Lincombien-Ranisien-Jerzmanowicien
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Das Lincombien-Ranisien-Jerzmanowicien (LRJ) ist ein archäologischer Technokomplex, der zur Zeit des Übergangs vom Mittel- zum Jungpaläolithikum im nordwestlichen Mitteleuropa verbreitet war.
| Übergang Mittel- zu Jungpaläolithikum | |
| vor ca. 45.000 Jahren | |
| Ausdehnung | |
| Nordwestliches Mitteleuropa | |
| Leitformen | |
| Lang-schmale Blattspitzen mit partieller dorsaler bzw. ventraler Retusche (Jerzmanowice-Typ) | |

Entwicklung
Der Lincombien-Ranisien-Jerzmanowicien-Komplex zählt zu den zwischen etwa 50.000 und 40.000 Jahren vor heute entstandenen sogenannten Übergangsindustrien, deren Aufkommen in die Anfangsphase der flächendeckenden Ausbreitung des Homo sapiens in Europa fällt. Diese Übergangsinventare enthalten Steinartefakte, die sowohl mittel- als auch jungpaläolithische Ausprägungen zeigen und dadurch lange Zeit die kontrovers diskutierte Frage aufwarfen, ob Neandertaler oder Homo sapiens Urheber dieser neuen Bearbeitungstechniken waren. Für die Entstehung der Übergangsindustrien mit aufkommenden jungpaläolithischen Merkmalen sind folgende Modelle denkbar:
- Entwicklung durch den Neandertaler, ohne Einfluss des Homo sapiens
- Entwicklung durch den Homo sapiens, ohne Einfluss des Neandertalers
- Unabhängige (konvergente) Entwicklung durch beide Spezies
- Akkulturation: Übernahme bestehender Techniken durch eine der beiden Spezies.[1]
In einer im Jahr 2023 vorgestellten Studie wird das LRJ als mögliche technologische Weiterentwicklung des Bohunicien interpretiert, die ihren Anfang vor ca. 42.000 bis 40.000 Jahren cal BP in Südmähren (Tschechien) nahm und mit den ersten Wanderbewegungen des afro-arabischen Homo sapiens nach Nord- und Westeuropa getragen wurde. Die Autoren erachten das Bohunicien als eine Spätphase des Initialen Jungpaläolithikums, dessen Ursprung wiederum im Nahen Osten bzw. der Levante liegt. Den sukzessiven technologischen Wandel hin zum LRJ, von der Levallois-Technik zu den klingenbasierten Jerzmanowice-Spitzen, werten sie als erfolgreiche Anpassung an die damaligen Steppen-Tundra-Gürtel Nordeuropas.[2]
DNA-Analysen an fossilen Menschenresten aus den Horizonten 9 und 8 der Ilsenhöhle unter Burg Ranis haben inzwischen bestätigt, dass der Neandertaler als Träger des LRJ ausgeschlossen werden kann. Mit einem Alter von 47.500–45.770 cal BP bzw. 46.820–43.260 cal BP gelten diese beiden LRJ-Fundschichten als einer der ältesten Belege für die Präsenz des modernen Menschen im nördlichen Mitteleuropa. Homo sapiens-Gruppen stießen demnach bereits deutlich früher als zuvor angenommen in höhere Breitengrade vor und koexistieren dort zumindest zeitweise mit Neandertalern.[3]
Bereits nach wenigen tausend Jahren wurde das Lincombien-Ranisien-Jerzmanowicien durch das Aurignacien abgelöst.
Werkzeugformen

Leitform des LRJ sind die Jerzmanowice-Spitzen: lang-schmale, meist längssymmetrische Blattspitzen mit partieller dorsaler bzw. ventraler Retusche und Klingen als Grundform. Diese finden sich teilweise in der Fundschicht vergesellschaftet mit beidseitig vollständig flächenretuschierten Exemplaren, weshalb zunächst infrage gestellt wurde, die Jerzmanowice-Spitzen in einen eigenen Technokomplex auszugliedern. Zum Einsatz kamen diese Steingeräte als Geschossspitzen in Jagdwaffen.[4][5]
Verbreitung
Mit über 30 Fundstellen liegt der Verbreitungsschwerpunkt des LRJ im Süden Englands. Als besonders artefaktreich gelten Kents Cavern, Robin Hood Cave, Beedings und Glaston Grange Farm. Entsprechende Inventare fanden sich auch vom Nordwesten Mitteleuropas bis in den Südosten Polens, z. B. in den Höhlen von Goyet und Spy in Belgien, in der Höhle Pekárna und mehreren Freilandfundstellen bei Brünn in Tschechien. In Bayern gelang der Nachweis bislang in 4 Höhlen und im Freiland.[1][6]
Die eponymen Fundorte sind:
- der Lincombe Hill mit der Höhle Kents Cavern in Torquay, Devon, England
- die Stadt Ranis mit der Ilsenhöhle in Thüringen, Deutschland
- die Stadt Jerzmanowice mit der Jaskinia Nietoperzowa (Fledermaushöhle) in Polen.
Weitere Übergangsindustrien sind das Châtelperronien mit Fundstellen in Frankreich und Nordspanien, Uluzzien (Italien, Griechenland), Bohunicien (Tschechien), Szeletien (von Ungarn bis nach Bayern) und das Streletskien (Osteuropa, z. B. Krim, Kostjonki).[7]
Literatur
- Thorsten Uthmeier: Migrationsgeschichte(n): Homo sapiens vor 45.000 Jahren in Bayern In: Bayerische Archäologie, 4 / 2024, S. 12–23, ISBN 978-3-7917-4031-7
- Marcel Weiß: Von Ranis bis in die Obernederhöhle - Frühe Homo sapiens sapiens in Thüringen und Bayern In: Bayerische Archäologie, 4 / 2024, S. 35–37, ISBN 978-3-7917-4031-7
- Thomas Albert: Der Übergang vom Mittel- zum Jungpaläolithikum In: Steinzeit in Bayern – Das Handbuch, Band 1, wbg Theiss, Darmstadt, 2023, S. 447–468, ISBN 978-3-8062-4449-6
- Yuri E. Demidenko, Petr Škrdla: The Lincombian-Ranisian-Jerzmanowician with new sites in South Moravia and the Initial Upper Palaeolithic record of East-Central Europe In: From tea leaves to leafe-shaped tools – Studies in honour of Zolt Mester on his sixtieth birthday, Budapest, 2023, S. 95–119, ISBN 978-963-489-661-6
- Michael Bolus, Harald Floss (Hrsg.): Blattförmige Schaber, Limaces, Blattspitzen In: Steinartefakte – Vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, 2013, S. 309–326, ISBN 978-3-935751-16-2
- Damien Flas: La transition du Paléolithique moyen au supérieur dans la plaine septentrionale de l’Europe. Les problématiques du Lincombien-Ranisien-Jerzmanowicien In: Dissertation, Universität Lüttich, 2005–2006,
