Ludwig Hilberseimer
Architekt und Stadtplaner
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Ludwig Hilberseimer (* 14. September 1885 in Karlsruhe; † 6. Mai 1967 in Chicago) war Architekt und Stadtplaner. Er lehrte am Bauhaus und am Illinois Institute of Technology (IIT).

Leben
Ludwig Hilberseimer studierte von 1906 bis 1910 Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe, ohne einen Abschluss zu erlangen. Danach arbeitete er ein halbes Jahr im Architekturbüro Behrens & Neumark in Bremen, bevor er 1911 nach Berlin zog. Bis 1914 war er Mitarbeiter im Büro von Heinz Lassen in Bremen. Später leitete er das Planungsbüro für Zeppelinhallenbau in Berlin-Staaken. Ab 1919 war er Mitglied des Arbeitsrates für Kunst und der Novembergruppe, arbeitete als selbständiger Architekt und Stadtplaner und veröffentlichte zahlreiche theoretische Schriften über Kunst, Architektur und Städtebau.
1926 gründete er mit Hugo Häring, Ludwig Mies van der Rohe und weiteren Kollegen die Architektenvereinigung „Der Ring“. 1929 wurde er von Hannes Meyer an das Bauhaus Dessau berufen. Er unterrichtete zunächst Bauen und Planen und ab 1930 unter Leitung des Mies van der Rohe die Fächer Stadtplanung und Siedlungswesen als Bauhaus-Meister.
Hilbersheimer war verlobt mit der jüdischen Bauhausschülerin Otti Berger. Ihr gelang es jedoch nicht rechtzeitig ein Visum für die USA zu erlangen.[1]
1938 folgte er Mies van der Rohe an das Armour Institute of Technology, das spätere IIT nach Chicago. Dort lehrte er Städtebau und Regionalplanung bis kurz vor seinem Tod.

Bedeutung
Hilberseimer nimmt unter den Architekten der klassischen Moderne eine Sonderrolle ein. Seine Bedeutung erlangte er weniger durch sein gebautes Werk als vielmehr durch seine umfangreichen theoretischen Schriften und Projekte. 1919 bis 1925 veröffentlichte er in Zeitschriften wie Sozialistische Monatshefte, Kunstblatt, Feuer, Der Einzige, G – Zeitschrift für elementare Gestaltung, Vesc, Block und Ma kunst- und architekturtheoretische Schriften.
Parallel entstanden zahlreiche städtebauliche Studien. Als Antwort auf die „Ville Radieuse“ von Le Corbusier ist sein Projekt „Hochhausstadt“ von 1924 zu verstehen, in dem eine „Geschäftsstadt“ und eine „Wohnstadt“ für 3 Millionen Einwohner vertikal übereinander gestapelt sind, vor allem um lange Fahrten von und zur Arbeit zu vermeiden. Die sterilen Straßenschluchten in den perspektivischen Darstellungen der „Hochhausstadt“ haben sein Image als dogmatischer Funktionalist nachhaltig geprägt.
Ab 1929 entwickelte Hilberseimer am Bauhaus städtebauliche Studien zur dezentralen Konzentration von Großstädten. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs der Weimarer Republik entwickelte er ein universelles und global adaptierbares Planungssystem (The New City, 1944), das eine schrittweise Auflösung der Städte und eine völlige Durchdringung von Landschaft und Besiedlung vorsah. Um einen dauerhaften Ausgleich zwischen Mensch, Industrie und Natur herzustellen, sollten die Bewohner auf allen Maßstabsebenen gegen alle erdenklichen Katastrophen und Krisen abgesichert werden.
