Krebsstation

Buch von Alexander Issajewitsch Solschenizyn From Wikipedia, the free encyclopedia

Krebsstation (russisch Раковый Корпус, Rakowy Korpus) ist der Titel eines 1967 fertiggestellten zweibändigen Romans mit autobiographischen Zügen[1] des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Er beschreibt das Zusammentreffen verschiedener Krebspatienten, Verbannten und Funktionären, der Stalin-Ära in einem usbekischen Krankenhaus zur Zeit der 1955 langsam anlaufenden stillen Entstalinisierung in der Sowjetunion. Das Buch durfte in der UdSSR nicht publiziert werden und wurde 1968 in westlichen Ländern veröffentlicht.

Alexander Solschenizyn nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion bei Heinrich Böll (1974)

Inhalt

Überblick

Die Haupthandlung spielt in der onkologischen Abteilung eines usbekischen Krankenhauses und beginnt mit der Einweisung des Fabrikdirektors und Funktionärs Pawel Nikolajewitsch Rusanow[2] im Februar 1955, zur Zeit der langsam anlaufenden stillen Entstalinisierung in der Sowjetunion. In einer Episodenfolge verflicht der Autor die Bereiche Medizin, Politik, Freundschaft und Familie und thematisiert v. a. die politischen Zustände in der Sowjetunion der Stalin- und Nach-Stalinzeit. In der Krebsstation treffen Günstlinge des Stalinismus, Mitläufer und Verfolgte aufeinander und diskutieren teils heimlich, teils laut über ihre Ansichten. Am Beispiel dieser Patienten, die im Laufe der Romanhandlung wechseln, einige Unheilbare werden entlassen, andere zu Operationen verlegt, neue kommen hinzu, der Schilderung ihrer Charaktere und einer „minuziösen Beschreibung des Krankenhausalltags“[3] entwickelt der Erzähler ein breites ethnisch-soziales Bild der Kranken, ihrer Schicksale und der Art und Weise, wie sie mit ihren Krankheiten und ihrer existentiellen Bedrohung umgehen. Während einige apathisch, schicksalsergeben auf ihren Betten liegen, lesen andere Fachliteratur oder Romane und tauschen sich über ihre Behandlungsmethoden, Bestrahlung, Operation oder Hormonspritzen, die Heilungschancen und über Wunderdrogen wie Eisenkrautwurzelessenz und Birkenschwamm-Tee (Buch I, S. 130) aus. Eine zentrale Rolle in dieser Krankengesellschaft spielen die beiden Kontrahenten: Der Fabrikdirektor Rusanow ist Denunziant und Profiteur des stalinistischen Systems. Der „ewig“ nach Kasachstan verbannte Kostoglotow hofft auf seine Rehabilitation in einer neuen Gesellschaft.

Die Krankenhausgesellschaft

Am Beispiel der Charaktere des im allgemeinen streng kontrollierten Systems und des Klinikpersonals entwickelt der Autor einen Mikrikosmos der russischen Gesellschaft:[4] Beispielsweise liest der Bauarbeiter Jefrem Poddujew nach einem unbeständigen privaten und beruflichen Wanderleben durch UdSSR (Buch I, Kap. 8) moralische Erzählungen Tolstois und denkt über den Sinn des Lebens nach. Wadim Zadyrko, ein 26-jähriger Geologie-Student, arbeitet an einer neuen Methode der Rohstoffentdeckung durch radioaktives Wasser. Er liest ein Fachbuch nach dem anderen, um seine verbleibende Lebenszeit für die Forschung einzusetzen (I, 19). Auch Djomka, ein schüchterner 16-jähriger Drehergeselle mit unglücklicher Kindheit (I, 10), versucht ein Geometriebuch oder Romane zu lesen, kann sich jedoch wegen seiner starken Schmerzen eines durch einen Sportunfall entstandenen Sarkoms am Bein oft nicht konzentrieren. In dieser Situation befreundet er sich mit Asja, einer Schülerin aus Leningrad.

Hinter der „Fassade“ einer durch „die ständige Bedrohung durch den unausweichlichen Krebstod […] scheinbar in sich geschlossene Gesellschaft […] bleibt der einzelne Patient mit seiner individuellen Geschichte, seiner Willenskraft und seinen spezifischen Erwartungen als unaustauschbare Größe bestehen.“[5]

Eine aus diesem heterogenen Verband herausragende Rolle spielen die beiden Protagonisten: Der Fabrikdirektor und Funktionär Pawel Nikolajewitsch Rusanow versucht seine privilegierte Stellung zu nutzen und den Krankensaal zu dominieren. Sein Kontrahent, der „ewig“ verbannte Oleg Filimonowitsch Kostoglotow, sucht über persönliche Beziehungen mit der Krankenschwester Soja und der Radiologin Wera Korniljewna Hangart an Informationen über seine Erkrankung und die Heilungschancen zu kommen und denkt darüber nach, ob eine der beiden ihm an seinen Verbannungsort folgen würden.

