Linarit
Mineral aus der Klasse der Sulfate
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Linarit, veraltet oder bergmännisch auch als Bleilasur, Kupferbleispath und Kupferbleivitriol bekannt, ist ein relätiv häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der Sulfate mit der chemischen Zusammensetzung PbCu[(OH)2|SO4][3] und damit chemisch gesehen ein Blei-Kupfer-Sulfat mit zusätzlichen Hydroxidionen.
| Linarit | |
|---|---|
| Allgemeines und Klassifikation | |
| IMA-Symbol |
Lna[1] |
| Andere Namen | |
| Chemische Formel | |
| Mineralklasse (und ggf. Abteilung) |
Sulfate (einschließlich Selenate, Tellurate, Chromate, Molybdate und Wolframate) |
| System-Nummer nach Strunz (8. Aufl.) Lapis-Systematik (nach Strunz und Weiß) Strunz (9. Aufl.) Dana |
VI/B.02 VI/B.10-010[4] 7.BC.65 30.02.03.01 |
| Kristallographische Daten | |
| Kristallsystem | monoklin |
| Kristallklasse; Symbol | monoklin-prismatisch; 2/m[5] |
| Raumgruppe | P21/m (Nr. 11)[3] |
| Gitterparameter | a = 9,70 Å; b = 5,65 Å; c = 4,69 Å β = 102,6°[3] |
| Formeleinheiten | Z = 2[3] |
| Zwillingsbildung | allgemein nach {100} |
| Physikalische Eigenschaften | |
| Mohshärte | 2,5[6] |
| Dichte (g/cm3) | gemessen: 5,35; berechnet: 5,33[6] |
| Spaltbarkeit | vollkommen nach {100}, deutlich bis unvollkommen nach {001}[5][7] |
| Bruch; Tenazität | muschelig; spröde[6] |
| Farbe | strahlend bis dunkel Azurblau[6] |
| Strichfarbe | blassblau[6] |
| Transparenz | durchsichtig bis durchscheinend[6] |
| Glanz | Glasglanz bis schwacher Diamantglanz[6] |
| Kristalloptik | |
| Brechungsindizes | nα = 1,809[7] nβ = 1,838[7] nγ = 1,859[7] |
| Doppelbrechung | δ = 0,050[7] |
| Optischer Charakter | zweiachsig negativ |
| Achsenwinkel | 2V = 80° (gemessen); 78° (berechnet)[7] |
| Weitere Eigenschaften | |
| Chemisches Verhalten | löslich in Salzsäure (HCl) unter Abscheidung von Blei(II)-chlorid (PbCl2)[8] |
Linarit kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und entwickelt meist tafelige bis prismatische, flächenreiche Kristalle und Kristallgruppen bis etwa 8 cm Größe[6] mit einem starken glasähnlichen bis schwach diamantähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Er kommt aber auch in Form krustiger Überzüge und verfilzter Mineral-Aggregate vor. Das durchsichtige bis durchscheinende Mineral ist von strahlend bis dunkel azurblauer Farbe und hinterlässt als eigenfarbiges Mineral auch auf der Strichtafel einen blassblauen Strich.
Etymologie und Geschichte
Erstmals beschrieben wurde das Mineral 1822 durch Henry James Brooke, der es als cupreous sulphate of lead (deutsch kupferhaltiges Bleisulfat) bezeichnete. Brooke zufolge wurde das Mineral allerdings auch schon zuvor durch Sowerby im dritten Band seines Werkes British Mineralogy sehr kurz unter der Bezeichnung blue carbonate of copper (deutsch blaues Kupferkarbonat) beschrieben. Die von Brooke beschriebenen sowie die von Sowerby abgebildeten Mineralproben sollen bei Wanloch Head oder Lead Hills gefunden worden sein.[9][Anmerkung 1]
Von August Breithaupt wurde das Mineral 1823 unter der Bezeichnung Bleilasur in der zweiten Auflage von dessen Werk Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems aufgeführt.[10]
Seinen bis heute gültigen Namen erhielt Linarit 1839 von Ernst Friedrich Glocker, wobei das Mineral in seinem Werk Grundriß der Mineralogie unter dem Hauptlemma Kupferbleyspath geführt und die Bezeichnung Linarit als Synonym neben cupreous sulphate of lead, Kupferbleyvitriol (nach von Leonhard) und Diplogener Bleybaryt (nach Haidinger) und Bleilasur genannt wird. Glocker nennt als Fundort ebenfalls zuerst Leadhills in Schottland, wobei das Mineral angeblich auch zusammen mit Kohlenbleyspath in Cumberland und bei Linares in Spanien vorkommt.[11]
Als Typlokalität gilt allerdings inzwischen ausschließlich Linares im Nordwesten der Provinz Jaén (Andalusien) in Spanien.[12]
Das Typmaterial des Minerals wird in der Mineralogischen Sammlung der Technischen Universität Bergakademie Freiberg (TU-BA) in Freiberg unter der Inventarnummer 46.527 (HT) aufbewahrt.[13][14]
Da der Linarit bereits lange vor der 1958 gegründeten International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt war, wurde dies von ihrer Commission on New Minerals, Nomenclature and Classification (CNMNC) übernommen und der Linarit als sogenanntes „grandfathered“ (G) Mineral bezeichnet.[2] Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Linarit lautet „Lna“.[1]
Klassifikation
Bereits in der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Linarit zur Mineralklasse der „Sulfate“ (einschließlich Selenate, Tellurate, Chromate, Molybdate und Wolframate) und dort zur Abteilung „Wasserfreie Sulfate mit fremden Anionen“, wo er gemeinsam mit Anhydrokainit, D’Ansit, Chlorothionit und Schmiederit in der „Chlorothionit-Linarit-Gruppe“ mit der Systemnummer VI/B.02 steht.
