Lonka Koziebrodzka

jüdische Widerstandskämpferin während des Zweiten Weltkriegs in Polen From Wikipedia, the free encyclopedia

Lonka Koziebrodzka (geb. 16. Juni 1916 in Pruszków als Laja Koziebroda;[1] gest. am 13. April 1943[2][3][4] im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau) war eine jüdische Widerstandskämpferin während des Zweiten Weltkriegs im deutsch besetzten Polen. Getarnt als polnische Christin, versorgte sie die jüdischen Widerstandsgruppen mit Nachrichten, Dokumenten, Geld und Waffen. Beim Schmuggel von Revolvern wurde sie verhaftet und nach längerer Folter in das KZ Auschwitz-Birkenau verlegt, wo sie starb.

eine junge, schöne Frau mit regelmäßigen Gesichtszügen, schmaler Nase, lächelnd, das Haar ist nach hinten zurückgebunden
Lonka Koziebrodzka (Foto: 1941)

Familie

Lonka Koziebrodzka war die Tochter der Fajga (Feige) Gromb (geb. etwa 1890) und des Hebräischlehrers Abraham Koziebroda (geb. etwa 1881). Sie wurde außerehelich geboren und im Jahr 1924 durch die Eheschließung ihrer Eltern rechtlich legitimiert.[1] Lonkas Geburtsstadt Pruszków gehörte damals zum deutsch besetzten Teil des früheren Russisch-Polens bzw. zum Regentschaftskönigreich Polen. Ihr Vater wurde in Warschau geboren; die Familie Koziebroda soll aber ursprünglich aus Russland stammen. Unter polnischem Spracheinfluss änderte sich ihr Familienname in Koziebrodzki oder Koziebrocki (weibliche Form: Koziebrodzka oder Koziebrocka).[5.1] Die unzutreffende Schreibweise Korzybrodska findet sich erst in Nachkriegsveröffentlichungen. Ihre Eltern wurden beide im Vernichtungslager Treblinka ermordet.[6][7] Ihr Bruder David (geb. 20. August 1913 in Pruszków, gest. 20. April 1997 in Israel) nahm später den Namen Brodsky an und war 1966 Mitherausgeber eines Gedenkbuchs über die jüdische Gemeinde in Pruszków.[8]

Lonkas Vater Abraham galt im jüdischen Pruszków als bedeutende Persönlichkeit. Als überzeugter Zionist sah er keine Zukunft für jüdische Jugendliche in Polen, begeisterte seine Schüler daher für die jüdischen Jugendbewegungen und bereitete sie während ihrer Ausbildung damit gleichzeitig auf die Auswanderung nach Palästina (Alija) vor.[5.2] Lonka selbst besuchte das Gymnasium Tomasz Zan in Pruszków, wo sie im Mai 1935 noch unter ihrem eigentlichen Namen Laja Koziebroda die Reifeprüfungen ablegte.[9] Im Anschluss studierte sie Romanistik und erlernte eine Vielzahl von Sprachen.[10][11] Neben Jiddisch und Hebräisch sprach sie Polnisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Ukrainisch und Russisch. Da ihr Freundeskreis überwiegend aus polnischen Jugendlichen bestand, schloss sie sich trotz ihrer jüdischen Herkunft zunächst einer polnisch-sozialistischen Jugendgruppe an.[12]

Untergrundarbeit im Widerstand

Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 und dem Beginn der antisemitischen NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik legte sie ihren jüdischen Vornamen Laja (Leah) ab, nannte sich fortan polnisch ‚Lonka‘ und schloss sich der Bewegung des Jüdischen Widerstands an. Sie trat in die sozialistisch-zionistische Jugendgruppe Dror („Freiheit“) ein, wo ihr älterer Bruder David eine leitende Position innehatte. Dror hatte sich nach dem Überfall der NS-Truppen mit anderen jüdischen Organisationen zum Dachverband jüdischer Jugendgruppen Hechaluz („Die Pioniere“) zusammengeschlossen.[12]

Als eine der ersten Frauen meldete sie sich freiwillig als Kurierin (hebräisch: Kashariyot), um als Verbindungsperson für den jüdischen Untergrund aktiv zu werden.[13] Ihre offene, zugewandte Art, ihr fließendes Polnisch und ein „arisches“ Aussehen halfen ihr dabei, sich als christliche Polin zu tarnen.[12] Mit gefälschten Papieren stand sie nun ständig unter Lebensgefahr – Juden war unter Androhung der Todesstrafe jede Bewegung außerhalb des Ghettos verboten. Als christliche Polin „Krystyna Kosowska“ und mit anderen Tarnnamen war sie zwischen den Städten und Ghettos in Polen unterwegs. Sie schmuggelte Nachrichten für die jüdischen Widerstandsgruppen, gefälschte Ausweisdokumente, Flüchtlinge, Geld, später auch Waffen und Sprengstoff für Sabotageakte und Aufstände.[14]

