Kufiya

quadratisches Kopftuch der Männer und Frauen in der arabischen Welt From Wikipedia, the free encyclopedia

Kufiya (arabisch كوفية, DMG Kūfīya, Plural كوفيات Kūfiyāt; andere Schreibweisen: deutsch Kefija[1] oder Kefiya[2], englisch Kaffiyeh[3] oder Keffiyeh[4]), auch Ghutra, Hatta, Ghabani, Mashadah oder Shemagh,[5] ist die arabische Bezeichnung für ein traditionelles quadratisches Tuch, das ursprünglich im Nahen Osten und auf der arabischen Halbinsel von Männern vor allem als Kopftuch und seltener als Halstuch getragen wurde. Es besteht meist aus Baumwolle und weist häufig ein kariertes oder gestreiftes Muster auf. Farbe, Muster und Tragweise variieren je nach Region und verraten oft die Herkunft des Trägers.

Mann mit traditioneller Kufiya und schwarzem Aqal, beim Global Summit in Saudi-Arabien, 2022.

Die Kufiya hatte ursprünglich keine spezifisch religiöse, ethnische oder politische Bedeutung, sondern diente schlicht als praktischer Kälte- und Sonnenschutz sowie als Zeichen für Respekt und Anstand. Im Laufe des 20. Jahrhunderts erlangte sie jedoch zunehmend politische Symbolkraft, insbesondere die schwarz-weiße Variante der palästinensischen Kufiya, die heute weltweit als Symbol palästinensischer Identität und politischen Widerstands bekannt ist. Daneben wird sie in verschiedenen Regionen und Kulturen unterschiedlich gedeutet – von einem Modeaccessoire über ein militärisches Ausrüstungsstück bis hin zum Zeichen ethnischer Zugehörigkeit, etwa bei den Kurden, oder politischer Gesinnung, etwa Sympathie für Terrorismus.

Etymologie

Verbreitet ist die Volksetymologie, das Wort „Kufiya“ gehe zurück auf die irakische Stadt Kufa. Yedida Stillman hält dies für falsch; plausibler sei eine Erklärung als europäisches Lehnwort: Reinhart Dozy beispielsweise verwies in diesem Zusammenhang auf ital. cuffia (span. cofia, port. coifa, franz. coiffe, engl. coif) oder scuffia (span. escofia, franz. escoffion), „Bundhaube“.[6]

Material, Formen und Verwendung

Kämpferin der syrisch-kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) mit Kufiya als Halstuch.

Das Tuch ist quadratisch mit einer durchschnittlichen Seitenlänge von etwa vier Fuß (~122 cm).[7] Es trägt meist ein gleichmäßiges, gewürfeltes, kariertes und gestreiftes Muster. Stoffe, Farben und Muster sind vielfältig. Meist besteht die Kufiya aus Baumwolle (arabisch Hatta),[8] seltener aus Wolle oder Seide. Qualitativ hochwertige Kufiyas bestehen aus einem nahtlosen, schweren und reißfesten Stoff mit einem eingewebten Muster.

Die Kufiya kann und wird auf verschiedene Weise im Nahen Osten getragen. So können etwa die Ecken vorn oder hinten herunterhängen, zusammengebunden oder hochgeklappt sein. Farben und Tragweise verraten oft die regionale Herkunft des Trägers. In der arabischen Beduinenkultur setzte sich eine Tragweise durch, bei der die Kufiya das Gesicht umrahmt und über den Kopf gezogen, eine darauf gelegte schwere schwarze Kordel – der Aqal – verhindert das Hinunterrutschen des Tuchs. Insbesondere auf der arabischen Halbinsel in Ländern wie Saudi-Arabien, Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist diese Form verbreitet.

Bei Beduinen im Irak ist die traditionelle Kufiya meist rot und weiß, ebenso bei den Haschimiten in Jordanien.[9] In den Golfstaaten Bahrain, Katar, Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate ist sie oft nur weiß. Dort heißt die Variante aus leichtem Stoff Ghutra, die schwere Shamag.[7] In Oman wird das Tuch zum Turban gewickelt. In den Emiraten wird darunter eine Mütze getragen. In Palästina wird das Tuch oft nach Jassir Arafats Vorbild zu einem Dreieck gefaltet und die Falte mitten über der Stirn platziert. Dies soll die Umrisse der Region Palästina andeuten.[7]

In Palästina, Jordanien und Libanon trägt die Kufiya meist ein schwarzweißes Schachbrettmuster mit Knoten oder Quasten am Rand.[7] Diese Form wurde früher in den Palästinensergebieten hergestellt, bis Massenware aus China den Markt beherrschte.[10] Der letzte verbliebene Produzent im Westjordanland ist die Firma Hirbawi Textiles in Hebron.

