Laura Vincent
deutsche Schriftstellerin
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Laura Vincent (geborene Stubbe; * 9. Februar 1854 in Frankfurt am Main; † nach 1920, Ort unbekannt) war eine deutsche Schriftstellerin, Dramatikerin und Lehrerin[1][2]. Bekannt wurde sie vor allem durch das Lustspiel Das Bicycle und den Roman Um Rang und Reichtum[3]. Sie schrieb zudem unter dem Pseudonym Leo Sonntag[4][5].
Leben
Laura Stubbe wurde am 9. Februar 1854 in Frankfurt am Main geboren[6]. Sie war als staatlich geprüfte Lehrerin (bis mind. 1881) und Schriftstellerin tätig, die um 1898 in Berlin-Steglitz, Düppelstraße 21, ihren Wohnsitz hatte[7][8]. Anschließend heiratete sie den Journalisten Fred (Friedrich) Vincent[9]. Nach der Heirat lebte das Ehepaar zunächst in Offenbach, später in Berlin-Schöneberg[10]. Seit 1908 wurde sie als Witwe geführt und wohnte in Berlin-Steglitz[11]. In Berliner Adressbüchern um 1911 erscheint sie als „Laura Vincent, geb. Stubbe, Schriftstellerin“, was ihre etablierte Stellung als freischaffende Autorin im Berliner Raum belegt[12]. Über ihr weiteres Leben ist wenig bekannt. Ihr genaues Todesdatum und der Todesort sind in den bekannten Nachschlagewerken nicht überliefert[13]. Durch Beiträge in der Egerer Zeitung im Jahr 1915 ist nachweisbar, dass sie mindestens bis in die 1910er Jahre publizistisch tätig blieb[14]. Zudem nennt ein Verlagsverzeichnis von 1921 sie zudem sowohl unter dem Pseudonym „Leo Sonntag“ als auch unter dem Namen „Laura Vincent“ als Beitragende zu Meidingers Knaben-Buch (Neue Folge) und Meidingers Mädchen-Buch (Neue Folge), sodass ihre literarische Tätigkeit nachweislich mindestens bis in die frühen 1920er Jahre reicht[15]. Über ihren Mann ist bekannt, dass er als Journalist arbeitete und vor oder um 1908 verstorben sein muss, da Vincent danach als verwitwet bezeichnet wird[16][17].
Schriftstellerisches Wirken
Laura Vincent veröffentlichte einen Teil ihres belletristischen Werks unter dem männlichen Pseudonym Leo Sonntag[18][19]. Das Pseudonym ist in zeitgenössischen Nachschlagewerken ausdrücklich mit ihr verknüpft[20][21]. Unter dem Namen Leo Sonntag erschienen unter anderem das Lustspiel Das Bicycle (1890) sowie der Roman Um Rang und Reichtum (1892)[22].
Daneben trat sie mit zahlreichen Novellen und Feuilletons an die Öffentlichkeit, die in verschiedenen Regionalzeitungen in Fortsetzungen gedruckt wurden. Die Novelle Besiegt! etwa erschien in den frühen 1880er Jahren in mehreren Fortsetzungen sowohl in der Stormarnschen Zeitung am 24. Mai 1883 als auch im Boten vom Welzheimer Wald am 14. Februar 1886 und wurde später erneut in anderen Blättern nachgedruckt wie dem Amts- und Anzeigeblatt für den Bezirk des Amtsgerichts Eibenstock und dessen Umgebung am 30. Juni 1891. Unter dem Pseudonym Leo Sonntag veröffentlichte sie zudem Novellen wie Vera in mehreren Fortsetzungen in der Innsbrucker Zeitung am 12. September[23] und Unser Bahn in der Innsbrucker Tageszeitungen der späten 1880er Jahre. Ebenfalls in den 1880ern wurde in dem Heidelberger Tagesblatt in der Sonntags Beilage die Novelle Um Rang und Reichtum[24] in mehreren Fortsetzungen veröffentlicht. Ob es sich hierbei um den fünf Jahre später veröffentlichten Roman mit dem gleichnamigen Titel handelt, ist nicht bekannt aber auch nicht auszuschließen. In der Leitmeritzer Zeitung (1914)[25] als auch in der Egere Nachrichten (1915)[26] wurde die Novelle Eine aufregende Ballnacht veröffentlicht, was ihre anhaltende Präsenz im Feuilleton unterstreicht.
