der Kindslagenabbildungen enthält, ist „Der Swangern frawen und hebamme roszgarte“ von Eucharius Rößlin d. Ä. (1513), dessen Abbildungen denen des Ms. Lipsiensis 1192 ähneln.


Fußnoten

Literatur

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