Kulturmorphologie
veraltete Theorie der Völkerkunde
From Wikipedia, the free encyclopedia
Kulturmorphologie ist einerseits ein veraltetes theoretisches Modell der Ethnologie (Völkerkunde) und anderseits eine ältere kulturwissenschaftliche Forschungsrichtung, die insbesondere die Dialektologie, die Geschichte und die Volkskunde verbindet.
Ethnologie
Die Bezeichnung stammt von dem deutschen Ethnologen Leo Frobenius (1873–1938), der damit seine Lehre von der äußeren und inneren Gestaltung der Kultur bezeichnete. Dabei geht es um die Beschreibung von Formen, um Ethnographie (Völkerbeschreibung). Der Kulturmorphologie „liegt die Annahme zugrunde, dass Kulturen analog zur individuellen Entwicklung des Menschen die Phasen von Jugend, Blütezeit, Alter und Tod durchlaufen und zwar nach einem ihnen innewohnenden Programm, auf das der Mensch nur sehr begrenzten Einfluss nehmen kann.“[1] Kultur wird damit als etwas den Menschen Übergeordnetes angesehen, nicht als etwas von ihnen Geschaffenes.
Frobenius unterteilte jede Kultur in drei Phasen: Ergriffenheit (Frühphase), Ausdruck (Reifephase) und Anwendung (Endphase). „Die Ergriffenheit/Jugend ist die Phase des kreativen Schaffens von Kulturgütern; in der Phase des Ausdrucks/der Reife erhalten Kulturgüter ihre volle Wirksamkeit, während der Anwendung/im Alter werden sie schließlich zunehmend abgenutzt und sinnentleert: Die Kultur geht ihrem Verfall entgegen.“[2]
Vertreter der Kulturmorphologie waren neben Frobenius auch der deutsche Pädagoge Eduard Spranger (1882–1963), der deutsche Kulturhistoriker Oswald Spengler (1880–1936) und der britische Kulturtheoretiker Arnold J. Toynbee (1889–1975).
Kulturwissenschaft
Bei der Kulturmorphologie im kulturwissenschaftlichen Sinne einer Verbindung von Dialektgeographie, geschichtlicher Landeskunde und Volkskunde geht es nicht um ein biologisches Verständnis von Kultur spenglerscher Prägung. Pate stand viel mehr die Kulturkreislehre, also die Lehre von der Verbreitung von Kulturtypen über die Erde, für welche zahlreiche Geographen und Volkskundler Anregung gaben. Begründer der interdisziplinären Kulturmorphologie waren Hermann Aubin, Theodor Frings und Josef Müller, die alle drei an der Universität Bonn lehrten und deren 1926 erschienenes Gemeinschaftswerk Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden eine „wissenschaftsgeschichtlich bahnbrechende Veröffentlichung“ darstellte.[3] Unter den Wegbereitern befand sich Ferdinand Wrede, der schon früh die Volkskunde mit der Dialektgeographie verband. Im Gemeinschaftswerk des Historikers Aubin, des Dialektgeographen Frings und des Volkskundlers Müller kam eine Vielfalt der Aspekte zusammen, sodass Staatsgeschichte, Kirchengeschichte, Volksgeschichte, dynastische Zusammenhänge, Verkehrsbeziehungen und geographische Voraussetzungen die Grundlage legten für die Erklärung des sprachlichen Geschehens: Auf diese Weise wurde sichtbar, wie sich überlandschaftlich Sprachbewegungen und in der Folge Isoglossen entlang (einstiger) administrativer und natürlicher Grenzen sowie Handelswegen bildeten. Thematisch eng verwandt war die Arbeiten der beiden Bonner Historiker Franz Steinbach und Franz Petri, die in ihren Studien zur westdeutschen Stammes- und Volksgeschichte (1926) nachwiesen, wie Dialektgeographie, Ortsnamenforschung und Hausforschung zeigen, dass die deutsch-französische Sprachgrenze nichts Starres ist, sondern das Resultat kulturellen Ausgleichs.[3]