Eine zweite personale Ebene ist die der Ärztinnen und des Krankenhauspersonals sowie das Arzt-Patienten-Verhältnis. Am Beispiel des Direktors, der Radiologinnen und des Personals veranschaulicht der Autor die Hierarchien des Systems und die Behandlungsperspektive: die mangelnde Information der Patienten über ihre Erkrankung einmal, um sie zu schonen, und zweitens, weil man sie für unmündig hält, eigene Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, während sich die Ärztinnen gleichzeitig aufopfernd um ihre Patienten kümmern und ihnen Zuversicht zu vermitteln suchen. So vermeiden sie das Wort „Krebs“ und sprechen stattdessen beispielsweise von „Polypen“ bei einem Magenkarzinom. Die ratlosen Patienten suchen ihr Heil in alternativen Therapieformen wie einem Birkenschwamm-Tee, der als Wundermittel gegen Krebs gilt und den sie sich für viel Geld zu verschaffen versuchen. Die Rollentrennung wird auch am Beispiel der Leiterin der Röntgenabteilung Donzowa veranschaulicht. Als sie selbst an einem Tumor erkrankt, wechselt sie von der Arzt- in die Patientenrolle, möchte in die Entscheidungen ihres Falles nicht einbezogen werden und wünscht sich, selbst medizinischer Laie zu sein, um nicht wissen zu müssen, was ihre Krankheit zu bedeuten hat.

Pawel Rusanow

Die Haupthandlung beginnt mit der Einweisung des Fabrikdirektors und Funktionärs Pawel Nikolajewitsch Rusanow im Februar 1955 wegen eines Hodgkin-Lymphoms in die onkologische Abteilung eines usbekischen Krankenhauses.

Befragungswesen

Rusanows Parteikarriere wird v. a. im 13. und 14. Kapitel erzählt: Wie seine Frau Kapitalina Matwejewna ist er zuerst Arbeiter in einer Makkaroni-Fabrik in der Stadt K., steigt zum Betriebsrat, dann zum Direktor auf und erhält eine Funktion in der Produktionsverwaltung. Seit zwanzig Jahren ist sein Arbeitsbereich in der Personalabteilung das Befragungswesen, das er für seine Karriere in der Zeit der stalinistische Säuberungen nutzt: Äußerlich freundlich und entschieden, ist er Funktionär eines ausgeklügelten Überwachungs- und Drucksystem:

„Der poetische Reiz seiner Arbeit lag in dem Empfinden, einen Menschen völlig in der Hand zu haben, obwohl rein sachlich auf diesen noch nicht einmal Druck ausgeübt worden war. Der geheimnisvollen, halb exklusiven Stellung innerhalb des Betriebs verdankte Rusanow eine profunde Kenntnis der eigentlichen wahren Lebensumstände […] Das der Allgemeinheit sichtbare Leben (im Betrieb, auf den Konferenzen, auf Seiten der Betriebszeitung, am schwarzen Brett, bei der Lohnabrechnung, in der Kantine, im Klub) – war nicht das wirkliche Leben, es sah nur für Uneingeweihte so aus. Der wahre Verlauf des Lebens wurde nicht mit laut erhobener Stimme entschieden, sondern absolut ruhig, in stillen Arbeitsräumen, unter zwei, drei einander verstehenden Menschen oder durch freundliche Telefonanrufe. Das wirkliche Leben strömte außerdem in geheimen Papieren, die tief in den Aktenmappen Rusanows und seiner Mitarbeiter verborgen lagen, und lange konnte es stumm hinter einem Menschen hergehen, um sich dann jäh für einen Augenblick zu zeigen, mit feurigem Schlund aus der Unterwelt aufzutauchen, das Opfer mit Glut zu bespeien oder ihm den Kopf abzureißen – um dann wieder zu verschwinden, wer weiß wohin. An der Oberfläche aber blieb alles beim alten“.[6]

Um die Angestellten unter Druck zu setzen, lädt er sie zu Dienstgesprächen vor, ohne ihnen den Grund dafür zu nennen. Oft will er dann nur eine kleine Auskunft haben, aber die Untergebenen stehen tagelang unter Angst, vielleicht Opfer einer Denunziation geworden zu sein. Gefährlicher sind die von ihm eingesetzten raffinierten Fragebögen (I, S. 172 ff.), um die Mitarbeiter in Widersprüche zu verwickeln und evtl. als politisch unzuverlässig erscheinen zu lassen. Z. B. verschweigt eine junge Frau in ihrem Fragebogen, dass ihre Mutter Gruscha wegen regimekritischer Äußerungen inhaftiert worden ist. Er droht ihr mit einem Gerichtsverfahren und sie vergiftet sich (I, 16).

