Lehrportfolio
Sammlung von Dokumenten und Reflexionen der eigenen Lehrpraxis aus Sicht einer lehrenden Person
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Ein Lehrportfolio (engl. „Teaching Portfolio“) ist eine (mehr oder weniger) zielorientierte und strukturierte Sammlung von Artefakten (u. a. Dokumentationen, Reflexionen) der eigenen Lehrpraxis aus Sicht einer lehrenden Person. Dieses dient in der Hochschuldidaktik u. a. der persönlichen Weiterentwicklung, dem Nachweis pädagogisch-didaktischer Kompetenzen sowie allgemein der Entwicklung der Qualität der Hochschullehre. Das Lehrportfolio umfasst z. B. eine Lehrphilosophie und Grundsätze für die Umsetzung der eigenen Hochschullehre, didaktische und fachinhaltliche Standards der eigenen Lehrpraxis sowie eingesetzte Lehrkonzepte, Lehrmethoden, reflexive Notizen, Feedback und entwickelte Hypothesen für die Durchführung der eigenen Lehre. Im englischsprachigen Raum ist dies seit Längerem verbreitet; im deutschsprachigen Raum fordern zunehmend Hochschulen ein Lehrportfolio als Bestandteil hochschuldidaktischer Ausbildung und Bewerbungsunterlagen.
Begriff und Abgrenzung
Der Begriff „Portfolio“ (ital. „portafoglio“ für „Brieftasche“) bezeichnete ursprünglich eine Sammelmappe mit ausgewählten Arbeiten einer künstlerisch tätigen Person, um die Leistungen einer Person, einer Gruppe oder einer Organisation zu demonstrieren.[1] Von Queis definierte das Lehrportfolio als „eine reflektierte Beschreibung und Dokumentation der wesentlichen Bemühungen und Leistungen (…) in der Lehre.“[2] Im Hochschulkontext wird darunter eine zielgerichtete Zusammenstellung von Belegen, Beispielen und Reflexionen über das eigene Lehrhandeln verstanden. De Rijdt und andere ergänzen, dass ein Lehrportfolio neben Beschreibungen und Dokumenten auch Reflexionen über die eigene Lehrpraxis enthält und auf die Verbesserung der individuellen und institutionellen Lehrqualität abzielt.[3] Während ein Lehrportfolio die Kompetenzen und die Entwicklung von Lehrenden dokumentiert, bezieht sich ein Lernportfolio auf die Lernfortschritte von Studierenden oder Schülern. Beiden Formen des Portfolios ist gemeinsam, dass sowohl Lernprozess als auch Lernprodukt im Rahmen der Portfolioarbeit dokumentiert werden.
Geschichte
Das Lehrportfolio wurde ursprünglich in den 1980er Jahren in Kanada als Instrument zur Sichtbarmachung von Lehrleistungen entwickelt und später auch dafür genutzt, um Personalentscheidungen und die Personalentwicklung einer Person zu bewerten.[4] Im deutschsprachigen Raum entstand die Diskussion um Lehrqualität an Hochschulen unter anderem durch eine Rangliste des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ (Ausgabe 50) im Jahr 1989.[5] Die erste deutschsprachige Publikation zum Lehrportfolio legte Dietrich von Queis 1993 vor.[2] Seit den 2000er Jahren findet das Lehrportfolio zunehmend Eingang in Bewerbungsverfahren und hochschuldidaktische Weiterbildungsprogramme im deutschsprachigen Raum.[6]
Prozess und Aufbau
Nach Seldin lässt sich der Prozess der Erstellung eines Lehrportfolios in Anlehnung an die Prinzipien des erfahrungsbasierten Lernzykluses nach Kolb gliedern in:[6]
- Kontextanalyse: Einsatzzweck und etwaige Vorgaben klären,
- Lehr- und Betreuungstätigkeiten auflisten,
- Lehrphilosophie formulieren,
- Umsetzung in die Praxis darstellen,
- Evaluation: eingeholtes Feedback und Ergebnisse dokumentieren,
- Konsequenzen: umgesetzte und geplante Änderungen beschreiben,
- Hochschuldidaktische Weiterbildung aufführen,
- Belege für die dargestellten Kompetenzen anfügen.
Im deutschsprachigen Raum umfasst der Aufbau des Lehrportfolio in der Regel die folgenden typischen Bestandteile:[6]
- Lehrphilosophie: Darlegung der eigenen Grundsätze und Qualitätsstandards für die Lehre,
- Lehrtätigkeit: Auflistung aller Lehrveranstaltungen, Betreuungsarbeiten und Prüfungstätigkeiten,
- Unterrichtsgestaltung: Beschreibung der konkreten didaktischen Umsetzung, eingesetzter Methoden und des Zusammenhangs zwischen Lehrzielen, Methoden und Prüfungsformen (Constructive Alignment),
- Evaluation: Darstellung und Reflexion eingeholter Rückmeldungen von Studierenden, Kollegen oder Fachpersonen,
- Hochschuldidaktische Weiterbildung: Besuchte Fortbildungen und Entwicklungsziele für die eigene Lehre und
- Belege (Anhang): Lehrmaterialien, Evaluationsergebnisse, Hospitationsprotokolle, Auszeichnungen, wie z. B. Lehrpreise.
