Leopold Picej

österreichischer Schneider und Wehrmachtsdeserteur From Wikipedia, the free encyclopedia

Leopold Picej (* 15. November 1904 in St. Primus am Turnersee, Gemeinde Sankt Kanzian am Klopeiner See, Kärnten ; † 15. Jänner 1943 in Pot'ma, Republik Mordowien, Sowjetunion) war ein österreichischer Schneider und Wehrmachtsdeserteur.

Leben

Leopold Picej war das zweite von sieben Kindern des slowenischen Gast- und Landwirtes Valentin und seiner Frau Elisabeth. Die Eltern galten als gut situiert, mit 40 Hektar Landwirtschaft und einem gut gehenden Gasthaus Eckwirt, slowenisch Vhouv. In den 1930er Jahren waren fast alle Einwohner des Bezirkes Völkermarkt Slowenen (Volkszählung 1910: 82.000 Personen Slowenen). Die Familie galt als engagiert slowenisch, katholisch und christlichsozial, zwei Brüder Leopolds, Josef und Mohor, wurden katholische Priester. Leopold Picej besuchte ab 1911 die dreiklassige Volksschule St. Primus, wo Slowenisch unterrichtet wurde. Erst mit 14 Jahren, als er zu Kriegsende 1918 die Volksschule beendet hatte, begann er deutsch zu lernen.

Leopold Picej, Mitglied der christlich orientierten Partei der Kärntner Slowenen, erlernte den Beruf eines Schneiders und wurde mit 24 Jahren Kleidermacher-Meister. Am 22. Oktober 1928 heiratete er die ein halbes Jahr jüngere Katharina Marolt, beide hatten bald zwei Töchter. Eine Woche nach der erfolgreichen Meisterprüfung gründete Leopold im Hause seiner Frau, in Kühnsdorf Nr. 36, seinen eigenen Meisterbetrieb als Herrenschneider.

Nach dem Verbot der Partei der Slowenen bzw. der Slowenischen Volkspartei 1934 fand Picej Zugang zur KPÖ und wurde bereits 1935 illegales Mitglied. Ab Juli 1934 fanden in seinem Haus KPÖ-Bezirkskonferenzen statt, er selbst wurde unter Beisein eines Mitglieds des ZK in Wien bei einer Vertrauenmännerkonferenz zum Kassier des Bezirks Völkermarkt gewählt. In seinem Haus fand die Staatspolizei verstecktes, belastendes Material. Im Dezember 1936 wurde gegen sieben Personen der KPÖ-Zelle Anklage erhoben und Picej wurde im Jänner 1937 vom Landesgericht Klagenfurt wegen Vergehens gegen das Staatsschutzgesetz (Kommunistische Betätigung) zu sechs Monaten Arrest verurteilt. In der Anklage wurde Picej als Nr. 2 der KP-Organisation geführt. Nach der Entlassung war Picej wohl politisch unauffällig.

Nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland trat Pecej im Herbst 1938 dem Reichsluftschutzbund Ortsgruppe Wolfsberg bei und nahm 1938 bis Februar 1939 an einer Lehrgemeinschaft für Buchhaltung der Deutschen Arbeitsfront teil. Sein Schneiderbetrieb lief gut und war solide geführt. Selbst in der Zeit seiner sechsmonatigen Haft 1936 lief der Betrieb weiter, weil seine Frau Katharina mit einem Arbeiter die Schneiderei weitergeführt hat. Bemerkenswert ist, dass Pecej dem Druck des NS-Systems nachgab und tatsachenwidrig als Muttersprache deutsch und sich und seine Frau als Angehörige der arischen Rasse (Herrenvolk und Herrenrasse) bezeichnete.

