Living Museum

internationale Bewegung für offene Kunstorte für Menschen mit psychischen Herausforderungen From Wikipedia, the free encyclopedia

Living Museum steht für eine internationale Bewegung, die sich der Verbreitung von offenen Kunstorten für Menschen mit psychischen Herausforderungen nach dem Vorbild des ersten Living Museums in Queens, New York, widmet. In einer wert- und druckfreien Atmosphäre wird in diesen Räumen Kunst geschaffen und ausgestellt. Es widmet sich der Schönheit von Kunst und der Heilung. Ziel ist die Veränderung der Wahrnehmung als psychisch kranke Person hin zum Künstler, zur Künstlerin, in einer Atmosphäre von Gemeinschaft, Solidarität und Kreativität.

Living Museums United
TransUtopia Exhibition, Wil, CH, 2017

Geschichte

1983 – Janos Marton & der Beginn einer globalen Bewegung

Das erste Living Museum wurde von Janos Marton, einem ungarischen Künstler und Psychologen, und Bolek Greczynski[1], einem Künstler aus Polen, gegründet. Während gemeinsamen Reisen durch Europa und Besuchen im Museum Gugging und der Sammlung Prinzhorn wuchs die Überzeugung, dass künstlerisches Schaffen Heilung und Genesung bei Menschen mit psychischen Erkrankungen fördern kann. Nach ihrer Heimkehr verwandelten sie eine verlassene, 40.000 Quadratmeter grosse Kantine auf dem Psychiatriegelände in eine einladende Oase der Kreativität für Menschen mit psychischen Erkrankungen. In Anlehnung an das Museum Gugging und die Living Theatre Bewegung entstand der Name LIVING MUSEUM. Dies markiert den Beginn der Living Museum-Bewegung als globale Initiative im Bereich Social Arts.

2002 – Das erste Living Museum Europas

Das Living Museum Wil wird in der Psychiatrischen Klinik St. Gallen Nord, Schweiz, eröffnet. Die Einrichtung bietet in fünf Ateliers, einer Tagesstätte und einem Café Raum für bis zu 150 KünstlerInnen, die sowohl stationär als auch ambulant betreut werden, und fördert eine Gemeinschaft des Austauschs und der Fürsorge. Im selben Jahr organisierte das Living Museum NY eine vielbeachtete Gruppenausstellung im Directors Guild of America Theatre.

2005 – 2010 Kunst verbindet: Living Museums weltweit

Diverse Gemeinschaftsausstellungen und Kooperationsprojekte von und mit dem Living Museum Wil rücken Outsider Art ins Rampenlicht, lenken die Aufmerksamkeit auf das Living Museum Wil und machen die Ateliers bekannter. Nicht zuletzt ist es eine Schar an begeisterten ehemaligen Praktikanten, welche nach Einsätzen im Living Museum Wil oder New York den Wunsch in sich tragen weitere solcher Orte zu ermöglichen und sich für die Umsetzung einsetzen.

Living Museums werden weltweit an verschiedenen Orten eröffnet und erfreuen sich enormer Beliebtheit, während die Herausforderungen, geeignete Räume zu finden und die Finanzierung zu sichern, bestehen bleiben.

2013 – Gründung der Living Museum Society

Der gemeinnützige Verein Living Museum Society wird in der Schweiz ins Leben gerufen. Die Organisation pflegt ein internationales Netzwerk von Living Museums, fördert den Wissensaustausch, erleichtert die Vernetzung und unterstützt das globale Wachstum der Bewegung. Im selben Jahr schliesst sich das Tageszentrum der Stiftung Heimstätten Wil dem Living Museum Wil an.

2015 – Janos Marton erhält den Dr. Guislain Award

Marton wird mit dem renommierten Dr. Guislain ‚Breaking the Chains of Stigma‘ Award ausgezeichnet, der seine bedeutenden Bemühungen zur Überwindung des Stigmas im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen würdigt. Diese Auszeichnung, benannt nach Joseph Guislain – einem belgischen Psychiater und Pionier für Patientenrechte im 19. Jahrhundert – ehrt Personen und Organisationen, die aussergewöhnliche Fortschritte im Bereich der psychischen Gesundheit erzielen.