Neben diesen belletristischen Arbeiten schrieb Vincent auch journalistische und essayistische Texte. Unter ihrem eigenen Namen veröffentlichte sie die kleine Studie Die Schotten in der "Breslauer Morgenzeitung", in der sie schottische Kultur und Volksliedtraditionen behandelt. In der Folgezeit ist sie als Autorin von Hauswirtschafts- und Ratgebertexten nachweisbar, etwa mit Ratschlägen fürs Haus und weiteren praktischen Beiträgen in Regionalblättern wie den Stolper Neueste Nachrichten. Für die Jugendbuchreihen Meidingers Knaben-Buch. Neue Folge und Meidingers Mädchen-Buch. Neue Folge steuerte sie zu Beginn der 1920er Jahre ebenfalls Beiträge bei, in den Verlagsanzeigen werden sowohl Leo Sonntag als auch Laura Vincent unter den Mitautorinnen und Mitautoren genannt[27]. Im Umfeld der organisierten Radfahrbewegung ist sie überdies als Texterin präsent. Im Liederbuch des Gau 19 Rostock des Deutschen Radfahrer-Bundes wird Leo Sonntag als Verfasser des Radfahrerlieds Nr. 25 All Heil mein Rad von Stahl genannt. Insgesamt zeigt sich ein breites Œuvre, das von Theater und Roman über Fortsetzungsnovellen bis zu populären Ratgeber- und Jugendtexten reicht.
Das Bicycle
Inhalt
Das einaktige Lustspiel spielt an einem einzigen Tag im Wohnzimmer eines bürgerlichen Hauses und zeigt drei Paare in unterschiedlichen Stadien der Ehe. Auslöser der Handlung ist ein Streit um ein „Bicycle“, das für den Mann Freiheit und Selbstverwirklichung bedeutet, von der Frau jedoch als Vernachlässigung der Beziehung empfunden wird. Schnell wird klar, dass das Fahrrad nur der Anlass ist, während die eigentlichen Probleme in Missverständnissen, Eifersucht und mangelnder Kommunikation liegen. Die Konflikte werden selten direkt zwischen den Ehepartnern ausgetragen, sondern vor allem im Gespräch mit anderen Figuren offengelegt.
Am Ende löst sich der Konflikt überraschend rasch und komödienhaft auf, und das Bicycle erweist sich eher als Symbol der Beziehungskonflikte als deren Ursache.
Entstehung und Kontext
Das Bicycle ist wohl das bekannteste dramatische Werk von Laura Vincent und wird in literarischen Nachschlagewerken als einaktiges Lustspiel aus dem Jahr 1890 geführt[28]. Das Stück entstand in einer Phase, in der das Fahrrad als neues Verkehrsmittel in Europa rasch Verbreitung fand und insbesondere in bürgerlichen Kreisen zum Symbol für Sport, Mobilität und Modernität wurde[29].
Gleichzeitig löste das Radfahren von Frauen intensive Debatten über Kleidung, Anstand und Geschlechterrollen aus[30]. Zeitgenössische Frauenrechtlerinnen und Autorinnen beschrieben das Fahrrad als Instrument weiblicher Selbstermächtigung. Die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony betonte 1896 die Bedeutung des Fahrrads für die Emanzipation der Frauen. In Der Radfahrsport in Bild und Wort[31] werden die praktischen und sozialen Hürden für radfahrende Frauen geschildert, von schweren Röcken und Korsetts bis hin zu moralischen Vorbehalten. In diesem Diskursfeld ist Das Bicycle als komödiantische Auseinandersetzung mit den sozialen Folgen des Radfahrens im bürgerlichen Milieu zu verorten[32][33].
Dramaturgie und Struktur
Das Stück ist als Einakter angelegt und spielt in einem einzigen Innenraum. Andere Orte werden zwar erwähnt, aber nicht auf der Bühne gezeigt. Die Zeit der Handlung ist stark verdichtet und umfasst im Wesentlichen einen Tag, der vermutlich am Nachmittag oder Abend endet. Ein Teil der Handlung wird über Off-Stage-Elemente vermittelt, etwa durch Rufe aus dem Hintergrund oder Berichte von Figuren, die von außerhalb der Bühne kommen.
Die Struktur des Stücks ist szenenreich und dialoggetrieben. Die Vorgeschichte der Ehekonflikte und der Bedeutung des Fahrrads für die Figuren wird im Verlauf der Dialoge nachgereicht. Die Komik ergibt sich aus Missverständnissen, Übertreibungen und bewussten Rollenspielen der Figuren. Charakteristisch für die Gattung ist die schnelle Auflösung des Konflikts: Innerhalb weniger Repliken wandelt sich ein zuvor eskalierter Streit in eine versöhnliche Lösung.
