Lexikon der indogermanischen Verben
Buch von Helmut Rix
From Wikipedia, the free encyclopedia
Das Lexikon der indogermanischen Verben (LIV) ist ein etymologisches Wörterbuch der urindogermanischen Verben. Es entstand unter der Leitung von Helmut Rix und wurde von Martin Joachim Kümmel, Reiner Lipp, Brigitte Schirmer und Thomas Zehnder bearbeitet. Die erste Auflage erschien beim Dr.-Ludwig-Reichert-Verlag Wiesbaden im Jahr 1998, die zweite (ISBN 3-89500-219-4) im Jahr 2001; diese wird gewöhnlich als LIV² abgekürzt.
Das Wörterbuch beruht zum Großteil auf dem Indogermanischen etymologischen Wörterbuch von Julius Pokorny, rekonstruiert die Wurzeln jedoch als erstes indogermanisches Wörterbuch ausschließlich auf Grundlage der Laryngaltheorie.
Das Verbalsystem im LIV²
Der grammatische Abriss des LIV² vertritt die Hypothese, dass im Urindogermanischen zuerst eine Unterscheidung zwischen zwei Aktionsarten, nämlich telischen Verben (abgeschlossen: zum Beispiel *léh₂p- ‚aufleuchten’) und atelischen (unvollendet, kontinuierlich: *bʰéh₂- ‚glänzen, leuchten, scheinen’), bestanden habe.
Es habe dann ein Übergang zu einem Aspektsystem mit den Hauptkategorien Aorist (perfektiv) und Präsens (imperfektiv) stattgefunden. Die telischen Verben wurden als Aorist interpretiert und das fehlende Präsens wurde z. B. durch ein n-Infix (zu *leh₂p-: *l̥h₂-né-p-) oder verschiedene andere Suffixe (*l̥h₂p-sḱé-) gekennzeichnet, die von älteren Aktionsartkategorien stammen. Die atelischen Verben wurden als Präsens interpretiert und der Aorist bisweilen durch das neu gebildete und immer in der Nullstufe stehende Suffix -s- gekennzeichnet.
Dieser Ansatz soll folgende Phänomene erklären:
- Einige Verben bilden thematische Wurzelpräsentien (lat. dūcō ‚ich ziehe, führe‘ aus *déu̯k-) mit davon abgeleitetem s-Aorist (im Lateinischen Perfekt: dūxī ‚ich habe gezogen, geführt‘, gesprochen dūksī, aus *déu̯k-s-).
- Andere dagegen bilden Wurzelaoriste (lat. vīcī ‚ich habe gesiegt‘ aus *u̯éi̯k-) mit abgeleitetem Präsens (vincé/ó- ‚ich siege‘ aus *u̯i-n-k-´).
- Von telischen Wurzeln (also Aoristwurzeln) abgeleitete Präsensformen werden unterschiedlich gebildet (zum Teil sogar bei ein und demselben Verb wie in *l̥h₂-né-p- / *l̥h₂p-sḱé-). Dies erklärt das LIV² mit der Existenz unterschiedlicher alter Aktionsartkategorien, die alle im neu gebildeten Präsens aufgegangen seien.
Neben dem Präsens und dem Aorist setzt das LIV² noch weitere Kategorien an, nämlich den Stativ, das Perfekt, den Kausativ-Iterativ, den Desiderativ, das Intensivum (wiederholte Realisierung), den Fientiv (Eintritt des Subjekts in einen neuen Zustand, also das „Werden zu“) und den Essiv (Zustand des Subjekts, also das „Sein“).
Lemmata
Der Wörterbuchteil enthält zu jedem Lemma:
- die Form der Verbalwurzel (als Überschrift fungierend)
- die vermutete Bedeutung
- die rekonstruierten Stämme in der Anordnung des Vorworts mit ihren Reflexen in den Tochtersprachen und im Anatolischen
- umfangreiche Fußnoten (Quellenangaben, Hinweise auf zweifelhafte und alternative Herleitungen etc.)
- Querverweise zu den entsprechenden Seiten im Indogermanischen etymologischen Wörterbuch
Anhang
Im Anhang finden sich ein rückläufiger Wurzelindex, ein Index der rekonstruierten Stammbildungen und ein Index der einzelsprachlichen Wortformen.
Aufnahme und Kritik
- Die Beleglage für manche Wurzelansätze wird von Elmar Seebold[1] als „ungenügend“ angesehen, da zum Teil nur eine einzige Tochtersprache angegeben wird. Das LIV² weist diese Kritik zurück, weil die Einschätzung der Ansätze aufgrund der Beleglage dem kundigen Leser überlassen bleiben solle.[2]
- Die Kritik an angesetzten Wortbedeutungen[1] wird im LIV² als „grundsätzlich berechtigt“ bezeichnet.[3]
- Michael Meier-Brügger[4] bezeichnet das Verbalsystem des LIV² vorsichtig als „adäquat und konsensfähig“, ohne allen Analysen von Helmut Rix im Einzelnen zustimmen zu wollen.
- Benjamin W. Fortson IV[5] nennt das LIV² sehr „nützlich und aktuell“. Er erwähnt aber auch, dass einige Stellen strittig seien, ohne dies aber näher zu spezifizieren.
- Donald Ringe[6] stellt fest, dass die im LIV² vorgetragenen Hypothesen (er nennt sie zusammenfassend das „Cowgill-Rix verb“) weitgehend den gegenwärtig herrschenden Konsens widerspiegeln. Ringe wendet jedoch ein, dass einige der im LIV² vorgelegten phonologischen Rekonstruktionen möglicherweise in dem einen Punkt nicht mit dem Konsens übereinstimmen, da sie „insufficiently conservative“ seien.