2016 – Der Begriff die Vierte Revolution in der Psychiatrie entsteht

Auf der WHO-Konferenz in Yongin, Südkorea, wird das Konzept des Living Museum als revolutionäres Modell in der Psychiatrie gewürdigt und als vierte Revolution in der Psychiatrie bezeichnet. Einen Begriff, den die Bewegung sogleich annimmt.

Bis ins 18. Jahrhundert wurden psychisch erkrankte Menschen und Randständige der Gesellschaft als Gefangene in verschiedensten Anstalten untergebracht und mussten unter unmenschlichen Bedingungen ihr Leben fristen. Die Bezeichnung Psychiatrie als Anstalt für Menschen mit psychischen Erkrankungen und als eigenständige Disziplin in der Medizin begann sich erst am Anfang des 19. Jahrhunderts zu entwickeln.

Die erste Revolution – Befreiung aus den Ketten

In der Folge der französischen Revolution verbot der Arzt Philippe Pinel im Jahr 1793 in seinen zwei Anstalten die Menschen anzuketten oder zu schlagen. Dies wird historisch als der Beginn gesehen für einen humaneren Umgang mit psychisch erkrankten Menschen[2].

Die Zweite Revolution – Die Erfindung der Gesprächstherapie

Anfang des 20. Jahrhunderts legten die Tiefenpsychologen den Grundstein für die Einführung der Gesprächsbasierten Psychotherapie. Doch erst durch Carl R. Rogers wurde das Kernelement der Beziehung zwischen Therapeut und Patient in den Mittelpunkt gerückt und die Personenorientierte Gesprächspsychotherapie mit einem humanistischen Menschenbild eingeführt. Im Living Museum gehört die humanistische Haltung Rogers und deren Kernelemente Kongruenz, Empathie und bedingungslose Wertschätzung zur Grundausstattung.

Die dritte Revolution – Die Einführung von Psychopharmaka

In den 1950er und 1960er Jahren wurden diverse Psychopharmaka auf den Markt gebracht, welche die Behandlungsmethoden drastisch veränderten und bis heute den Psychiatriealltag mitbestimmen[3].

Die vierte Revolution – Die Verbreitung der Living Museums

Living Museum wird auf der WHO-Konferenz 2016 in Südkorea als Konzept als revolutionär anerkannt. Es leitet eine neue Ära in der psychiatrischen Versorgung ein. Diese vierte Revolution etabliert ein ganzheitliches therapeutisches Modell, das Psychiatrie und Gesellschaft miteinander verbindet.


2017 – Expansion und ‚Transutopia‘ Ausstellung

Das Living Museum Bennebroek wird in den Niederlanden eröffnet und stärkte die Präsenz der Bewegung in Europa. Gleichzeitig bringt ‚Transutopia‘, die bisher grösste Ausstellung, Werke aller bestehenden Living Museums im Gutsbetrieb der Psychiatrie St. Gallen in Wil zusammen. Living Museum Retrospektive: FH. St. Gallen, 2018.[4]

2019 – Kulturpreise und neue Standorte

Das erste Living Museum in Deutschland wird in Buttenhausen als Living Museum Alb gegründet, unterstützt von der BruderhausDiakonie. Es umfasst offene Ateliers und wechselnde Ausstellungen in verschiedenen Kunstformen, die Beteiligung und Gemeinschaftsinteraktion fördern. Zusätzlich erhält das Living Museum in Wil, Schweiz, den Kulturpreis der Stadt Wil. Weitere Standorte werden mit der Eröffnung des Living Museum Tiflis in Georgien und des Living Museum Schaanwald in Liechtenstein geschaffen.

