King-Crane-Kommission
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Die King-Crane-Kommission, offiziell die Interalliierte Kommission für Mandate in der Türkei (englisch: Inter-Allied Commission on Mandates in Turkey), war eine 1919 von US-Präsident Woodrow Wilson entsandte Untersuchungskommission, die die politische Stimmung in Syrien (mit dem heutigen Libanon), Palästina und angrenzenden Gebieten nach dem Ersten Weltkrieg erfassen sollte. Vorsitzende waren der Oberlin-College-Rektor Henry Churchill King und der Geschäftsmann Charles R. Crane. Die Kommission legte im August 1919 einen Bericht mit Empfehlungen zur Mandatsregelung und Siedlungspolitik vor. Die Kommission legte ihren Bericht im August 1919 der Pariser Friedenskonferenz vor, der die Errichtung einer großsyrischen Monarchie in der Region empfahl, beruhend auf den Wünschen der lokalen Bevölkerung. Da die Arbeit der Kommission von Anfang an durch das Sykes-Picot-Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien und deren kolonialistische Bestrebungen untergraben wurde, war die Zukunft der Region zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Berichts allerdings bereits weitgehend entschieden.

Hintergrund
Nach dem Ersten Weltkrieg verhandelten die Siegermächte über die Aufteilung des zerfallenden Osmanischen Reiches. Geheimabkommen wie das Sykes-Picot-Abkommen (1916) sahen eine Aufteilung Syriens, des Libanon und Südostanatoliens in französische und britische Einflusszonen vor. Zugleich hatte Präsident Wilson in seinem 14-Punkte-Programm (Januar 1918) die Prinzipien der Selbstbestimmung und der Berücksichtigung lokaler Bevölkerungsinteressen propagiert. In diesem Spannungsfeld entstand die Idee, eine neutrale Untersuchungskommission zu entsenden. Die arabische Bevölkerung in Syrien und Palästina erwartete nach den britischen Versprechen in der Hussein-McMahon-Korrespondenz (1915–16) die Errichtung eines unabhängigen großsyrischen Staates einschließlich Palästinas. Gleichzeitig sah die zionistische Bewegung in der Balfour-Deklaration (1917) die Unterstützung eines jüdischen Staates in Palästina, was bei der arabischen Mehrheit Besorgnis hervorrief. Angesichts dieser Konfliktlagen beauftragte die Pariser Friedenskonferenz im Frühjahr 1919 eine international besetzte „Kommission über Mandate im ehemaligen türkischen Reich“. Die europäischen Großmächte waren von der Idee allerdings wenig angetan, da sie den Nahen Osten in Interessensgebiete aufteilen wollten. Die Zionisten hatten dagegen schon im April 1918 mit britischer Genehmigung eine eigene Delegation unter Leitung von Chaim Weizmann entsendet, die Vorbereitungen für die Errichtung eines Judenstaates treffen sollte.[1][2]
Die Entsendung der Kommission in Verbindung mit Wilsons Forderung, dass „den Nationalitäten, die derzeit unter türkischer Herrschaft stehen, zweifelsfreie Lebenssicherheit und die Möglichkeit einer völlig ungestörten autonomen Entwicklung garantiert werden sollte“, löste in der arabischen Welt Optimismus aus, dass die Ära des Imperialismus zu Ende gehen würde.[3]
Kommission

Wilson berief die Kommission offiziell als „American Section of the Inter-Allied Commission on Mandates in Turkey“. Ursprünglich sollte sie Vertreter der USA, Großbritanniens und Frankreichs umfassen, doch zogen Briten und Franzosen ihre Delegierten zurück. So bestand die King-Crane-Kommission letztlich nur aus den beiden amerikanischen Vertretern Henry C. King und Charles R. Crane sowie einigen Fachberatern und Mitarbeitern.[4] Die Kommission trat im Juni 1919 in Konstantinopel zusammen und reiste dann über das südliche Kleinasien nach Syrien und Palästina. Sie erreichte Jaffa am 10. Juni 1919 und besuchte in den folgenden Wochen Jerusalem, Damaskus, Beirut, Homs, Aleppo, Amman und weitere Orte bis nach Konstantinopel zurück. Insgesamt war die Kommission 42 Tage unterwegs, davon 10 in Palästina. Präsident Wilson hatte sie beauftragt, sich „möglichst eingehend mit den Meinungen der Bevölkerung über die künftige Verwaltung ihrer Angelegenheiten“ vertraut zu machen.[5] Daneben sollten auch Daten über die soziale, ethnische und wirtschaftliche Situation erhoben und erfragt werden.[6]
In jedem Gebietstag hielt die Kommission Anhörungen mit Vertretern aller wichtigen Volksgruppen ab: Gouverneure, Gemeindevorsteher, religiöse Führer, Geschäftsleute, Bauern und auch Frauendelegationen berichteten über ihre Wünsche.[6][1] So sammelte die Kommission Hunderte Petitionen der Bevölkerung und führte Gespräche mit insgesamt 442 Delegationen. Dabei erklärte sie sich in ihrem Auftrag ausdrücklich als keine Kolonialmacht, sondern als „Mandatar unter dem Völkerbund“, der den Syrern helfen sollte, sich an Selbstverwaltung heranzuführen. Die amerikanischen Kommissare betonten, dass die USA keine eigenen Herrschaftsabsichten in Vorderasien verfolgten, sondern die Interessen der Bevölkerung beobachten wollten.[1] In der zeitgenössischen arabischen Presse löste die Arbeit der Kommission ein großes und positives Echo aus. Die Grundstimmung war optimistisch, obwohl den Versprechungen der Amerikaner nicht völlig vertraut wurde.[6]
Ergebnisse

