Letzte Adresse

russisches Projekt zur Erinnerung an Opfer stalinscher Säuberungen From Wikipedia, the free encyclopedia

Letzte Adresse (russisch Последний адрес; Transkription Posledny adres) ist ein internationales historisches Aufklärungsprojekt, das mittels Gedenktafeln an die Opfer der Stalinschen Säuberungen erinnert. Die Bürgeraktion Letzte Adresse und die gleichnamige Stiftung wurden 2014 in Moskau durch Mitarbeiter von Memorial zusammen mit Historikern, Journalisten und Künstlern initiiert.[1][2] Die Projektidee wird mittlerweile über Russland hinaus in weiteren sechs Ländern umgesetzt (Stand 2025).[3]

Gedenktafel einer Letzten Adresse in Moskau:
„Hier wohnte
Jekaterina Michailowna
Schelwatych
Schreibkraft
geboren 1905
verhaftet 11.01.1938
hingerichtet 5.04.1938
rehabilitiert 1957“

Gewürdigt werden laut Memorial ausschließlich Menschen, die sich selbst keiner Straftat schuldig gemacht haben – weder während der kommunistischen Diktatur der Sowjetunion noch im Nationalsozialismus.[4]

Die Gedenktafeln bestehen aus einer 11 cm × 19 cm großen Metallplatte, die mit Lebensdaten beschriftet ist und in der eine quadratische Aussparung einen Leerraum bildet. Die Gedenktafeln werden ausschließlich mit der Zustimmung des Hauseigentümers an der Außenfront des letzten bekannten Wohnhauses angebracht.[5][6]

Das Gedenkanliegen von Letzte Adresse ähnelt dem Projekt Stolpersteine, bei dem ebenfalls letzte bekannte Wohnorte von Opfern des Totalitarismus markiert werden. 2018 wurde das Projekt Letzte Adresse von der deutschen Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit dem Karl-Wilhelm-Fricke-Preis gewürdigt.[7]

Gedenktafeln in Russland

Beispiele Letzter Adressen in Moskau (2016)

Am 10. Dezember 2014, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, wurden in Moskau die ersten 18 Gedenktafeln angebracht. Ab 2015 folgten Gedenktafeln in Sankt Petersburg.[1] Bei ihrer Arbeit werden die Bürgeraktivisten von der 1988 gegründeten Menschenrechtsorganisation Memorial unterstützt. Die tausendste Gedenktafel wurde am 7. Februar 2020 in der Stadt Gorochowez (Russland) installiert.[8] Gedenktafeln gibt es auch u. a. in Jekaterinburg, Rostow am Don, Perm, Taganrog, Barnaul, Krasnojarsk. Im Jahr 2023 waren es mehr als 1.500 Gedenktafeln in über 60 Städten.[9]

In Perm, Jekaterinburg und am früheren Gebäude des Geheimdienstes KGB in Term wurden bereits im Jahr 2020 Tafeln entfernt, und russische Behörden drangsalieren die Menschenrechtsorganisation Memorial.[10] Auch andernorts wurden vereinzelt Gedenktafeln beschädigt oder gestohlen.[9]
Seit 2022, nach Beginn des umfassenden Krieges mit der Ukraine, ist die Anzahl entfernter Erinnerungstafeln in Moskau und St. Petersburg stark angestiegen.[11] In einigen Fällen rekonstruieren die Aktivisten des Projekts diese Gedenktafeln, in anderen wird dies auf später verschoben.[9] Darüber hinaus begannen am Projekt unbeteiligte Personen, anstelle der fehlenden Schilder handgeschriebene Pappschilder anzubringen.[12]

Pappschilder ersetzen entfernte Gedenktafeln am Moskauer Puschkin-Platz (2025)

Projekt Letzte Adresse in Deutschland

Am 30. August 2019 wurde das Schwesterprojekt Letzte Adresse in Deutschland gestartet. Die erste Gedenktafel wurde in der thüringischen Stadt Treffurt angebracht und erinnert an den Installateur Heinz Baumbach, der 1952 in Moskau hingerichtet worden war.[13][14][15][16]

Anstoß zu dem Projekt in Deutschland gab das 2005 erschienene Buch Erschossen in Moskau, das über das Schicksal von nahezu tausend Deutschen berichtet, die zwischen 1950 und 1953 heimlich verhaftet, von sowjetischen Militärtribunalen wegen angeblicher Spionage und antisowjetischer Agitation verurteilt und schließlich hingerichtet worden waren.[4]

Gedenktafel für Fritz Storch in Berlin (2022)

Am 17. Juli 2020 wurde die zweite Gedenktafel für den Mathematiker Helmut Sonnenschein in Naumburg angebracht. Die erste Gedenktafel in Berlin wurde am 8. Juli 2022 eingeweiht. Sie befindet sich in der Mengerzeile 8 im Ortsteil Alt-Treptow und erinnert an den 1951 hingerichteten Fritz Storch.[17] Stand 2025 sind es in Deutschland vierzehn Gedenktafeln;[18] an einem weiteren Standort wurde die Anbringung aus Angst vor „politische[m] Vandalismus“ abgelehnt.[19]

Projekt Letzte Adresse in anderen Ländern

5. Mai 2017 wurde in der Ukraine das Schwesterprojekt Остання адреса (Ostannya Addressa) initiiert.[20] Damit knüpfte erstmals außerhalb Russlands ein Erinnerungsprojekt an den Grundgedanken von Letzte Adresse an.[21] Am 5. Mai 2017 wurden die ersten drei Gedenktafeln an drei Häusern in Kiew angebracht.

Am 7. Juni 2017, dem Tag der politischen Gefangenen, brachte das tschechische Schwesterprojekt Poslední adresa in Prag an vier Hausfassaden Gedenktafeln an.[22][23]

Am 2. August 2018 wurde in der Republik Moldau das Ultima adresă-Projekt gestartet.[24] Die ersten beiden Tafeln der Ultima adresă erschienen in Chișinău.

Am 5. Oktober 2018 wurde das georgische Projekt უკანასკნელი მისამართი. საქართველო (Letzte Adresse, Georgien) offiziell gestartet.[25]

Am 25. September 2022 wurde vom französischen Schwesterprojekt Dernière adresse connue (Letzte bekannte Adresse) im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt eine erste Gedenktafel angebracht. Sie erinnert an den dorthin exilierten russischen General Jewgeni Karlowitsch Miller, der 1937 vom NKWD nach Moskau entführt und dort exekutiert wurde.[26]

Einzelnachweise

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