Liselotte von Bonin

deutsche Architektin From Wikipedia, the free encyclopedia

Magdalena Liselotte von Bonin (* 8. Juli 1904 in Mülheim an der Ruhr; † 30. April 1997 in Tübingen) war eine deutsche Architektin. Sie gehörte zu den Pionierinnen im Berufsfeld Architektur in Deutschland.

Biografie

Sie wurde als zweite Tochter der Marie Weigel (1878–?) und des Ingenieurs Heinrich-Ulrich von Bonin (1871–?) in Wilhelmsruhe bei Mülheim an der Ruhr geboren. Wie ihre Mutter wurde sie katholisch getauft. Der Vater war zuerst Stadtbaumeister in Andernach und arbeitete zum Zeitpunkt ihrer Geburt als Bergbauingenieur für die Zeche Concordia. Ihre Mutter war Lehrerin und pflegte freundschaftliche Kontakte zur Familie Schmitthenner. Liselotte von Bonin wuchs mit einer Schwester und einem Zwillingsbruder auf. Im Jahr 1910 wurde sie in die Katholische Volksschule eingeschult. Sie wechselte 1914 an das städtische Lyzeum sowie 1921 an das Realgymnasium Gelsenkirchen. Dort machte sie 1924 das Abitur.[1][2]

TH Charlottenburg

Von Bonin studierte ab 1924 ein Semester Architektur an der TH Charlottenburg, wechselte zum Wintersemester 1924/25 jedoch an die Technische Universität München. Dort studierte ihr Zwillingsbruder bereits Bauingenieurwesen. Sie bewarb sich um ein Stipendium, was ihr, wie damals den meisten Frauen, nicht gewährt wurde.[2] Im Jahr 1925 machte sie in Gelsenkirchen ein viermonatiges Praktikum in einer Schreinerei. Im Studium lernte sie Wilhelm von Gumberz-Rhonthal (1905–1982) sowie Clemens Weber kennen und freundete sich mit Gisela Eisenberg an. Ihr Vordiplom machte sie im Juli 1926 in München mit der Note „gut“. Mit der Freundin Gisela Eisenberg (später Lucano) zog sie anschließend nach Düsseldorf und arbeitete anderthalb Jahre bei Emil Fahrenkamp. Im Jahr 1927 besuchte sie die Weißenhofsiedlung, die sie beeindruckt haben soll. Nach dem Tod des Vaters drängte ihre Mutter, das Studium aufzugeben. Liselotte von Bonin folgte diesem Wunsch nicht, sondern ging zum Hauptstudium wieder nach Berlin.[2] Ab dem Herbstsemester 1928 besuchten Bonin und Eisenberg das Seminar von Heinrich Tessenow, wie bereits seit 1927 Gumberz-Rhonthal. Bonin entwarf als Studienarbeit ein kleines Wohnhaus, danach im Sommersemester 1929 ein Rathaus. Im Wintersemester 1930/31 machte sie das Diplom. Die Aufgabe bestand aus dem Entwurf für ein Hotel (veröffentlicht 1933 in Die Form: Zeitschrift für gestaltete Arbeit[3]). Im Frühjahr 1932 bewarb sich Bonin um die Ausbildungsstelle zur Regierungsbauführerin, die sie aber nicht antrat.[1] Am 30. Januar 1932 (1934?) heiratete sie ihren Kommilitonen Wilhelm von Gumbertz-Rhontal. Mit ihm gemeinsam machte sie sich am 1. März 1932 in der Hessenallee 7 in Berlin-Charlottenburg selbstständig. Hier befand sich auch die gemeinsame Wohnung.[4]

1932 wurde Bonin in den Bund Deutscher Architekten (BDA) berufen.[5] 1935 wurde Liselotte von Gumberz-Rhonthal Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Nach der Scheidung von ihrem Ehemann am 28. April 1936 heiratete sie am 25. Mai 1936 den protestantischen Bankier mit jüdischen Wurzeln und damaligen Offizier Robert von Mendelssohn (1902–1996). Die gemeinsame Tochter Angelika Marie war das Patenkind von Heinrich Tessenow, der im Haus Mendelssohn ein regelmäßiger Gast war. Als Mitglied des BDA wurde sie suspendiert. Sie verlor auch die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer. Der Antrag auf Neuaufnahme wurde wegen der Herkunft ihres Ehepartners abgelehnt und die Mitgliedschaft im Sommer 1937 gelöscht. Aufgrund der Luftangriffe flüchtete die Familie 1941 von Berlin auf die Schwäbische Alb. Liselotte von Mendelssohn führte dort die Hauswirtschaft auf dem Georgenhof.[1][4]