Durch den Einsatz digitaler Denkwerkzeuge („Tools for Thought“) lassen sich Lehrportfolios heute dynamisch und prozessorientiert gestalten, statt als statische Sammlungen von Dokumenten zu fungieren.[7] Diese Ansätze profitieren maßgeblich von systematischem, lehrbezogenem Wissensmanagement („Personal Knowledge Management“), das es Lehrenden ermöglicht, Wissen zu externalisieren, zu vernetzen und kontinuierlich zu reflektieren.[8]
Funktionen
Lehrportfolios haben nicht nur positive Effekte. Smith und Tillema ordneten die Zielsetzungen von Lehrportfolios auf einem Kontinuum zwischen professioneller Entwicklung und externer Evaluation ein, ergänzt durch die Dimension freiwillig versus verpflichtend.[9] Grundsätzlich besitzen Lehrportfolios sowohl eine formative als auch eine summative Funktion. In formativer Hinsicht dient das Lehrportfolio als individuelle Dokumentation der Professionalitätsentwicklung einer Lehrperson.[6] Durch die Reflexion des eigenen Lehrhandelns können ebenso Stärken und Entwicklungsbereiche sichtbar gemacht werden, was u. a. dokumentiert wird in der
- Formulierung einer Lehrphilosophie und Haltung der Lehrperson,
- Auseinandersetzung mit dem Lehrdesign,
- Didaktik und Umsetzung der eigenen Lehre,
- Evaluation der Wirkung und des Feedbacks zur eigenen Lehre und Entwicklungszielen sowie
- Teilnahme an hochschuldidaktischen Weiterbildungen.[10]
In seiner summativen Funktion wird das Lehrportfolio als ein Nachweis der Lehrfähigkeit betrachtet, der bei Stellenbewerbungen, Berufungsverfahren oder Tenure-Track-Prozessen eingereicht wird.[6] Die in der Praxis übliche Verbindung von Entwicklungs- und Bewertungsfunktion wird allerdings bei Seldin als problematisch betrachtet, da sie eine objektive Beurteilung der Lehrkompetenz in Berufungsverfahren erschwert.[11]
Beurteilungskriterien
Seldin benannte neun Kriterien für die summative Bewertung von Lehrportfolios.[11] Geprüft wird dabei, ob alle wesentlichen Bestandteile eines Lehrportfolios vorhanden sind, ob die Angaben zum Anforderungsprofil der jeweiligen Stelle passen und ob ausreichend Belege für die beschriebenen Lehrfähigkeiten und das studentische Lernen vorliegen. Jede Aussage im Portfolio soll durch Nachweise gestützt sein; Verweise auf eigene Forschung müssen einen Bezug zur Lehre erkennen lassen. Im englischsprachigen Raum wird zudem erwartet, dass Berichte kollegialer Unterrichtshospitationen beigefügt werden.[6]
Buckridge legte einen stärker qualitativ ausgerichteten Kriterienkatalog vor.[12] Bewertet werden sollen im Lehrportfolio u. a. die erzählerische Haltung des Portfolios (fortlaufende Erkundung oder abgeschlossener Bericht), die Fachspezifität, der Einblick in das Denken der Lehrperson, die Konkretheit der Beispiele und die Reflexionstiefe bei der Evaluation. Buckridge betont die Übereinstimmung zwischen formulierter Lehrphilosophie und tatsächlicher Lehrpraxis (Alignment) als zentrales Qualitätsmerkmal.