Geschichte

Kufiya als königlicher Turban in Oman (ausgestellt in Amsterdam 2009)

Die Kufiya hatte ursprünglich keine spezifisch religiöse, ethnische oder politische Bedeutung. Ein Tuch als Kopfbedeckung war bei Männern im Orient seit dem Altertum üblich – aus Anstand und als praktischer Kälte- und Sonnenschutz.[11]

Nach manchen Forschern stammt die Kufiya oder Ghutra vom Gebetsschal Tallit ab. Beverly Chico wendet ein, dass gläubige Juden diesen jedoch nur zum Beten und Rezitieren von Tora-Geboten getragen hätten, nicht als Alltagskleidung und auch immer ohne Stirnband. Chico verweist stattdessen auf den Propheten Mohammed, der bei seinem letzten öffentlichen Auftritt vor seinem Tod (632) einen Wickel um den Kopf getragen haben soll, festgehalten durch ein schwarzes Band[9] – was wiederum der Journalist Elon Gilad als spätere Tradition erklärt, entstanden in einer Zeit, in der der Turban bereits als Markenzeichen des Islam galt.[3]

Im Osmanischen Reich trugen Beduinen und Fellachen auf dem Land meist eine weiße Baumwollkufiya über einer Kappe. Ältere Männer wickelten sie zu einem Turban. In den Städten markierte sie einen niedrigen Sozialstatus des Trägers. Dagegen trugen die Efendis der Mittel- und Oberschicht üblicherweise einen rotbraunen Fes. Bis 1830 verordnete die Regierung diesen als ausschließliche Kopfbedeckung türkischer Männer und verbot den im Islam bis dahin üblichen Turban. Im Ersten Weltkrieg starteten arabische Nationalisten in Damaskus eine Kampagne, dass Araber die Kufiya tragen sollten, um sich von den Fes tragenden Türken zu unterscheiden. Die Kämpfer der Arabischen Revolte (1916–1918) trugen die Kufiya als Teil ihrer Uniform.[12] Auch der britische Agent T. E. Lawrence, der die Revolte mit anführte, trug dabei die Kufiya. Der Film Lawrence von Arabien (1962) popularisierte die Kufiya als Symbol heroischer Kämpfer im Westen.[13]

Palästinensische Kufiya als Nationalsymbol und in internationaler Verwendung

Palästinensischer PLO-Führer Yassir Arafat mit Kufiya, 1974.

Auch in der Region Palästina war die Kufiya traditionell die Kopfbedeckung von Beduinen und wahrscheinlich von Bauern. Seit den 1930er-Jahren wurde sie in Palästina mehrfach und auf unterschiedliche Weise politisch aufgeladen, beginnend mit ihrer Verwendung durch Aufständige im Rahmen des Arabischen Aufstands von 1936 bis 1939.

Nachdem sich ab den 1950er-Jahren die schwarz-weiße Kufiya als die genuin palästinensische Kufiya etabliert hatte, wurde sie zunehmend auch in andere Regionen exportiert und dort wieder unterschiedlich reinterpretiert und ausgedeutet:

  • Im globalen Norden wurden sie ab den 1960ern in mehreren Wellen popularisiert und dabei jeweils unterschiedlich ausgedeutet: Als Markenzeichen der Friedensbewegung, als Kennzeichen rechtsextremer anti-israelischer Gesinnung, während der 80er und der Mitt-2000er als entpolitisiertes Modeaccessoire, in Österreich als Markenzeichen der jugendkulturellen Krocha-Bewegung, außerdem als militärisches Equipment und davon abgeleitet als Männlichkeit markierende „tough-guy-Kufiya“.[14] In jüngerer Zeit überlagern sich insbesondere zwei gegensätzliche Deutungen: einerseits als Symbol politischen Widerstands im Allgemeinen und im Besonderen der „palästinensischen Sache“, andererseits als Zeichen für Antisemitismus oder Sympathie mit terroristischen Organisationen.
  • Ab den 1970ern nach Iran, dort sowohl als Ausdruck der Solidarität mit den Palästinensern und des Widerstands gegen westliche Einflussnahme, als Symbol des reformorientierten politischen Lagers und in Form der staatlich eingeführten Chafiye gleichzeitig als Symbol des politischen Establishments,
  • Bei Kurden unter der Bezeichnung Puschi als Symbol für den Widerstand. In der Folge wurde sie in der Türkei als Kennzeichen von Anhängern der Arbeiterpartei Kurdistans interpretiert und ist daher im öffentlichen Raum verboten.
  • In Israel seit den 2000er-Jahren als genuin „israelische Kefiyyeh“, die als „symbolische Waffe“ im Nahostkonflikt[15] Zugehörigkeit von Israelis zu Israel betonen und sich zugleich bewusst von der palästinensischen Symbolik des Originals abgrenzen soll.
Commons: Kufiya – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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