In dritter Ehe heiratete sie 1971 den Bankier Just Boedeker (1906–1997), der wenige Wochen vor ihr starb.[4] Bis ins hohe Alter war sie aktiv und malte.[1]

Werk

Schon während ihres Studiums entwarf von Bonin ein Landhaus für einen Gelsenkirchener Justizrat in Bad Oeynhausen. Das Architektenpaar von Bonin/von Gumberz-Rhonthal realisierte zu Beginn der gemeinsamen Tätigkeit einige Bauten für die Heimwohl A.G. „Mivremia“ aus Köln. Zum einen errichteten sie 50 vier- bis sechsgeschossige Kleinwohnungen in Form einer intim gestalteten Hofbebauung. Versprünge in der Gebäudeflucht und die wechselnden Höhen prägten die Architektur. Zum anderen errichteten sie für die Heimwohl A.G. sechzehn Wohnungen in zwei Mehrfamilienwohnhäusern im Berliner Westend, die über hellen Putz und ein Satteldach verfügten. Dagegen wurden der Sockel, die Gebäudeecken und die Erker mit Sichtmauerwerk betont. Die Fenster beider Wohnprojekte waren vertikal geteilt. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise wurden die Kleinsthäuser in Selbsthilfe gebaut. Die Grundrisse waren gut durchdacht und deshalb trotz der begrenzten finanziellen Mittel recht komfortabel.[4]

Drei Landhäuser von Liselotte von Bonin wurden in der Fachliteratur publiziert. Das zweigeschossige Haus in Grunewald war geräumig und verfügte über ein Satteldach. Das Wohn- und Arbeitszimmer, Esszimmer mit Küche und Nebenräumen lagen im Erdgeschoss. Im Obergeschoss lagen die größeren Zimmer für die Dame, den Herrn und die Tochter sowie ein kleiner Raum für das „Fräulein“. Hier gab es zwei Badezimmer. Ein Zimmer für eine weitere Tochter lag im Dachgeschoss. Ein Balkon gliederte die Giebelfassade. Dem Wohn- und Arbeitsbereich war eine verglaste Veranda vorgelagert. Darüber befand sich ein weiterer Balkon.[4] Die Bauwelt urteilte, dass sich „… das gläserne Gehäuse eines Wintergartens als moderner Bauteil dem Hauskörper mit Selbstverständlichkeit einfügt.[6]

Das Ferienhaus in Kladow war dagegen bescheiden. Um einen zentralen Wohnraum gruppierten sich drei Schlafkammern mit je zwei Betten. Für das Hausmädchen gab es eine vierte Kammer neben der Küche. Stauraum gab es in Form von Einbauschränken. Der Reiz des Baus bestand in einem überdachten Freisitz und einem Kamin. Im Garten gab es einen Geräteraum.[4]

Das Landhaus in Berlin-Dahlem diente einer ledigen, berufstätigen Frau als Wohnstätte. Damals befassten sich einige Architektinnen mit der Bauaufgabe, Wohnraum für Beamtinnen, Akademikerinnen oder Künstlerinnen zu schaffen, von denen erwartet wurde, dass sie bei Ausübung einer Berufstätigkeit ledig blieben. In diesem Fall wurde ein fast quadratischer, 56 m² großer Grundriss gewählt. Im Erdgeschoss lag links neben dem Eingangsbereich ein Gästezimmer und rechts die Küche. Gegenüber vom Eingang lag das Wohnzimmer, rechts das Esszimmer. Eine Anrichte verband diesen Raum mit der Küche. Im Dachgeschoss lag ein großzügiges Schlafzimmer sowie eine Arbeitsdiele mit viel Stauraum. Das Bad war von der Diele sowie vom Schlafzimmer begehbar. Das Haus war von der Straße kaum wahrnehmbar. Hinter einer Einfahrt lag ein Wagenabstellplatz. Vom daneben liegenden Weg gelangte man in den Keller. Die Eingangstür war von Klinkern eingerahmt und das Küchenfenster vergittert. Das Gebäude öffnete sich über große Südfenster in den Garten und verfügte über ein Satteldach. Kerstin Dörhöfer stellt das Haus als wichtigen Beitrag zum Bauen für die berufstätige Frau vor.[4]

Alle drei Häuser würdigte die Bauwelt als moderne Grundrissentwürfe sowie als „Beiträge zum Typ des bescheidenen Wohnhauses … , eines Wohnhaustyps, der in seiner Geschlossenheit und unaufdringlichen Haltung besonders wertvoll ist. Zu diesem Eindruck und diesem Wert trägt nicht zuletzt die große handwerkliche Sauberkeit bei, die gewissenhafte Durcharbeitung, die den Häusern im Äußeren und Inneren anzusehen ist. Das zu dieser baulichen Leistung sich auch die Begabung gesellt, den Hausrat sachlich und ebenmäßig zu formen, ist besonders erfreulich und nicht unwichtig.[6]