Empirische Belege
Die empirische Forschungslage zu Lehrportfolios ist weitgehend überschaubar, liefert aber wichtige Hinweise auf deren positive Wirkungen und mögliche Begrenzungen. Eine explorative Befragung von 117 Lehrenden an belgischen Hochschulen ergab, dass nur rund 22 Prozent ein Lehrportfolio nutzten.[3] In der gleichen Studie wurde herausgefunden, dass diejenigen, die ein Lehrportfolio führten, von positiven Effekten berichteten: Sie fühlten sich u. a. angeregt, über die eigene Lehre zu reflektieren, Kursmaterialien zu verbessern, Lerninhalte zu aktualisieren und alternative Lehrmethoden zu erproben. Zugleich wurden der hohe Zeitaufwand und die zusätzliche administrative Belastung im Lehralltag als wesentliche Nachteile benannt.[3] In der Studie von Centra, die an einem US-amerikanischen Community College zur summativen Funktion von Lehrportfolios durchgeführt wurde, wurde festgestellt, dass die Übereinstimmung von Bewertungen von Peers und Dekanen maßgeblich von der Auswahl der Gutachtenden abhing: Von den Lehrenden selbst ausgewählte Peers bewerteten eine Lehrportfolio deutlich milder und korrelierten nicht mit den studentischen Lehrevaluationen, während die Bewertungen von durch die Hochschulleitung benannte Peers und Dekane stärker übereinstimmten.[13] Im deutschsprachigen Raum untersuchte Gerber vierzehn Lehrportfolios neuberufener Professoren an der TH Köln mittels qualitativer Inhaltsanalyse:[4] Die Ergebnisse zeigten erstens, dass in den untersuchten Lehrportfolios häufiger strategische Ziele der Hochschule wie Kompetenzorientierung und Lernendenorientierung durchgeführt wurden als über die theoriegeleitete Planung von Lehrveranstaltungen. Zweitens wurden Aspekte der Diversitätspädagogik zwar in der eigenen Lehre wahrgenommen, aber selten in eine bewusste Lehrgestaltung überführt. Insgesamt weist die Forschung rund um Lehrportfolios darauf hin, dass diese vor allem als Reflexionsinstrument zur Professionalitätsentwicklung wirksam sind[14], ihre summative Bewertung jedoch methodische Herausforderungen hinsichtlich Reliabilität und Validität (wie z. B. im Rahmen von Personalentscheidungen) aufwirft.[6][13]
Literatur
- Nicole Auferkorte-Michaelis, Birgit Szczyrba: Das Lehrportfolio als Reflexionsinstrument zur Professionalisierung der Lehre. In: Johannes Wildt, Birgit Szczyrba, Beatrix Wildt (Hrsg.): Consulting, Coaching, Supervision: Eine Einführung in Formate und Verfahren hochschuldidaktischer Beratung. Blickpunkt Hochschuldidaktik, Nr. 117. Bertelsmann, 2006, ISBN 3-7639-3428-6, S. 220–231.
- Margaret Buckridge: Teaching portfolios: their role in teaching and learning policy. In: International Journal for Academic Development. Band 13, Nr. 2, 2008, S. 117–127, doi:10.1080/13601440802076566 (englisch).
- John A. Centra: The Use of the Teaching Portfolio and Student Evaluations for Summative Evaluation. In: The Journal of Higher Education. 65. Jahrgang, Nr. 5, September 1994, S. 555–570, doi:10.1080/00221546.1994.11778520 (englisch).
- Cathrine De Rijdt, Eva Tiquet, Filip Dochy, Maurice Devolder: Teaching portfolios in higher education and their effects: An explorative study. In: Teaching and Teacher Education. Band 22, Nr. 8, November 2006, ISSN 0742-051X, S. 1084–1093, doi:10.1016/j.tate.2006.07.002 (englisch).
- Julia Gerber: Lehrportfolios als Gegenstand hochschuldidaktischer Forschung. In: Birgit Szczyrba, Niclas Schaper (Hrsg.): Forschungsformate zur evidenzbasierten Fundierung hochschuldidaktischen Handelns (= Forschung und Innovation in der Hochschulbildung). Band 1. Technische Hochschule Köln, 2018, S. 201–212, doi:10.57684/COS-675 (Online).
- Birgit Szczyrba (Hrsg.): Das Lehrportfolio: Entwicklung, Dokumentation und Nachweis von Lehrkompetenz an Hochschulen (= Bildung – Hochschule – Innovation. Band 14). Lit, 2012, ISBN 978-3-643-11839-4.
- Stefan T. Siegel, David Lohner: Wissensmanagement von Lehrenden mit „Digital Tools for Thought“: Potenziale, Grenzen und Einsatzmöglichkeiten. In: Neues Handbuch Hochschullehre (NHHL). Band 114, 2024, S. 1–20.
- Stefan T. Siegel, David Lohner, Maik Arnold: Reimagining Teaching Portfolios Through Personal Knowledge Management with Digital Tools for Thought. In: Zeitschrift für Hochschulentwicklung. Band 20, Nr. 3, 2025, doi:10.21240/zfhe/20-3/11 (englisch).
- Dietrich von Queis (Hrsg.): Das Lehrportfolio als Dokumentation von Lehrleistungen. Ein Beitrag zur Qualifizierung und Weiterbildung in der Hochschullehre (= Bildung, Wissenschaft aktuell. Nr. 14/1993). Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, Bonn 1993, S. 54.
- Silke Wehr: Das Lehrportfolio zur Qualitätsförderung und -beurteilung der Hochschullehre. In: Silke Wehr, Thomas Tribelhorn (Hrsg.): Bolognagerechte Hochschullehre: Beiträge aus der hochschuldidaktischen Praxis. Band 1. Haupt, 2011, ISBN 978-3-258-07641-6, S. 211–238.