Liber glossarum
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Der Liber glossarum (ältere Benennung Glossarium Ansileubi) ist ein umfangreiches lateinisches Glossar und enzyklopädisches Wörterbuch des Frühmittelalters. Es überliefert in strikt alphabetischer Anordnung eine große Zahl von Stichwörtern mit kurzen Definitionen, Synonymen und längeren Sachartikeln, die überwiegend aus älteren theologischen, enzyklopädischen und lexikographischen Texten exzerpiert sind. In der Forschung gilt das Werk als eines der wichtigsten mittellateinischen Nachschlagewerke und als Bindeglied zwischen der spätantiken enzyklopädischen Tradition und der Lexikographie der karolingischen Renaissance.
Beschreibung
Der Liber glossarum ist kein knappes Schulglossar, sondern ein groß angelegtes alphabetisches Repertorium. Die Lemmata werden in der Regel stichwortartig erklärt, durch Synonyme umschrieben oder durch kurze Zitate aus älteren Autoren illustriert. Neben biblischen und theologischen Begriffen finden sich grammatische und rhetorische Termini, naturkundliche Stichwörter (unter anderem zahlreiche Pflanzennamen), medizinische und juristische Fachausdrücke sowie Realien des antiken und frühmittelalterlichen Alltagslebens.[1]
Schätzungen der Forschung gehen von mehr als 50.000 bis rund 56.000 Lemmata aus, womit der Liber glossarum zu den umfangreichsten erhaltenen lateinischen Glossaren überhaupt gehört.[2]
Entstehung
In der älteren Forschung wurde der Liber glossarum meist als im späten 8. oder frühen 9. Jahrhundert im Frankenreich, wahrscheinlich im Umfeld des Klosters Corbie, entstandenes Werk beschrieben. Als Argumente dienten vor allem Schriftbefund und Layout der wichtigsten Handschriften – insbesondere der in sogenannter a-b-Minuskel geschriebenen Pariser Bände – sowie die Einordnung in die karolingische Bildungs- und Reformbewegung.[3][4]
Neuere Untersuchungen, insbesondere von Franck Cinato und Anne Grondeux, plädieren demgegenüber für eine deutlich frühere Entstehung im westgotischen Spanien des 7. Jahrhunderts. Nach dieser Deutung geht der Liber glossarum auf glossographische Dossiers im Umfeld der Arbeiten des Isidors von Sevilla zurück; die karolingischen Handschriften wären dann das Ergebnis einer Übernahme und Umarbeitung im Frankenreich am Ende des 8. Jahrhunderts.[5][6] Die Datierung und genaue Entstehungssituation des Werkes werden in der Forschung weiter diskutiert.
Überlieferung
Der Text des Liber glossarum ist nur in wenigen, dafür außergewöhnlich umfangreichen Handschriften überliefert. Zu den wichtigsten Zeugen gehören die beiden in der Bibliothèque nationale de France in Paris aufbewahrten Codices lat. 11529 (Lemmata A–E) und lat. 11530 (F–Z), die nach heutigem Forschungsstand die ursprüngliche Zweiteilung des Werkes widerspiegeln und in einer charakteristischen karolingischen a-b-Minuskel am Ende des 8. Jahrhunderts geschrieben wurden.[7]
Einen weiteren nahezu vollständigen Überlieferungsstrang repräsentiert der in der Biblioteca Apostolica Vaticana aufbewahrte Codex Vat. Pal. lat. 1773, der im 9. Jahrhundert vermutlich in Südfrankreich geschrieben und später in der Klosterbibliothek von Lorsch nachweisbar ist.[8] Daneben existieren mehrere fragmentarische oder stark gekürzte Handschriften und Exzerptüberlieferungen in verschiedenen Klosterbibliotheken des ehemaligen Frankenreichs.[9]
Inhalt und Quellen
Der Liber glossarum schöpft aus einer Vielzahl älterer Texte. Einen besonders großen Anteil haben die enzyklopädischen Werke Isidors von Sevilla, vor allem die Etymologiae, deren Stoff häufig stark komprimiert und alphabetisch umgeordnet erscheint. Daneben verarbeitet das Glossar ältere lateinische Glossare (unter anderem aus dem Umfeld der sogenannten Abstrusa- und Affatim-Glossare), patristische und exegetische Literatur sowie grammatische und medizinische Kompendien.[10][11]
In manchen Artikeln bewahrt der Liber glossarum Formulierungen, die nur noch in diesem Werk oder in eng verwandten Glossaren überliefert sind. Für die Erforschung frühmittelalterlicher Fachsprachen – etwa der Musiktheorie, der artes liberales oder der Medizin – ist er daher eine wichtige Quelle.[12]
Rezeption und Bedeutung
Der Liber glossarum wurde im Früh- und Hochmittelalter vielfach benutzt und exzerpiert. Spuren seiner Lemmata und Definitionen finden sich in zahlreichen späteren Glossaren und Wörterbüchern, etwa im Summarium Heinrici sowie in der Lexikographie des 11. und 12. Jahrhunderts (Papias u. a.).[13][14] In der Forschung wird das Werk daher häufig als Bindeglied zwischen der spätantiken und der hochmittelalterlichen Wissensorganisation beschrieben.