Rusanow und seine Frau nutzen die politische Atmosphäre der 1930er Jahre, als „alle Lügner, Verleumder, Anhänger der eilfertigen Selbstkritik oder superklugen Intellektuellen“ aus dem „von allem Schmutz gereinigten“ gesellschaftlichen Leben verschwunden sind, für ihre eigenen Vorteile: Um ihre kleine Wohnung für die beiden Kinder zu erweiterten, verleumden sie ihren Nachbarn und ehemaligen Freund Roditschew. Dieser wird verurteilt und verbannt und sie erhalten sein Zimmer. Als sie aus Angst vor dem Krieg sich aus K. nach Zentralasien evakuieren lassen, geben sie ihre Wohnung an Kapitalinas Bruder Minai weiter. In der neuen Heimat steigen sie in die neue Funktionärsklasse auf und nutzen ihre Verbindungen für die Karriere ihre Kinder: Jura ist als Staatsanwalt und unternimmt seine erste Inspektionsreise, die vielseitig interessierte und begabte Avieta ist Journalistin und schreibt Gedichte, Laurik, ein guter Sportler, hat einen Antrag auf Dosaaf-Förderung gestellt und holt den Vater mit dem Auto von der Klinik ab, Majka, die Jüngste, besucht die 5. Klasse.

Krankheit

Im Februar 1955 erlebt Rusanow einen Einbruch seines bisher glänzend verlaufenen Lebens. Innerhalb von zwei Wochen wächst eine Geschwulst am Hals und er muss zur Behandlung in die onkologische Klinik der Stadt. Zwar wird er, während viele auf der Warteliste stehen, sofort aufgenommen. Trotzdem ist er unzufrieden. Er fühlt sich, abgelöst von seiner Familie, der tadellosen Wohnung, dem privilegierten geordneten Leben, in einer Welt der Kranken, „nun gleichsam jenseits der Geschwulst“.[7] Statt in einem Einzelzimmer, wie es seinem privilegierten Satus entspräche, wird er in der überfüllten Klinik in einem Krankensaal mit neun Betten untergebracht, wo ihn die meist einfachen Leute mit ihrer Sprechweise und ihren Gewohnheiten stören. Sofort beschwert er sich über seine Vernachlässigung und möchte in eine Moskauer Klinik verlegt werden. Die Röntgenologin Donzowa diagnostiziert ein nicht operables Hodgkin-Lymphom und Pawel entschließt sich nach langer Diskussion probeweise zu der von der Ärztin vorgeschlagenen Spritzentherapie und findet sich mit der Situation in der Klinik ab. Die Behandlung zeigt langsam, im März (II, 2), nach 12 Spritzen Erfolge und Rusanow kann als vorläufig geheilt entlassen werden.

Neuausrichtung

In die zweite existentielle Verunsicherung gerät Rusanow durch Zeitungsberichte über eine neue politische Ausrichtung zwei Jahre nach Stalins Tod: die Ablösung der Richter des Obersten Gerichts und des Ministerpräsidenten, die Ignorierung von Stalins Todestag in der Presse. Er hört von der Rehabilitation Roditschews und anderer Verbannter und deren Rückkehr nach K. und fürchtet deren Rache. Seine Position könnte dadurch gefährdet sein.

Die ältesten Kinder Rusanows reagieren unterschiedlich auf die neue politische Entwicklung. Jura hat Mitleid mit den während der Stalinzeit wegen kleiner Delikte mit harten Strafen Verurteilten und lässt als Staatsanwalt einige Fälle überprüfen. Avieta dagegen unterstützt bei ihrem Besuch in der Klinik die Position des Vaters (I, 21): die Urteile seien in der damaligen Zeit zur Stabilisierung des kommunistischen Staates im Prinzip richtig gewesen. Man könne nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen, die alten Fälle seien verjährt und man solle sie ruhen lassen. Es habe ja Gründe für die Verbannungen gegeben und die Menschen hätten damals nach dem Zeitgeist gehandelt. Jetzt müsse man sich der Entwicklung anpassen und nach vorne schauen.

Anschließend diskutiert Avieta mit zwei jungen Patienten über die Aufgabe der Literatur und über die derzeitige Forderung nach „Aufrichtigkeit“ der Darstellung. Während Wadim die Rolle der Literatur in der Gesellschaft für stark überschätzt hält, ist für Djomka die Literatur „der Lehrmeister des Lebens“ und er spricht sich für „Aufrichtigkeit“ aus. Für Avieta dagegen ist Aufrichtigkeit schädlich: „Subjektive Aufrichtigkeit kann unter Umständen im Gegensatz zur wahrheitsgetreuen Schilderung des Lebens stehen“. Nicht sei einfacher, „als eine trostlose Tatsache genauso darzustellen wie sie ist. Aber tiefer zu pflügen und keimende Triebe zu beschreiben, die noch gar nicht zu sehen sind“, sei die Aufgabe der Dichtung: „Das, was wir heute mit bloßem Auge sehen, braucht nicht unbedingt die Wahrheit zu sein. Wahrheit ist das, was ‚sein müsste‘, was morgen sein wird. Eben unser wundervolles ‚Morgen‘ muss beschrieben werden.“ Man müsse furchtlos über das Gute sprechen, damit es noch besser werde.[8]

Oleg Kostoglotow

Oleg Filimonowitsch Kostoglotow wird am 23. Januar 1955, 12 Tage vor Erzähleinsatz, in die onkologische Abteilung des usbekischen Krankenhauses aufgenommen, um eine Geschwulst im Bauchbereich behandeln zu lassen. Die Vorgeschichte wird in den Kapiteln 8 und 12 des ersten Buches eingeblendet: geb. 1920, Geodäsie-Studium, 7 Jahre in der Armee, Tod der Mutter bei der Belagerung Leningrads, wegen regimekritischer Äußerungen im Studentenkreis konterrevolutionärer Umtriebe angeklagt, Verurteilung zu 7-jähriger Lagerhaft und anschließender „ewiger“ Verbannung in Usch-Terek (Drei Pappeln) Kasachstan, wo er als Agrotechniker arbeitet.

