Ljudmila Borissowna Narussowa

russische Politikerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Ljudmila Borissowna Narussowa (russisch Людмила Борисовна Нарусова; * 2. Mai 1951 in Brjansk) ist eine sowjetische bzw. russische Historikerin und Politikerin.[1][2]

Ljudmila Borissowna Narussowa

Leben

Narussowas jüdischer Vater Boris Moissejewitsch Narussow (1923–2008) war nach dem Ende des Deutschen Angriffskriegs Zugführer einer Wachkompanie der sowjetischen Militärkommandantur des Bezirks Schweinitz im Kreis Merseburg, studierte und wurde Direktor einer Gehörlosen-Schule in Brjansk.[3][4] Die Mutter wurde Leiterin eines Brjansker Kinos.

Ab 1967 arbeitete Narussowa als Laborantin in der Gehörlosen-Abendschule der Oblast Brjansk.[2] Das Studium an der Universität Leningrad (LGU) begann sie 1969. Am Anfang der 1970er Jahre ließ sie sich wegen einer Genossenschaftswohnung von ihrem ersten Ehemann scheiden.[5] Das Studium in der Historischen Fakultät der LGU schloss sie 1974 mit einem sehr guten Diplom ab.[2] Es folgte die dreijährige Aspirantur an der Leningrader Abteilung des Moskauer Instituts für Geschichte der UdSSR der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, wo sie Spezialistin für Verfassungsprojekte und Justizreformen wurde.[1]

Ab 1978 lehrte Narussowa an der LGU und war Redakteurin der gesellschaftspolitischen Redaktion des Verlags und der Druckerei der LGU.[1] Ihre Kandidat-Dissertation über die gesellschaftspolitische Betrachtung der Dekabristen in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts verteidigte sie 1980 in der Leningrader Abteilung des Instituts für Geschichte der UdSSR mit Efolg für die Promotion zur Kandidatin der historischen Wissenschaften.[6] Im selben Jahr heiratete sie den Dozenten der Juristischen Fakultät der LGU Anatoli Sobtschak.[2]

Ab 1981 lehrte Narussowa zunächst als Assistentin und dann als Dozentin und Doktor-Aspirantin des Lehrstuhls für Geschichte des nach Nadeschda Krupskaja benannten Leningrader Staatlichen Instituts für Kultur.[1]

Narussowa war nie Mitglied der KPdSU gewesen. Sie gründete 1990 in Leningrad das erste Hospiz für unheilbare Krebskranke in der UdSSR.[1] Nach dem Zerfall der Sowjetunion half sie 1993–1995 bei der Organisierung von Hospiz-Krankenhäusern für unheilbare Krebskranke in Sankt Petersburg. Sie gründete den Mariinski-Fonds für die Vorbereitung einer Grabstätte für die sterblichen Überreste Kaiser Nikolaus II.

Bei der zweiten Wahl der neuen Staatsduma wurde Narussowa am 17. Dezember 1995 als Kandidatin der Bewegung Unser Haus Russland (NDR) für Sankt Petersburg zur Abgeordneten gewählt (Duma II 1995–1999).[7] Dort schloss sie sich der NDR-Fraktion an, war Mitglied des Komitees für Frauen-, Familien- und Jugendangelegenheiten und leitete die Kommission für Entschädigungszahlungen an Häftlinge faschistischer Lager.[8] Bei der nächsten Staatsduma-Wahl im Dezember 1999 (Duma III 1999–2003) erreichte sie als NDR-Kandidatin im 1-Mandat-Wahlkreis Oblast Brjansk mit nur 6 % der Stimmen nicht die erforderliche Stimmenmehrheit.