Infolge der Berufung von Frings an die Universität Leipzig (1927) wurde auch das Gebiet der deutschen Ostsiedlung in die kulturräumliche Betrachtung einbezogen. Für das von ihm initiierte Gemeinschaftswerk Kulturräume und Kulturströmungen im mitteldeutschen Osten (erschienen 1936) konnte er für die geschichtlichen Aspekte Rudolf Kötzschke, für die naturräumlichen Aspekte Wolfgang Ebert, für die Volkskunde Gerhart Streitberg und für die Wortgeographie Käte Gleißner gewinnen. Hier wurde sichtbar, wie die sprachliche Landschaft durch die Siedlungsbahnen von Erfurt nach Breslau und den Gegensatz von Ebene und Gebirge geprägt wurden. An der Universität Münster wiederum begann 1931 das Raumwerk Westfalen zu erscheinen mit Beiträgen über Wirtschaft, Verkehr, Anthropologie, Kunstgeschichte, Volkskunde und Wortgeographie, Letztgenannte erarbeitet von William Foerste.[3]
Auch der Freiburger Germanist Friedrich Maurer verband in seiner dialektgeographischen Arbeit Sprachschranken, Sprachräume und Sprachbewegungen in Hessen (1929) und zahlreichen weiteren Arbeiten die Dialektologie mit der Volkskunde. Der Bonner Germanist Adolf Bach führte die Kulturmorphologie über die Mitte des 20. Jahrhunderts weiter, etwa in seinem Aufsatz Kulturströmungen in Nassau. Erörtert am Bilde der nassauischen Sprachlandschaft (1952). Aus den 1950er-Jahren stammen auch mehrere bedeutende Publikationen des Marburger Germanisten Walther Mitzka, welche die Dialektologie als Forschungsinstrument der Kulturwissenschaften verstehen.[3]
Die Kulturmorphologie trug maßgeblich zur Weiterentwicklung insbesondere der Dialektologie bei, die sich zuvor streng an den Lautgesetzen der Junggrammatiker orientierte. Der Einbezug außersprachlicher Aspekte konnte Mundartgrenzen und Mundarträume neu und besser erklären. Geographie und Soziologie wurden zu wichtigen Orientierungspunkten der jüngeren Dialektologie. Kritisch muss hingegen gesehen werden, dass die Kulturmorphologie beispielsweise dazu neigte, Befunde der Gegenwart unbesehen in die Vergangenheit zu projizieren sowie Kulturraumgrenzen allein objektiv statt auch subjektiv zu interpretieren.[3]
Begriffsherkunft
Der Begriff „Morphologie“ (von altgriechisch morphé „Gestalt, Form“, und -logie „Lehre“) geht auf Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) zurück und fand Eingang in die Botanik (Pflanzenkunde) und in die Biologie (Morphologie). Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Bezeichnung auch von Geisteswissenschaftlern aufgegriffen, im 20. Jahrhundert beispielsweise mit bewusster Berufung auf Goethes Begrifflichkeit vom russischen Literaturwissenschaftler Michail Aleksandrovič Petrovskij zur Morphologie der Novelle (morfologija novelly 1927) und vom russlanddeutschen Volkskundler Wladimir Jakowlewitsch Propp zur Morphologie des Märchens (Morfologija skazki 1928).[4][5]
Siehe auch
Literatur
- Hermann Aubin (Autor), Franz Petri (Hrsg.): Grundlagen und Perspektiven geschichtlicher Kulturraumforschung und Kulturmorphologie. Röhrscheid, Bonn 1965.
- Gerda Grober-Glück: Die Leistungen der kulturmorphologischen Betrachtungsweise im Rahmen dialektgeographischer Interpretationsverfahren. In: Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Band 2). Erster Halbband. de Gruyter, Berlin / New York 1982, Sp. 92–113.
- Frederik Adama van Schellenberg: Die geistige Mitte. Umrisse einer abendländischen Kulturmorphologie. Oldenbourg, München 1950.
- Eduard Spranger: Probleme der Kulturmorphologie. Akademie der Wissenschaften, Berlin 1936.
- Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Wien/München 1918–1922.