Im Lafayette Park in Detroit (1956–1963) wurde zusammen mit Mies van der Rohe und dem Landschaftsarchitekten Alfred Caldwell ausschnitthaft ein Teil der „New City“ umgesetzt. Vom 21. Oktober 2021 bis 6. März 2022 ehrte das Bauhaus-Museum Dessau Hilberseimer und seine Positionen mit der Ausstellung „Ludwig Hilberseimer. Infrastrukturen der Neuen Stadt“. Zentrale Themen der Ausstellung waren sein Buch „The New City“ und die Realisierung seiner Ideen im Lafayette Park. Auch Unterrichtsgegenstände und Entwurfszeichnungen aus dem Fundus des Bauhaus-Museums konnten seine Vorstellungen veranschaulichen.[2]
Rezeption
Studierende der Universität Kassel realisierten 2019 neben einem der Laubenganghäuser in Dessau-Törten nach Plänen von Hilbeseimer einen L-Hausbautyp in Holzmodulbauweise in wenigen Wochen. Unter dem Titel "Das Wachsendes Haus" war von Hilbeseimer geplant, ungefähr 400 solcher Häuser neben den Laubenganghäusern zu bauen. Aufgrund der Wirtschaftskrise 1929 wurde das Projekt nie realisiert.[3] Das Haus wurde von den Studierenden so konzipiert, dass es einfach in Eigenleistung auf- und abgebaut werden kann. Zum Ende des Pachtvertrags im Oktober 2020 wurde es in Dessau abgebaut.[4][5] Es wurde schließlich in Kassel wieder aufgebaut und vom documenta institut genutzt.[6][7]
Ende Oktober 2021 widmete die Stiftung Bauhaus Dessau Ludwig Hilbesheimer die Ausstellung „Ludwig Hilberseimer. Infrastrukturen der Neuen Stadt“.[8] Zu Beginn der Ausstellung fand die dreitägige Online-Konferenz „Ludwig Hilberseimer. Infrastrukturen der Moderne“ statt. Rund um das Thema Infrastruktur diskutierten Wissenschaftler verschiedene Aspekte der Moderne und welche Impulse für die Gegenwart daraus zu gewinnen sind. Maßgeblich beteiligt waren Alexander Eisenschmidt von der Chicago’s School of Architecture (University of Illinois), Magdalena Droste, Philipp Oswalt und Nikos Katsikis von der Delft University of Technology.[9]
Werke
- Einfamilienhaus in Berlin-Zehlendorf[10][11]
- Rheinlandhaus, Belle-Alliance-Straße, Berlin.
- Wohnhaus in der Weißenhofsiedlung Stuttgart, 1927.
- Mit Ludwig Mies van der Rohe und Alfred Caldwell: Lafayette Park, Detroit, 1956–1963.
Ausgewählte Publikationen
- Großstadtbauten. Aposs, Hannover 1925.
- Großstadtarchitektur. Julius Hoffmann, Stuttgart 1927.
- Kirchenbauten in Eisenbeton. In: Zentralblatt der Bauverwaltung. Nr. 42, 1927, S. 533–542 (zlb.de).
- Beton als Gestalter; mit Dr. Julius Vischer. Julius Hoffmann, Stuttgart 1928.
- Internationale neue Baukunst. Julius Hoffmann, Stuttgart 1927, Reprint. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Martin Kieren. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1998, ISBN 978-3-7861-1984-5.
- Hallenbauten. J. M. Gerhardt, Leipzig, 1931.
- Flachbau und Flachbautypen. In: Moderne Bauformen, Jg. 31 (1932), S. 471–478 (Digitalisat).
- The New City. Principles of Planning. Paul Theobald, Chicago 1944. Digitalisat, Internet Archive. Ausgabe 2010: ISBN 1-171-86202-4. Ausgabe 2012: ISBN 978-1-4077-9208-8.
- Ludwig Hilberseimer: Die neue Stadt. Prinzipien der Planung. Kommentierte Ausgabe. In: Florian Strob für die Stiftung Bauhaus Dessau (Hrsg.): Edition Bauhaus. Band 61. Spector Books, Leipzig 2023, ISBN 978-3-95905-605-2.