Die King-Crane-Kommission stellte fest, dass die große Mehrheit der arabischen Bevölkerung in Syrien und Palästina die Bildung eines einheitlichen arabischen Staates forderte. Der im Juli 1919 tagende „Syrische Generalkongress“ sprach sich ausdrücklich dafür aus, Syrien als Ganzes unabhängig zu machen und Palästina („den südlichen Teil Syriens“) sowie den Libanon nicht abzutrennen.[6] Auch die von der Kommission befragten Gemeinden traten mit großer Mehrheit für ein gemeinsames Syrien ein. Über 80 Prozent der eingegangenen Petitionen sprach sich für ein einheitliches Syrien aus, während einige sich für ein autonomes Palästina aussprachen und nur sehr wenige für ein unabhängiges Palästina. Das „zionistische Programm“ stieß auf eine Ablehnung von 85 Prozent der Petitionen und etwas weniger als drei Prozent der Petitionen sprach sich für das „komplette zionistische Programm“ einschließlich eines jüdischen Staates und jüdischer Migration aus, wobei alle diese Petitionen von der jüdischen Gemeinde in Palästina ausgingen.[1]
Dementsprechend empfahl die Kommission die Schaffung eines unabhängigen syrisch-arabischen Staates, der allenfalls vorübergehend einem US-amerikanischen Mandat unterstellt werden sollte. Damit sollten vor allem die Forderungen der Bevölkerung erfüllt und ein Kolonialregime vermieden werden. Die Einheit Syriens blieb dabei zentrales Anliegen: Sie befand die Kommission aufgrund gemeinsamer Sprache, Kultur und Wirtschaftsinteressen für unverzichtbar.[1][6]
Die Kommission schlug ferner vor, Emir Faisal, einen arabischen Führer des Aufstands gegen das Osmanische Reich, zum König einer neuen großsyrischen konstitutionellen Monarchie zu ernennen. Als Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung empfahl sie, das Mandat zeitlich zu begrenzen und rasch demokratische Institutionen aufzubauen.[1] Eine besondere Rolle spielte die Beurteilung der zionistischen Bestrebungen. Die Kommissare hielten fest, dass ein radikales „jüdisches Staatsprogramm“ nur mit Gewalt gegen den Willen der arabischen Bevölkerung durchsetzbar wäre. Deshalb forderten sie eine weitgehende Zurückstellung des zionistischen Ziels. Konkret verlangten sie eine deutliche Beschränkung der jüdischen Einwanderung nach Palästina und die Aufgabe des Plans, in Palästina einen ausschließlich jüdischen Staat zu errichten. Auch ein britisches oder französisches Mandat wurde abgelehnt, da es in der lokalen Bevölkerung auf Widerstand stieß.[4]
Folgen
Der King-Crane-Bericht wurde von den anderen Siegermächten kaum berücksichtigt. Bereits im Vertrag von Sèvres (August 1920) und auf der San-Remo-Konferenz (Frühjahr 1920) legten Großbritannien und Frankreich faktisch die künftigen Mandate fest. 1922 bestätigte der Völkerbund diese Aufteilung und erklärte Syrien und Libanon unter französisches Mandat sowie Palästina und Mesopotamien unter britisches Mandat. Dies stand im klaren Widerspruch zu den Empfehlungen der Kommission. Zugleich hielt das US-Außenministerium den Bericht zunächst zurück: Er wurde erst im Dezember 1922 veröffentlicht, nachdem Wilsons Amtszeit beendet war.[7][5]
In der historischen Bewertung wird die King-Crane-Kommission ambivalent gesehen. Sie gilt als frühes Zeugnis des wilsonschen Idealismus im Nahen Osten, denn sie sammelte systematisch die Wünsche der einheimischen Bevölkerung. So lobte der Historiker George Antonius ihren Bericht als „eine unvoreingenommene Analyse des Meinungsstandes in arabischen Kreisen unmittelbar nach dem Krieg“. Andere Fachleute wie Elie Kedourie kritisieren hingegen, die Kommission habe nicht alle Interessen ausgewogen berücksichtigt und sei ohne praktische Wirkung geblieben. Als Fehler wurde zudem eingestuft, dass die Kommission den Irak und die Türkei vernachlässigt hätten. Der Report hatte letztlich kaum Auswirkungen auf die handelnden Akteure, was selbst für die US-Politik aufgrund des Einflusses von Interessensgruppen gelten kann. Er hatte damit vor allem historischen und akademischen Wert.[2]