Entscheidungsrecht

Kritisch den Behandlungsmethoden gegenüber, fürchtet er, für Experimente benutzt zu werden, und führt mit Ljudmila Afanassjewna Donzowa, der Leiterin der Röntgenologischen Abteilung, Grundsatzdiskussionen über das Entscheidungsrecht. Während sie ihre Analysen der Spätfolgen der Bestrahlungen vor den Patienten geheim hält, damit sie nicht das Vertrauen verlieren, und dies mit dem ärztlichen Recht begründet, die Behandlung zu bestimmen, will Kostoglotow über sein Leben selbst bestimmen und fordert den Einblick in die Untersuchungsergebnisse (I, 6, 7, S. 72, 75). Allerdings kann er als Verbannter das Krankenhaus nicht einfach ohne Genehmigung verlassen, wie dies Rusanow tun könnte, weil dies Folgen für seine rechtliche Absicherung am Verbannungsort hätte.

Nachholbedarf

Bei Frauen hat Kostoglotow einen Nachholbedarf: „In der Jugend hatte Oleg alles versäumt. Jetzt aber war es anders. Wie eine Pflanze im Herbst die letzten Säfte aus der Erde ziehen will, um dem entschwundenen Sommer nicht nachtrauern zu müssen, so beeilte Oleg sich jetzt, als sein Leben wiederkehrte – und schon zur Neige ging, ja natürlich zu Neige-, Frauen zu sehen und tief in sich aufzunehmen, und zwar auf eine Weise, über die er mit ihnen nicht reden konnte.“[9] Er verliebt sich in die 21-jährige Krankenschwester Soja und spricht von einem Leben mit ihr in der Verbannung, obwohl er dies für unrealistisch hält und für sie andere Ziele als Landärztin in der Steppe hat. Noch mehr gefällt ihm die mit ihm ungefähr gleichaltrige Radiologin Wera Korniljewna Hangart. Er gewinnt ihre Sympathie und ihr Vertrauen und spricht mit ihr über seinen Tumor, die medizinische Behandlungen und die Nebenwirkungen.

Er erzählt den Frauen von den Ursachen seiner Verbannung und seiner Auffassung von Selbstbestimmung und persönlicher Freiheit. Wera ernennt ihn nach der Entlassung Puddujews zum Stubenältesten, duldet stillschweigend seine Regelüberschreitungen und warnt ihn vor der Inspektion des Schlafraums durch den Oberarzt. Soja leiht ihm verbotenerweise eine wissenschaftliches Tumorbuch und erzählt ihm, dass die Hormonspritzen seine Potenz, und langfristig seine Libido, schädigen, rät ihm von dieser Behandlung ab und gibt ihm auf seinen Wunsch hin, entgegen der Anweisungen Weras, keine Spritzen mehr. Wera dagegen verordnet diese Methode, weil sie vorrangig sein Leben retten will. (I, 17, 18). Er fragt sich, ob der Preis „um der Erhaltung des bloßen Lebens willen“ nicht zu hoch ist, wenn „ihm Farbe, Schönheit, Unruhe“ verloren geht.[10]

In dieser Vermischung von dienstlichen und privaten Aspekten verwickeln sich Oleg und Wera in Beziehungsprobleme. Er hält sie anfänglich für verheiratet, sie lebt jedoch allein und fühlt sich immer noch an ihren ihm Krieg gefallenen Verlobten gebunden. Als sie nach einem vertraulichen Gespräch mit Oleg über den Sinn des Lebens meint, ihn von der Priorität des Lebens über die Sexualität überzeugt zu haben, und sich von ihrem Schattenverlobten löst, erfährt sie vom Gerücht der Affäre Olegs mit Soja (II, 4). Als sie bei ihm keine Reaktionen auf die Hormontherapie feststellt, schöpft sie Verdacht und befragt Soja. Diese behauptet alle Anweisungen ausgeführt zu haben, geht jedoch kein Risiko mehr ein, zumal sie nicht in Kasachstan leben und dort als Ärztin arbeiten will (II, 6).

Einerseits hofft Kostoglotow auf seine Rehabilitation, andererseits sehnt er sich nach seinem Verbannungsort in der Steppe Kasachstans und erinnert sich, wie er das Kasachstan-Dorf nach dem siebenjährigen Arbeitslager als Freiraum empfunden hat (I, 20; II, 1): „Nach dem Lager, wahrhaftig, was sollte einem da nicht wie ein Spaß vorkommen, wie eine Erholung?“ Seine Vorbilder sind der Frauenarzt Nikolaj Kadmin und seine Frau Jelena, beide wie er Opfer des stalinistischen Systems, die nach langen Jahren der Trennung in Usch-Terek gemeinsam in einer eigenen, spärlich eingerichteten Lehmhütte, dem „letzte[n] Dach über ihrem Kopf, unter dem sie nun leben und sterben würden“, wohnen und alles gut finden: „Wie gut! Um wieviel besser als früher! Was für ein Glück, dass es uns ausgerechnet in diesen bezaubernden Ort verschlagen hat.“[11])