Für die Rekonstruktion verlorener oder nur fragmentarisch erhaltener Texte dient der Liber glossarum als indirekter Zeuge: einzelne Einträge lassen Rückschlüsse auf ihre Vorlagen zu und erschließen so etwa die Arbeitsweise Isidors von Sevilla und die Nutzung spätantiker Fachliteratur im Frühmittelalter.[15]
Editionsgeschichte
Bereits im 19. Jahrhundert widmete Georg Goetz dem Liber glossarum eine grundlegende Studie und zog das Werk in die von ihm begründete Reihe Corpus glossariorum Latinorum ein.[16] Die erste vollständige Edition des Textes erschien 1926 in Band 1 der von Wallace M. Lindsay herausgegebenen Reihe Glossaria latina unter dem Titel Glossarium Ansileubi sive Liber glossarum.[17] Der im Titel verwendete Name „Ansileubus“ geht auf einen Besitzvermerk in einer Handschrift zurück, den die ältere Forschung fälschlicherweise als Autorennamen gedeutet hatte.
Seit 2016 entsteht im Rahmen des von Anne Grondeux und Franck Cinato geleiteten Projekts Liber Glossarum Digital eine neue digitale Edition, die auf einer systematischen Auswertung der Handschriften beruht und den Text mit Quellen- und Variantenangaben versieht.[18] Das Projekt ist in das unter der Federführung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften stehende Corpus Glossariorum Latinorum eingebunden.[19]
Literatur
- Georg Goetz: Der Liber glossarum. In: Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. Philologisch-historische Classe. Band 13,2. Hirzel, Leipzig 1891, S. 211–289.
- Wallace M. Lindsay u. a. (Hrsg.): Glossarium Ansileubi sive Liber glossarum. (= Glossaria latina. Band 1). Klincksieck, Paris 1926 (Nachdruck: Olms, Hildesheim 1965).
- Michel Huglo: Les arts libéraux dans le Liber glossarum. In: Scriptorium. Band 55, 2001, S. 3–33.
- Birgit Meineke: Liber Glossarum und Summarium Heinrici. Zu einem Münchner Neufund. (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-historische Klasse, Dritte Folge. Band 207). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, ISBN 3-525-82594-3.
- Franck Cinato: Le « Goth Ansileubus », les Glossae Salomonis et les glossaires wisigothiques. Mise au point sur les attributions et les sources glossographiques du Liber glossarum. In: Archivum latinitatis medii aevi. Band 73, 2015, S. 55–121.
- Franck Cinato; Anne Grondeux: Liber glossarum: état de la question. In: Les gloses. 17. Dezember 2014, online
Weblinks
- Liber Glossarum Digital – digitale Edition des Liber glossarum (Projekt LibGloss).
- Glossarium Ansileubi sive Liber glossarum. Digitale Ausgabe der Edition Lindsay u. a. (Glossaria latina, Bd. 1) im Internet Archive.
- Beitrag Liber glossarum: état de la question von Franck Cinato und Anne Grondeux im Blog Les gloses.
- Eintrag zu Glossarium Ansileubi in der Enzyklothek.