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer VI/B.10-010. Dies entspricht ebenfalls der Abteilung „Wasserfreie Sulfate, mit fremden Anionen“, wo Linarit zusammen mit Caledonit, Chenit, Elyit, Grandviewit, Mammothit, Munakatait und Schmiederit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer VI/B.10 bildet.[4]
Auch die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte[15] 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Linarit in die Abteilung „Sulfate (Selenate usw.) mit zusätzlichen Anionen, ohne H2O“ ein. Diese ist allerdings weiter unterteilt nach der relativen Größe der beteiligten Kationen. Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Mit mittelgroßen und großen Kationen“ zu finden, wo es zusammen mit Munakatait und Schmiederit die „Linaritgruppe“ mit der Systemnummer 7.BC.65 bildet.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Linarit die System- und Mineralnummer 30.02.03.01. Das entspricht ebenfalls der Klasse der „Sulfate“ (und Verwandte) und dort der Abteilung „Wasserfreie Sulfate mit Hydroxyl oder Halogen“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Wasserfreie Sulfate mit Hydroxyl oder Halogen mit (AB)2XO4Zq“ als einziges Mitglied in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 30.02.03.
Kristallstruktur

Linarit kristallisiert im monoklinen Kristallsystem in der Raumgruppe P21/m (Raumgruppen-Nr. 11) mit den Gitterparametern a = 9,70 Å, b = 5,65 Å, c = 4,69 Å und β = 102,6° sowie zwei Formeleinheiten pro Elementarzelle.[3]
Die Kristallstruktur von Linarit besteht aus kantenteilenden Cu(OH)4O2-Oktaedern, die Ketten entlang der b-Achse [010] bilden. Diese werden durch SO4-Tetraeder verstärkt, welche jeweils zwei Ecken mit den Oktaedern teilen. Die Ketten sind durch Pb[10,11]-Ionen und Wasserstoffbrückenbindungen miteinander verknüpft.[3]
Eigenschaften
Linarit ist dem Azurit an Farbe und Kristallstruktur sehr ähnlich, kann von diesem jedoch durch die „Salzsäure-Probe“ unterschieden werden. Beim Linarit scheidet sich im Gegensatz zum Azurit bei Behandlung mit Salzsäure weißes Bleichlorid (PbCl2) ab.[16][8] Ebenfalls löslich ist Linarit in Salpetersäure (HNO3), wobei sich Bleisulfat (PbSO4) abscheidet.[17]
Bildung und Fundorte

Linarit ist ein typisches Sekundärmineral, dass sich in der Oxidationszone von Kupfer- und Blei-Lagerstätten bildet. Begleitminerale sind unter anderem Anglesit, Brochantit, Caledonit, Cerussit, Hemimorphit, Leadhillit und Malachit.[6]
Als relativ häufige Mineralbildung kann Linarit an verschiedenen Fundorten zum Teil reichlich vorhanden sein, insgesamt ist er aber nicht sehr verbreitet. Weltweit sind bisher zwischen 900 und 1200 Vorkommen dokumentiert (Stand 2026).[18] Außer an seiner Typlokalität bei Linares sowie in den dortigen Gruben Arrayanes und Coto La Luz in der Provinz Jaén trat das Mineral in Spanien noch an weiteren Orten in den Provinzen Almería, Córdoba, Granada und Málaga (Andalusien); Huesca und Saragossa (Aragonien); Ciudad Real (Castile-La Mancha); Soria (Kastilien-León); Barcelona, Girona und Tarragona (Katalonien) sowie im Fürstentum Asturien (Meredo) und weiteren Einzelfundorten in anderen Regionen auf.