Nach dem Tod ihres Mannes Anatoli Sobtschak im Februar 2000 wurde Narussowa zur Vorsitzenden des Politischen Beratungsrats Sankt Petersburgs gewählt. Im selben Jahr wurde sie Beraterin des Leiters der Verwaltung des Präsidenten der Russischen Föderation Alexander Woloschin und Präsidentin des Sankt Petersburger gemeinnützigen Anatoli-Sobtschak-Fonds.[9] Für die Präsidentschaftswahl 2000 wurde sie im März 2000 eine der Vertrauenspersonen des Kandidaten Putin.[10] Im April 2000 wurde sie durch Ukas des Präsidenten Putin Aufsichtsratsvorsitzende des russisch-deutschen Fonds für Verständigung und Versöhnung.

Seit 2000 ist Narussowa Autorin und Moderatorin der Fernsehsendung Freiheit des Wortes. Auch mit anderen Fernsehsendungen trat sie in die Öffentlichkeit.[11]

Im Oktober 2002 wurde Narussowa vom Obersten Chural der Republik Tuwa zur Vetreterin der Republik Tuwa im Föderationsrat gewählt (3. Sitzungsperiode Januar 2002–Dezember 2012). Dort wurde sie Mitglied des Komitees für Wissenschaft, Kulttur, Bildung, Gesundheit und Ökologie sowie Mitglied der Kommission für Informationspolitik.

Im April 2003 wurde Narussowa auf dem ersten Kongress der Russischen Partei des Lebens jn deren Leitungsorgan, den Allnationsrat, gewählt und in das Präsidium der Partei, dem auch Sergei Mironow, Dmitri Medwedew, Michail Gorbatschow und Wladimir Lukin angehörten.[12]

Im Föderationsrat stimmte Narussowa 2004 gegen die Abschaffung der Direktwahl der Gouverneure. Wegen der Erarbeitung eines neuen Massenmedien-Gesetzes wurde sie im Oktober 2005 in den Sankt Petersburger Journalisten-Verband aufgenommen. Ab Februar 2006 war sie Vorsitzende der Föderationsrat-Kommission für Informationspolitik zur Untersuchung des Informations- und Medienmarktes, des Internets und diesbezüglicher Gesetzesvorlagen. Ab dem 13. Oktober 2010 war sie Vertreterin der Oblast Brjansk im Föderationsrat. Am 22. Oktober 2012 wurde sie vom Gouverneur der Oblast Brjansk aus dem Föderationsrat abberufen.[13]

Am 23. September 2016 wurde Narussowa wieder Vertreterin der Republik Tuwa im Föderationsrat inzwischen mit dem Titel Senatorin. Ihre Amtszeit bis 2021 wurde dann bis 2026 verlängert. Zur Entwicklung der Republik Tuwa, die das niedrigste Einkommen der Regionen Russlands aufweist, setzt sie sich für den Bau einer Eisenbahnstrecke ein.[14] Bei der Abstimmung im Föderationsrat über ein Gesetz zu Verfassungsänderungen im März 2020 enthielt sie sich mit zwei weiteren Abgeordneten der Stimme.[15] Als im Februar 2022 Putin die Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk verkündete, unterstützte sie nicht mit zwei weiteren sibirischen Senatoren den Einsatz der russischen Armee in den Volksrepubliken.[16] Als einzige Senatorin stimmte sie gegen verschiedene Gesetze zur Unterstützung des Russischen Angriffskriegs. Im Februar 2024 wurde sie vom Zugang zu Dokumenten mit Staatsgeheimnissen ausgeschlossen und damit auch von der Teilnahme an Sitzungen, in denen solche Dokumente vorgelegt wurden.[17]

Narussowas Tochter ist die politische Aktivistin Xenija Sobtschak.

Im Hinblick auf den Russisch-Ukrainischen Krieg steht Narussowa auf Sanktionslisten anderer Länder.[18]

Die Einkommens- und Vermögensverhältnisse Narussowas sind entsprechend den russischen Antikorruptionsvorschriften registriert und einsehbar.[19]

Ehrungen, Preise

  • Medaille für Treue zu Georgien (2001)[20]
  • Verdiente Arbeiterin der Republik Tuwa (2004)
  • Ehrenurkunde des Föderationsrats (2012)[21]

Einzelnachweise

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