Entlassung

Rusanow und Kostglotow werden nach ca. zweimonatiger Behandlung Ende März als vorläufig geheilt entlassen. Es gibt Anzeichen, dass die Verbannten rehabilitiert werden und in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Oleg fühlt sich wie an einem zweiten frühlingshaften „Schöpfungsmorgen“ und möchte sich vor seiner Rückkehr nach Usch-Terek noch einen Tag die Stadt anschauen (II, 14). Wera und Soja bieten ihm beide an, in ihrer Wohnung zu übernachten. Glücklich genießt er seine Freiheit, die „Rückkehr ins Leben“: „Mochte dies auch der letzte Frühling sein, den es für ihn gab – es war ein geschenkter Frühling“.[12] Beim Gang durch die Stadt isst er zum ersten Mal Schaschlick, trinkt ein Glas Wein und kauft sich ein Eis. Dann wird er mit einer Menschenmenge in ein großes Kaufhaus hineingezogen. Er betrachtet die vielen teuren Waren, die Kleidung und den Schmuck, die er sich nicht leisten kann, und bei einem Blick in einen großen Spiegel nimmt er sich als einen in dieser Umgebung fremden Mensch in abgetragener Soldatenkleidung mit einem Kleidersack auf dem Rücken wahr: als Ausgestoßenen. Er flüchtet aus dem Kaufhaus und sucht, wie ihm der junge Djomka empfohlen hat, Erholung im Zoo. Aber er hat am Rundgang keine Freude, denn ihm wird v. a. die Gefangenschaft der Tiere bewusst, die „mit ihrer Heimat […] auch den Begriff der Freiheit verloren“ haben und die er mit den Menschen vergleicht.[13] In den Tieren sieht er Allegorien für seine eigene unfreie Existenz. Nur eine Ziege, die in majestätischer und würdevoller Haltung bewegungslos auf einem hohen Felsen steht, beeindruckt ihn: „[M]it dieser unerschütterlichen Gleichmut könnte man das Leben ertragen.“[14]

Oleg ist jetzt unsicher, ob er das Angebot der Frauen annehmen oder zum Bahnhof fahren soll (II, 15). Er entscheidet sich für die Rückreise und schreibt auf dem Bahnsteig einen kurzen Abschiedsbrief an Soja und einen langen an Wera: „…für das, was zwischen uns begonnen hätte, dafür hätte niemand einstehen können! […] ich sage Ihnen voraus, noch ehe Sie ein ruhiges, abgeklärtes Alter erreicht haben, werden sie den Tag, an dem Sie Ihr Schicksal nicht mit meinem Schicksal verbunden haben, segnen.“ Er werde zu keiner weiteren Behandlung zurückkehren und nehme jetzt von ihr „für immer Abschied“.[15]

Der Roman endet mit einem Bild aus Kostoglotows Zoobesuch: Auf einem an einem leeren Käfig angebrachten Schild steht, „ein böser Mensch“ habe dem Makak-Rhesus Tabak in die Augen geworfen, so dass er erblindete, und Oleg kommentiert: „Nur einfach so.“[16]

Ideologie-Diskussionen

Rusanow und Kostoglotow sind als Funktionär (Kaderarbeit) und Verbannter der Stalinzeit die ideologischen Kontrahenten, obwohl sie dies in der Klinik nicht offen austragen können. Bereits bei ihrer ersten Begegnung erkennt Rusanow Kostoglotow als Aufsässigen und nennt ihn in Gedanken „Oglojed“. Jetzt, als Kranke, lesen sie in der Zeitung von der Absetzung der Richter des Obersten Gerichts und der Ablösung des Ministerpräsidenten Malenko am 8. Februar 1955 und fürchten die Rehabilitationen bzw. hoffen auf eine Amnestie der Verurteilten.

Im Krankensaal sprechen die Patienten nicht über politische Themen und während seiner Anwesenheit dominiert Rusanows offizielle Pateilinie. In Zweiergesprächen tauschen sich die Patienten allerdings über ihre Erfahrungen aus. Bei einem Spaziergang im Klinikgarten trifft Kostoglotow zufällig auf den ehemaligen Universitätsdozenten und jetzigen Bibliothekar Alexej Filippytsch Schulubin und dieser bezeichnet sich dem wegen seiner Kritik Verbannten gegenüber mit einem Puschkin-Zitat[17] als Verräter. Die Menschen orientierten sich zwar am „Herdengeist“, an Vorurteilen, Verhaltensweisen, Bacons Gattungs- und „Höhlenidolen“,[18] „Theateridolen“,[19] „Idole[n] des Marktes“,[20] jedoch sei das Volk klug. Es glaube im Grunde nicht der staatlichen Propaganda, aber es möchte leben. Über allen Idolen sei „der Himmel der Furcht.“ Beispielsweise habe er als Wissenschaftler Fehler bekannt, sich verraten und sei herabgestuft worden: vom Universitätsdozenten in Moskau zum Assistenten in der biologischen Fakultät und dann zum Bibliothekar in Kokand, wo er unliebsame Bücher „konterrevolutionärer Irrlehren“ aussortieren musste: „[W]ir werfen alles in den Ofen: die Genetik! Die linke Ästhetik! Die Ethik! Kybernetik! Arithmetik…!“. Er habe an seinen Arbeitsstellen nie widersprochen und sich immer angepasst und sei von seinen Kindern verachtet worden.[21]