Bekannt für außergewöhnliche Linaritfunde mit 5 bis 8 cm Größe ist unter anderem die „Mammoth Mine“ und die „Grand Reef Mine“ in Arizona (USA).[19]
In Deutschland konnte Linarit bisher unter anderem in vielen Gruben in Baden-Württemberg (Breisgau-Hochschwarzwald, Ortenaukreis), in einigen Gruben in Bayern (Fichtelgebirge), Hessen (Taunus), Niedersachsen (St Andreasberg, Clausthal-Zellerfeld, Langelsheim), Nordrhein-Westfalen (Hochsauerlandkreis, Siegen-Wittgenstein), Rheinland-Pfalz (Altenkirchen, Eifel, Hunsrück), Sachsen-Anhalt (Harzgebirge, Mansfeld-Südharz), Sachsen (Erzgebirgskreis) und Thüringen entdeckt werden.
In Österreich fand sich Linarit bisher vor allem in Kärnten (Hüttenberger Erzberg, Pöllatal), Salzburg (Leogang, Rauris), der Steiermark, Tirol und Vorarlberg.
In der Schweiz kennt man das Mineral vor allem aus dem Kanton Wallis (Entremont, Martigny, Saint-Luc). Einzelne Fundorte wurden aber auch in den Kantonen Glarus, Graubünden und Tessin bekannt.
Weitere Fundorte liegen unter anderem in Ägypten, Argentinien, Australien, Belgien, Bolivien, Bulgarien, Chile, China, Finnland, Frankreich, Griechenland, Grönland, Iran, Irland, Isle of Man, Italien, Japan, Kanada, Kasachstan, Marokko, Mexiko, Myanmar, Namibia, Neuseeland, Norwegen, Pakistan, Portugal, Rumänien, Russland, Sambia, Slowakei, Slowenien, Südafrika, Tadschikistan, Thailand, Tschechien, Ungarn, im Vereinigten Königreich (England, Schottland, Wales) und den Vereinigten Staaten (fast die Hälfte der Bundesstaaten).[18]
Verwendung
Aufgrund seiner relativen Seltenheit hat Linarit als Kupfer- oder Bleierz keine Bedeutung. Seine oft leuchtend blauen und oft gut ausgebildeten Kristalle macht das Mineral auch bei meist nur geringen Kristallgrößen jedoch für Sammler sehr interessant und begehrenswert.
Nach neueren Forschungen der Festkörperphysik könnte das Mineral allerdings auch als sogenannter Quantenmagnet von Interesse sein. So konnte ein Forschungsteam, bestehend aus Stefan Süllow, Britta Willenberg und Anja Wolter die Existenz exotischer magnetischer Phasen im Linarit nachgeweisen. Bei einer Temperatur von einem Kelvin (etwa −272 °C) und Magnetfeldern von bis zu 10 Tesla (etwa das 200.000-fache des Erdmagnetfeldes) führen Konkurrenzeffekte verschiedener magnetischer Anordnungen zu einem sehr komplexen magnetischen Verhalten innerhalb des Minerals und dadurch zur sogenannten „magnetischen Frustration“ (siehe auch Helimagnetismus und Geometrische Frustration).[20]
Siehe auch
Literatur
- H. I. Brooke: On a new lead ore. In: The Annals of Philosophy. Band 4, 1822, S. 117–119 (englisch, Digitalisat bei rruff.info ( vom 6. August 2024 im Internet Archive) [PDF; 253 kB; abgerufen am 4. April 2026]).
- Ernst Friedrich Glocker: Grundriß der Mineralogie mit Einschluß der Geognosie u. Petrefactenkunde. 2. Auflage. Verlag von Joh. Leonh. Schrag, Nürnberg 1839, S. 618–619 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 5. April 2026]).
- V. H. G. Bachmann, J. Zemann: Die Kristallstruktur von Linarit, PbCuSO4(OH)2. In: Acta Crystallographica. Band 14, 1961, S. 747–753, doi:10.1007/BF00639741.
- H. Effenberger: Crystal structure and chemical formula of schmiederite Pb2Cu2(OH)4(SeO3)(SeO4), with a comparison to linarite, PbCu(OH)2(SO4). In: Mineralogy and Petrology. Band 36, 1987, S. 3–12, doi:10.1007/BF01164365 (englisch).
- Petr Korbel, Milan Novák: Mineralien-Enzyklopädie (= Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S. 140.
Weblinks
- Linarit. In: Mineralienatlas Lexikon. Geolitho Stiftung
- IMA Database of Mineral Properties – Linarite. In: rruff.net. RRUFF Project (englisch).
- Linarite search results. In: rruff.net. Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF) (englisch).
- American-Mineralogist-Crystal-Structure-Database – Linarite. In: rruff.net. (englisch).
Anmerkungen
- Sehr wahrschlich sind hier die Ortschaften Wanlockhead und Leadhills im Südwesten Schottlands gemeint. Vergleiche dazu auch die Fundortliste für Linarit.
