Kirchstraße 23 (Tangermünde)
Bauwerk in Tangermünde, Landkreis Stendal, Sachsen-Anhalt
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Kirchstraße 23 ist ein denkmalgeschütztes ehemaliges Bürgerhaus der Spätrenaissance in der Altstadt von Tangermünde. Das Gebäude ist inschriftlich auf das Jahr 1619 datiert und gehört zu den Fachwerkbauten, die nach dem Großen Stadtbrand von Tangermünde im Jahr 1617 entstanden. Es gilt als das reichste und prächtigste Fachwerkhaus der Tangermünder Altstadt aus dieser Wiederaufbauphase und ist wegen seiner bauzeitlichen Flachschnitzereien an Haustür und Toreinfahrt von besonderer geschichtlicher sowie kulturell-künstlerischer Bedeutung.[1]
| Kirchstraße 23 | |
|---|---|
Portal und Haustür des Fachwerkhauses Kirchstraße 23, datiert 1619 | |
| Daten | |
| Ort | Tangermünde |
| Anschrift | Kirchstraße 23 |
| Baustil | Fachwerkbau der Spätrenaissance |
| Baujahr | 1619 |
| Besonderheiten | |
| bauzeitliche Flachschnitzereien an Haustür und Toreinfahrt | |
Lage
Das Haus befindet sich in der Kirchstraße im historischen Stadtkern von Tangermünde. Die Straße liegt im Umfeld der St.-Stephanskirche und wird von mehreren historischen Fachwerkhäusern geprägt. Die Kirchstraße gehört zu den Bereichen der Altstadt, in denen der Wiederaufbau nach dem Stadtbrand von 1617 im Stadtbild ablesbar ist. Eine Besonderheit des Grundstücks besteht darin, dass es sich von der Kirchstraße bis zur Langen Fischerstraße erstreckt, der ältesten Straße der Stadt, die am Elbhochufer unmittelbar an der Stadtmauer liegt.[1]
Geschichte

Das Fachwerkhaus Kirchstraße 23 wurde im Jahr 1619 errichtet oder fertiggestellt. Eine Inschrift auf der Schwelle des Oberstocks nimmt auf den Stadtbrand vom 13. September 1617 Bezug. Sie nennt Peter Falcke und Catharina Matthias, deren Wohnhäuser an dieser Stelle niederbrannten.[1]
Die lateinische Inschrift lautet:
- ANNO PETRI FALCKENI AC CATHARINAE MATTHIASEN HABITATIONES HOC IN LOCO EXVSTAE SVNT PRIDIE EXALTATIONIS CRVCIS QVI ERAT XIII DIES SEPTEMBRIS
Sinngemäß erinnert die Inschrift daran, dass die Wohnhäuser des Peter Falcke und der Catharina Matthias an diesem Ort am Vortag des Festes der Kreuzerhöhung, dem 13. September, niederbrannten. Der Text bezieht sich damit auf den Großen Stadtbrand von Tangermünde im Jahr 1617, der in der Überlieferung mit Grete Minde verbunden ist.
Peter Falcke ist auch in der St.-Stephanskirche in Tangermünde erwähnt, wo er als einer der Spender der Bilderbibel erscheint.[1] Nach dem Altinventarband Die Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen wurde das Haus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts saniert. Die Denkmalkurzbegründung beschreibt das Gebäude als „gut erneuert“.
Architektur

Kirchstraße 23 ist ein stattliches zweigeschossiges Fachwerkhaus. Der Oberstock ist vorgekragt. Die Fachwerkkonstruktion umfasst elf Gebinde; die Streben sind als sogenannte „halbe Männer“ ausgebildet.
Besonders hervorgehoben sind die Einfassungen von Haustür und Toreinfahrt. Die Haustür besitzt einen historischen Rundbogen. Über der Tür befindet sich ein bauzeitliches Oberlicht mit zwölf mundgeblasenen, teilweise farbigen Gläsern. Nach restauratorischer Einschätzung ist dieses Oberlicht original erhalten. Unter dem Gebäude befinden sich zwei nach bauhistorischer Einschätzung ältere Gewölbekeller als der Fachwerkaufbau von 1619, von denen einer einen bis heute wasserführenden Brunnenschacht enthält.[1]
Schnitzwerk und Bildprogramm
Die bauzeitlichen Flachschnitzereien bestehen aus figürlichen, ornamentalen und inschriftlichen Darstellungen. Die Einfassungen zeigen Tiere, Arabesken, Pflanzen- und Weinornamentik, Engelköpfe, Hausmarken und Initialen.
In den beiden Torzwickeln der Durchfahrt befindet sich jeweils ein aufsteigendes Einhorn. Weitere Schnitzereien an der Tordurchfahrt zeigen Pflanzen- und Weinmotive, Engelköpfe sowie Hausmarken, die Peter Falcke und Catharina Matthias zugeordnet werden. Daneben erscheinen die Initialen P F und C M.