Figuren und Geschlechterrollen
Im Fokus stehen drei Paare, die verschiedene Phasen der Ehe repräsentieren: ein Paar vor der Hochzeit, ein frisch verheiratetes Paar und ein Paar, das bereits lange verheiratet ist. Die Beziehungen dienen als dramaturgisches Raster, um bürgerliche Erwartungen an Ehe, Treue und Rollenverteilung sichtbar zu machen.
Eine Schlüsselrolle nimmt die Figur der Louise ein. Sie scheint die emotional und strategisch stärkste Figur zu sein und inszeniert eine vermeintliche Ehekrise, um ihren Mann und das Umfeld zu beeinflussen. Sie erklärt, das "Geheimnis" ihrer glücklichen Ehe liege darin, dass sie es verstehe, sich dem Charakter des Mannes anzupassen und ihn zugleich „fügsam“ zu machen, ohne dass er es merke. Damit artikuliert sie ein damaliges Ideal indirekter weiblicher Einflussnahme in der Ehe. Ihr Mann Barthel reagiert meist passiv und selten initiativ, wodurch die Sympathielenkung deutlich zu Louise tendiert.
Die Kommunikation der Figuren ist durch Missverständnisse geprägt. Anstatt Probleme direkt miteinander zu klären, besprechen sie ihre Deutungen mit Dritten, wodurch sich Konflikte verschärfen. Aussagen werden häufig im schlechtesten Sinn interpretiert, etwa wenn eine harmlose Übernachtung auf dem Sofa als Indiz für tieferliegende Eheprobleme gewertet wird. Die Dialoge zwischen den Frauen sind emotional und solidarisch, die Gespräche unter den Männern eher sachlich und „matter of fact“. Geschlechterzuschreibungen ("ihr Frauen", "ihr Männer") strukturieren die Wahrnehmung der Figuren.
Das Fahrrad als dramatisches Motiv
Das „Bicycle“ fungiert im Stück als zentrales Motiv und Konfliktkatalysator. Für die männlichen Figuren steht das Fahrrad für Autonomie, sportliche Betätigung und Zugehörigkeit zu einem Radfahrverein. Für die Frauen markiert es zunächst eine Grenze: Konventionelle Kleidung mit langen Röcken und Korsett erschwert ihnen das Radfahren, und gesellschaftliche Normen engen ihre Bewegungsfreiheit zusätzlich ein[34][35].
Der Streit entzündet sich an der zunehmenden Fixierung eines Ehemanns auf das Fahrrad und den Radfahrverein; er verbringt seine Freizeit fast ausschließlich dort, was von der Ehefrau als Vernachlässigung erlebt wird. Das Fahrrad ist dabei eher Symptom als Ursache der Konflikte: Es bündelt unausgesprochene Unzufriedenheiten über Rollenverteilung und Aufmerksamkeit in der Ehe. Zugleich verbindet das Radfahren ein anderes Paar – Fritz und Lene –, bei dem das Fahrrad Anlass zur Annäherung ist. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen destruktiven und konstruktiven Wirkungen desselben Motivs.
Die bewusste Verwendung des englischen Begriffs „Bicycle“ (statt „Fahrrad“) kann als Hinweis auf die modische und internationale Konnotation des neuen Verkehrsmittels gelesen werden. Der fremdsprachige Titel unterstreicht den Neuheitswert und die leicht ironische Überhöhung des Gegenstands.
Fahrrad und Emanzipation
„Das Bicycle“ steht in einem weiteren kulturhistorischen Kontext, in dem das Fahrrad zu einem Symbol weiblicher Emanzipation wurde[36]. Mit der Verbreitung des Radfahrens ab den 1880er Jahren veränderte sich die Mobilität von Frauen. Sie konnten größere Strecken unabhängig von männlicher Begleitung zurücklegen. Gleichzeitig geriet die Frauenkleidung unter Druck. Mehrlagige Unterröcke, schwere Stoffe und Schnürkorsetts waren für das Radfahren ungeeignet. Es entstanden Reformkleider, kürzere Röcke und später Pumphosen („Bloomers“), die Bewegung ermöglichten und zugleich moralische Debatten auslösten.[37][38]
In zeitgenössischen Schriften über den Radfahrsport wird beschrieben, wie Frauen zunächst mit abgeschnittenen Röcken und verdeckten Hosen experimentierten, bevor sich praktischere und sportlichere Kleidung durch setzte. Diese Veränderungen tangierten nicht nur Alltagsgewohnheiten, sondern auch das Selbstverständnis der Geschlechterrollen[39]. Das Lustspiel von Laura Vincent greift diese Konflikte indirekt auf, indem es die Reibungspunkte zwischen sportlicher Betätigung, Vereinsleben, Ehealltag und traditionellen Rollenerwartungen komödiantisch zuspitzt.
