Kritisches Denken (Hochschullehre)

Kritisches Denken im Rahmen der Hochschullehre From Wikipedia, the free encyclopedia

Kritisches Denken wurde im Rahmen der Hochschullehre vor allem im englischsprachigen Raum seit den 1990er Jahren diskutiert und in der Literatur behandelt. Kritisches Denken wird zu den Future Skills gezählt und wird zunehmend von Arbeitgebern als eine Fähigkeit angesehen, die Bewerber durch ein Hochschulstudium erworben haben sollten.[1] Im Zuge der Diskussion um den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Hochschullehre gewinnt das Thema zusätzliche Bedeutung.[2]

Es gibt immer wieder Diskussionen darüber, ob Kritisches Denken überhaupt gelehrt werden kann, ob es nur fach- bzw. inhaltsspezifisch gelehrt und gelernt werden kann oder ob auch allgemeine Fähigkeiten des Kritischen Denkens gelehrt und gelernt werden können. In einer Reihe von Definitionen wird neben entsprechenden Fähigkeiten auch die kritische Grundhaltung einer kritisch denkenden Person als wichtige Komponente eingeschlossen.[3] In jedem Fall ist ausreichendes Wissen in dem Bereich, in dem kritisch gedacht werden soll, notwendig.

Begriffsbestimmung und Abgrenzung

In der Hochschullehre bezeichnet Kritisches Denken typischerweise ein Bündel kognitiver Fähigkeiten (z. B. Analysieren von Argumenten, Bewerten von Evidenz, Ziehen begründeter Schlüsse) sowie dispositionaler Aspekte (z. B. intellektuelle Offenheit, Skepsis gegenüber unbegründeten Behauptungen, Bereitschaft zur Selbstkorrektur). Je nach Ansatz wird Kritisches Denken eher als allgemeine, transferierbare Kompetenz oder als an Fachinhalte gebundene Praxis verstanden; entsprechend variieren Lehr- und Prüfkonzepte.

Lehrkonzepte

Es gibt unterschiedliche Ansätze, um kritisches Denken in die Lehre zu integrieren. Die folgende Einteilung dieser Ansätze wurde 1989 von Robert H. Ennis entwickelt:[4]

  • Allgemeiner Ansatz (generic): Beim Allgemeinen Ansatz werden die Fähigkeiten und Einstellungen des kritischen Denkens in einer eigenständigen Lehrveranstaltung adressiert, ohne Bezug zu einem fachspezifischen Inhalt.
  • Infusionsansatz (infusion): Beim Infusionsansatz werden die Fähigkeiten und Einstellungen des kritischen Denkens in einen fachspezifischen Zusammenhang eingebettet und explizit in der Lehre behandelt.
  • Immersionsansatz (immersion): Beim Immersionsansatz werden die Studierenden zwar in das tiefere Denken eines Fachgebiets eingeführt; die Fähigkeiten und Einstellungen des kritischen Denkens werden aber nicht explizit adressiert.
  • Gemischter Ansatz (mixed): Beim gemischten Ansatz wird der allgemeine Ansatz mit einem der beiden anderen Ansätze kombiniert.

Die Ansätze wurden in der Praxis untersucht. Valanides et al.[5] kommen in ihrer Untersuchung, in der die ersten drei Ansätze verglichen werden, beispielsweise zu signifikant besseren Ergebnissen des Infusionsansatzes im Vergleich zum allgemeinen Ansatz. Eine Metaanalyse von Abrami et al.[6] fand zwar für alle vier Ansätze signifikante Effekte, identifizierte jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Ansätzen.

Daneben existieren weitere Ansätze; in einzelnen Studien wurden hierfür eigene Typologien entwickelt.

Empirische Untersuchungen

In einer Metaanalyse zum Thema Lehren von Kritischem Denken werten Abrami et al.[6] über 300 Effektstärken aus quasi-experimentellen und experimentellen Studien aus und berichten eine mittlere Effektstärke von g=0,3. Die Autoren sehen darin einen Nachweis dafür, dass es wirksame Ansätze gibt, Kompetenzen des kritischen Denkens zu lehren. Die Analyse ergab, dass Einflussfaktoren wie Dauer der Lehrveranstaltung, Ausbildungsstufe oder Fachgebiet keinen signifikanten Einfluss auf die Ergebnisse zeigen.[6]

Weitergehende Konzepte

Martin Davies erweitert das Modell des kritischen Denkens um eine soziokulturelle Komponente[7].

Siehe auch

Einzelnachweise

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