2020 – 2025 Anerkennungen und neue Standorte

Das Living Museum Alb wird dreimal mit einem Preis gewürdigt: Im Rahmen des Sonderwettbewerbs Social Nature–Nature for All der UN-Dekade für Biodiversität mit dem renommierten Preis ausgezeichnet. Das Projekt wird als herausragendes Beispiel für die Verbindung von sozialem Engagement und Natur gewürdigt. Das Living Museum Alb erhält weitere Anerkennung mit dem Inclusion Award des Landkreises Reutlingen sowie einem Sonderpreis des ZukunftsGut-Preises der Commerzbank-Stiftung. Diese Auszeichnungen würdigen die innovativen Ansätze des Museums in der Kunstvermittlung sowie sein Engagement für Vielfalt und Inklusion im Kulturbereich.

Mit grosszügiger Unterstützung und Finanzierung durch die Stadt Zürich wird 2021 das Living Museum Zürich eröffnet. Dieser neue Standort bringt die einzigartige Kombination aus Kunst und sozialem Engagement in das Herz der grössten Stadt der Schweiz.

Mit grosser Freude und Stolz nimmt das Living Museum die Auszeichnung der Swiss Diversity Awards 2022 für sein Engagement für Inklusivität entgegen. Im selben Jahr entsteht in Madrid, Spanien, ein Living Museum, welches von NextGeneration EU und Red. Es unterstützt wird.

2024 werden die bestehenden Kunstateliers im Psychiatriezentrum Münsingen (PZM), das auf Kliniken für Depression, Psychose und Alterspsychiatrie spezialisiert ist, in ein Living Museum transformiert. Dies stellt eine wichtige Verankerung von Living Museums in der Schweizer Psychiatrielandschaft dar.

Kurz darauf öffnet dank der Kooperation mit der Boulderhalle O`Bloc AG das Living Museum Bern seine Türen im ehemaligen städtischen Hallenbad unmittelbar neben dem Hauptbahnhof. Eine Zusammenarbeit, die zwei Welten vereint, die nicht auf Anhieb kompatibel scheinen: Sport und Kunst. Doch die Bewegung an der Boulderwand wird ganz natürlich in den Living-Museum Alltag eingebunden und die Kletterhalle wird ganz natürlich mit Kunst und Musik befüllt. Im öffentlichen Bistro der Boulderhalle entsteht so eine Begegnungszone, wo sich Besuchende des Living Museums, der Kletterhalle und Bürger von Bern treffen.

Weitere Standorte werden kurz darauf in Schaffhausen, Lichtensteig, Biel/Bienne und Gordola in der Schweiz sowie das Living Museum Kreuzlingen, das in die Mansio Stiftung eingebettet ist eröffnet. Über die Landesgrenzen hinaus eröffnete das Living Museum erstmals Standorte in Nantes, Frankreich, Sofia, Bulgarien, und Graz, Österreich.

Gemeinsam tragen diese neuen Standorte dazu bei, die Mission des Living Museum voranzutreiben: eine weltweite Gemeinschaft der Fürsorge zu fördern und kollaborative Räume für Kunst und Heilung zu schaffen.

Konzept

Dem Living Museum als künstlerisches Konzept liegt eine Performance zugrunde, in der alles im Wandel und immerwährender Transformation ist. Sowohl alle Mitglieder darin wie auch die Werke befinden sich im Wachstum. Individuelle Eigenheiten, die einen in der Gesellschaft zum Außenseiter machen, werden im Living Museum zelebriert und bieten einen Vorteil in der Schaffung von Kunst. Das hohe künstlerische Potential von Menschen, die psychische Extremerfahrungen gemacht haben, wird gewürdigt und in Ausstellungen der Öffentlichkeit gezeigt. Das Living Museum dreht den vorherrschenden Integrationsgedanken um: nicht die psychisch Kranken sollen sich in die Gesellschaft reintegrieren, sondern die Gesellschaft soll sich im Living Museum integrieren und von dort aus verändert werden. Das Living Museum Konzept bietet Wege zur Recovery, hohe Lebensqualität, ist kosteneffizient und benötigt wenig Betreuungspersonal[5]. In kunstbasierten Programmen erhalten Menschen mit psychischen Herausforderungen die Möglichkeit, sich in offenen Atelier-Räumen kreativ auszudrücken und eine breite Vielfalt an künstlerischen Formen und Disziplinen zu entdecken. Dazu zählen Zeichnen, Malerei, Drucktechnik, digitale Kunst, Fotografie, Film, Keramik, Skulptur, Textil- und Naturhandwerk, darstellende Kunst, Schreiben und Musik. Es wir nicht nur die notwendige Infrastruktur geboten, sondern bewusst eine Kultur gelebt, in der Empathie das Leitprinzip ist und ein Umfeld schafft, in dem sich jede Person wahrgenommen, gehört und wertgeschätzt fühlt. Die Philosophie basiert auf Unparteilichkeit, Toleranz und Achtung vor allem Leben. Unsere Interaktionen gründen auf friedlichem Miteinander und gegenseitigem Respekt.