Am 7. Juni 1940 wurde Pecej zur Ausbildung an der Waffe nach Klagenfurt einberufen und bis zum 20. Dezember 1940 ausgebildet, sein Betrieb war in diesem halben Jahr stillgelegt. 1941 wurde er abermals zur Wehrmacht einberufen und wohl in Vorbereitung auf den Balkanfeldzug 1941 an die Grenze zu Jugoslawien verlegt. Danach kehrte er zu seiner Familie zurück und wurde zur 61. Infanterie-Division nach Königsberg einbefohlen, wo die Division für den Krieg gegen die Sowjetunion aufgefüllt wurde. Unter dem XXVI. Armeekorps der 18. Armee der Heeresgruppe Nord rückte die Division am 22. Juni 1941 bis Tichwin vor, wo sie auf den erbitterten Widerstand neu herangeführter frischer sowjetischer Truppen stieß. Dazu kam der kalte Winter bis zu minus 30 Grad, sodass man die Division an den Fluss Wolchow zurückverlegte. In der erbitterten Wolchow-Schlacht stand im Raum Gruzino die 18. Armee den Verbänden der Leningrader Front/Wolchow-Front gegenüber. Im Infanterie-Regiment 162 der 61. Division kämpfte der damals 37-jährige Familienvater Schütze Leopold Pecej. Die Gräber entlang der Straße in Gruzino zeugen noch heute davon. Auch der Hügel mitten im Dorf, voll von Bunkern und Anlagen, werden noch regelmäßig Schülergruppen gezeigt, auch einen gesprengten Hügel, in den man angeblich deutsche Soldaten gelockt hatte, um sie gemeinsam mit den Steinen zu zerstören. Anfang April 1942 fiel auch der Divisionskommandeur Generalmajor Franz Scheidies. Am 11. oder 13. April 1942 haben Kameraden Leopold Pecej zum letzten Mal im 4. Zug seiner Kompanie gesehen.

Der umfangreiche sowjetische NKWD-Personalakt des Schützen Leopold Pecej vermerkt: Pecej geriet/ergab sich bandagiert in Cudovo in Kriegsgefangenschaft. An anderer Stelle des Aktes ... er begab sich freiwillig in Gefangenschaft. Der Akt verzeichnet auch seine Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, was er nicht geleugnet hat und wahrheitsgemäß dem NKWD angegeben hat. Pecej kam vom Aufnahmepunkt priemnyj Nr. 1 in Gruzino am 29. Juni 1942 in das Kriegsgefangenenlager Nr. 158 der Verwaltung UPVI der NKWD und galt bei der Erstuntersuchung als voll arbeits- und transportfähig. Anfang August 1942 erkrankte Pecej an Diphtherie, konnte jedoch wiederhergestellt werden. Seine Beurteilung des Politruk Kricmar des Lagers 158 vom 18. August 1942 war voll des Lobes: Picej verrichtete die ihm übertragenen Arbeiten gewissenhaft, erfüllte die Aufgaben pünktlich, war umgänglich und übertrat die Lagerordnung nicht. Schon tags darauf überstellte man ihn mit 1200 bis 1500 Gefangenen in das eben fertiggestellte Produktionslager von Kozlovka Nr. 463 an der Wolga 76 km vor Kazan. Die Bedingungen in Kozlovka/Tjurlema waren im Spätsommer unerträglich, Stechmücken in den Sumpfgebieten der Wolga und harte Arbeit am Bau eines Umspannwerkes. Zu Essen gab es nur Reste von Mais und etwas Hirse. Nahezu alle Gefangenen erkrankten an Dystrophie 1. bis 4. Stufe und an Pellagra, den Synonymen für Unterernährung und Verhungern. Das Lager wurde daher schon nach wenigen Monaten am 12. Dezember 1942 aufgelöst. Die Schwerkranken, auch Pecej, brachte man am 17. November 1942 mit der Bahn in das Lagerlazarett von Pot'ma, einem Außenlager des Lagers Nr. 58 in Temnikow in Mordowien. Seine unauffindbare Krankenakte hatte die Nr. 1813. Pecej starb am 5. Jänner 1943 an Pellagra. Er wurde auf dem weitläufigen Gelände des Lagerkomplexes Pot`ma bestattet, die Personalakte des NKWD wurde mit dem Tod des Kriegsgefangenen geschlossen und dem Archiv übergeben. Die Akte mit den Fotos seiner Familie, die er in der Uniformtasche bei sich getragen hatte, übersandte man in das Sonderarchiv nach Moskau, zur Aufbewahrung auf ewig, wie Millionen andere auch.

In Kärnten erreichte seine Frau Katharina im Juni 1942 die Nachricht der Wehrmachtdienststelle 03180E vom 19. Juni 1942: Schütze Leopold Picej ist desertiert. Heil Hitler! Schönhoff e.h. Leutnant und Einheitsführer. Ein Schock für die Frau und ihre Kinder. Der Vater, der Ehemann, ein Deserteur! Es blieb nicht geheim. Seine Frau konnte sich niemandem anvertrauen. Leopolds Eltern und Geschwister waren am 14. April 1942 als Slowenen deportiert und in das Umsiedlungslager Frauenaurach gebracht worden. Einzig Leopolds Bruder Franz diente als Soldat gerade auf der Krim und dessen Frau Katharina lebte nördlich der Drau in St. Jakob. Die für damalige Verhältnisse große Entfernung erlaubte keine häufigen Besuche, zumal die Schwägerin mit ihren drei Töchtern einen Schuster-Meisterbetrieb und eine kleine Landwirtschaft führte.