Menschen mit Taschen und Gepäck in Winterkleidung im Schneetreiben
Jüdisches Ghetto in Grodno

Im Januar 1942 gehörte sie zu den ersten weiblichen Kurieren, die ausgesandt wurden, um Informationen über die Massaker von Ponary an der jüdischen Bevölkerung zu sammeln.[12] Im Ghetto Bialystok versuchte sich mit anderen Mitgliedern des jüdischen Widerstands, darunter die Kurierinnen Chaika Grossman, Tosia Altman und Vitka Kempner, die Bevölkerung über die Vernichtungspläne der Besatzung aufzuklären.[15]

Sie spielte zudem eine wichtige Rolle bei der Beschaffung und dem Schmuggel von Dokumenten für das geheime jüdische Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto (Oneg Schabbat bzw. Ringelblum-Archiv), das heute zum Weltdokumentenerbe gehört.[12] Ihre umfangreichen Sprachkenntnisse erleichterten ihr Kontakte mit Menschen verschiedener Nationalitäten wie Deutschen, Polen, Russen und Ukrainern, die sie für ihre Widerstandstätigkeit nutzte.[16] Auf ihren Reisen wurde sie oft von dem Hechaluz-Führer Jizhak Zuckerman begleitet, der den Holocaust überlebte und später schrieb:[12]

„Lonka war wie geboren für die Rolle einer Verbindungsperson und besaß alle natürlichen Voraussetzungen dafür. … Sie wusste, wie sie ihre wahre Identität verbergen konnte, und wickelte einen erheblichen Teil ihrer Arbeit unter Ausnutzung der Deutschen ab. Sie knüpfte Kontakte zu Soldaten, Offizieren und Eisenbahnern, die nie erfuhren, was sie da transportierten oder was sie taten, wenn sie Koffer für sie auslieferten oder andere Dienste für sie verrichteten.“[12]

Um die Welt auf die Vernichtung der Juden in Polen aufmerksam zu machen, war Lonka Koziebrodzka als Botschafterin des Widerstands für eine Reise in die Schweiz vorgesehen. Dieser Plan musste aufgegeben werden, weil ein deutscher Offizier, der an der Operation beteiligt war, aus Angst vor Entdeckung die Mitarbeit verweigerte.[14]

drei junge, gut gekleidete Frauen, die in die Kamera lächeln
V. l. n. r.: Tema Schneiderman, Bela Hazan und Lonka Koziebrodzka bei der Weihnachtsfeier der Gestapo in Grodno (1941)

Ende Dezember 1941 wohnten Lonka Koziebrodzka und Tema Schneiderman bei der jüdischen Widerstandskämpferin Bela Yaari Hazan in Grodno. Hazan war es gelungen, sich unter einer polnischen Tarnidentität ins Hauptquartier der deutschen Gestapo als Dolmetscherin einzuschmuggeln.[17] Da die Gestapo sie für eine Christin hielt, wurde sie zur Weihnachtsfeier eingeladen und aufgefordert, ihre „christlichen“ Freundinnen mitzubringen. Bei der Feier fotografierte ein Deutscher die drei jüdischen Widerstandskämpferinnen, ohne deren wahre Identität auch nur zu ahnen. Das Foto sollte jedoch später tragische Folgen nach sich ziehen.[18][19]

Im Januar 1942 schmuggelte Lonka Koziebrodzka bei einem Einsatz die kleine Tochter von Yitzhak Engelman, einem Dror-Aktivisten in Białystok, in einem Paket getarnt aus dem Ghetto Vilnius heraus und brachte das Kind nach Grodno zu Bela Hazan, die sich unter anderem darauf spezialisiert hatte, jüdische Babys zu retten. Die beiden Frauen reisten mit dem Baby weiter nach Białystok und übergaben es seinem Vater.[20] Danach reisten Lonka Koziebrodzka und Bela Hazan zusammen weiter in die umliegenden Städte und Ghettos, um neue Mitglieder für den Widerstand anzuwerben.[12]

Verhaftung und Gefängnis

Im April 1942 entsandte Mordechai Tenenbaum, ein Hechaluz-Führer in Białystok, Lonka Koziebrodzka mit Geld und vier Revolvern nach Warschau, wo die Jüdische Kampforganisation einen bewaffneten Aufstand im Warschauer Ghetto gegen die Besatzer vorbereitete. Auf dem Weg dorthin wurde sie bei einem Grenzübergang am Bahnhof von Małkinia durchsucht und verhaftet.[11] Die Gestapo lieferte sie in das berüchtigte Pawiak-Gefängnis ein, wo sie ausgehungert und schwer gefoltert wurde, ohne ihre jüdische Identität preiszugeben. Die Verhörer nahmen weiterhin an, sie sei eine katholische polnische Lehrerin mit Namen Krystyna Kosowska und arbeite als Agentin für die Untergrundgruppe Polnische Heimatarmee.[12]

eine junge Frau in gestreifter Sträflingskleidung mit abgespannten, mageren Gesichtszügen
Lonka Koziebrodzka in Auschwitz-Birkenau (1942)