Kostoglotow, der nach Puschkins Einordnung zu den „Gefangenen“ gehört, relativiert dessen Kategorisierung. Verräter seien nur die Denunzianten: „Der Sturm knickt die Bäume, das Gras biegt sich, hat das Gras deshalb die Bäume verraten? Jeder hat sein eigenes Leben. […] Überleben ist ein Gesetz der Völker.“[22]

Bei der Frage, wie der Sozialismus aussehen solle, plädiert Schulubin für einen „sittlichen Sozialismus“, während Kostoglotow eher an die Ökonomie als Grundlage denkt. Auch bei dem höchsten Ziel des Menschen unterscheiden sich ihre Meinungen: Für Kostoglotow ist es das persönliche Glück, für Schulubin ist die gegenseitige Sympathie das Höchste, was Menschen erreichbar ist. Das Glück sei eine „Fata Morgana - der billigsten Sorte“.[23]

Zu einer größeren Konfrontation kommt es im März, als Kostoglotows Beziehung zu Wera und Soja und sein Zukunftsaspekt in einer kritischen Phase geraten sind (II. 8). Er mischt sich erregt in eine Diskussion im Krankensaal über Rusanows großzügige Wohnung und die unterschiedliche Bezahlung der Funktionäre und der Krankenschwestern ein. Rusanow begründet dies mit der größeren Verantwortung und ein anderer Patient, der Philosoph, behauptet, der Sozialismus sehe ein differenzierteres Lohnsystem vor. Kostoglotow wundert sich über diese „Dialektik“ und fragt: „Muss es erst Ungleichheit gegen, damit alle gleich werden?“ Wenn einer nicht selbst arbeite, sei er kein Proletarier, sondern „ein Schmarotzer“. Er kritisiert am Beispiel Rusanows die Privilegien der neuen Klasse im kommunistischen Staat: Schulubin steht ihm bei und verweist auf Lenins Aprilthesen: „Alle Beamte sollen nicht mehr bekommen als den Durchschnittslohn eines guten Arbeiters“.[24]

Personen

Die Namen werden weitgehend in der phonetischen Transkription wiedergegeben.

Patienten im Krankensaal

  • Oleg Filimonowitsch Kostoglotow. Wegen konterrevolutionärer Umtriebe zu siebenjähriger Lagerhaft und anschließender „ewiger“ Verbannung in Kasachstan verurteilt.
  • Pawel Nikolajewitsch Rusanow. Opportunistischer Parteifunktionär, der zu Macht und Wohlstand gekommen ist und jetzt bei einem Richtungswechsel der Partei um seine Privilegien fürchtet. Ehemann von Kapitolina Matwejewna, Vater von Juri Pawlowitsch (Staatsanwalt), Alla (Aviette) Pawlowna (Journalistin und Schriftstellerin), Lawrik Pawlowitsch und Majka Pawlowna.
  • Jefrem Poddujew. Bauarbeiter mit unsolidem und unbeständigem Lebenslauf, liest am Ende seines Lebens Leo Tolstois Erzählung Wovon Menschen leben und denkt über die Moral und den Sinn des Lebens nach.
  • Djomka. 16-Jähriger Jugendlicher aus schwierigen Familienverhältnissen (I, 10), arbeitet als Dreher in einem Betrieb und besucht die Abendschule, er liest begierig und träumt von einer höheren Bildung, befreundet sich mit der ebenfalls krebskranken 17-jährigen Schülerin Asja.
  • Wadim Zadyrko (I, 19). Junger Geologe, forscht an einer Methode, um das Vorhandensein von Erzen durch radioaktives Wasser zu bestimmen.
  • Alexej Filippytsch Schulubin. Vom Wissenschaftler zum Bibliothekar degradiert, bereut, sein Leben lang aus Angst zu den stalinistischen Verbrechen geschwiegen zu haben.
  • Friedrich Federau. Exilierter Russlanddeutscher, loyales Mitglied der Kommunistische Partei der Sowjetunion, unterstützt Rusanow in den Diskussionen.
  • Ahmadjan. Usbeke, arbeitet nach der Entlassung wieder als Gefangenenlagerwärter.
  • Maxim Petrowitsch Tschalyj. Ein zwielichtiger Händler, prinzipiell optimistisch, prahlt mit seinem unsoliden Lebenslauf, freundet sich mit Pawel Nikolajewitsch an und bietet ihm seine Dienste an.
  • außerdem: Asowkin, Prokofi Semjonitsch (Proschka), Mursalimow (alter Usbeke, ehemaliger Kolchosenwächter), Jegenberdijew (Kasache, ehemaliger Hirte).