Rezeption
Über Aufführungsorte, -zeiten und zeitgenössische Resonanz von Das Bicycle ist bislang wenig bis gar nichts bekannt. Die Aufnahme des Stücks in das Deutsche Literatur-Lexikon und die Erwähnung in Patakys Lexikon deutscher Frauen der Feder zeigen jedoch, dass Laura Vincent im literarischen Feld ihrer Zeit als eigenständige Stimme wahrgenommen wurde. Die Fortsetzungsnovelle Besiegt! und ihre journalistischen Arbeiten dokumentieren eine kontinuierliche Tätigkeit in Literatur und Presse.
Werke (Auswahl)
Dramatische Werke und Romane
- Das Bicycle. Lustspiel in 1 Akt (zunächst Leipzig, Sportverlag, um 1890; später Berlin, Bloch), erschienen unter dem Pseudonym Leo Sonntag.
- Um Rang und Reichtum. Roman, erschienen unter dem Pseudonym Leo Sonntag (1892).
Novellen
- Besiegt!. Novelle in mehreren Fortsetzungen im „Bote vom Welzheimer Wald“ (1884), als Leo Sonntag. Nr. 26 Donnerstag, 14. Februar 1884, S. 102; Schluss in Nr. 32, Sonntag, den 24. Februar 1884[40]; Stormansche Zeitung Besiegt! Novelle von Leo Sonntag. (1883); Amts- und Anzeigeblatt für den Bezirk des Amtsgerichts Eibenstock und dessen Umgebung 30. Juni 1891[41]. Auch als unter Fred Vincent wurde die Novelle veröffentlicht[42]
- Um Rang und Reichtum. Dem englischen frei nacherzählt von Leo Sonntag. Mehrer Fortsetzungen in dem Sonntags Beiblatt von dem Heidelberger Tagesblatt. 1887[43]
- Das verlorene Testament. Novelle von Leo Sonntag. Innsbrucker Zeitung. 12. September 1888[44]
- Vera. Novelle in mehreren Fortsetzungen im „Innsbrucker Zeitung“ (1888) als Leo Sonntag. 1. Teil: 12. September 1888[45]; 2. Teil: 15. September 1888[46]; Teil 3: 19. September 1888[47]
- Unser Bahn. Novelle in mehreren Fortsetzungen in „Innsbrucker Nachrichten“ (1888) Fünfunddreisigster Jahrgang. Nr. 186/ 189/ 192. Leo Sonntag Teil 1: 14. August 1888[48]; Teil 2: 18. August 1888[49]; Teil 3: 22. August 1888[50]
- Eine aufregende Ballnacht. Novelle. In der Leitmeritzer Zeitung, 25. November 1914[51] und in der Egere Zeitung, 9. März 1915
- Der Einbrecher von Laura Vincent. Linzer Volksblatt 25. Dezember 1918[52]
Studien, Zeitunsgbeiträge und Sammelbandbeiträge
- Die Schotten. Kleine Studie in der Breslauer Morgenzeitung (um 1900), als Laura Vincent.
- Beiträge in Meidingers Knaben-Buch. Neue Folge und Meidingers Mädchen-Buch. Neue Folge (1921), teils unter dem Namen Leo Sonntag, teils als Laura Vincent.[53]
- Stolper neueste Nachrichten. Ratschläge für Haus von Laura Vincent 1911.
Literatur
- Hannah Ross: Revolutions: Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt veränderten. mairisch Verlag, 2022.[54]
- Hans Erhard Lessing: Eine Kulturgeschichte des Glücks auf zwei Rädern und einer genialen Technik. Klett-Cotta, 2017[55].
- Julia Bee (et al.): Fahrradutopien: Medien, Ästhetiken und Aktivismus. meson press, Lüneburg, 2022.[56]
- Lena Frommeyer: Als Frauen in die Freiheit fuhren, 2020.
- Paul Salvisberg (Hrsg.): Der Radfahrsport in Bild und Wort. Mit Beiträgen zeitgenössischer Fach- und Sportsleute.[57]
- Sophie Pataky: Lexikon deutscher Frauen der Feder. Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren, nebst Biographien der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Band 2. Berlin 1898[58].
- Ulrike Pecht: Die Radlerin und ihr Kostüm, 2016.
- Wilhelm Kosch (Hrsg.): Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch, Band 18: Siff–Spoerri. Bern/München 1998, Artikel „Vincent, Laura“. ISBN 978-3-907820-23-0.[59]