Leopold Pecej soll nach Gerüchten vom 13. bis 20. April 1942, nachdem er desertierte, sich mit einem Appell an seine Einheit über den Rundfunk gemeldet haben. Im April 1943 (!) soll er über den Rundfunk Grüße an seine Frau, meine beiden Töchter, Verwandte und Bekannte gesendet haben. Somit folgten Verhöre mit Katharina Pecej durch die Gestapo in Klagenfurt und ihre Inhaftierung bis knapp vor Kriegsende. Die Zellen in Klagenfurt waren überfüllt, die Leute wurden beim Verhör so sehr geschlagen, dass sie nicht mehr zurück in ihre Zelle gehen konnten, zur Zelle geschleift und hineingeworfen wurden. Ihre Entlassung aus der Gestapohaft verdankte Katharina laut Mitteilung einer Tochter dem Umstand fehlender Transportkapazitäten der Reichsbahn für eine Überstellung in ein Lager sowie der Bestechung eines Gestapobeamten durch eine Verwandte.

Im Nachkriegsösterreich vermerkte ein Beamter des Innenministeriums in Wien noch 1955 eine amtsinterne Anmerkung. Er schrieb handschriftlich mit roter Farbe auf die Vermisstenanmeldung in Kurrent doppelt unterstrichen dessertiert. Dies sollte bei eventuellen Rentenansprüchen und Unterstützungszahlungen an die Familie sofort ins Auge springen. Allerdings konnte sich Katharina jahrzehntelang nicht dazu durchringen, ihren Mann für tot erklären zu lassen, und verzichtete somit auf staatliche Unterstützung. Erst mit dem Gesetz zur Rehabilitierung von Wehrmacht-Deserteuren 2009 wäre dies vollumfänglich möglich gewesen. Doch Katharina Pecij war bereits 1990 völlig im Unklaren zu ihrem Mann verstorben. Siehe auch: Deserteurdenkmal in Wien 2014.

Forschung und Erinnerung

Zwei Jahre nach dem Tod von Katharina Pecej konnte der Historiker Stefan Karner 1992 im Russischen Militärarchiv RGVA in Moskau das Schicksal von Leopold Pecej in Erfahrung bringen. Weitere Recherchen am Wolchow, in den Akten sowjetischer Lager des NKWD in Cerepovec und Kozlovsk bis zum Temnikovskij Lager in Pot`ma folgten. Mit Hilfe der Lagerbehörden in Pot`ma, dem stellvertretenden Lagerleiter Oberstleutnant Sergej V. Zabajkin, der Historiker Galina A. Kurseva und Evgenij Bikejkin aus Saransk, gelang es Karner 2018, im Föhrenwald des weitläufigen Lagerareals jenen Bereich zu finden, wo man 1943 in einem Massengrab Kriegsgefangene katholischer Religion beerdigt hatte.

Stefan Karner konnte flankiert von verständnisvollen russischen Gefängnismitarbeitern und Kollegen der Universität Saransk mit einer kurzen Andacht Leopold Pecej die letzte Ehre erweisen. In eine kleine Urne sammelte er schließlich russische Erde des Waldbodens, unter dem Leopold Pecij seit 1943 lag, und überführte sie nach Österreich. In einer Gedenkstunde der Familie wurde am 16. August 2019 in Kühnsdorf mit Genehmigung des Ortspfarrer Johann Skuk durch Diakon Ernst Buchleitner die russische Erde in das Grab seiner Frau Katharina am Waldfriedhof gegeben.

Literatur

  • Stefan Karner: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die „Heimkehr“ des Soldaten Leopold Picej aus Russland. Ein Essay über Bangen, Hoffen und Gewissheit. In: Christian Thomas Rachlé, Markus Kvas (Hrsg.): Hoffnung – Hope. Druckhaus Schramer Fürstenfeld, 2. Auflage Graz 2025, 178 Seiten, S. 60–74.

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