Klinikpersonal

  • Nisamutdin Bachramowitsch. Wenig präsenter Leiter der Klinik, stellt Ärzte und Krankenschwestern aus politischen aus politischen und persönlichen Motiven und nicht nach ihrer fachlichen Eignung an.
  • Lew Leonidowitsch. Chef-Chirurg und Autorität, war früher in einem Gefangenenlager als Arzt tätig.
  • Jewgenija Ustinowna. Oberärztin und Chirurgin.
  • Ljudmila Afanassjewna Donzowa. Leiterin der röntgenologischen Abteilung, als Ärztin will sie die Behandlungsmethode der Patienten bestimmen, als sie selbst an einem Tumor erkrankt, gerät sie in einen Rollenkonflikt.
  • Wera Korniljewna Hangart, Radiologin, trauert immer noch um ihren Verlobten, den sie im Krieg verloren hat und der einen Schatten wirft auf ihre Beziehung zu Kostoglotow, mit dem sie durch gegenseitige versteckte Liebe verbunden ist.
  • Soja. Medizinstudentin, arbeitet als Krankenschwester, flirtet mit Kostoglotow, und ist einer Affäre mit ihm nicht abgeneigt.
  • Krankenschwestern und Pflegerinnen: Jelisaweta Anatoljewna (II, 13: ohne Begründung verbannte Familie, wie Kostoglotow Opfer des Stalinismus[25]), Olympiada Wladislawowna, Nellja u. a.

Andere

  • Nikolaj Iwanowitsch und Jelena Alexandrowna Kadmin. Ehemalige Lagerhäftlinge und Verbannte, Kostoglotows Freunde im kasachischen Usch-Terek.
  • Dormidont Tichonowitsch Oreschtschenkow. Fünfundsiebzigjähriger Arzt, praktiziert ungesetzlich in seinem Privathaus, Donzowas ehemaliger Lehrer und ihre Vertrauensperson.

Biographische Bezüge

Die Biographie Solschenizyns zeigt einige Ähnlichkeiten zum Lebenlauf der Hauptfigur Oleg Filimonowitsch Kostoglotow.

  • Studium in den Fachgebieten Mathematik und Geodäsie
  • Militärzeit und Teilnahme am Krieg, 1946/47
  • Im Februar 1945 wurde Alexander Solschenizyn der Front durch die militärische Spionageabwehr verhaftet und in das Moskauer Lubjanka-Gefängnis überstellt, weil er in Briefen an einen Freund indirekte Kritik an Stalin geübt habe. Gemäß Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches wurde er daraufhin ohne Gerichtsverhandlung zu acht Jahren Arbeitslager und darauf folgender „ewiger Verbannung“ verurteilt. Zunächst wurde er in einem Sonderlager für Wissenschaftler in Marfino (am nördlichen Stadtrand Moskaus) untergebracht.
  • Am 19. Mai 1950 verlegte man Solschenizyn aufgrund eines Streits mit den Behörden der Sharashka ins Butyrka-Gefängnis in Moskau.
  • Da er sich weigerte die Arbeitsauflage zu erfüllen, sich mit vorgegebenen wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen, wurde er im August 1950 ins Steplag, ein Speziallager in Ekibastuz, Kasachstan, für politische Häftlinge, verlegt und arbeitete dort bis zu seiner Entlassung 1953 in einer Gießerei.
  • 1951 erkrankte Solschenizyn an Malignen Neoplasien des Hodens und wurde im Lagerkrankenhaus operiert.
  • Im Februar 1953 wurde ihm als Verbannungsort das Dorf Berlik im Kreis Kok-Terek, Kasachstan zugewiesen, wo er als Lehrer mit den Fächern Mathematik, Physik und Astronomie unterrichtete. Dort erfuhr er vom Tod Stalins am 5. März 1953.
  • Im Dezember 1953 kam er wegen eines Tumors in der Bauchhöhle in ein Taschkenter Krankenhaus und wurde zuletzt im Jahr 1955 bestrahlt.

Editionsgeschichte

Erstausgabe des Possev-Verlags Frankfurt am Main

Nach der Fertigstellung des ersten Bandes 1966 bemühte sich der Autor vergeblich um die Veröffentlichung in der Literaturzeitschrift Nowyj und bei verschiedenen sowjetischen Verlagen und die Moskauer Zweigstelle des Schriftstellerverbands der UdSSR diskutierte über Teile des Romans. Nach der Vollendung des zweiten Bandes 1967 verhandelte Solschenizyn erneut über die Publikationsbedingungen, aber letztlich konnte Krebsstation erst nach dem Ende der UdSSR in Russland veröffentlicht werden.

Der Text verbreitete sich jedoch in der Sowjetunion auf dem Samisdat-Weg.[26] und Exemplare gelangten ins westliche Ausland. Die russische Originalausgabe erschien 1968 in mehreren europäischen Verlagen. In Deutschland wurde Band 1 in der Übersetzung von Christiane Auras, Agathe Jais und Ingrid Tinzmann 1968 im Hermann Luchterhand Verlag publiziert. Band 2 folgte 1969 in der Übertragung von Christiane Auras und Agathe Ais.

Rezeption und Interpretation

Während Solschenizyns Roman Krebstation in der UdSSR nicht publiziert werden durfte, wurde er im Westen als „wichtigste[s] neue[s] Werk der sowjetischen Literatur“[27] und, wie bereits Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1963) und Der erste Kreis der Hölle (1966), als bedeutendes internationales literarisches Ereignis gefeiert. Die Resonanz dieser Werke war einer der Gründe, warum der Autor 1970 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Gelobt wurde in den Rezensionen v. a. die biographisch verankerte Verarbeitung der politischen Situation in der Sowjetunion in der literarischen Form des „kritischen Realismus“: „Solschenizyn, Moralist, Metaphysiker und Apokalyptiker, in einem, will etwas Getrenntes wieder auf einen Nenner bringen: Wahrheit und Kunst. Die Kunst soll der Wahrheit dienen, ausschließlich ihr.“[28]

Die Literaturkritik fokussiert im Wesentlichen drei Aspekte: erstens die differenzierte Studie des Krankenhausalltags und der Psychologie des Krankseins, zweitens die Krebsklinik als Symbol für die sowjetischen Gesellschaft der Stalin-Zeit und drittens die Form des kritischen Realismus.

Nach dem ersten Interpretationsansatz kann man den Roman „als klassische und realistische Darstellung des konfliktreichen Krankenhausalltages“ lesen: „In medizinethischer Hinsicht steht besonders das Problem der freiwilligen Behandlungszustimmung des Patienten im Vordergrund.“ Weitere zentrale Themen seien der Kampf des Menschen gegen Krankheit und Tod, die menschliche Würde und die Beziehungen zwischen Patienten und medizinischem Personal unter schwierigen Bedingungen sowie allumfassend die Frage nach dem Sinn des Lebens.[29]

Der zweite Ansatz verbindet den ersten mit der politischen Situation in der nachstalinistischen Sowjetunion und interpretiert die Krebsklinik als Metapher eines totalitären Systems und als Spiegel der durch Stalin geformten sowjetischen Gesellschaft.[30]

Unterschiedlich wird der Romanschluss gedeutet. Böll betont den Aspekt der Erneuerung: Solschenizyn habe für seinen Roman bewusst die „Zeit der Rehabilitierung, die Zeit der großen Hoffnung“ gewählt. Er könne nicht begreifen, dass das Buch „voller Bitterkeit, auch Heiterkeit“ in der Sowjetunion nicht erscheinen darf: „Auch den heftigsten Befürwortern einer ‚besseren Zukunft‘ sollte es nicht schwerfallen, zu erkennen, dass nicht die Schriftsteller, sondern die ‚Rusanows‘ die Krebsgeschwulste der Gesellschaft sind“.[31] Guski dagegen deutet den Romanschluss als Resignation: „Die personalen Veränderungen in der Führungsspitze des Kremls signalisieren – als parallel zur Genesung Kostoglotovs geschaltetes Geschehen – zwar das Heraufziehen einer neuen Ära, einen Genesungsprozess auch der äußeren Welt, doch erweist sich eine grundsätzliche Neuordnung des Lebens im individuellen wie im allgemein gesellschaftlichen Bereich als Utopie.“ Die „innere Handlung des Romans“ verlaufe „nicht als Prozess, sondern als Regress“, die Genesung werde „nicht als Fortschritt, sondern symbolisch als Rückkehr zu einem längst erreichten, aber im Laufe der Zeit durch Degeneration und Verfall verloren gegangenen Normalzustand dargestellt“. Dieser „Normalzustand“ bleibe „in der düsteren Perspektive Solschenizyns außer Kraft gesetzt, solange das Individuum durch Instanzen, die sich jeder Verantwortung entziehen, vergewaltigt und zur psychischen und moralischen Kapitulation gezwungen“ werde.[32]

Nach Böll[33] und Gusky setzt sich Solschenizyn in seinen Romanen und Erzählungen vom „dogmatischen, optimistischen Realismus stalinistischer Prägung“ ab und beschreibt die Gesellschaft in einem „neuen kritischen Realismus, dem Humanität im weitesten Sinne des Wortes Ursache und Zweck dichterischer Darstellung bedeuten.“ Durch „die Konstruktion des Nullpunktes, auf den das Leben der Krebskranken herabgesunken ist, vermag der Autor den existentiellen Hoffnungen und Ängsten seiner Romanfiguren lapidarsten Ausdruck zu verleihen“. Die „Erfassung der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ geschehe er dadurch, „dass die konkret-historische Gesellschaft auf ein elementares […] Mindestmaß reduziert wird, von dem aus nur elementarste Reaktionen möglich sind.“[34]

Adaptionen

Literatur

  • J. G. Walker: Solschnizyns 'Krebsstation'. Eine Einführungsgeschichte. 1971.
  • M. Jordin: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Die Logik der 'Krebsstation'. in: New Zealand Slavonic Journal 2, 1976, 85–98.
  • R. J. Wilson: Die Fehlinterpretation von Solschnizyns 'Krebsstation'. Narrative und interpretative Strategien im Kontext der Zensur. In: Journal of Narrative Technique 19, 1989, 2, 175–196.

Anmerkungen

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