Über der Haustür befindet sich das bauzeitliche Oberlicht. Links neben dem Oberlicht ist Christus mit Kelch und Kreuz dargestellt, rechts Justitia mit Schwert und Waage. Direkt über der Tür befinden sich zwei aufsteigende Löwen, die ein Hauswappen mit der Jahreszahl 1619 rahmen. Auch hier erscheinen die Initialen P F und C M.
Seitlich der Haustür befinden sich eine weibliche und eine männliche Meerwesenfigur. Die weibliche Figur ist als Meerfrau mit Brüsten und Fischschwanz gestaltet, ihr gegenüber steht ein männliches Pendant. Unterhalb dieser Figuren befinden sich jeweils Doppeladler mit Herzschild. Weitere Motive sind Blattwerk, Weintrauben und ornamentale Rahmungen.
Die Verbindung von Christus, Justitia, Einhörnern, Löwen, Meerwesen, Hausmarken, Initialen und Inschriften gibt dem Portal ein ungewöhnlich reiches Bildprogramm. Die Schnitzereien verbinden religiöse, rechtlich-moralische, heraldische, familiäre und ornamentale Elemente.[1]
Inneres
Im Erdgeschoss befindet sich eine bauzeitliche Kassettendecke aus Stuck. Die Decke stammt nach restauratorischer Einschätzung aus der Bauzeit des Hauses. Ihre Felder zeigen mythologische Darstellungen, die in Beziehung zum Bildprogramm der Fassade stehen.
Darüber hinaus haben sich im Inneren zahlreiche bauzeitliche Bauteile erhalten. Dazu gehören originale Innenwände sowie Deckenbalken, teilweise mit Schiffskehlen, außerdem Lehmstaken und historische Lehmbauteile beziehungsweise Lehmfüllungen. Die bauzeitliche Kassettendecke erweitert die Bedeutung des Hauses über die Fassade hinaus, da sich im Inneren ein weiteres historisches Ausstattungsstück mit figürlichem beziehungsweise mythologischem Programm erhalten hat.
Denkmalschutz
Das Gebäude ist als Baudenkmal in Sachsen-Anhalt ausgewiesen. Die Denkmalkurzbegründung bezeichnet Kirchstraße 23 als Baudenkmal von besonderer geschichtlicher und kulturell-künstlerischer Bedeutung.
Als wesentliche Denkmalwerte gelten die Datierung auf 1619, der Zusammenhang mit dem Wiederaufbau Tangermündes nach dem Stadtbrand von 1617, die reiche Flachschnitzerei an Haustür und Toreinfahrt, die Inschriften sowie die erhaltenen bauzeitlichen Elemente. Die Denkmalkurzbegründung hebt insbesondere die reichen Einfassungen von Haustür und Tor mit Tieren und Arabesken, die Darstellungen von Christus und Justitia, die aufsteigenden Einhörner in den Torzwickeln, die Bauinschrift in der Schwelle des Oberstocks, den vorkragenden Oberstock, die elf Gebinde Fachwerk und die als „halbe Männer“ ausgebildeten Streben hervor.[1]
Einordnung
Die besondere Stellung der Kirchstraße 23 ergibt sich aus der ungewöhnlichen Verdichtung des bauzeitlichen Schnitzprogramms auf den Bereich von Haustür und Toreinfahrt. Im Unterschied zu großformatigen Fachwerkbauten mit ausgedehnten Schnitzfassaden ist das Bildprogramm hier auf eine vergleichsweise kleine Portalzone konzentriert. Für ein zweigeschossiges Fachwerkhaus zeigt das Gebäude eine auffallend reiche Verbindung von figürlichen, ornamentalen, heraldischen und inschriftlichen Elementen.
Nicht die monumentale Fassadenwirkung, sondern die programmatische Verwendung figürlicher Flachschnitzerei bildet den Vergleichspunkt zu bekannten Renaissance-Fachwerkbauten wie dem Brusttuch in Goslar, dem Hoppenerhaus in Celle und dem Huneborstelschen Haus in Braunschweig. Während diese Bauten ihre Bildprogramme auf größere Fassadenflächen und mehrere Geschosse verteilen, ist das Tangermünder Beispiel auf den engeren Portalbereich verdichtet. Kirchstraße 23 steht damit nicht als verkleinerte Nachahmung solcher Großfassaden, sondern als eigenständiges kleinmaßstäbliches Beispiel eines reich beschnitzten Fachwerkhauses mit geschlossenem Portalprogramm.
Literatur
- H. Giesau (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen. Band 3: Kreis Stendal Land. Burg 1933, S. 251.
- Helfried Weidner: Kirchstrasse 23 zu Tangermünde -eine restauratische Untersuchung. Tangermünde, 2026.