Nach ihrem Verschwinden schickte der jüdische Widerstand ihre Freundin Bela Hazan aus, um Lonka zu suchen. Allerdings hatte die SS bei Lonkas Verhaftung das bereits erwähnte Foto der drei Frauen auf der Gestapo-Weihnachtsfeier gefunden. Daher geriet Bela Hazan ebenfalls in den Verdacht, eine feindliche Agentin zu sein. Die SS fahndete gezielt nach ihr, identifizierte sie im Zug nach Warschau, verhaftete sie, folterte sie schwer und lieferte sie anschließend ebenfalls ins Pawiak-Gefängnis ein.[21]

Dort wurden die beiden Frauen zunächst in Einzelhaft gesperrt, später aber in eine Zelle zusammengelegt, weil die Bewacher hofften, auf diese Weise mehr über den Widerstand zu erfahren. Hazan schrieb später über ihre erste Begegnung im Pawiak-Gefängnis, ihre Freundin Lonka sei blass, abgemagert und fast nicht wiederzuerkennen gewesen.[12] Trotz schwerer Folter gelang es den beiden Frauen jedoch, ihre Identität und die anderer Menschen aus dem Widerstand geheim zu halten. Sie galten weiterhin als Polinnen und freundeten sich im Gefängnis mit weiblichen polnischen Häftlingen an, um jeden Verdacht zu zerstreuen, sie könnten Jüdinnen sein.[21]

Vom Gefängnishof aus gelang es Lonka Koziebrodzka, mehrere Botschaften in eine benachbarte Straße zu werfen, wo Mitglieder des Widerstands wohnten. Mindestens einer dieser Zettel wurde gefunden und auf Umwegen an Jitzak Zuckerman weitergeleitet, damit ihre Organisation wusste, wo sie sich befand. Doch für eine Rettungsaktion war es bereits zu spät.[12]

Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

eine junge Frau mit auffallend großen, dunklen, lebhaften Augen, kurzgeschoren, in gestreifter Sträflingskleidung
Lonkas Freundin Bela Hazan im KZ Birkenau (die Bildunterschrift bezeichnet sie irrtümlich als „Krystyna Kossowska“, was Lonkas Tarnname war)

Im November 1942 wurden Lonka Koziebrodzka, Bela Hazan und 51 weitere Frauen nach Birkenau verlegt, einem Teil des Konzentrationslagers Auschwitz.[22] In der Lagerkartei war sie immer noch als katholische Lehrerin Krystyna Kosowska, geboren am 17. Mai 1917 in Wilna eingetragen.[2] Die beiden Freundinnen wurden als polnische politische Häftlinge zunächst zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft eingeteilt. Als den SS-Bewachern Koziebrodzkas Sprachkenntnisse auffielen, teilte man sie dem Lagerbüro zu. Bela Hazan, die vorgab, Krankenpflegerin zu sein, wurde zur Arbeit in der Krankenbaracke eingesetzt.[12][21]

1943 erkrankten die beiden Freundinnen an Typhus. Während Bela Hazan die Krankheit überstand, steckte Lonka Koziebrodzka sich zusätzlich mit Mumps und Ruhr an. Bela schleuste ihre Freundin aus der Krankenstation heraus, weil sie sonst bei einer der üblichen Selektionen ermordet worden wäre. Sie nahm sie zu sich in ihre Baracke und pflegte sie aufopfernd. Trotzdem starb Lonka Koziebrodzka am 13. April 1943[2] in den Armen ihrer Freundin. Sie wurde 26 Jahre alt.

Bela Hazan konnte einen SS-Arzt dazu überreden, Lonkas Leichnam in die Leichenhalle bringen zu lassen, wo sie in einem unbeobachteten Moment das Kaddisch für ihre tote Freundin rezitierte.[18] Hazan selbst überlebte das KZ und berichtete später in einem Buch über die Geschehnisse.[23][24]

Commons: Lonka Korzybrodska – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

  • Bela Hazan: My Name was Bronislawa (Hebräisch). Tel Aviv: Kibbutz Lohamei ha-Getta’ot, undatiert.
  • Zivia Lubetkin: In the Days of Destruction and Revolt. Aus dem Hebräischen übersetzt von Ishai Tubbin. Tel Aviv, Ghetto Fighters House, 1981.
  • Itzhak Zuckerman: A Surplus of Memory: Chronicle of the Warsaw Ghetto Uprising. Übersetzt aus dem Hebräischen von Barbara Harshav. Berkeley, CA, University of California Press 1993 (doi:10.2307/jj.5973118)
  • Itzhak Zuckerman: Those Seven Years: 1939–1946. (Hebräisch), Tel Aviv, Ghetto Fighters House, undatiert.

Einzelnachweise

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