Abgrenzung zur Kunsttherapie

Kunsttherapie ist eine Therapieform, welche sich künstlerischer Materialien und Methoden bedient und auf unterschiedlichen Ansätzen basiert. Das Ziel der ausführenden Therapeuten ist es mittels künstlerischen Medien einen individuellen Entwicklungsprozess der Klienten zu begleiten. Im Living Museum werden klassische Rollenbilder wie Therapeut und Klient aufgelöst. Es geht nicht darum, dass man den anderen heilen kann, sondern, dass man sich zusammen an einem Ort befindet, wo die Kunst die Therapie macht und man miteinander Seite an Seite diesen Weg geht. Die Menschen begegnen sich auf Augenhöhe als Künstler und versteht sich als eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig inspirieren und voneinander lernen. Dieses entspannte Miteinander führt dazu, dass sich die belegten Wirkfaktoren[6] von kreativer Tätigkeit und sozialer Gemeinschaft optimal entfalten können.

Wirkungsnachweise

Alle zehn Prinzipien des Recovery-Gedanken kommen an diesem Ort zum Tragen.

Living Museum Angebote schliessen eine wichtige Versorgungslücke im Gesundheitswesen. Dank des niederschwelligen Zugangs und des offenen und breiten Konzepts bieten sie eine optimale Anschlusslösung nach stationären Klinikaufenthalten.

Die Behörden haben das Potenzial der Living Museums als Unterstützung für nachhaltige psychische Gesundheit für die Bevölkerung und als Entlastung für die überfüllten psychosozialen und medizinischen Angebote noch nicht erkannt. Living Museums können oft nur dank grossem ehrenamtlichen Einsatz und Spenden bestehen. Eine gezielte Wirkungsanalyse, welche aktuell von einem Verbund von Living Museums unter der Beratung von ConSense entsteht, soll die positiven Wirkungen von Living Museums auf die Lebensqualität von Menschen mit psychischen Belastungen nun systematisch erfassen.

Vorstellungen an Kongressen

  • Fachvortrag zu Living Museum von Nicole Ottiger und Rose Ehemann „BETWEEN & BEYOND CREATIVITY and DESTRUCTION – The Role of Art Therapy in Affecting Personal and Social Transformation“, London, 2025
  • Vorstellung des Living Museum Konzept am Internationaler Psychiatriekongress, Bern, 2025
  • Workshops und Fachvorträge am Symposium für Kunsttherapie, 2023
  • 1. Nationaler Patientenkongress, Bern 2018[7]
  • WHO Kongress, Südkorea, 2016
  • "Selfies and Dronies - das Selbst in Kunst und Therapie" Fachvortrag von R. Ehemann, Eventhalle Klinik Wil 2016[8]
  • 1. Internationales Kunsttherapie-Symposium 2014[9]

Preise und Anerkennungen

  • 2022 - Sonderpreis des ZukunftsGut-Preises der Commerzbank-Stiftung
  • 2022 - Living Museum Alb erhält weitere Anerkennung mit dem Inclusion Award
  • 2022 - Swiss Diversity Award für Living Museum
  • 2016 – Auf der WHO-Konferenz in Yongin, Südkorea, wird das Konzept des Living Museum als revolutionäres Modell in der Psychiatrie gewürdigt.
  • 2015 - Janos Marton wird mit dem renommierten Dr. Guislain ‚Breaking the Chains of Stigma‘ Award

Einzelnachweise

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