- The New Regional Pattern. Industries and Gardens. Workshops and Farms. Paul Theobald, Chicago 1949.
- The Nature of Cities. Origin, Growth, and Decline. Pattern and Form. Planning Problems. Paul Theobald, Chicago 1955.
- Mies van der Rohe. Paul Theobald, Chicago 1956.
- Entfaltung einer Planungsidee. Berlin 1963 (Bauwelt Fundamente; 6).
- Contemporary Architecture. Its Roots and Trends. Paul Theobald, Chicago 1964.
- Berliner Architektur der 20er Jahre. Florian Kupferberg, Mainz 1967 (Neue Bauhausbücher).
Literatur
In chronologischer Reihenfolge des Erscheinens:
- Hilberseimer, Ludwig, in: Werner Röder; Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Band 2,1. München: Saur, 1983, S. 508.
- Richard Pommer, David Spaeth, Kevin Harrington: In the shadow of Mies: Ludwig Hilberseimer – architect, educator, and urban planner. Art Institute of Chicago [u. a.], New York 1988, ISBN 0-8478-0931-5.
- Martin Kieren: Vom Siedlungshaus zum Städtebau – Der Architekt, Städtebauer und Pädagoge Ludwig Hilberseimer. In: Jeannine Fiedler, Peter Feierabend (Hrsg.): Bauhaus. Köln 1999, ISBN 3-89508-600-2.
- Markus Kilian: Großstadtarchitektur und New City. Eine planungsmethodische Untersuchung der Stadtplanungsmodelle Ludwig Hilberseimers. Dissertation, 2002, Universität Karlsruhe. Zahlreiche Lit., Bericht über je ein unveröff. Mskr. (1989) und ein Gespräch (1998) von/mit Hubert Hoffmann über L. H. und seine „Freitagsgruppe“ in den 1930er Jahren
- Kristian Faschingeder: Das Unheimliche in der Stadt. Die urbane Vision Ludwig Hilberseimers. Dissertation 2011 an der Bauhaus-Universität Weimar; urn:nbn:de:gbv:wim2-20140226-21333.
- Martin Wagner: Das wachsende Haus / The Growing House. Kommentiert von Tom Avermaete, Franziska Bollerey, Ludovica Scarpa und Tatjana Schneider. Hrsg.: Christian Hiller, Jesko Fezer, Nikolaus Hirsch, Wilfried Kuehn, Hila Peleg. Spector Books, Leipzig 2015, ISBN 978-3-944669-96-0.
- Daniel Köhler: The Mereological City: a reading of the works of Ludwig Hilberseimer. transcript, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3466-2 (Architekturen; 36).
- Florian Strob (Hrsg.): Architect of Letters. Reading Hilbersheimer, Birkhäuser Verlag 2022, ISBN 978-3-0356-2485-4
- Franziska Dunkel: Ludwig Hilberseimer. In: Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg.): American Dreams. Ein neues Leben in den USA. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-933726-69-8, S. 80f.
Weblinks
- Gespräch mit den Architekturhistorikern Dr. Ute Poerschke und Dr. Kevin Harrington über Ludwig Hilberseimer: "Ludwig Hilberseimer | Ute Poerschke & Kevin Harrington" on bauhaus faces podcast, host: Dr. Anja Guttenberger, veröffentlicht am 16. Dez. 2025, auf Spotify (englisch) (17. Feb. 2026)
- Literatur von und über Ludwig Hilberseimer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Ludwig Hilberseimer. In: archINFORM.
- Ludwig Hilberseimer in bauhauskooperation.de
- Ludwig-Hilberseimer-Sammlung im Archiv der Akademie der Künste, Berlin
- Das wachsende Haus in Dessau - Interview mit Philipp Oswalt auf YouTube, 28. Dezember 2020, abgerufen am 4. Juni 2026 (deutsch; Laufzeit: 10:38).