Neben Marlene Moeschke-Poelzig, Paula Maria Canthal, Hildegard Dörge-Schröder und Martina Richter gehörte Liselotte von Bonin zu den ersten gut ausgebildeten Architektinnen, die sich in Deutschland gemeinsam mit ihren Lebenspartnern selbstständig machten und deren Urheberschaft beständig genannt wurde. Dennoch konnte sie ihren Beruf in den neuen Partnerschaften nur sehr eingeschränkt fortführen.[4] 1937 realisierte sie das gemeinsame Wohnhaus für ihre zweite Familie, das 1943 von einer Luftmine zerstört wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte sie sich vergeblich, ihren früheren Kommilitonen Clemens Weber für gemeinsame Wettbewerbsteilnahmen zu gewinnen. Für Freunde und Bekannte bearbeitete sie kleinere Bauvorhaben. Anfang der 1950er Jahre baute sie Gerhart Hauptmanns Bibliothek in Ascona um. Für die Familie Stinnes schuf sie einen originellen Entwurf für ein Wohnhaus auf ovalem Grundriss in Ascona. Er wurde jedoch nicht umgesetzt. Weitere Entwürfe für verschiedene Auftraggeber wurden in den 1960er und 1970er Jahren mit erheblichen Änderungen oder gar nicht verwirklicht. Ausnahmen waren 1971 ein Haus in Locarno und eines auf Thasos. Das zweite Haus für eigene Bedürfnisse baute Liselotte Boedeker 1972 in Kreßbach.[1]

Bauten (Auswahl)

  • 1928: Landhaus für Justizrat Klarholt, Bad Oeynhausen
  • 1932: Beamtensiedlung, Henningsdorf[3]
  • 1932–1935: 50 Kleinwohnungen als 4-6-geschossige Hofbebauung, Württembergallee 9–10, Berlin-Charlottenburg
  • 1933–1934: zwei Mehrfamilienhäuser, Preussenallee 35/35a, Berlin-Charlottenburg
  • 1934: Umbau eines Bankgebäudes, Taubenstraße 47, Berlin-Mitte
  • 1934: Wohngebäude, Berlin-Grunewald
  • 1934: Ferienhaus, Berlin-Kladow
  • 1934: Haus für die alleinstehende, berufstätige Frau, Königin-Luise-Straße 20, Berlin-Dahlem
  • 1934: zwei kleine Landhäuser, Berlin
  • 1934: Landhaus mit Inneneinrichtung, Tschechoslowakei
  • 1936: Landhaus, Stallupöner Allee 53, Berlin-Charlottenburg
  • 1937: Eigenes Wohnhaus, Berlin-Grunewald
  • 1971: Haus Netter, Locarno
  • 1971: Haus Barbara auf Thasos
  • 1972: Eigenes Wohnhaus, Kreßbach

Literatur

  • Monatshefte für Baukunst und Städtebau, Berlin, 31:1936 20, S. 41–48, ZDB-ID 536586-7
  • Irmgard Wirth: Die Bauwerke und Kulturdenkmale von Berlin. Stadt und Bezirk Charlottenburg, Gebr. Mann Verlag, Berlin 1961.
  • Kerstin Dörhöfer: Pionierinnen in der Architektur: eine Baugeschichte der Moderne. Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen / Berlin 2004, ISBN 3-8030-0639-2, S. 94, 101104, 137, 163, 168, 206.
  • Corinna Isabel Bauer: Bauhaus- und Tessenow-Schülerinnen, Genderaspekte im Spannungsverhältnis von Tradition und Moderne. Dissertation im Fachbereich Architektur – Stadtplanung – Landschaftsplanung der Universität Kassel, 2003, OCLC 830665286. (kobra.uni-kassel.de, Digitalisat, abgerufen am 3. Oktober 2024)
  • Ute Maasberg, Regina Prinz: Die Neuen kommen! Weibliche Avantgarde in der Architektur der zwanziger Jahre, 2. Auflage, Junius Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3-88506-551-7 s. 25, 32–35, 40, 105, 106.
  • Frank Schmitz: Landhäuser in Berlin 1933–1945, Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.), Beiheft 31, Berlin 2007, ISBN 978-3-7861-2543-3
  • Volker Frank: Bonin, Liselotte von, in: Andreas Beyer, Bénédicte Savoy, Wolf Tegethoff: Allgemeines Künstlerlexikon, Internationale Künstlerdatenbank, Online, K. G. Saur, Berlin, New York 2021.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI