Andreaskreuz (Fachwerk)

im Holzfachwerk ein Kreuz mit X-förmig schräg gestellten Balken From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Andreaskreuz (auch Kreuzstrebe, Strebenkreuz) ist im Holzfachwerk ein Kreuz mit X-förmig schräg gestellten Balken; es dient als baustatisch wirksame Balkenverstrebung und zur Zierde.[1]

Andreaskreuze in Brüstungsgefachen (Göttingen, Weender Straße 47)

Bezeichnungen

Der Begriff Andreaskreuz lehnt sich an die X-Form des schräg liegenden Kreuzes, auf dem der Apostel Andreas gestorben sein soll; danach wurde diese Kreuzform bei Darstellung des christlichen Märtyrers zu dessen Attribut. → Hauptartikel Andreaskreuz.

Die Bezeichnung Andreaskreuz für das Fachwerkbauteil scheint erst in der Wiederbeschäftigung mit historischem Fachwerk seit dem 20. Jahrhundert Verwendung gefunden zu haben. Fachlexika und Holzbaufachbücher des 19. Jahrhunderts kannten den Begriff noch nicht.

Eine historische Bezeichnung im 17. Jahrhundert war Kreuzzug („Creutzzug“): Der Frankfurter Zimmermeister und Architekturtheoretiker Johann Wilhelm zeigte in seinem Lehrbuch von 1688 eine prächtige Muster-Fachwerkfassade mit u. a. geschweiften Andreaskreuzen. Außerdem erwähnte er einen Fachwerkgang und brachte in diesem Zusammenhang ein Detailblatt mit verschiedenen Andreaskreuz-Zierformen, die er so beschrieb: „(...) und darzu in der 19. Figur gewiesen wird / wie solcher Gang mit Creutzzügen von 4. oder 5. Zoll dicken Dillen möge ausgearbeitet werden.“[2] „Kreuzzüge“ werden teilweise heute noch die Auskreuzungen beim Bundwerk genannt.[3]

Der vielfach noch gebräuchliche Begriff „Feuerbock[4] für gebogene Andreaskreuze mit Nasen entstand in der Zeit des Nationalsozialismus und wird heute unter Fachleuten abgelehnt.[5] Ebenfalls abgelehnt wird die teilweise noch verwendete Bezeichnung Malkreuz[6], die aus der wissenschaftlich überholten Deutung von Fachwerkfiguren als germanische Runen stammt.[7]

Geschichte, Formen, Konstruktion

Isometrie zur Konstruktion der Andreaskreuze. Die geschweifte Form entsteht in diesem Fall durch ausgeputzte Fälze (Lehrbuch-Darstellung von Otto Warth, 1900[10])

Das Konstruktionselement des Andreaskreuzes kommt im Fachwerk ab der Mitte des 15. Jahrhunderts zunächst vereinzelt vor (1452 Kisterhaus Bad Hersfeld, 1457 Hann. Münden, 1498 Rathaus Wernigerode und Alte Hofhaltung Bamberg, Ende 15. Jahrhundert).[11] Die Entwicklungsgeschichte beginnt in Brüstungsfeldern unter den Fenstern, wo diese Auskreuzungen zunächst[12] nur als eine rein konstruktive Anordnung zur Verstrebung bzw. Aussteifung der Gefache dienen. Die Form war zuerst schlicht und bestand nur aus jeweils zwei geraden Stäben, die sich mehr oder weniger steil x-förmig kreuzten. Seit dem 16. Jahrhundert sind – wie bei den übrigen Fachwerkhölzern auch – bei den Andreaskreuzen Ausbildungen zu Schmuckformen festzustellen, deren Gestaltung immer vielfältiger und bizarrer wurde.[12] Es entstanden charakteristische geschweifte und gebogene Formen des Andreaskreuzes, die teilweise kunstvoll mit Nasen und ausgeputzten „Augen“ dekoriert wurden.[13] In additiver Reihung bildet sich eine eindrucksvolle Fassadendekoration.

Im 19. Jahrhundert wurden viele Fachwerkformen wieder schlichter, mit der Ausnahme der Andreaskreuze, die nun die Brüstungsfelder verließen, höher und bis zu stockwerkshoch wurden und damit als Kreuzstreben bzw. Strebenkreuze sehr gestaltungswirksam werden konnten.

Die Hölzer der Andreaskreuze sind teilweise weniger tief als die Ständer und Riegel dimensioniert, sondern aus kräftigen Bohlen hergestellt, vor allem bei Zierformen.[14] Schon Johann Wilhelm sprach 1688 von Dielen.[2] Die Holzverbindungen der Andreaskreuze sind an den seitlichen Anschlüssen Zapfenverbindungen; die Kreuzung ist in der Regel als Überblattung ausgebildet. Die Sicherung der Holzverbindungen erfolgte mit Holznägeln, die bisweilen weit herausstehen und dadurch auch zur Schmuckform wurden.

Siehe auch

Literatur

  • Günther Binding, Udo Mainzer, Anita Wiedenau: Kleine Kunstgeschichte des deutschen Fachwerkbaus. 2. erweiterte und veränderte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1977, ISBN 3-534-06900-5, S. 24 f. mit Abbildung Z 20 (schematische Darstellung zahlreicher verschiedener Andreaskreuzformen in Brüstungsgefachen).
  • Thomas Eißing, Benno Furrer, Christian Kayser, Stefan King, Ulrich Klein, Ulrich Knapp, Burghard Lohrum, Tilmann Marstaller, Claudia Mohn, Heinz Pantli, Hans-Hermann Reck, Daniel Reicke: Vorindustrieller Holzbau. Terminologie und Systematik für Südwestdeutschland und die deutschsprachige Schweiz (= Südwestdeutsche Beiträge zur historischen Bauforschung, Sonderband.) 2., überarbeitete Auflage. Universität Heidelberg / Universitätsbibliothek, Heidelberg 2023, ISBN 978-3-96929-223-5 (Digitalisat), S. 128 f. – Enthält Bezeichnungen der verschiedenen Zierdetails bei Fassaden-Andreaskreuzen.

Einzelnachweise

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