Kunst der Wikinger
die materielle Kultur der skandinavischen Gesellschaften in der Wikingerzeit zwischen dem späten 8. und dem 11. Jahrhundert
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Als Kunst der Wikinger („Wikingerkunst“) wird die materielle Kultur der skandinavischen Gesellschaften in der Wikingerzeit zwischen dem späten 8. und dem 11. Jahrhundert bezeichnet. Sie umfasste die Regionen des heutigen Dänemark, Norwegens und Schwedens sowie Siedlungsgebiete wie Island, die Britischen Inseln und Teile Osteuropas. Die Kunst der Wikinger umfasst vor allem Holzschnitzereien, Metallarbeiten, Schmuck, Textilien, Steinreliefs und Schiffsornamente. Sie zeichnet sich durch charakteristische ornamentale Stile aus. Diese werden in der Forschung in zeitliche und formale Gruppen gegliedert. Der Begriff „Wikingerkunst“ bezieht sich somit nicht auf ein einheitliches Kunstkonzept, sondern auf eine Vielzahl regionaler und handwerklicher Traditionen, die sich in einer Phase intensiver kultureller Kontakte entwickelten.[1][2]

Stilgeschichte
Die Kunst der Wikinger wird aufgrund stilistischer Kriterien in mehrere Hauptstile unterteilt. Der Oseberg-Stil des frühen 9. Jahrhunderts ist beispielsweise durch Tierornamente mit mäandernden Körpern geprägt. Er ist häufig in flachen Holzschnitzereien zu finden und wurde nach dem Oseberg-Schiffsgrab in Norwegen benannt. Der Borre-Stil des 9. und frühen 10. Jahrhunderts zeichnet sich durch eng verschlungene, symmetrische Tiermotive aus, die oft in Metallbeschlägen zu finden sind. Der Jelling-Stil des 10. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch bandförmige, fließende Linien und stilisierte Tiergestalten. Er ist benannt nach Funden aus Jelling in Dänemark. Der Mammen-Stil des späten 10. Jahrhunderts ist durch fein ausgearbeitete Pflanzen- und Tierornamente charakterisiert, wie sie insbesondere auf dem berühmten Mammen-Beil aus Dänemark zu sehen sind. Der Ringerike-Stil (spätes 10. und frühes 11. Jahrhundert) weist elegante, pflanzenartige Motive mit Spiralen und Blattmustern auf. Der Urnes-Stil der späten Wikingerzeit zeigt extrem schlanke, verwundene Tierkörper und gilt als Abschluss der wikingerzeitlichen Ornamentik. Die Stile folgen nicht strikt chronologisch, sondern überschneiden sich regional und funktional.[1][2]
Materialien und Techniken
Die Wikinger waren äußerst geschickte Handwerker, die mit verschiedenen Materialien wie Holz, Metall, Knochen, Geweih, Stein, Textilien und Glas arbeiteten. Holz spielte dabei eine zentrale Rolle in der Architektur, im Schiffsbau und in der Ornamentik. Die Schnitzereien an Schiffssteven, Pfosten und Kultobjekten zeugen von hoher technischer Fertigkeit. Zu den Metallarbeiten zählen Schmuckstücke wie Fibeln, Armringe, Perlenfassungen und Waffenbeschläge. Diese wurden mittels Treibarbeit, Guss, Gravur und Tauschierung hergestellt. Knochen- und Geweihobjekte wie Kämme, Nadeln und dekorative Beschläge waren weit verbreitet. Runensteine, die häufig mit ornamentalen Bildfeldern verziert waren, spielten eine bedeutende Rolle in der Erinnerungskultur. Textilfunde aus Birka, Oseberg und anderen Fundorten belegen aufwendige Webtechniken wie Brokat- und Brettchenweben.[1][2]
Regionale Zentren
Zu den wichtigen Fundorten zählen das Oseberg-Schiffsgrab und das Gokstad-Schiffsgrab in Norwegen, Birka in Schweden, Gotland mit seinen Bildsteinen sowie die Handelsplätze Ribe und Haithabu in Dänemark. Weitere wichtige Fundorte sind die Jelling-Monumente und die skandinavischen Siedlungen in York in Großbritannien. Diese Zentren belegen weitreichende Handelskontakte und machen ästhetische Einflüsse aus dem Frankenreich, Byzanz und dem islamischen Kulturraum sichtbar.[3][4]
Bedeutende Kunstwerke
Zu den bedeutendsten erhaltenen Werken gehören die Holzschnitzereien des Oseberg-Schiffs sowie die zugehörigen Wagen und Schlitten mit ihren reich ornamentierten Tafeln. Das Mammen-Beil mit Silbertauschierungen ist ein Dokument des Mammen-Stils. Die Jelling-Steine verbinden Runeninschriften mit Reliefs im charakteristischen Bandstil. Die Bildsteine Gotlands zeigen mythologische Szenen und Schiffsdarstellungen. Der Lewis-Schachfigurensatz, der vermutlich in Norwegen oder auf den nordatlantischen Inseln gefertigt wurde, veranschaulicht die Elfenbeinschnitzkunst des 12. Jahrhunderts, die noch von den Gestaltungstraditionen der Wikingerzeit beeinflusst war.
Artefakte
- Das Wikingerschiff Oseberg im Wikingerschiffsmuseum
- Detail vom Wikingerschiff Oseberg im Wikingerschiffsmuseum
- Teil der ursprünglichen Wand der Stabkirche von Urnes, Norwegen
- Walbein-Plakette. Walters Art Museum, Baltimore
- Zaumzeug aus Broa, Gemeinde Halla, Gotland. Vergoldete Bronze. 800–1100
- Zaumzeug aus Broa (Detail)
- Zaumzeug aus Broa (Detail)
- Zaumzeug aus Broa (Detail)
- Broschen aus dem Penrith-Schatz. British Museum, London
- Der Runenstein vor der Stabkirche Vang
Rezeption und Wirkung
Die Wikingerkunst beeinflusste nachfolgende nordische Kunstformen bis in die Romanik hinein und erlangte seit dem 19. Jahrhundert im Zuge des Skandinavismus erneut Aufmerksamkeit. Moderne Rekonstruktionen und Ausstellungen in Skandinavien und weltweit tragen zur Popularisierung ihrer Ornamentik und handwerklichen Traditionen bei.[4][5]
Literatur
- David M. Wilson: The Vikings and their origins: Scandinavia in the first millennium. Thames & Hudson, London 1970.
- James Graham-Campbell: The Vikings. British Museum Press, London 1980.
- Torsten Capelle: Die Wikinger. Kultur- und Kunstgeschichte. 2., durchgesehene Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, ISBN 978-3-534-80032-2.
- Else Roesdahl, Alix Hänsel (Redaktion): Wikinger, Waräger, Normannen. Die Skandinavier und Europa 800–1200. Philipp von Zabern, Mainz 1992, ISBN 978-3-8053-1475-6.
- Michael Müller-Wille, Lars Olof Larsson: Tiere – Menschen – Götter. Wikingerzeitliche Kunststile und ihre neuzeitliche Rezeption. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 978-3-525-86309-1.